Boom der Crowdinvesting-Plattformen: Was die neuen Anbieter leisten

Seit das Thema Crowdfunding in Deutschland mit Seedmatch und Innovestment erfolgreich auf den Start-up-Bereich adaptiert wurde, treten immer mehr Mitbewerber auf die Bildfläche. Der Erfolg des Konzepts zeigt sich auch daran, dass viele […]
Boom der Crowdinvesting-Plattformen: Was die neuen Anbieter leisten

Seit das Thema Crowdfunding in Deutschland mit Seedmatch und Innovestment erfolgreich auf den Start-up-Bereich adaptiert wurde, treten immer mehr Mitbewerber auf die Bildfläche. Der Erfolg des Konzepts zeigt sich auch daran, dass viele neue Crowdinvesting-Plattformen nach Nischen suchen und versuchen, den Ansatz zu verbessern. So streben aktuelle Anbieter danach, Start-ups größere Finanzierungssumme als die bisher festgelegten 100.000 Euro zu ermöglichen. Manche Plattformen wollen den Auswahl-Prozess, welche Start-ups finanziert werden, demokratisieren und geben die Entscheidung in die Hände der Mikroinvestoren – im Gegensatz zu Seedmatch, wo das Team die Vorauswahl trifft.

Außerdem geht die Tendenz bei den neuesten Anbietern dahin, nicht mehr (nur) stille Beteiligungen zu vergeben sondern auch substanzielle, was das Konzept deutlich verändert. Ein spannendes Feld, das sich immer mehr differenziert – hier vier neue Anbieter, was sie unterscheidet und was dies für Start-up-Gründer bedeutet.

Bergfürst: Investoren als Miteigentümer

bergfürst

Vor Kurzem trat Bergfürst (www.bergfuerst.com) auf die Bildfläche, eine Plattform von studiVZ-Mitgründer Dennis Bemmann und Guido Sandler. Anders als bei den klassischen Crowdinvesting-Plattformen Seedmatch und Innovestment – falls man in so einem jungen Segment schon von „klassisch“ sprechen kann – sind die Mikro-Investoren Miteigentümer und partizipieren damit direkt an der Wertentwicklung des Unternehmens. Dementsprechend können sich die Beteiligten über eine Handelsplattform informieren, was die eigenen Beteiligungen aktuell wert sind, Aktien kaufen und verkaufen. Auch werden auf der Plattform keine Start-ups in der Seedphase vorgestellt, sondern Unternehmen in der Wachstumsphase, bei denen es bereits um die zweite oder dritte Finanzierungsrunde geht. Dies soll den Anlegern im Vergleich zum Angebot der Mitbewerber mehr Sicherheit bieten, da sich die Geschäftsmodelle schon bewiesen haben, und ein „attraktiveres Chancen-Risiko-Profil“ schaffen. Ein weiterer Unterschied ist bisher noch Zukunftsmusik: Bergfürst hat eine Lizenz bei der BaFin beantragt, womit die Crowdfunding-Plattform nicht wie Seedmatch und Co. an ein Limit von 100.000 Euro gebunden wäre und sogar Wachstumsfinanzierungen im siebenstelligen Bereich denkbar seien. Aber, wie gesagt: Noch ist dies Zukunftsmusik, weshalb Bergfürst auch erst in Q4 durchstarten will. Hoffentlich nicht zu spät!

Group Capital: Die Crowd entscheidet im Rating-Prozess

groupcapital

Auch die neue Crowdinvesting-Plattform Group Capital (www.group-capital.de) wartet mit Besonderheiten auf und richtet sich ebenso wie Bergfürst nicht (ausschließlich) an junge Start-ups in der Seed-Phase, sondern auch an etabliertere Unternehmen, die Kapital benötigen. Abheben will sich das von Sven Umlauf geführte Projekt aber vor allem über den demokratischen Auswahl-Prozess der über die Plattform finanzierten Unternehmen. In einem Rating-Prozess, der bisher in dieser Art einzigartig ist, entscheidet die Crowd über spannende Projekte. Um finanziert zu werden, müssen Unternehmen zunächst Stimmen und Kommentare von den potentiellen Geldgebern einsammeln und so Punkte ergattern. Für 1000 Euro Kapitalbedarf wird ein Unterstützer benötigt. Firmen, die ein Exposé einreichen, können auch eigene Kunden mit einbinden und damit Marktumfragen bei potentiellen Investoren starten.

Nicht zuletzt möchte auch Group Capital die bisherige Beschränkung von 100.000 Euro umgehen. Die Abgrenzung zu den Mitbewerbern erklärt Sven Umlauf so: „Die stillen Beteiligungen, wie sie z.B. bei Seedmatch vermittelt werden, sind pro Jahr und Firma nur bis 100.000 Euro als öffentliches Angebot ohne Prospekt möglich. Group Capital hat einen Weg gefunden, weitere BaFin – und prospektfreie Investorenmodelle zu vermitteln, die über 100.000 Euro pro Firma und Jahr hinausgehen – zum Beispiel über Nachrangdarlehen. Wir haben einen Prozess, passende Verträge und einen Treuhandservice entwickelt, der es möglich macht, hohe Darlehenssummen über einen Crowdfunding-Prozess online abzuwickeln.“ Für das Jahr 2012 hat Group Capital die Fundingsumme auf vorerst 250.000 Euro begrenzt, will das Limit aber im kommenden Jahr aufheben. Einsteigen können Investoren ab einem Betrag von 300 Euro. Anders als die Mitbewerber will Group Capital jede Woche ein neues Exposé freischalten und durch den Anreiz, ständig etwas Neues zu entdecken und als Experte selbst die Geschäftsmodelle zu bewerten, die Interaktion der Geldgeber stärken. „Wir wollen potentielle Investoren im Vorfeld an die Unternehmen heranführen. Es ist doch seltsam, wenn Geldgeber dazu gezwungen sind, sich innerhalb von Minuten für eine Finanzierung zu entscheiden, ohne dass sie sich vorher mit dem Unternehmen auseinander setzen konnten.“

Companisto: Crowdinvesting für den kleinen Geldbeutel

companisto

Die neue Startup-Finanzierungs-Plattform Companisto (www.companisto.de) ermöglicht buchstäblich Crowdinvesting für jedermann: Im Gegensatz zu anderen Anbietern verlangt das Unternehmen von den Geldgebern keine Mindestbeteiligungssumme und richtet sich damit auch an Geringverdiener wie zum Beispiel Studenten im Nebenjob. „Crowdinvesting darf keine Frage des Geldbeutels sein. Bei uns kann jeder mitmachen“, erklärt Gründer und Geschäftsführer David Rhotert den Ansatz. Ein weiteres Merkmal der Berliner Plattform: Mikroinvestoren werden nicht nur am Gewinn beteiligt, sondern auch am Unternehmenswert und den Exiterlösen. Der entscheidende Unterschied zu anderen Crowdinvesting-Plattformen sei aber, dass die Start-ups bei Companisto während der Finanzeirungsrunde nur einen einzigen Vertrag abschließen, da Companisto alle Investorenverträge zu einem einzigen Vertrag bündele. Die Investoren – Companisten genannt – wiederum erhalten Unterbeteiligungen. Der Vorteil für die Start-ups sei, dass somit kein Verwaltungsaufwand entstehe, weil am Ende des Jahres nur eine einzige Steuererklärung gemacht werden müsse.

Für die Bündelung der Beteiligungen hat Companisto eine eigene Beteiligungsgesellschaft, die Companisto Venture Capital GmbH, gegründet. „Diese hat kein operatives Geschäft, geht keine Verbindlichkeiten ein und hat daher kein Insolvenzrisiko. Die Beteiligungen der Companisten sind dort sicher.“ Das operative Geschäft wird von einer anderen Gesellschaft – der Companisto GmbH – betrieben. Diese sei vollständig von der Beteiligungsgesellschaft getrennt. Auch will Companisto besser als andere Plattformen die Frage der Anschlussfinanzierung regeln. Demnach bekommen Mikroinvestoren keine direkte Einsicht in die Bücher, da die Gefahr bestehe, dass sich Konkurrenten so für wenig Geld in die Geschäftsgeheimnisse der Mitbewerber einkaufen – ein Szenario, das für Großinvestoren nicht tragbar sei, weshalb es bei crowd-finanzierten Projekten oft keine Anschlussfinanzierung gebe. Ein weiterer Abgrenzungspunkt: „Bei vielen Crowdinvesting-Anbietern ist die Vertragslaufzeit viel zu kurz. Wenn ein Start-up anfängt, endlich Gewinne zu machen, werden die Investoren nichts mehr davon haben.“ Bei Companisto laufen die Beteiligungsverträge deshalb mindestens acht Jahre lang.

Welcome Investment: Finanzierungs-Börse für Start-ups und Dienstleister

welcomeinvestment

Die Crowdinvesting Plattform Welcome Investment (www.wlcm.in), die dieser Tage startet, will sich vor allem darin abheben, dass sie neben Start-ups und Investoren auch die Gruppe der Dienstleister in den Finanzierungsprozess mit einbezieht. Denn, so Mitgründer Jörn Kunst: „Beim Aufbau eines Unternehmens gehören diese drei Parteien unbedingt zusammen. Das wurde bisher vernachlässigt.“ Die Idee dahinter ist, dass Start-ups einen großen Teil des Kapitalbedarfs für Dienstleistungen wie Programmierung, Webdesign oder Beratung benötigen. Dienstleister wiederum haben oft noch freie Kapazitäten übrig, die sie einbringen könnten, aber keine Auftraggeber. Bei Welcome Investment finden beide Parteien zusammen: Start-ups geben beispielsweise an, dass sie einen Kapitalbedarf von 100.000 Euro haben und die Hälfte davon in Programmierleistung fließen soll. Programmierer können daraufhin ihren Dienst im Wert des festgesetztes Betrags anbieten und erhalten eine Gegenleistung, die ausgehandelt wird – möglich sind stille oder substanzielle Beteiligungen sowie die Beteiligung am Gewinn. So verringert sich der Kapitalbedarf für Start-ups und es wird einfacher, den Rest auf anderem Wege finanziert zu bekommen.

Ebenso wie Group Capital will auch Welcome Investment im Vorfeld keine Start-ups aussieben sondern die Entscheidung, welche Ideen finanzierungswürdig sind, ganz den Mikro-Investoren überlassen. Investoren können nicht nur stille sondern auch substanzielle Beteiligungen erwerben. Mit seinem Angebot geht Welcome Investment über das Profil einer Crowdinvesting-Plattform hinaus und ist am ehesten als Finanzierungs-Börse für Start-ups, Unternehmen und Dienstleister zu bezeichnen. Die Rollen der einzelnen Beteiligten sind dabei flexibel: Ein Start-up kann einerseits Geld einsammeln und andererseits selbst eine Dienstleistung anbieten. Dienstleister wiederum können sowohl ihre Arbeitsleistung als auch Geld investieren. „Wir wollen die modernsten Investmentmöglichkeiten zentral an einem Ort zur Verfügung stellen“, fasst Kunst zusammen, der das Unternehmen zusammen mit Michael Urbanski hochzieht.

Es tut sich eine Menge im Bereich Crowdinvestment. Interessant ist, dass es bei den neuesten Anbietern häufig nicht mehr stille Beteiligungen an den Start-ups gibt, sondern substanzielle Beteiligungen vergeben werden. Dies ist für Mikro-Investoren reizvoll, für Start-ups aber zwielichtig: Eine Beteiligung am Unternehmen bedeutet immer auch, dass die Investoren beim weiteren Geschäftsverlauf mitreden möchten und stärkeren Einfluss haben als bei einer stillen Beteiligung. Außerdem zeigt sich, dass neuere Crowdinvesting-Plattformen darauf abzielen, Start-ups nicht mehr in der kritischen Anfangsphase zu unterstützen sondern in der Wachstumsphase. Dies bedeutet mehr Sicherheit für die Mikroinvestoren auf der einen, mehr Kapitalbedarf bei den Start-ups auf der anderen Seite, weshalb der Wunsch laut wird, die Beschränkung von 100.000 Euro pro Firma zu umgehen. Interessant bleibt auch die Frage nach möglichen Anschlussfinanzierungen: Wie einfach oder schwer ist es für durch die Crowd finanzierte Start-ups, dass in einer späteren Phase noch Investoren einsteigen? Companisto weist auf diese Problematik hin und zielt mit seinem Ansatz darauf ab, Anschlussfinanzierungen zu erleichtern. Auf jeden Fall scheint es noch zahlreiche spannende Nischen und Ansatz-Erweiterungen zu geben, die Neues in das Erfolgskonzept „Crowdinvesting“ hineinbringen – den Überblick zu bewahren wird immer schwieriger.

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Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.