#Interview

“Autonomie und Unabhängigkeit sind uns sehr wichtig”

Seit dem Start von bettercoach setzen Rouven Faasch, Matthias Hüthmair und Markus Veith auf Bootstrapping. "Klar, wir mussten auch sparen. Aber die eingeschränkten finanziellen Mittel haben uns geholfen, dass wir uns fokussieren und uns nicht verzetteln", sagt Mitgründer Faasch.
“Autonomie und Unabhängigkeit sind uns sehr wichtig”
Donnerstag, 3. Dezember 2020VonAlexander Hüsing

Vor vier Jahren starteten Rouven Faasch und Markus Veith das Startup bettercoach, eine Plattformlösung, um Coaching, Development Programme und Workshops für Unternehmen zu managen. Inzwischen beschäftigt die Jungfirma 25 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen siebenstelligen Umsatz. Auf Investoren haben die Berliner bisher komplett verzichtet.

“Wir haben mit bettercoach nie einen Exit geplant. Autonomie und Unabhängigkeit sind uns sehr wichtig. Das erlaubt uns flexibel zu sein und Entscheidungen zu treffen, die wir für richtig halten. Langfristig und für uns selbst”, sagt Mitgründer Faasch. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht der bettercoach-Macher außerdem über Qualitätssicherung, Werbeanzeigen und Nutzungsgebühren.

Wie würdest Du Deiner Großmutter bettercoach erklären?
Du hast mir immer gesagt, dass es bei der Arbeit ums Geld verdienen und den Erfolg geht. Heute ist das immer noch wichtig: Aber die Menschen wollen sich mit der Arbeit identifizieren, sich weiterentwickeln und ein “Wir-Gefühl” schaffen. Dazu zählen auch Fragen der Teamführung. Coaching kann dabei helfen, indem ein Coach MitarbeiterInnen und Führungskräfte dabei unterstützt, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln und eine bessere Zusammenarbeit möglich zu machen. Mit bettercoach helfen wir MitarbeiterInnen und Führungskräften bei dieser Entwicklung. Natürlich profitieren auch die Unternehmen davon: wir bieten an, passende Coaches zu finden, administrative Arbeit zu sparen und das Coaching-Angebot laufend zu verbessern.

Hat sich das Konzept seit dem Start irgendwie verändert?
2015 sind wir mit der Idee gestartet, eine App für positives Denken auf den Markt zu bringen. Wir haben schnell gemerkt, dass das Produkt sehr erklärungsintensiv ist – selbst unsere Freunde haben es nicht richtig verstanden. Danach haben wir die Pain Points im Coaching-Markt identifiziert. Relativ schnell wurde uns klar, dass es kein einfaches digitales Angebot gibt, um Coaches und Unternehmen zusammen zu bringen. Für dieses Problem haben wir eine Lösung geschaffen und sind als digitaler Marktplatz für Coaching gestartet. Durch die Zusammenarbeit mit unseren ersten Kunden haben wir gemerkt, dass Unternehmen und deren Personal-Abteilungen alle Prozesse für Coaching händisch organisieren. Dies bedeutet einen großen Aufwand und macht eine umfassende, laufende Qualitätssicherung sehr schwer. Hier haben wir angesetzt und unseren digitalen Markplatz hin zu einer Management Software für Coaching entwickelt. Mittlerweile managene unsere Kunden ihre gesamten Aktivitäten rund um Coaching, aber auch Workshops und Change-Projekte digital über uns. Dabei greifen sie auf unseren globalen Pool von über 800 ExpertInnen zurück.

Die Corona-Krise traf die Startup-Szene zuletzt hart. Wie habt ihr die Auswirkungen gespürt?
Natürlich haben wir die Auswirkungen gespürt. Nachdem der Lockdown beschlossen wurde, haben viele Unternehmen ihre Budgets “eingefroren” und Entscheidungen “on hold” gesetzt. Davon waren auch die Budgets für Personalentwicklung betroffen. Nach einer gewissen Phase der Schockstarre ging es ab Mai/Juni wieder langsam bergauf. Wir haben früh reagiert und virtuelle Formate gestartet, die gut von den Bestandskunden und auch einigen neuen Kunden angenommen wurden. Diese Formate und die dazugehörigen Funktionen werden wir beibehalten. Zusätzlich haben wir in den letzten sechs Monaten seit dem Lockdown wichtige strategische Themen diskutiert, neue Services entwickelt und unsere operativen Prozesse optimiert. Das erhöht die Nutzerfreundlichkeit für unsere Kunden, spart uns Arbeit und hilft auf lange Sicht.

Wie ist überhaupt die Idee zu bettercoach entstanden?
Markus, mein Co-Gründer, und ich suchten damals nach neuen Herausforderungen. Wir haben uns damals mit psychologischen Fragestellungen beschäftigt und ein Coaching gemacht. Dabei haben wir gemerkt, wie schwer es ist, einen guten Coach zu finden. Nach diesem Prozess haben wir unseren Coachingmarktplatz gestartet.

Wie genau funktioniert eigentlich euer Geschäftsmodell?
Unser Modell funktioniert ähnlich wie das von anderen Plattformen, wie zum Beispiel airBnb. Wir sind Mittler zwischen Coach und Unternehmen und erhalten von beiden Parteien eine Nutzungsgebühr, mit der wir uns finanzieren.

Wie hat sich bettercoach seit der Gründung entwickelt?
Wir sind gesund und organisch gewachsen. Am Anfang haben wir zu Zweit an einem Schreibtisch gestartet. Nach circa einem Jahr kam unser dritter Geschäftsführer Matthias dazu, der bettercoach seitdem sehr positiv mitgeprägt hat. Danach kam unser CTO dazu und die ersten MitarbeiterInnen. Langsam sind wir dann innerhalb von vier Jahren auf mittlerweile 25 MitarbeiterInnen gewachsen. Auch unsere Kunden-Zielgruppe hat sich entwickelt: Am Anfang haben wir hauptsächlich mit Start-ups und mittelständischen Unternehmen gearbeitet. 2018 kam die Deutsche Telekom als erster DAX-Konzern dazu, gefolgt von der BASF und weiteren Konzernen wie Lanxess, DANONE, Capgemini. In dieser Zeit haben wir stetig an unserer Struktur, unseren Prozessen und unserem Produkt gearbeitet. Das ist der Grundstein dafür, dass wir eine große Anzahl von Coaching-Anfragen und das Account-Management erfolgreich gestalten.

Nun aber einmal Butter bei die Fische: Wie groß ist bettercoach inzwischen?
Wir haben 25 MitarbeiterInnen und einen siebenstelligen Umsatz. Eine weitere interessante Kennzahl: wir arbeiten mit vier DAX-Konzernen zusammen, vielleicht kommen in diesem Jahr noch zwei dazu.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen?
Bei uns sind zuletzt eher kleinere Dinge wieder schiefgegangen, größere „Fails” sind eher am Anfang passiert. Zum Beispiel hatten wir zum Launch unseres MVPs einen Freelance-Entwickler engagiert, der sich inmitten des Projektes nicht mehr gemeldet hatte. Nach zahlreichen Anrufen hat er uns eine Email geschrieben und erklärt, dass er aus dem Projekt aussteigt – vier Wochen vor dem Launch. Das hat unseren Zeitplan umgeworfen und wir mussten schnell eine Alternative suchen. Der Launch war dann um drei Monate verzögert. Aber wenn wir ehrlich sind, hatten wir schon vorher ein mulmiges Gefühl. Und das ist auch der Lerneffekt: schneller Erkennen und zu sich selber ehrlich sagen, wenn man kein gutes Bauchgefühl hat und gucken was es für Alternativen gibt.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Bei der Wahl unserer MitarbeiterInnen haben wir vieles richtig gemacht. Wir nehmen uns sehr viel Zeit für das Recruiting. Manchmal kann es auch anstrengend sein – aber wir wollen sichergehen, dass bei so einem kleinen Team die Chemie stimmt. Wir haben einen offenen und fairen Austausch miteinander, können uns vieles sagen. Auch wenn es manchmal hakt, haben wir bisher immer Lösungen gefunden. Unsere Team-Entwicklung ist ein Prozess und wir sind noch längst nicht fertig.

Ihr habt bettercoach bisher ohne Fremd-Finanzierungen und Kapitalgeber aufgebaut. War dies von Anfang an eine bewusste Entscheidung?
Ja! Wir haben mit bettercoach nie einen Exit geplant. Autonomie und Unabhängigkeit sind uns sehr wichtig. Das erlaubt uns flexibel zu sein und Entscheidungen zu treffen, die wir für richtig halten. Langfristig und für uns selbst.

Wie war der Start ohne fremdes Geld – was geht recht einfach, was ist als Bootstrapping-Start-up recht schwierig?
Am Anfang war es recht einfach, weil wir zu zweit waren. Markus und ich mussten lediglich sicherstellen, dass wir uns selbst finanzieren können. Ich hatte damals den Gründerzuschuss beantragt, nebenbei Workshops gegeben und ein bisschen Geld gespart. Markus hatte ein Einkommen durch sein erstes gegründetes Start-up. Da wir mit bettercoach direkt Umsätze generiert haben, konnten wir unsere Kosten decken. Schwieriger wurde es mit dem Wachstum und der Einstellung neuer MitarbeiterInnen. Unsere große Herausforderung ist, dass die Entscheidungszyklen bei den großen Unternehmen sehr lange dauern, teilweise bis zu 18 Monaten. Hierfür haben wir dann Brückenfinanzierungen über Kredite in Anspruch genommen.

Gab es denn viele Dinge, die Du einfach nicht umsetzen konntest, weil das Geld fehlte?
Wir haben immer darauf geachtet, dass wir ausreichend Geld haben, um die wirklich wichtigen Projekte durchführen zu können. Klar, wir mussten auch sparen, zum Beispiel bei Werbeanzeigen, Messe-Auftritten, Verbandsmitgliedschaften etc. Aber die eingeschränkten finanziellen Mittel haben uns geholfen, dass wir uns fokussieren und uns nicht verzetteln.

Was rätst du anderen Gründern, die sich für Bootstrapping entscheiden?
Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen. Für mich ist das Wichtigste, dass man sich auf einen Marathon und nicht einen Sprint einstellt. Mir hat es auch geholfen, meine eigenen Treiber und Werte zu verstehen. Mir ist der Wert Autonomie sehr wichtig und ich habe es gelernt, mein Durchhaltevermögen zu trainieren. Das sind gute Voraussetzungen für ein Bootstrapping. Ein kleines finanzielles Polster schadet nicht. Wenn man jedoch schnell viel Geld machen will und ein Exit anstrebt, ist Bootstrapping vielleicht nicht das richtige Modell.

Wo steht bettercoach in einem Jahr?
Wir denken Personalentwicklung ganzheitlich. Seit letztem Jahr bieten wir neben (internem und externem) Coaching auch digitale Workflows für Workshops und Change-Projekte an. In diesem Jahr haben wir neue Development-Programme, d.h. Journeys mit Coaching- und Workshop-Elementen für dezidierte Zielgruppen, gelauncht. Wir möchten Unternehmen dabei unterstützen, ihre Development-Aktivitäten mit uns digital weiterzuentwickeln, weil es einfach, kostensparend und qualitativ ist. Daran arbeiten wir kontinuierlich und das ist unsere Marschroute für das kommende Jahr. Auf der Produktseite wollen wir das Erlebnis für NutzerInnen, die MitarbeiterInnen und ManagerInnen, weiter verbessern. Das bedeutet z.B., dass NutzerInnen auch vor während und nach dem Coaching ein Feedback der KollegInnen bekommen, quasi ein 360°-Feedback. Damit können unsere Kunden gezielt evaluieren, welchen Effekt Coaching langfristig hat, auch auf das Umfeld. Daraus lässt sich die Wirksamkeit von Coaching, aber auch Workshops und Change-Projekten besser einschätzen und die Unternehmen können ihr Angebot verbessern.

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Foto (oben): bettercoach

Alexander Hüsing

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.