#EXKLUSIV ottonova: Weniger als 1000 Kunden. Insider: Nur 200

Der Aufbau einer echten Versicherung ist hart! Anfang des Jahres – rund ein halbes Jahr nach dem Startschuss – verfügte etwa ottonova gerade einmal über eine dreistellige Kundenanzahl. Inzwischen sind es einige mehr. Zum Meilenstein 1.000 Kunden ist es aber noch eine weitere Reise.
ottonova: Weniger als 1000 Kunden. Insider: Nur 200

Das InsurTech-Segment boomt gerade! Die Investmentrunden im jungen Segment werden immer größer. Allein ottonova aus München ist bereits 40 Millionen Euro schwer. Die private Krankenversicherung, die am 21. Juni 2017 an den Start ging, war die erste Neugründung einer Krankenversicherung in Deutschland seit fast zwei Jahrzehnten. ottonova, nun seit einem Jahr im Markt, zeigt aber auch, wie mühsam das InsurTech-Segment ist – vor allem als echter Versicherer. Wer in diesem Segment überleben will, muss schnell eine eigene, vertrauensvolle Marke aufbauen. Anfang des Jahres – rund ein halbes Jahr nach dem offiziellen Startschuss – verfügte das junge Unternehmen gerade einmal über eine dreistellige Kundenanzahl. Gemeint sind hier wirklich rund einhundert Kunden. In der Startup-Szene kursierte bis vor ein paar Wochen dann die Info, dass ottonova gerade einmal 120 zahlende Kunden hätte. Eine erfolgreiche Marke sieht anders aus!

Gründer Roman Rittweger verneint diese Zahl auf Anfrage. Die Zahl 120 hätte ottonova schon lange hinter sich gelassen. Wie viele Kunden nun genau bei ottonova – nach dem Start von weiteren Tarifen, einer kompletten Überarbeitung der Website und einer gewaltigen Werbekampagne mit Vox-Löwe Frank Thelen – an Bord sind, will Rittweger leider nicht verraten. Er verweist lediglich darauf, dass die Nutzerzahl bereits in “hunderter Schritten” nach oben ginge. Vierstellig sei die Zahl der Kunden aber noch nicht, berichtet er am Telefon. Wir halten fest: In rund einem Jahr auf dem Markt verfügt ottonova somit vermutlich gerade einmal über einige hundert zahlende Kunden. In der VC-Szene kursiert dazu die Zahl 200 (zahlende Kunden). Das versprochene Aufmischen einer Branche sieht anders aus. ottonova ist somit vorerst weiter ein Schreckgespenst, das denn etablierten Playern im Markt lediglich aufzeigt, wie eine moderne und vor allem digitale Krankenversicherung aussehen könnte.

Für Rittweger ist das geringe Wachstum aber kein Grund zur Panik. Seine langsame und langfristige Strategie verkündet er sogar öffentlich: “Es geht insgesamt darum, die Marke ottonova bekannt zu machen und das Vertrauen zu schaffen bei einer Gruppe von Leuten, die uns noch nicht kennen. Wir werden deshalb diese sehr spitze Zielgruppe, die sich auf ottonova einlässt, systematisch weiter ansprechen”. Die Bajuwaren werden deswegen wohl auch künftig eher langsam wachsen. Zumindest viel langsamer als andere millionenschwere Startups. Auch in finanzieller Sicht kein Problem für den ottonova-Macher: Das eingesammelte Geld reiche noch für dieses und das kommende Jahr. Weitere Investmentrunden seien derzeit nicht geplant. Via Berliner Flurfunk war zuletzt mehrmals zu hören, dass das Startup schon wieder auf Geldsuche sei. Mit der kürzlich gestarteten Werbekampagne geht ottonova aber zumindest den richtigen Weg. Nur so kann das Startup Kunden von sich überzeugen.

Neben ottonova buhlen einige andere Unternehmen im InsurTech-Segment um Kunden. Vermittler und Makler wie simplesurance, in Deutschland als der Versicherungsdienst Schutzklick bekannt, und Clark, ein digitaler Versicherungsmanager, sammelten gerade beachtliche 24 Millionen US-Dollar bzw. imposante 29 Millionen Dollar ein, um ihre Geschäfte voranzutreiben. Noch heißer als diese Online-Agenten sind aber die echten Versicherer wie ottonova. Der Markt ist aber ganz offensichlich auch noch schwieriger als das klassische Vermittlergeschäft, das etwa Schutzklick schon seit 2012 bearbeitet.

Der Versicherungsmanager Wefox, früher als FinanceFox bekannt, sammelte bisher 55 Millionen Euro ein. Unter dem Namen One startete das Startup, das auch von Ashton Kutcher unterstützt wird, kürzlich auch eine eigene Versicherung. simplesurance wiederum verbündete sich, um eigene digitale Policen anzubieten bereits mit dem digitalen Versicherer Element. Hinter dem B2B-Startup verbirgt sich ein Insurance-as-a-Platform-Modell. Das Unternehmen, das sich bereits eine BaFin-Lizenz besitzt, richtet sich an andere Startups, etablierte Unternehmen, Händler und auch bestehende Versicherer, die digitale Versicherungsprodukte anbieten möchten. Im besten Fall können die Startups ihren bisherigen Kunden so eigene Versicherungen anbieten – zu besseren Konditionen als bisher. Element ist mit diesem Ansatz sicherlich eines der heißesten InsurTech-Startups im Lande.

Noch neu im Reigen der großen InsurTech-Firmen ist Coya, eine noch nicht gestartete echte digitale Versicherung. Das Berliner Startup, das seit wenigen Tagen auch über eine BaFin-Lizenz verfügt, sammelte bereits rund 40 Millionen Dollar ein – und anderem von Valar Ventures, also Peter Thiel, eVentures und La Famiglia. Coya tritt an, um “Europas führende digitale Versicherung zu werden”. Gegründet wurde das Insurtech von Andrew Shaw, früher Kreditech, Peter Hagen, ehemals Vienna Insurance Group (VIG), und Sebastian Villarroel, ehemaliger Datenexperte bei Kreditech. In den kommenden Wochen wollen die Hauptstädter, für die rund 55 Mitarbeitern arbeiten, ihr erstes Versicherungsprodukt auf den Markt werfen. Ganz allgemein bewegt sich Coya im Segment Schaden-/Unfallversicherung.

Man darf somit gespannt sein, wann ottonova den tausendsten Kunden begrüßen kann und wie sich etwa Coya im Segment Schaden-/Unfallversicherung langfristig schlagen wird. Konkurrenz kommt in diesem Segment auch vom Neueinsteiger Neodigital. Die Jungfirma will ihre Schaden-Unfall-Produkte über unabhängige Vermittler, die ihrerseits auch eigene Produktlösungen kreieren können, vertreiben. Damit muss das Startup keine Umsummen in den Aufbau einer eigenen Verbraucher-Marke stecken.

Ebenfalls im InsurTech-Segment unterwegs ist Nexible, ein Corporate-Ableger von Ergo und Co. Das Unternehmen bietet Autover­sicherungen an. Darum kümmert sich auch Friday, eine Tochter der Schweizer Versicherungsgruppe Baloise. One zu guter Letzt setzt auf Hausrat und Haftpflicht als Wachstumsmarkt. Auch kein einfacher Markt für Neueinsteiger. Im Versicherungssegment, erst recht als eigenständiger Versicherer, geht es um mehr als eine hippe Marke. Vor allem geht es darum, überhaupt eine Marke aufzubauen. Das kostet im Zweifelsfall Millionen.

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Foto (oben): Shutterstock

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.