Gründerinnen. “Die Rollenverteilung ist bei uns klassisch” – Julia Soergel von mite

Die deutsche Online-Gründerszene ist ein Männerverein. Auf Kongressen, Tagungen und sonstigen Branchenhöhepunkten sind Frauen die große Ausnahme. Aber es gibt sie! Jeden Mittwoch stellt deutsche-startups.de in der Reihe “Gründerinnen” eine interessante, wichtige oder […]
Gründerinnen. “Die Rollenverteilung ist bei uns klassisch” – Julia Soergel von mite

Die deutsche Online-Gründerszene ist ein Männerverein. Auf Kongressen, Tagungen und sonstigen Branchenhöhepunkten sind Frauen die große Ausnahme. Aber es gibt sie! Jeden Mittwoch stellt deutsche-startups.de in der Reihe “Gründerinnen” eine interessante, wichtige oder erfolgreiche Web-Unternehmerin vor.

Julia Soergel mischt die männer-dominierte Gründerszene gleich doppelt auf: Sie hat selbst gegründet und dies auch noch im technischen Bereich. Im Mai vergangenen Jahres rief sie zusammen mit Sebastian Munz die Firma Yolk ins Leben, deren erstes und bisher einziges Produkt das Projektzeiterfassungsprogramm mite (www.mite.yo.lk) ist. Die beiden Gründer kennen sich schon aus Studienzeiten, haben zusammen Druck- und Medientechnik an der Technischen Fachhochschule Berlin studiert. Als es an die Diplomarbeit ging, kam ein Anruf vom Professor: Sie hätten ein so ähnliches Thema eingereicht, dass sich entweder einer von ihnen stark umorientieren müsse oder sie eine gemeinsame Diplomarbeit schreiben sollten. Soergel und Munz entschieden sich für letzteres und setzten sich zusammen an das Thema “Agile Produktentwicklung im Neuen Web”, in dem es zum Beispiel um die entwicklungs- und unternehmenstechnischen Veränderungen im Web 2.0 geht. Sie stellten eigene Thesen auf und entwickelten einen “Proof of Concept”: mite. Schnell merkten sie, dass der Markt für ihr Konzept vorhanden war, und machten sich mit ihrer Idee selbständig: “Schon ein halbes Jahr später waren wir profitabel”, freut sich die Berlinerin.

Sowohl Soergel als auch Munz arbeiteten früher in Werbeagenturen. Dort hatten sie naturgemäß mit vielen unterschiedlichen Projekten zu tun, die Arbeitszeiterfassung war ein wichtiger Bestandteil ihrer Tätigkeit. Es gab unzählige Programme auf dem Markt, aber die beiden störten sich daran, dass diese meist aus “Controllersicht” entwickelt waren und nicht die Anwendbarkeit für sie als Grafikdesigner im Fokus hatten. “Mit mite wollten wir ein Thema anpacken, das viele nervt und abstößt, aber nun mal notwendig ist”, sagt Soergel. Sie wollte etwas entwerfen, das Kunden gerne zur Arbeitszeiterfassung einsetzen und nicht gezwungenermaßen.

“Wir wollen nur sinnvolle Features anbieten”

Profitabel ist das Berliner Unternehmen allein durch die Monatsgebühr, die fünf Euro pro Benutzer beträgt. Im Gegensatz zu vielen ähnlichen Anbietern gibt es keine abgespeckte, kostenfreie Version: “Wir wollen schlank bleiben und nur sinnvolle Features anbieten, die man auch wirklich benötigt”, erklärt die 27-Jährige. Das junge Unternehmen wirbt damit, dass Nutzer das Programm von Anfang an “intuitiv” bedienen können. Soergel ist überrascht, dass es im deutschsprachigen Raum bisher keine ihr bekannten Mitstreiter gibt, die ebenfalls den Fokus auf die Benutzerfreundlichkeit legen. Im Gegensatz zum englischsprachigen Raum, wo Soergel vor allem von getharvest.com (www.getharvest.com) und letsfreckle.com (www.letsfreckle.com) begeistert ist. Daneben gibt es Anbieter wie basecamphq.com (www.basecamphq.com) oder freshbooks.com (www.freshbooks.com), die Zeiterfassung als Feature miteingebaut haben.

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Auch wenn beide Gründer einen technischen Hintergrund haben: “Die Rollenverteilung ist bei uns klassisch”, lacht Soergel. Munz ist für die technische Entwicklung zuständig während sie sich um Kundenkommunikation, Support und Marketing kümmert. Vorurteile kennt sie nicht, dafür viele positive Reaktionen – gerade von männlichen Entwicklern. Auffällig findet sie, dass Frauen in dieser Branche oftmals bescheidener – und dadurch sympathischer – auftreten. Allerdings sei dafür die Angst vor Scheitern etwas größer als bei den männlichen Mitstreitern, Soergel führt dies auf einen gewissen Hang zum Perfektionismus zurück. “Männer haben weniger Probleme damit, auch mal ein mittelmäßiges Produkt rauszubringen, das noch nicht rund ist.” Einen weiteren Grund, warum es so wenige weibliche Gründerinnen – speziell im technischen Bereich – gibt, vermutet sie in der schwierigen Vereinbarkeit von Gründerdasein und Familie: “Teilzeit- und Elternzeitregelungen sind in einer Gründungsphase schwer zu realisieren.” Interessant sei jedenfalls, dass die Frauenquote im technisch basierten Großkonzern Microsoft relativ hoch ist: “Wahrscheinlich sind in großen Unternehmen einfach flexiblere Arbeitsbestimmungen möglich.”

Zur Person
Julia Soergel, Jahrgang 1982, stammt aus dem schwäbischen Überlingen. Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst als Werbefotografie-Assistentin in diversen Studios, bis sie in Berlin Druck – und Medientechnik studierte. Anschließend war sie als Junior Fronted Developerin für argonauten360 tätig sowie als freie Programmiererin, Grafikerin und Bloggerin für verschiedene Kunden. Im Jahr 2008 gründete sie mit Sebastian Munz die Yolk GbR.

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Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.