“Der Frühphasenmarkt in Deutschland hat Nachholbedarf” – Jens-Uwe Sauer von Seedmatch im Interview

Auf der Plattform Seedmatch (www.seedmatch.de) präsentieren Gründer ihre Start-ups und lassen sie durch die Crowd finanzieren – sofern die Idee bei der Menge ankommt. Im Interview spricht Jens-Uwe Sauer über die Interessen der […]

Auf der Plattform Seedmatch (www.seedmatch.de) präsentieren Gründer ihre Start-ups und lassen sie durch die Crowd finanzieren – sofern die Idee bei der Menge ankommt. Im Interview spricht Jens-Uwe Sauer über die Interessen der Mikroinvestoren, die Demokratisierung des Finanzierungsmarktes und darüber, wie Start-ups es auf die Plattform schaffen.

Das kürzlich gefundete Start-up SugarShape ist sehr feminin. Wird man bei Seedmatch bald öfters weibliche Geschäftsideen vorfinden?
Wir hoffen es. Generell müssen uns aber die weiblichen Teams genauso überzeugen wie die männlichen. Über mehr Bewerbungen von Frauen würden wir uns aber freuen.

Die Rekordzeit für die Finanzierungen wird ständig getoppt, gerade wurde easyCard in nur 87 Minuten finanziert. Warum stürzen sich nach anfänglichem Zögern so viele Mikro-Investoren auf das Konzept?
Wie bei vielen neuen Konzepten braucht es am Anfang Zeit, um Vorbehalte abzubauen. Deswegen haben wir viel Zeit darin investiert, das nötige Vertrauen für Investments über Seedmatch zu schaffen und unser Netzwerk auszubauen. Zudem haben wir in einigen einschlägigen Medien Beachtung gefunden. Das zahlt sich jetzt langsam aus. Hinzu kommt natürlich auch, dass die letzten Start-ups spannende Geschäftsideen vorweisen konnten und in ihrer Kommunikation überzeugt haben.

Geht es den meisten Mikro-Investoren eher um ideelle Werte oder um wirtschaftliche Interessen?
Das ist bei jedem Investor unterschiedlich. Bisher haben wir aber das Feedback bekommen, dass viele Investoren die Geschäftsidee unterstützen wollen, weil sie den Kundennutzen schätzen und oft auch das Produkt bzw. die Dienstleistung selbst nutzen möchten. Zudem wollen viele Personen im Bereich der Innovationen Gutes tun und Entrepreneurship fördern. Und wenn dann nach einigen Jahren auch eine attraktive Rendite herausspringen kann, dann ist das für viele Grund genug, zu investieren.

Apropos Rendite: Wie viele der durch die Crowd finanzierten Start-ups werden wohl wirklich durchstarten und nachhaltigen Erfolg haben?
Das ist eine schwierige Frage! Es gibt sehr erfahrene Investoren mit einer guten Spürnase, die nur eins von zehn Projekten abschreiben müssen. Andere Investoren haben wesentlich höhere Ausfallquoten. Das Spannende beim Crowdfunding jedoch ist, dass jedes Start-up nicht nur Kapital über die Plattform generiert, sondern viele Multiplikatoren gewinnt. Wenn ich ein Geschäftskonzept überzeugend finde und mein eigenes Kapital investiert habe, spreche ich über die Innovation und empfehle es möglicherweise in meinem Freundes- und Bekanntenkreis weiter. Dadurch entsteht ein wertvoller Rückenwind für das Start-up, bei dem sich zeigen muss, wie viel Kraft er nachhaltig anschieben kann. Und das ist die eigentlich spannende Wette beim Crowdfunding: Ist ein Business Angel Investment stärker als die Crowd? Ich glaube nicht. Aber das wird die Zukunft zeigen.

Wird Crowdfunding- bzw. investing die dritte Finanzierungsform neben klassischem VC und Business Angel Investments oder bleibt es bei einem Nischentrend?
Crowdfunding hat das Potential, sich neben den klassischen Finanzierungformen zu etablieren und darüber hinaus eine gewichtige Stellung bei der Finanzierung von Start-ups einzunehmen. Denn schließlich muss man als Gründerteam nicht mehr den einzelnen Investor kennen, sondern eine interessante Investment-Story bieten. Der Pitch bei Seedmatch richtet sich derzeit an über 4.800 Investoren und diese Zahl wächst rasant.

Der Erfolg der letzten Monate zeigt, dass das Interesse für Beteiligungen an spannenden Start-ups vorhanden ist. Und die stetig steigenden User- und Abruf-Zahlen der Website sowie Anfragen aus allen Bereichen deuten darauf hin, dass Crowdinvestments noch eine große Zukunft vor sich haben. Wir von Seedmatch werden zudem dafür sorgen, dass sich dieses neue Finanzierungsmodell kontinuierlich weiterentwickelt.

Crowdinvesting gilt als die Demokratisierung des Finanzierungsmarktes. Haben Investoren und Business Angels oft doch nicht den richtigen Riecher, was bei den Nutzern ankommt?
Das kann man so nicht sagen. Die Frage ist doch vielmehr, ob es nicht auch spannende Nischen gibt oder Märkte, die die großen Player aus verschiedenen Gründen nicht anfassen. Demokratisierung heißt, dass sich die vielen Investoren in den Finanzierungsprozess aktiv einbringen und damit ihre Vorlieben für neue Produkte zum Ausdruck bringen. Gibt es genügend Investoren, für die ein neues Produkt oder Konzept interessant ist, kann man davon ausgehen, dass dieses Produkt oder Konzept auch einen Markt findet. Beim Crowdfunding muss nicht immer eine Company entstehen, die in drei oder fünf Jahren 100 Mio. Euro Umsatz macht und an die Börse geht. Das wäre zwar wünschenswert, aber auch kleinere Unternehmen können sich für ein Crowdinvestment mehr als auszahlen.

Ist Crowdfunding nicht doch meist die zweite Wahl, wenn es mit dem Kredit oder der Finanzierung über VCs nicht geklappt hat?
Nein. Wir haben viele Anfragen von Gründern, für die Crowdfunding die erste Wahl ist, obwohl sie auch andere Angebote von Business Angels auf dem Tisch haben. Ich glaube, die Gründerinnen von Sugarshape hätten keine Mühe gehabt, genügend Business Angels für dieses in vielerlei Hinsicht attraktive Konzept zu finden, aber sie haben sich bewusst für die Crowd entschieden. Den Mehrwert der Crowd und den Marketing-Effekt können die klassischen Angel-Finanzierungen schließlich in der Form nicht bieten.

Wie viele Start-ups sollen in diesem Jahr noch die Möglichkeit bekommen, über Seedmatch Geld einzusammeln?
Wir haben uns zum Ziel gesetzt, bis zu drei spannende Investment-Stories pro Monat zu präsentieren. Das mag sportlich klingen, aber das Interesse der Gründer ist groß und auch die Crowd fordert uns immer wieder auf, mehr Projekte und eine höhere Vielfalt anzubieten. Da wollen wir unsere Crowd nicht enttäuschen.

Wie ist die langfristige Perspektive von Seedmatch?
Wir wollen Crowdinvestments als neue Finanzierungform etablieren, unsere Plattform kontinuierlich weiterentwickeln, immer die heißesten Investment-Stories bei Seedmatch präsentieren und langfristig zusammen mit der Crowd viele Investment-Erfolge produzieren. Der Frühphasenmarkt in Deutschland hat einigen Nachholbedarf, den wir gern ein Stück weit mit kompensieren würden.

Was muss ein Start-up anstellen, um auf Seedmatch vorgestellt zu werden?
Ein Start-up sollte sich mit unserem Investmentfokus (auf www.seedmatch.de ganz unten) und den Besonderheiten von Crowdfunding auseinandergesetzt haben. Wenn beides passt, freuen wir uns, wenn wir per Email ein aussagekräftiges Executive Summary, eine knackige Präsentation oder einen kurzen Businessplan zugeschickt bekommen. Weckt das Konzept unser Interesse, melden wir uns bei den Gründern und steigen gemeinsam in die tiefere Prüfung ein. Wenn alles passt, kann das Crowdfunding ein paar Wochen später beginnen.

Und welche speziellen Kriterien sollte ein Start-up erfüllen, damit es sich bei Seedmatch präsentieren darf?
Wir suchen nach tragfähigen, skalierbaren Geschäftsmodellen und Innovationen aus den Bereichen B2C und Nachhaltigkeit. Besonders interessiert sind wir an First Movern, die mir ihren Geschäftsideen einen Paradigmenwechsel einleiten können.

Ein deutliches Alleinstellungsmerkmal (USP) und ein hoher Kundennutzen sind Grundvorrausetzung. Für den Erfolg des Crowdfunding ist weiterhin entscheidend, dass die Innovation die Grundlage für eine spannende Investmentstory bietet. Diese sollte das Potential haben, eine Vielzahl von Menschen zu begeistern.

Besonders spannend wird es, wenn einerseits das Startup einen Benefit durch die Crowd und deren Multiplikatorwirkung erhält und andererseits die Crowd als einen Erfolgsfaktor einbezieht. Die Gründer sollten sich somit im Social-Web auskennen und eine dialogorientierte, proaktive Kommunikationskultur pflegen.

Zur Person
Jens-Uwe Sauer, Jahrgang 1972, ist Gründer und Geschäftsführer der Crowdinvesting-Plattform Seedmatch, wo er seit August 2011 seine Leidenschaft für Entrepreneurship und Innovationen einbringt. Zuvor arbeitete er als Unternehmensberater und unterstützte Gründerteams beim Business Modeling und bei der strategischen Ausrichtung im Markt. Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Strukturierung von Unternehmensfinanzierungen in Früh- sowie in Wachstumsphasen.

Zum Thema
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Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.