15 Fragen an Florian Kappert “Größere Unternehmen benötigen ausgereifte Produkte”

"Gründer haben oft keine Vorstellung davon, wie schwer und teuer es ist, tatsächlich Kunden zu gewinnen. Wir sind zudem im B2B-Software-Umfeld tätig und hier gelten noch ganz andere Gesetze als im Onlinehandel", sagt Florian Kappert, Mitgründer von Bilendo.
“Größere Unternehmen benötigen ausgereifte Produkte”

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Florian Kappert, Mitgründer von Bilendo. Das 2015 gegründete Unternehmen wurde von Markus Haggenmiller, Jakob Beyer und Kappert gegründet. Ihre SaaS-Anwendung übernimmt das Forderungsmanagement kleiner und mittelständischer Unternehmen und entlastet so deren Buchhaltung.

Was bedeutet es Dir, Dein eigener Chef zu sein?
Selbstbestimmt und mit eigenen Vorstellungen ein Produkt aufzubauen, das anderen Unternehmen dabei hilft, effizienter zu arbeiten.

Bei welcher Gelegenheit kam Dir die Idee zu Deinem Start-up?
Die Idee zu Bilendo ist aus der Praxis entstanden. Wir, das heißt mein Mitgründer Jakob Beyer und ich, waren vorher schon vorher selbstständig und haben gesehen, dass die meisten Unternehmen keine ordentlichen Prozesse in der Buchhaltung haben. Mit Markus Haggenmiller waren wir komplett und bereit, Bilendo zu gründen. Wir alle haben von Beginn an ein großes Potenzial in unserer Idee gesehen. Angefangen haben wir rund um das Thema Mahnwesen und Forderungsmanagement. Im letzten Jahr ist zusätzlich der Bereich Inkasso hinzugekommen. Aktuell arbeiten wir an der Portfolioerweiterung für die Vollautomatisierung der Debitorenbuchhaltung.

Woher stammte das Kapital für Euer Unternehmen?
Im ersten Jahr trugen wir die Kosten selbst und konnten zwei Business Angels für unser Vorhaben gewinnen. Später ist der Inkubator der Commerzbank, main incubator, zusammen mit Bayern Kapital eingestiegen. In einer weiteren Runde kamen dann die bestehenden Gesellschafter pro Rata und neue Investoren mit Schwerpunkt IT, SaaS und Finanzen hinzu.

Was waren bei der Gründung Deines Start-ups die größten Stolpersteine?
Wir wollten von Anfang an schlank starten und haben versucht, uns nach der “Lean Start-up”-Methode zu entwickeln. Das Problem war – und ist es teilweise immer noch – dass die Probleme, die wir mit Bilendo lösen, vor allem bei größeren Unternehmen auftreten. Größere Unternehmen benötigen aber ausgereifte Produkte. Um ein ausgereiftes Produkt liefern zu können, bedarf es aber natürlich zunächst großen Vertrauens seitens der Unternehmen – als junges Start-up konnten wir logischerweise zu Beginn auf beides nicht bauen.

Was würdest Du rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Das ist schwer zu sagen. Wir sind sehr zufrieden mit dem Start. Rückblickend wäre es auch reizvoll gewesen nicht “lean” zu starten, sondern erst das Produkt weiterzuentwickeln und später zu starten. Den großen Vorteil, dass wir das Produkt mit dem Markt entwickeln, hätten wir dann natürlich verloren und wären mehr auf unsere Intuition angewiesen gewesen.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Euch besonders wichtig?
Product first ist für uns das Wichtigste. Als mietbare Software-Plattform bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit, täglich zu kündigen. Wenn die Software nicht den gewünschten Nutzen bringt, ist jede Investition in Marketing und Vertrieb ein Stück weit rausgeworfenes Geld. Die Herausforderung ist die Gratwanderung der Budget-Allokation zwischen Produkt-Entwicklung und -Marketing.

Welche Person hat Dich bei der Gründung besonders unterstützt?
Wir sind als Gründer schon lange ein eingespieltes Team und arbeiten seit Jahren, auch schon vor Bilendo, zusammen. Wir können uns immer aufeinander verlassen und wissen, wie wir “ticken”. Das hilft in unruhigen Zeiten.

Welchen Tipp gibst Du anderen Gründern mit auf den Weg?
Oh, da gibt es ganz viel. In unserer Zeit vor Bilendo haben wir sehr, sehr viele Gründer und Ideen kennengelernt und viele davon umgesetzt. Die wichtigste Frage, die sich Gründer stellen müssen, ist mit Sicherheit: “Warum braucht man das?” Gründer haben oft keine Vorstellung davon, wie schwer und teuer es ist, tatsächlich Kunden zu gewinnen. Wir sind zudem im B2B-Software-Umfeld tätig und hier gelten noch ganz andere Gesetze als im Onlinehandel oder auch bei B2C-Geschäftsideen. Software benötigt Zeit, und Zeit ist etwas, das gerade bei Start-ups sehr knapp ist. Ich würde bei der Auswahl der Investoren Wert darauf legen, dass ein gewisses Maß an Software-Know-how mit dabei ist.

Du triffst den Bundeswirtschaftsminister – was würdest Du Dir für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Als FinTech-Start-up aus München stellen wir uns die Frage nicht. Bis unsere Wünsche im Wirtschaftsministerium gehört und umgesetzt sind, vergehen viele Jahre. Die Zeit rennt, Ressourcen sind knapp und teuer. Wir konzentrieren uns auf uns selbst – alles andere wäre fahrlässig.

Was würdest Du beruflich machen, wenn Du kein Start-up gegründet hättest?
Ein Start-up gründen.

Bei welchem deutschen Start-up würdest Du gerne mal Mäuschen spielen?
Vor Jahren dachte ich, dass es sehr erfahrene Gründer und Geschäftsleute gibt, die die Dinge irgendwie besser angehen würden und man viel lernen kann. Nach über 15 Jahren Selbständigkeit kann ich sagen: Alle kochen nur mit Wasser! Ich würde nirgendwo gerne Mäuschen spielen, um etwas auszuspionieren. Grundsätzlich hätte ich natürlich großes Interesse daran, in sehr stark wachsenden Unternehmen die Effekte kennenzulernen, die das Wachstum fördern oder erst möglich machen.

Du darfst eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reist Du?
Klingt blöd, aber ich würde im “Hier und Jetzt” bleiben. Ich finde, dass wir in einer der spannendsten Zeiten überhaupt leben. Alles entwickelt sich und alles verändert sich. Die quasi vierte industrielle Revolution hat gerade erst begonnen und die Entwicklungen der letzten zehn Jahre werden von den Entwicklungen der nächsten zehn Jahre in den Schatten gestellt werden. Hier sind wir gerne mit dabei und versuchen einen Beitrag zu leisten, was Software in Zukunft für Unternehmen tun kann.

Du hast eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machst Du mit dem ganzen Geld?
Eine 2-Zimmer-Wohnung in München kaufen.

Wie verbringst Du einen schönen Sonntag?
Mit Hund und VW-Bus in den Bergen.

Mit wem würdest Du dich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Oh, hier fallen mir viele ein: Sportlich würde ich gerne Tiger Woods treffen, natürlich auf dem Golfplatz. Ich fände es spannend, mit Goeffrey Moore – Crossing the Chasm – über Marketing und Sales, mit Larry Ellison über Software, mit Barack Obama über Politik und mit Bill Gates über die Zukunft zu sprechen.

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Foto (oben): Bilendo

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.