15 Fragen an Nelson Holzner von BillPay Damals war “FinTech weder ein Begriff noch sexy”

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Nelson Holzner von BillPay.
Damals war “FinTech weder ein Begriff noch sexy”

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
In erster Linie bedeutet es einen hohen Freiheitsgrad und viel Verantwortung. Ich schätze es, dass ich mit meinen Entscheidungen unmittelbar etwas schaffen und verändern kann. Gleichzeitig trage ich als Chef von BillPay eine große Verantwortung für mein Team, meine Kapitalgeber und Geschäftspartner und nicht zuletzt auch gegenüber den Aufsichtsbehörden wie der BaFin und Bundesbank, denen ich auch persönlich verantwortlich bin.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Ich habe BillPay 2009 mitten in der großen Finanzkrise gegründet, – also zu einem Zeitpunkt, als das Finanzwesen am Boden lag und FinTech weder ein Begriff noch sexy war. Damals war E-Commerce der beherrschende Trend und es wurde schnell klar, dass Dienstleistungen in diesem Bereich eine wichtige Rolle spielen würden, wenn sie sowohl dem Handel als auch den Kunden helfen würden. Und genau das machen wir bei BillPay: Einfache Zahlungen, die dem Handel mehr Umsatz bescheren und den Kunden Sicherheit und Flexibilität bringen.

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
BillPay wurde von Holtzbrinck Ventures, Rocket Internet, Kinnevik und Reinhold Zimmermann sowie über Kreditlinien bei Finanzinstituten finanziert. Damit haben wir BillPay profitabel gemacht, sind inzwischen deutscher Marktführer im E-Payment-Sektor und wickeln ein deutlich höheres jährliches Payment-Volumen ab als der Wettbewerb in Deutschland. Derzeit finanziert sich das Unternehmen aus dem Cashflow.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Die Herausforderungen, ein Unternehmen zu schaffen, sind sehr vielschichtig. Diese Komplexität zu erkennen, die richtigen Prioritäten zu setzen und dann schnell und entschieden den Plan sauber zu exekutieren war für mich anfangs nicht einfach – zumal ich vieles zum ersten Mal gemacht habe. Hinzu kam in den ersten Jahren der Druck des harten Wettbewerbs. Außerdem habe ich mehr Zeit für die Akquise von frischem Kapital eingesetzt, als ich mir wünschte. Da gilt abgewandelt die alte Fußballweisheit von Sepp Herberger: Nach der Finanzierungsrunde ist vor der Finanzierungsrunde.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Nicht sehr viel, wenn man das damalige Umfeld betrachtet. Produktseitig hätten wir schon früher besondere Services für unsere Endkunden schaffen sollen, denn sie sind es, die unsere Bezahlmethoden auswählen und dadurch auch den Mehrwert für unsere Handelspartner bieten. Das haben wir nun getan, unter anderem mit dem Online-Kundenportal „Mein BillPay“. Außerdem hätten wir früher ein Mitarbeiterbeteiligungsprogramm schaffen sollen, um unser großartiges Team besser am Erfolg von BillPay teilhaben zu lassen.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Das ist sicherlich ein weiterer Punkt, den ich rückblickend anders machen würde: Wir haben uns mit PR und Marketing in den ersten Jahren sehr zurückgehalten, weil wir erst einmal ein erfolgreiches Unternehmen bauen wollten, bevor man überall erzählt, was man Tolles vorhat. Marketing war bei uns lange Zeit darauf ausgerichtet, möglichst viele und ins besonders gute Handelspartner zu gewinnen, also ein klassischer b2b-Ansatz mit Präsenz auf Messen, Kongressen und einem Direktvertrieb. Dies wandelt sich gerade hin zu einem ausgewogeneren Mix von Marketing für den Handel und für unsere rund neun Millionen Endkunden.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Neben Familie und Freunden haben mich besonders diejenigen Mitstreiter unterstützt, die mir zu Beginn ihr Vertrauen geschenkt haben und großen Anteil daran hatten, aus BillPay ein erfolgreiches Unternehmen zu machen. Besonders hervorzuheben sind Jan Wehrs, unser CTO und erster Mitarbeiter, von dem ich viel über IT lernen durfte. Und Sven Brauer, unser COO, der als Werkstudent bei uns begonnen und dann eine Wahnsinnskarriere hingelegt hat.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Ein Unternehmen zu gründen, aufzubauen und erfolgreich zu machen, ist eine spannende und erfüllende Aufgabe, die viel persönlichen Einsatz erfordert und einen immer wieder auch an Abgründe und persönliche Grenzen führt. Deshalb sollte sich jeder potentielle Gründer fragen: Bin ich bereit, über Jahre einen Großteil meiner Freizeit zu opfern? Kann ich mit Scheitern umgehen? Bringe ich das erforderliche Maß an Durchhaltewillen und Leidenschaft mit? Fühle ich mich mit der großen Verantwortung gegenüber Familie, Freunden, Mitarbeitern, Geldgebern und anderen Stakeholdern wohl? Wer eine dieser Fragen verneint, sollte sich lieber erst einmal in einem bestehendem Start-up ausprobieren.

Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Deutschland bietet als Standort viele Voraussetzungen für erfolgreiche Gründungen. Aber die Politik muss einige Herausforderungen der Zukunft klarer erkennen und entschlossener angehen:
1. Der Staat muss mehr in die Bildung investieren. Wir brauchen sehr gut ausgebildete und engagierte junge Menschen, von denen es aufgrund der demografischen Entwicklung zu wenig gibt. Daher sind moderne Schulen und Universitäten, aber auch vorschulische Betreuungsplätze in ausreichender Zahl oberste Priorität. Und es muss leichter werden, geeignete Bewerber aus dem Ausland einzustellen.
2. Der Grad an Regulierung überfordert kleine und junge Unternehmen oft und schießt häufig über das gut gemeinte Ziel hinaus. Hier meine ich Regeln, die für jedes Unternehmen unabhängig von der Größe gelten. So gibt es Arbeitsschutzrichtlinien, die vorschreiben, dass Computer-Monitore keine dunklen Farben haben dürfen, aber helle beziehungsweise weiße Monitore praktisch kaum mehr produziert und verkauft werden. Die Politik täte gut daran, dieses Dickicht an Vorschriften zu durchforsten und Regulierung auf das Wesentliche beschränken.
3. Wir brauchen eine erstklassige digitale Infrastruktur, die ggf. mit staatlichen Anreizen geschaffen werden muss.
4. Und schließlich benötigen wir Steuergesetze, die Investitionen attraktiv und verlässlich planbar machen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber derzeit nicht gegeben.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Vermutlich würde ich dann weiterhin als Investor arbeiten.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
Es gibt eine Reihe von spannenden Themen, gerade in meinem Beritt FinTech. Number26 hat ein tolles Mobile-first-Produkt geschaffen und einen interessanten Produktansatz. Gleichzeitig würde ich gern mehr über das Geschäftsmodell erfahren, weil Kunden kaum bereit sind, für klassische Kontodienstleistungen zu zahlen und es eher ein Überangebot an Krediten gibt. Da würde mich der Blick hinter die Kulissen schon reizen.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
In die Zeit der Renaissance, um zu erleben, wie sich die Menschen von dem dunklen Mittelalter befreit haben.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Den größten Teil würde ich konservativ anlegen, einen Teil in überzeugende Gründerteams investieren und mit einem kleineren Teil reisen.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Im Frühling und Sommer auf oder am Wasser, ob Wannsee oder Meer. Bei Kälte eher gemütlich zu Hause nach einem Spaziergang.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Eric Schmidt, der als ehemaliger CEO von Google und jetziger Chairman von Alphabet ein extrem erfolgreiches und großes Unternehmen mit geschaffen hat, das gleichzeitig dauerhaft innovativ ist. Das gelingt nur sehr wenigen Unternehmen.

Im Fokus: Weitere Fragebögen in unserem großen Themenschwerpunkt 15 Fragen an

Zur Person:
Nelson Holzner gründete BillPay 2009 in Berlin und leitet das Unternehmen als Chief Executive Officer. Vor der Gründung Nelson Holzner Vice President bei dem international tätigen Finanzinvestor Cerberus Capital Management mit Fokus auf den Bankensektor. Holzner hat Abschlüsse in Rechtswissenschaften von der Universität Kiel sowie der
University of Illinois und eine Anwaltszulassung in Deutschland und dem Staat New York/ USA.

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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