“Ein Plan B ist nicht notwendig” – Alexander Artopé von smava im Interview

Der im März 2007 gestartete Kredit-Marktplatz smava (www.smava.de) sammelte in zwei Finanzierungsrunden rund 8 Millionen Euro Risikokapital ein. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Geschäftsführer und Gründer Alexander Artopé über die Kreditklemme, den polnischen […]
“Ein Plan B ist nicht notwendig” – Alexander Artopé von smava im Interview

Der im März 2007 gestartete Kredit-Marktplatz smava (www.smava.de) sammelte in zwei Finanzierungsrunden rund 8 Millionen Euro Risikokapital ein. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Geschäftsführer und Gründer Alexander Artopé über die Kreditklemme, den polnischen Markt und strategische Partner.

Die Wirtschaft steckt in der sogenannten Kreditklemme. Wie wirkt sich die restriktivere Kreditvergabe in Deutschland auf smava aus?
Eindeutig positiv. In den letzten Monaten haben wir sowohl auf Anleger- als auch auf Kreditnehmerseite ein ordentliches Wachstum hingelegt. Im Juni 2009 hat das über smava vermittelte monatliche Kreditvolumen zum ersten Mal die Grenze von 1 Million Euro überschritten. Im Juli lag das Kreditvolumen sogar bei knapp 2 Millionen Euro. Bei Kreditnehmern ist diese Entwicklung nicht schwer nachzuvollziehen. Denn wenn immer mehr Banken Nein sagen, müssen Selbständige sich nach anderen Möglichkeiten umsehen. Viele Selbständige, die das Prozedere bei Banken kennen, sind sogar überrascht, wie einfach – ohne Sicherheiten – und schnell sie ihren Kredit über smava erhalten. Nach der Prüfung kann die Auszahlung teilweise sogar schon innerhalb von 48 Stunden erfolgen. Bei Anlegern ist diese Entwicklung nicht selbstverständlich, da die allgemeine Stimmung eher zurückhaltend ist. Aber auch hier kann smava punkten, weil Anleger bei smava selbst entscheiden, wem sie ihr Geld geben. Und sicher sein können, dass es nicht in irgendwelchen dubiosen Finanzgeschäften versickert.

Steigt mit dem wachsenden Kreditvolumen auch die Anzahl der Zahlungsausfälle?
Bei einem starken Wachstum des Kreditvolumens ist absolut betrachtet naturgemäß eine Erhöhung der Anzahl der Ausfälle zu beobachten. Prozentual bewegen sich die Ausfälle auf dem bisherigen Niveau.

Anfang des Jahres führte smava eine neue Gebührenstruktur ein, haben die Nutzer diese Änderung akzeptiert?

Die Reaktionen kurz nach der Änderung der Gebührenstruktur waren natürlich gemischt. Im smava Blog sowie im Forum waren positive wie auch negative Äußerungen von smava-Kunden zu lesen. Mittlerweile haben unsere Anleger und Kreditnehmer aber Verständnis, dass die Gebührenänderung notwendig war, um für unsere Kunden nachhaltig wirtschaftlich arbeiten zu können. Insgesamt gehören wir bei den Gebühren im Vergleich zu Banken sowohl hinsichtlich der Ordergebühr bei Anleger sls auch Bearbeitungsgebühren bei Kreditnehmer immer noch mit zu den günstigsten Anbietern in Deutschland.

Durch die Änderung der Gebühren bleibt mehr in der Kasse von smava hängen. Wann schreibt smava schwarze Zahlen?
Die Änderung der Gebührenstruktur war wie bereits gesagt eine der notwendigen Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen. Genaue Angaben zu unserer finanziellen Planung machen wir nicht, hierfür bitten wir um Verständnis.

Gibt es einen Plan B, falls das Erreichen der Gewinnzone länger als geplant dauern sollte?
smava hat eine gute Cash-Situation, da wir im September 2008 zusätzlich zu unseren bisherigen Kapitalerhöhungen eine Series B über 4 Millionen Euro mit Earlybird und Neuhaus Partners realisiert haben. Was das Wachstum anbelangt, haben wir in den letzten Monaten einen guten Schub erhalten. Auch für die nächste Zeit erwarten wir ein ähnliches Wachstum. Insofern denken wir nicht, dass ein Plan B notwendig ist.

Seit einigen Monaten ist smava auch in Polen aktiv. Wie entwickelt sich das Geschäft dort?
Der Marktplatz in Polen lief bisher gut an. Dennoch ist die Wettbewerbssituation im Vergleich zu Deutschland anders, weil es ein \’schwarzes Schaf\’ unter den P2P-Lending-Anbietern gab, das bereits aufgegeben hat. Deshalb müssen alle verbleibenden P2P-Lending-Anbieter in Polen stärker um das Vertrauen der Verbraucher als in Deutschland kämpfen.

Wie unterscheidet sich der polnische vom deutschen Markt?
Zusätzlich zu dem gerade genannten ist erstens die Einkommensverteilung in Polen in einem größeren Ungleichgewicht als in Deutschland. Das hat zur Folge, dass wenigen Anlegern eine große Masse an Kreditnehmern gegenübersteht. Zweitens liegen Einlagen- und Kreditzins in Polen noch weiter auseinander als in Deutschland. Drittens – und das hört sich etwas komisch an – gibt es in Polen keine langjährig anerkannten Test- und Prüfinstanzen wie beispielsweise die Stiftung Warentest, die dem Verbraucher bei der Beurteilung neuer Angebote hilft. Ohne solche Beurteilungen ist es für die Presse und damit folgerichtig auch die Verbraucher verhältnismäßig schwer, als \’neue Finanz-Dienstleistungs-Marke\’ schnell Vertrauen aufzubauen.

Gibt es Pläne für eine weitere Auslandsexpansion?
Grundsätzlich schließen wir eine weitere Expansion ins europäische Ausland nicht aus. Aktuell ist jedoch keine weitere Erweiterung in Planung. Unser Fokus liegt auf den Märkten Deutschland und Polen.

Besteht umgekehrt die Gefahr, dass ausländische Konkurrenten wie Prosper oder Zopa den Sprung nach Deutschland wagen?
Ausschließen kann man das nie. Allerdings gibt es in Deutschland einige Hürden, die es als P2P-Lending-Plattform erstmal zu überwinden gilt und die Zeit kosten. Wichtigster Baustein für ein neues Angebot ist dabei sicherlich die aufsichtsrechtlich erforderliche Zusammenarbeit mit einer Vollbank.

Wie sehen die etablierten Banken in Deutschland das smava-Konzept, als normale Konkurrenz, Bereicherung oder Bedrohung?
Die wenigsten Banken sehen smava als Bereicherung – denn wer gibt schon gerne ein Stück von seinem Kuchen ab? Viele Konsumentenkredit-Anbieter haben smava auf der Agenda und vergleichen es meines Erachtens nicht mit ihrer normalen Konkurrenz. Denn die transparente und faire Art der Kreditvermittlung von smava hat mit dem normalen Kreditgeschäft wenig zu tun. Und wenn sich smava im erwarteten Rahmen entwickelt, wird es für eine Bank schwierig, mit einem vergleichbaren Angebot in den Markt zu gehen.

Wäre es nicht erheblich einfacher, smava mit einer großen Bank im Rücken zum Erfolg zu führen?
Nein, denn diese könnte nicht glaubhaft Transparenz und Fairness darstellen. Eine größere Bank würde zudem nicht verstehen, dass smava zum größten Teil ein Marktplatz – und keine Bank – ist, auf dem der Kunde bestimmt, was passiert.

Können Sie sich langfristig eine große, finanzstarke Bank als strategischen Partner vorstellen?
Grundsätzlich sollte man nie etwas ausschließen, aber zur Zeit kann ich mir das im Kreditbereich nicht vorstellen.

Um Nutzer auf smava aufmerksam zu machen, setzen Sie auch auf Suchmaschinenmarketing. Lohnt sich dieser finanzielle Aufwand im heiß umkämpften Kreditsegment?
SEM ist einer von mehreren Online-Marketing-Kanälen, über die wir Anmeldungen generieren. Wie sich immer mehr zeigt, steigt konstant der Anteil derjenigen, die sich nicht nur online über einen Kredit informieren, sondern auch online abschließen. Insofern halten wir das für ein sinnvolles Investment.

Wo steht smava in einem Jahr?
Klar ist, dass wir weiter stark wachsen werden. Nachdem wir bis heute kumuliert bereits über 13 Millionen Euro erreicht haben, peilen wir für 2010 ein deutlich größeres Volumen an – genaue Zahlen veröffentlichen wir nicht. Wir sehen uns aber auf einem guten Weg. Aufgrund des Vertrauensverlustes gegenüber Banken bewegt sich der Trend klar hin zu direkten Geldgeschäften und Selbstbestimmung. Deshalb wird smava in den nächsten Jahren immer mehr zu der cleveren Alternative zum Bankkredit.

Zur Person
Alexander Artopé leitet als Mitgründer die Geschäfte des Kredit-Marktplatzes smava und ist dabei für die Bereiche Marketing, Finanzen und Strategie zuständig. Bereits während seines Studiums der Wirtschaftswissenschaften und Publizistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Freien Universität Berlin war Artopé im Bereich Corporate Finance für Time Warner International in den USA aktiv. Nach seinem Studium arbeitete der Diplomkaufmann als Managing Editor beim European Communication Council (ECC). Von 1999 bis Mitte 2005 war er Mitgründer und Vorstandsvorsitzender des Berliner Software-Unternehmens datango.

Hausbesuch bei smava

Wer bei smava Räumlichkeiten einer Filialbank erwartet, wird enttäuscht. Obwohl auf der Seite des Unternehmens viel Geld bewegt wird, sind sich die Mitarbeiter treu geblieben und arbeiten in Büros, die deutlich machen, dass auch smava als ein Start-up gestartet ist. deutsche-startups.de war im Frühjahr 2009 zu Gast und hat etliche Eindrücke mit der Kamera festgehalten.

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.