Miteinander teilen: Deutsche Start-ups mit Solidaritäts-Zuschlag

Inmitten all der neuen Start-ups, die in den letzten Jahren gegründet wurden, zeichnet sich ein kleiner, aber feiner Trend ab: das Teilen. Dabei geht es nicht um die sprichwörtliche Mantelhälfte sondern um das […]
Miteinander teilen: Deutsche Start-ups mit Solidaritäts-Zuschlag

Inmitten all der neuen Start-ups, die in den letzten Jahren gegründet wurden, zeichnet sich ein kleiner, aber feiner Trend ab: das Teilen. Dabei geht es nicht um die sprichwörtliche Mantelhälfte sondern um das organisierte und oftmals regional bezogene Mitbenutzen von Autoplätzen, Stauraum, Gebrauchsgegenständen, der eigenen Wohnung oder der gemeinsamen finanziellen Absicherung bei Schäden. Eine interessante Entwicklung angesichts der Tatsache, dass Internet die Welt an vielen Stellen anonymisiert hat. Das Web hält Menschen eben nicht nur davon ab, sich offline zu treffen (wie oft kritisiert wird), sondern hat ebenfalls das Potential, soziale und sogar regionale Bezüge zwischen Menschen herzustellen – und das fernab von Social Communities. Wo es um das Thema “Teilen” geht, bietet das Internet drei Vorteile: Es erleichtert die Organisation, fördert Spontanität und ermöglicht die Ausweitung vom eigenen Freundeskreis hin zur großen Schar der Nutzer.

Freie Sitzplätze und Stauraum teilen

Zuerst entdeckten die Deutschen das übers Internet organisierte Teilen von Autoplätzen. Bereits seit 1998 vermittelt die Mitfahrzentrale (www.mitfahrzentrale.de) Fahrgemeinschaften. Das Prinzip ist zu einer echten Konkurrenz für die Deutsche Bahn geworden, denn es gibt bis heute keinen günstigeren Weg, an sein Ziel zu kommen, als freie Autoplätze miteinander zu teilen. Seit Anfang diesen Jahres gehört die Mitfahrzentrale nun zu Mikini Media. Das Münchner Unternehmen betreibt seit 1999 verschiedene Internetplattformen mit den Schwerpunkten Mobilität, unter anderem mitfahrgelegenheit.de (www.mitfahrgelegenheit.de).

Mit flinc (www.flinc.org) hat das bahnbrechende Mitfahr-Konzept bereits eine Weiterentwicklung erfahren. Über die mobile Mitfahrzentrale finden Reisende noch spontaner zueinander. Fahrer schalten ihre Bereitschaft zur Mitnahme in einem eingebauten Navigationssystem frei. Reisende, die per Handy ebenfalls einen Wunsch zur Mitnahme signalisieren und sich irgendwo auf der Route befinden, erhalten automatisiert entsprechende Daten und lassen sich bequem einsammeln. Das System handelt aus, wo und wann man zusteigen kann und wie hoch die Kosten sind.

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Eine weitere Revolution ist das Teilen von Busplätzen wie bei DeinBus.de (www.deinbus.de). Aufgrund der Monopolstellung der Deutschen Bahn, die auf das Personenbeförderungsgesetz von 1934 zurückgeht, gibt es in Deutschland kaum Bus-Fernverbindungen. Das Regelwerk verbietet Busverbindungen auf Fernstrecken, die von anderen Beförderern schon “befriedigend bedient” werden. Allerdings ist das private Mieten von Bussen erlaubt, und so kann man über die Plattform Busse für Fernverbindungen anmieten und die zahlreichen Plätze mit anderen Interessenten teilen – möglich macht es die Ausschreibung übers Internet. Nach langem Bangen ist nun auch klar, dass die Deutsche Bahn das Friedrichshafener Start-up nicht aufhalten kann: Vor wenigen Tagen wurde bekannt gegeben, dass die Klage der Deutschen Bahn vom Frankfurter Landgericht abgewiesen wurde.

Aber das Internet ermöglicht nicht nur das Teilen von Sitzplätzen sondern auch von Stauraum. Dank MilkRun (www.milkrun.info) können Verlader und Speditionen ihre Touren besser auslasten, indem sie sich mit anderen Unternehmen vernetzen. Die Idee kam im Zuge der Wirtschaftskrise auf, als zahlreiche Zulieferbetriebe der Automobilindustrie ihre LKW-Transporte aufgrund des Absatzeinbruchs nicht mehr auslasten konnten. Im Gegensatz zu üblichen Transportbörsen vermittelt MilkRun keine Einmalladungen sondern regelmäßige Touren, so dass Unternehmen ihre Lieferfrequenz gezielt erhöhen können. Die gemeinsame “Milchmann”-Tour bringt zahlreiche Vorteile: Die beteiligten Firmen sparen Kosten, sind flexibler und verringern den CO2-Ausstoß. Bereits seit 2006 ist raumobil (www.raumobil.de) unterwegs, eine “Internet-Plattform für die kostenlose Vermittlung von freien Transport- und Raum-Kapazitäten”. Neben der Organisation freier Transportflächen geht es also auch um die Vermittlung von Mitfahrgelegenheiten, Zimmern und Lagerflächen. Für Privatpersonen ist die Nutzung von raumobil kostenlos.

Persönliche und weniger persönliche Gegenstände teilen

Bei frents (www.frents.com) – die Abkürzung bedeutet “Friends rent things” – leiht man sich Gegenstände in seiner Nachbarschaft aus, ohne mit hochrotem Kopf an der Haustür zu klingeln. Wer in der eigenen Umgebung welche Dinge verleiht, sieht man auf einer “Karte der nutzbaren Dinge einer Gesellschaft”. So kann man gezielt und virtuell auskundschaften, ob der junge Mann drei Straßen weiter einem die Nintendoo Wii borgt. Jeder Vermieter legt den Mietpreis für seine Gegenstände selbst fest – um reines Gutmenschentum geht es nicht. Wer nicht ganz so vertrauensselig ist, kann seine mietbaren Gegenstände auch nur dem eigenen Freundeskreis zugänglich machen. Frents ist vollkommen kostenlos und fördert mit seinem Service etwas, das gemeinhin als “Nachbarschaftshilfe” bezeichnet wird – dass es auch mal problematisch werden kann, wenn Gegenstände nicht im selben Zustand zurückgegeben werden, gehört seit jeher dazu.

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Ähnlich funktioniert die “Leih-, Miet- und Buchungsplattform” leihdirwas.com (www.leihdirwas.com), gegründet von Michael und Mark Aechtler. Sicherheitsbedürftige Verleiher haben sogar die Möglichkeit, ihre Produkte nur Menschen zur Verfügung zu stellen, die sich dem freiwilligen PostIdent-Verfahren unterzogen haben. Dies ist bei manchen der Produkte vielleicht auch angeraten: Im Ausleih-Sortiment befinden sich Dinge wie Abbruchhammer, Betonmischer und ein Porsche. Von jeder Ausleihgebühr behält das Stuttgarter Plattform-Team 5 % Provision ein.

Speziell für Bücherwürmer gibt es die Plattform leih-ein-buch.de (www.leih-ein-buch.de). Optisch nicht sehr ansprechend wird sie ihrer Funktion dennoch gerecht und organisiert das Ver- und Ausleihen von Büchern. Das Ziel ist nicht gerade klein gesteckt: “Die Idee ist, alle privaten Bücherbestände zu einer großen Online-Bücherei zu vernetzen und damit das Platzproblem zu lösen und die Grundlage für die größte Leihbücherei der Welt zu erschaffen”, sagt Gründer Atilla Boz. Leseratten erhalten ihr Wunschbuch für 28 Tage und bezahlen dafür Porto, die Systemgebühr von 33 Cent und eine variierende Anzahl von Punkten. Beim sogenannten Regio-Verleih kann man sein Buch sogar persönlich abholen um Portokosten zu sparen – und sein Gegenüber, das anscheinend einen ähnlichen Büchergeschmack hat, näher kennen zu lernen.

Noch persönlicher ist es, das eigene Auto auszuleihen. Wer sein “heiligs Blechle” trotzdem hergibt – zum Beispiel weil es die meiste Zeit rumsteht und nutzlos Geld frisst – kann das über die Plattform tamyca (www.tamyca.de) tun und sich etwas für den Unterhalt dazuverdienen. Mieter müssen dank tamyca keine teuren und weit entfernten Carsharing-Fuhrparks mehr aufsuchen, wenn sie mal einen fahrbaren Untersatz benötigen. Auf der tamyca-Karte ist sofort ersichtlich, wer in der Nachbarschaft welches Auto vermietet. Als Ausleiher bezahlt man eine Tagespauschale von 7,50 Euro, die Benzinkosten und vom Vermieter festgelegte Gebühren. Eine Kooperation mit der “Württembergischen” sorgt für den nötigen Versicherungsschutz. Mit den Autovermittlungs-Plattformen Nachbarschaftsauto (www.nachbarschaftsauto.de) und rent\’n\’roll (www.rent-n-roll.de) hat das Konzept schon erste Nachahmer gefunden.

Wohnungen, Zimmer und Couches teilen

Erst vor wenigen Tagen erblickte Wimdu (www.wimdu.com) das Licht der Welt. Die Vermittlungsplattform für Privatübernachtungen entstammt dem Hause Rocket Internet, dem Inkubator der Samwerbrüder. Pate stand das US-amerikanische Vorbild airbnb (www.airbnb.com). Die Botschaft ist deutlich: Seinen Wohnraum zu teilen ist in! Wer bei Privatleuten statt im Hotel übernachtet lernt Stadt und Leute intensiver kennen und spart darüber hinaus noch Geld. Sehr viel mehr verrät die Plattform noch nicht – interessant sind aber die internationale Ausrichtung und die Ansage “Will be featured soon on Groupon”.

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Nur wenig früher gab Stephan Uhrenbacher sein neuestes Projekt 9flats.com (www.9flats.com) bekannt. Die Vermittlungsplattform für Privatübernachtungen ist ebenfalls eine deutsche Version von airbnb. Anders als viele vermuten stehen Reisenden unzählige Übernachtungsmöglichkeiten offen: kleines, billiges WG-Zimmer im Studentenviertel oder Metropolen-Loft mit Blick auf die Alster? Ferienwohnung oder Stadtrandvilla? Es geht bei 9flats.com längst nicht nur darum, einfach etwas Geld zu sparen. Nichtsdestotrotz kann man seine eigene Reise gut gegenfinanzieren, indem man die heimischen vier Wände zeitgleich weitervermietet – den Preis pro Nacht legt jeder Vermieter selbst fest und tritt davon 15 % an die Plattformbetreiber ab.

Ähnlich geht es beim Karlsruher Start-up gloveler (www.gloveler.de) zu. Hier steht noch mehr der Aspekt des günstigen Wohnens im Vordergrund. Das Versprechen: Über die Plattform wird die Buchung eines Privatzimmers so günstig wie die Buchung eines Hotelzimmers. Bei einer erfolgreichen Vermittlung wandern 10 % Bearbeitungsgebühr in die Kasse von gloveler. All diese Plattformen sind Weiterentwicklungen des ursprünglichen Couchsurfing-Gedankens. Während der Service dort kostenlos ist, steckt bei den oben genannten Konzepten ein Verdienstmodell dahinter.

Einer der jüngsten airbnb-Verschnitte ist das Koblenzer Start-up accoleo.com (www.accoleo.com). Eine Besonderheit ist, dass das Team um Geschäftsführer Gunnar Froh mit Großveranstaltungen wie der diesjährigen Bundesgartenschau kooperiert. Wer zu einem Event fährt und für diese Zeit eine private Übernachtungsmöglichkeit sucht, kann auf der Plattform nach Angeboten schauen.

Finanzielle Risiken teilen

Seit neuestem teilen die Deutschen sogar ihre Versicherungskosten. Möglich macht es das Berliner Start-up friendsurance (www.friendsurance.de), das mit einem erfrischenden Versicherungskonzept aufwartet: Mitglieder vernetzen sich mit vertrauenswürdigen Bekannten – zum Beispiel aus ihrem Facebook-Freundeskreis – und springen bei Bagatellschäden mit einem vorher festgelegten Betrag füreinander ein. Teilnehmende Versicherungen in den Bereichen Hausrat-, Haftpflicht- und Rechtsschutz senken ihre Prämien um 30 bis 70 %, da sie von den zahlreichen Bagatellschäden verschont bleiben. Denn wenn ein Netzwerk-Mitglied einen finanziellen Schaden erleidet, geben die anderen Mitglieder ihren Beitrag. Nur wenn die Endsumme nicht ausreicht, sorgt die Versicherung für den Rest. Diese solidarische Absicherung im Freundeskreis ist eine konstengünstige Alternative zu den hohen Gebühren, die Menschen für sämtliche Versicherungen im nicht-existenziellen Absicherungsbereich zahlen. Das Konzept treibt das Thema „Teilen“ in gewisser Weise auf die Spitze: Unter Umständen nehmen einzelne Mitglieder die Solidarität der anderen weitaus häufiger in Anspruch als umgekehrt.

Mit dem Teilen von freien Autoplätzen fing es an. Seitdem hat die Internetszene zahlreiche weitere Konzepte hervorgebracht, die Menschen zum Teilen von unterschiedlichsten Ressourcen bewegen. Spannend sind besonders solche Konzepte, die über die Möglichkeiten des World Wide Web den Bezug zur unmittelbaren Nachbarschaft herstellen. Wer darüber hinaus wissen will, was in seinem Stadtteil so angeboten wird, kann beim Online-Schwarzen-Brett conceptboard nachschauen – schwarze Bretter müssen schließlich nicht immer nur an Offline-Wänden hängen.

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Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.