#Hintergrund Das Goldene Zeitalter der deutschen Startup-Szene!

In den vergangenen Wochen flossen rund 500 Millionen Dollar in mehrere deutsche Startups. Bessere Signale als internationale Investoren, die reihenweise zweistellige Millionenbeträge in junge und reifere deutsche Techfirmen investieren, kann es nicht geben.
Das Goldene Zeitalter der deutschen Startup-Szene!

Zum Jahresende erleben wir in der deutschen Startup-Szene immer eine mittlere bis große PR-Schlacht. Alle Startups wollen noch vor dem Jahreswechsel ihre Finanzierungsrunden verkunden. Die Verkündung von großen Exits soll ebenfalls noch vor dem Jahresende raus. In diesem Jahr ist dies auch sol. Mit einem gewaltigen Unterschied: Das Feuerwerk vor Silvester ist in diesem Jahr gewaltig. Und zwar richtig gewaltig. Alle, die geglaubt haben, die Luft in Deutschland in Sachen Startups ist ein bisschen raus, dürften nun stauen.

Zunächst einmal konnte die Spieleschmiede wooga gerade einen 200-Millionen-Exit verkünden. Investoren wie Balderton Capital, Highland Capital Partners, Holtzbrinck Ventures und Tenaya Capital pumpten in den vergangenen Jahren rund 20 Millionen Euro in das Unternehmen, das 2009 an den Start ging (Kapitalrücklage Ende 2017: 20,4 Millionen). Der Umsatz von Wooga, ging 2017 zwar erneut um 8,9 % zurück, auf 34,4 Millionen Euro. Gleichzeitig erwirtschaftete die Daddelschmiede aber wieder einen Jahresüberschuss in Höhe von 1,2 Millionen Euro – siehe unseren aktuellen Zahlencheck zu wooga. Im laufenden Jahr soll es blendend für wooga gelaufen sein.

Die wichtigste Investment-News der vergangenen Wochen ist der Einstieg von Sequoia Capital beim Berliner Travel-Startup Tourlane. Der mächtige US-Geldgeber, der hierzulande bisher durch ein Investment in 6wunderkinder aufgefallen ist, investiert gemeinsam mit den Altinvestoren 24 Millionen Dollar in das junge Unternehmen. Ein Ritterschlag für das aufstrebende Travel-Startup, das in diesem Jahr 20 Millionen Außenumsatz und 4 Millionen Innenumsatz anpeilt. Die Bewertung von Tourlane lag bei 90 Millionen (Pre-Money). Holtzbrinck Ventures, Spark Capital und DN Capital investierten zuvor bereits 7 Millionen Euro in das Berliner Startup.

Benchmark Capital investierte zudem gerade einen ungenannten Betrag – sicherlich aber einen zweistelligen Millionenbetrag – in den Übersetzungsdienst DeepL. In Sachen maschinelle Übersetzungen kommt weltweit gerade niemand an DeepL vorbei. Seit 2009 kümmert sich der Kölner Hidden Champion um Übersetzungen aller Art – zunächst mit Linguee, einer Internet-Suchmaschine für Übersetzungen. Im Sommer des vergangenen Jahres ging dann DeepL, die neue Marke des Unternehmens, das von Gereon Frahling geführt wird, an den Start. Was man zudem wissen muss: Seit 2013 wirtschaftete der Kölner Übersetzungsdienst profitabel. Der Jahresüberschuss kletterte von 263.066 Euro (2013) auf zuletzt 1,3 Millionen Euro (2016). Die Verluste seit dem Start betragen nicht einmal 450.000 Euro.

Kinnevik, Temasek und Hillhouse Capital investierten zuletzt zudem mächtige 150 Millionen US-Dollar in das Berliner Startup GoEuro. Rund 49 Millionen Dollar stammten dabei von Kinnevik. Die Reisesuchmaschine sammelte zuvor bereits rund 150 Millionen Dollar ein. GoEuro ist derzeit in 36 Ländern unterwegs. Mehr als 27 Millionen Menschen nutzen die Plattform derzeit. Über 300 Mitarbeiter wirken momentan für GoEuro.

amazon, E.ON, Total Energy Ventures und die Europäische Investitionsbank investierten gerade beachtliche 50 Millionen US-Dollar in tado. Die Bajuwaren machen mit ihrer Technologie sowohl alte, als auch neue Heizungssysteme fit für das Internet-Zeitalter. Zuvor pumpten Investoren wie InvenCapital, der Venture Capital-Zweig des tschechischen Energiekonzerns Cez Group, Target Partners, Shortcut Ventures, BayBG, Siemens und Statkraft Ventures Geld in das Unternehmen. Insgesamt flossen nun schon 102 Millionen Dollar in den Münchner IoT-Star. 2016 lag das Rohergebnis von tado bei 2,7 Millionen. Der Jahresfehlbetrag betrug 11,3 Millionen.

Sapphire Ventures, OMERS Ventures, Salesforce Ventures und die Altinvestoren (General Catalyst, Benchmark, Balderton Capital und Hercules) investierten zudem gerade 33,5 Millionen US-Dollar in Contentful, eine Content Management Developer Platform, die im Mai 2014 an den Start ging. Insgesamt flossen damit nun schon über 78 Millionen Dollar in die Jungfirma, die von Sascha Konietzke ins Leben gerufen wurde. Damit ist Contentful nun eines der heißesten Deep-Tech-Startups aus Berlin. Unternehmen wie Spotify, Urban Outfitters und Red Bull nutzen Contentful bereits, um ihre Inhalte “endgeräte- und kanalübergreifend” zu verbreiten.

Highland Europe investierte gerade zudem 25 Millionen Euro in Camunda, das 2008 von Jakob Freund gegründet wurde. Das Berliner Unternehmen entwickelt Software für die Automatisierung von Geschäftsprozessen und hat weitere Büros in San Francisco und Denver. In den vergangenen 12 Monaten hat das Unternehmen seinen Umsatz nach eigenen Angaben mehr als verdoppelt. Fitlab, Causeway Media Partners, Jazz Venture Partners, Courtside Ventures, Elysian Park Ventures und Ward investierten zudem 40 Millionen Euro in die Münchner Fitness-App Freeletics. Bereits im August kauften die Investoren die drei Gründer Mehmet Yilmaz, Andrej Matijczak und Joshua Cornelius aus dem Fitness-Startup heraus.

Insight Venture Partners, Deutsche Telekom Capital Partners, Capnamic Ventures und Iris Capital investierten außerdem gerade 30 Millionen US-Dollar in das Bonner Software-Unternehmen Lean IX. Das Unternehmen wurde 2012 von Jörg Beyer und André Christ gegründet und bietet Unternehmen eine Software-Lösung, mit der sie ihre IT-Strukturen managen können.

Zuvor sammelte das junge Berliner E-Scooter-Startup Tier Mobility, das unter anderem von Lawrence Leuschner gegründet wurde, beachtliche 25 Millionen Euro ein – unter anderem von Northzone, Speedinvest und Point Nine Capital. Holtzbrinck Ventures und der chinesische Geldgeber Source Code Capital investieren fast zeitgleich 22 Millionen Dollar in das Unternehmen Wind Mobility, dass hierzulande als Byke bekannt ist.

Target Global, MMC Ventures, Talis Capital und bestehende Investoren wie Unbound und Anthemis investierten zudem gerade 22,5 Millionen US-Dollar in omni:us, einem Anbieter von KI-Produkten für die Versicherungsbranche.

Zudem sammelte Movinga gerade 15 Millionen Euro ein. eGym konnte sich 20 Millionen Dollar sichern. Zenjob 15 Millionen Euro. Der FinTech-Compay Builder finleap wiederum sammelte 41,5 Millionen Euro ein.  Fraugster sammelte 14 Millionen Dollar ein. Watchmaster 13 Millionen Euro. Urban Sports Club konnte zwischen 20 und 30 Millionen einsammeln. Homeday wiederum bekam 20 Millionen Euro. HomeToGo sammelte ebenfalls weitere Millionen ein. simplesurance zu guter Letzt sicherte sich weitere 11,5 Millionen Dollar.

Grob überschlagen reden wir hier somit von über 500 Millionen Dollar, die zuletzt in deutsche Startups investiert wurde. Wir befinden uns somit wahrlich im goldenen Zeitalter der deutschen Startup-Szene. Bessere Signale als internationale Investoren, die reihenweise zweistellige Millionenbeträge in junge und reifere deutsche Techfirmen investieren, kann es nicht geben. Selbstverständlich werden nicht alle diese Wetten aufgehen – siehe etwa Lesara – die Chancen sind aber groß, dass unter diesen Investments einige künftige Einhörner, einige künftige Mega-Exits und einige potentielle künftige Börsenkandidaten sind.

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Foto (oben): Shutterstock

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.