#Interview “Innovation muss zur DNA der Unternehmen werden”

"Das Ruhrgebiet wird der Hotspot für B2B-Startups werden. Optimistisch stimmen mich verschiedene Faktoren: der Innovationsdruck der Unternehmen, die Hochschuldichte und der Mentalitätswandel zu einer positiven Besetzung des Berufsbildes 'Gründer'", sagt Peter Trapp vom startport.
“Innovation muss zur DNA der Unternehmen werden”

Immer mehr Menschen im Ruhrgebiet machen ihr eigenes Ding, verfolgen ihren ganz eigenen Traum, gründen Startups und schaffen so die in der Region dringend benötigten Arbeitsplätze. Diese Unternehmen sind die Zukunft des Ruhrgebiets, diese Jungfirmen beweisen, dass das Revier mehr zu bieten hat als seine dreckige Vergangenheit. “Man merkt im Ruhrgebiet deutlich, dass die Aufbruchsstimmung zu einem richtigen Aufbruch geworden ist”, sagt Peter Trapp, Geschäftsführer des startport. Mit dem Startup-Programm startport will das Unternehmen duisport, der Betreiber des Duisburger Hafens, insbesondere Startups aus der Welt der Logistik anlocken. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Trapp unter anderem über Cluster, Herausforderungen und die neue Seidenstraße.

Im Ruhrgebiet entstehen seit einigen Jahren immer mehr Startups. Wie nimmst Du die Startup-Szene vor Ort derzeit wahr?
Wir sind im Ruhrgebiet nun an einem Punkt, wo wir in der Startup-Szene die ersten „Früchte“ ernten können. Relevante Akteure hier sind gut vernetzt, immer mehr Menschen in der Region kennen Programme und Personen, die ihnen bei ihrer Gründung weiterhelfen. Das merken wir auch bei startport – die Bewerbungen von Startups aus der Region nehmen spürbar zu! Das ist ein echter Schritt nach vorne für das Ruhrgebiet. Im Ruhrgebiet haben sich darüber hinaus thematische Cluster gebildet, bspw. für Cyber Security in Bochum oder Logistik in Duisburg. Die Bildung von Clustern hilft, Startups individuell zu fördern und mit den richtigen Branchenexperten zusammenzubringen. 

Was genau zeichnet denn überhaupt die Startup-Szene im Ruhrgebiet aus?
Gemünzt auf die Startups würde ich den Fokus auf das B2B-Modell nennen und eine gute Qualität der Startups. Im Ruhrgebiet wird noch vorsichtig gegründet – die Gründungen, die wir aber haben sind gut durchdacht und entlang eines ganz konkreten Problems von Unternehmen entwickelt. Das erhöht auf jeden Fall die Chance, dass die Startups erfolgreich sind. Viele Gründer haben vorher in einem Unternehmen gearbeitet und in diesem Kontext ihre Idee zur Gründung generiert. Hier zeigt sich: Das ist eine gute Voraussetzung für ein erfolgreiches Geschäftsmodell. Die Unternehmen im Ruhrgebiet zeichnet ihr Engagement aus. Viele Unternehmen wollen sich weiterentwickeln und dafür wollen sie auch mit Startups zusammenarbeiten. 

In der deutschen Startup-Hauptstadt Berlin gibt es mehr als 3.000 Startups, die rund 80.000 Menschen beschäftigen. Ist dies auf lange Sicht auch im Ruhrgebiet möglich?
Definitiv ja! Dafür müssen wir aber noch viel tun. Gerade im Ruhrgebiet sind vor allem B2B-Startups aktiv. Einerseits müssen die Lösungen der Startups so gut und passend sein, dass Unternehmen sie einsetzen wollen. Andererseits müssen die Unternehmen hier sehr offen dafür sein, sich mit diesen neuen Lösungen zu beschäftigen. Innovation muss zur DNA der Unternehmen im Ruhrgebiet werden. Das ist eine Herausforderung, die wir meistern müssen.

Das Ruhrgebiet ist generell wirtschaftlich gesehen eher ein Sorgenkind. Ist das jetzt ein guter oder ein schlechter Nährboden für Startups?
Man sagt ja so schön: Die Not macht erfinderisch. Durch den hier stattfindenden Strukturwandel ist eigentlich allen klar, dass wir Innovation, gute Ideen und neue Geschäftsmodelle benötigen. Für manche geht es um das wirtschaftliche Überleben. Da kommen Startups mit frischen Lösungen gerade zur rechten Zeit. 

Im Ruhrgebiet gibt es viele große Unternehmen und Konzerne. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil für junge Unternehmen?
Es kann beides sein, ich würde es aber vor allem als Chance begreifen. Große Unternehmen und Konzerne haben schon viele Strukturen und Erfahrungen, von denen junge Unternehmer lernen und sich etwas abschauen können. Gleichzeitig haben diese Unternehmen und Konzerne auch das notwendige Innovationsbudget, um auch einfach mal etwas Neues auszuprobieren. Das kann aber mitunter ein bisschen länger dauern und da wären wir beim Nachteil. Ich denke aber, dass das von Unternehmen zu Unternehmen ganz unterschiedlich ist.

Was läuft insgesamt gesehen im Ruhrgebiet in Sachen Startups und Gründertum schon gut?
Man merkt im Ruhrgebiet deutlich, dass die Aufbruchsstimmung zu einem richtigen Aufbruch geworden ist. Bei startport sind wir zum Beispiel nun nach zwei Jahren an einen Punkt gekommen, an dem wir uns die Frage gestellt haben: Wie können wir mit den Erfahrungen, die wir gemacht haben, noch besser werden? Unsere Antwort darauf ist eine große Partneroffensive, eine Neustrukturierung unseres Programms in einen Inkubator und einen Accelerator und noch mehr (Wo)Man-Power für unser Team. Mit diesen Schritten in Richtung Professionalisierung sind wir natürlich nicht alleine. Das machen auch andere Programme und ich glaube, dass wir angehenden Gründern nun im Ruhrgebiet vielfältigste Unterstützung bei ihren Visionen bieten können.

Was dagegen läuft noch nicht optimal?
Im Ruhrgebiet waren wir mit dem Thema „Gründungsförderung“ etwas später dran als andere Städte und sind über unsere Region hinaus noch nicht so bekannt für unsere Arbeit – aber das ist eher ein Image-Problem. Das ändert sich gerade, aber nun einmal noch nicht von heute auf morgen. Wir müssen noch besser darin werden bundesweit und international zu zeigen, was alles schon im Ruhrgebiet vorhanden ist. Entgegen unserer Mentalität der Bodenständigkeit benötigen wir eine große Portion Selbstbewusstsein! Ein weiteres Manko ist: Es gibt hier in der Region wenige Kapitalgeber, die „in der Champions League spielen“. Hier hat die Region noch einen großen Aufholbedarf gegenüber Berlin. Wir haben die Problematik erkannt und werden von unserer Seite das Thema adressieren. 

Wo siehst Du die Startup- und Digital-Szene im Ruhrgebiet in fünf Jahren oder gar in zehn Jahren?
Das Ruhrgebiet und die gesamte Rhein-Ruhr-Region wird der Hotspot für B2B-Startups werden. Optimistisch stimmen mich verschiedene Faktoren: der Innovationsdruck der Unternehmen, die große Hochschuldichte und der Mentalitätswandel hier im Ruhrgebiet zu einer positiven Besetzung des Berufsbildes „Gründer“. Es gibt einige sehr spannende Entwicklungen: Duisburg ist das Ende der neuen Seidenstraße aus China und wird mit dem Duisburger Hafen als führende Logistikdrehscheibe in Europa immer attraktiver für internationale Investoren und Unternehmen. Das wird auch die Startup- und Digital-Szene beflügeln.

Themenschwerpunkt Ruhrgebiet

#Ruhrgebiet: Gemeinsam mit dem ruhr:HUB berichtet deutsche-startups.de regelmäßig über die Startup-Szene im Ruhrgebiet. Mit hunderten Startups, zahlreichen Gründerzentren und -initativen, diversen Investoren sowie dutzenden Startup-Events bietet das Ruhrgebiet ein spannendes Ökosystem für Digital-Gründer – mehr im Startup Guide Ruhrgebiet. Das Buch “Wann endlich grasen Einhörner an der Emscher” wiederum erzählt die spannendsten Startup- und Grown-Geschichten aus dem Ruhrgebiet.

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Foto (oben): startport

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.