#Hintergrund

Vly: Ein Hype ist keine Bewertungsbegründung #DHDL

Schon beim Eingangs-Statement konnte man klar an der Reaktion der Löwen erkennen, dass die Bewertung von 6,25 Millionen Euro, die die drei Vly-Gründer aufriefen, zu den höheren in "Die Höhle der Löwen" gehörte. Ist das Durchsetzen einer solchen Bewertung überhaupt möglich?
Vly: Ein Hype ist keine Bewertungsbegründung #DHDL
Dienstag, 8. September 2020VonRuth Cremer

Den Löwen gefiel das Produkt und der Auftritt der Gründer – die Bewertung von über 6 Millionen allerdings gar nicht. Dennoch schienen sich die drei Berliner ihrer Sache recht sicher zu sein. An Georg Koflers Angebot konnte man aber sehen, wie weit die Vorstellungen auseinander lagen. Da drängt sich die Frage auf: Ist das Durchsetzen einer solchen Bewertung überhaupt möglich?

Schon beim Eingangs-Statement konnte man klar an der Reaktion der Löwen erkennen, dass die Bewertung von 6,25 Millionen Euro, die die drei Vly-Gründer aufriefen, zu den höheren in “Die Höhle der Löwen” gehörte. Denn diese Post-Money-Bewertung, die sich aus dem Angebot von 500.000 Euro für 8 % ergibt, ist zwar bei Weitem nicht die höchste der Sendung gewesen, wird aber normalerweise nur von Unternehmen aufgerufen, die bereits länger am Markt sind und starke Umsatzzahlen vorweisen können.

Das hat – in der Sendung und allgemein im Bezug auf Startup-Investments – natürlich vorwiegend den Grund, dass, je sicherer man glaubt, den Erfolg vorhersagen zu können, desto höhere Investmentsummen sind auch realistisch. Denn Investoren wollen bei allem Mut zur Innovation natürlich auch ihr Risiko minimieren. Im Allgemeinen werden sie daher immer nur so viel investieren, wie zur Erreichung des nächsten Meilensteins (z.B. Prototyp, erste Markttests, Markteinführung) nötig ist, um bei Erfolg gegebenenfalls noch einmal nachzulegen, bei Misserfolg aber nicht so viel verloren zu haben. Daher sollte man als GründerIn auf Investorensuche seine Finanzierungsstrategie auch immer darauf gründen, die Fragen zu beantworten: Was ist der nächste Schritt? Wie viel Geld brauche ich, um diesen machen zu können und wie genau setze ich es ein, um ihn erfolgreich zu absolvieren?

Im Falle von Vly wird allerdings schnell klar, dass das Unternehmen eigentlich noch nicht in der passenden Phase ist, um diese Geldsumme zu einer solch hohen Bewertung einzusammeln. Die Gründer setzen den Schwerpunkt ihrer Bewertungsargumentation daher anscheinend auf den Markt. Denn wer sich für nachhaltige und vegane Ernährung interessiert und regelmäßig einkaufen geht, kennt die Fülle an neuen Milchersatzprodukten, die in den letzten Monaten die Regale erobert haben. Neue Startups wie etablierte Marken kämpfen bereits darum, eine feste Größe in den Küchen der Verbraucher zu werden. Der Markt scheint riesig, was die Gründer auch stark betonen – und die Löwen bestätigen. Ein nachhaltiges Produkt noch gesünder zu machen bringt natürlich jede Menge Sympathiepunkte – trotzdem äußern die Löwen auch immer wieder ihren Unmut über die hohe Bewertung. Und wer die Sendung häufiger sieht, weiß, dass allein der Verweis auf den riesigen und spannenden Markt normalerweise nicht gut ankommt. So kommentiert auch Ralf Dümmel die entsprechenden Ausführungen der Gründer: “Größe des Marktes ist nicht unbedingt das beste Argument” – und war damit im Vergleich noch  sehr freundlich.

Und eigentlich sollte das auch einleuchtend sein, denn was wäre, wenn die Marktgröße ein valides Bewertungsargument wäre? Die Marktgröße ist ja zunächst unabhängig vom Unternehmen selbst, also warum sollte dann gerade ein junges Unternehmen, das noch kaum gezeigt hat, ob es diesem Markt gewachsen ist, automatisch mehr wert sein? Außerdem kann ein großer Markt auch Nachteile haben. Wenn z.B. die Menge der Kunden sehr heterogen ist und damit das Marketing komplexer und teurer, da verschiedene Kundengruppen unterschiedlich angesprochen werden müssen, ist dann ein Unternehme in diesem Markt pauschal weniger wert? An diesen einfachen Beispielen sieht man schon, dass man sich mit der Marktgrößenargumentation schnell auf dünnes Eis begibt. Trotzdem hört man sie auf Startup-Events immer noch viel zu häufig, und es scheint auch immer wieder Startups zu geben, die scheinbar völlig überhöhte Bewertung durchsetzen können. Dies geschieht meistens in absoluten Trend-Märkten, wenn sogenannte Hypes entstehen. Für einen solchen Hype reicht ein großer Markt aber allein noch nicht aus, es braucht auch eine starke Bewegung und deutliche Trends zu übermäßigem Wachstum innerhalb dieses Marktes. Oft gab es dann bereits ein erstes Startup, dass durch eine starke Wachstumsgeschichte aufgefallen ist. Unter Investoren kann es dann zu einem regelrechten Wettbewerb kommen, in diesen Markt zu investieren und ebenfalls viel beachtete Erfolgsgeschichten zu schreiben. Dadurch verschärft sich der Wettbewerb um die besten Startups und die Bewertungen werden nach oben getrieben. Doch wie auch Dr. Georg Kofler erwähnte, zieht ein Markt mit einem starken Hype auch die großen Player der Branche an. Das wiederum führt meistens dazu, dass man nur mit schnellem Aufbau einer starken Marke dort bestehen kann, was wiederum den Investment-Bedarf nach oben schießen lässt. Weil für zukünftige Investment-Runden noch Anteile übrig bleiben müssen, steigen dann oft die Bewertungen usw. 

Im Falle veganer Mich-Ersatzprodukte könnte man sicherlich von einem Hype sprechen, worauf die Gründer von Vly wohl auch größtenteils ihre Bewertung basiert haben. Doch abzusehen, welches Produkt oder Unternehmen das Rennen um die Plätze in den Regalen, die Herzen der Verbraucher  und die entscheidende Markenbekanntheit gewinnt, ist praktisch unmöglich. Oder, wie es Judith Williams nannte: “Das ist ‘ne Wette”: denn der Investor “setzt” hier praktisch auf ein Startup wie auf ein Pferd beim Pferderennen.

Ganz abgesehen davon, dass es auch für ein Startup Nachteile haben kann, Investment zu einer Hype-Bewertung anzunehmen, beruht diese eben nicht auf rationalen Kriterien und hält daher einige Fallstricke für die Zukunft bereit. Diese hoch spekulative Art der Bewertung kommt trotzdem immer mal wieder vor – beschränkt sich meistens aber auf eine bestimmt Art von Investoren. Wer die Löwen kennt, weiß aber, dass sie sich bisher noch nie als Hype-Investoren gezeigt haben.

Tipp: Alles über die Vox-Gründer-Show gibt es in unserer DHDL-Rubrik. Die jeweiligen Deals und Nicht-Deals gibt es hier: “Die Höhle der Löwen (8. Staffel)“, “Die Höhle der Löwen (7. Staffel)Die Höhle der Löwen” – Deals (6. Staffel)Die Höhle der Löwen” – Deals (5. Staffel), “Die Höhle der Löwen – Deals (4. Staffel)“, Die Höhle der Löwen – Deals (3. Staffel)“, “Die Höhle der Löwen – Deals (2. Staffel)“, “Die Höhle der Löwen – Deals (1. Staffel)“.

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Foto (oben):  TVNOW / Bernd-Michael Maurer

Ruth Cremer

Ruth Cremer ist Mathematikerin und Beraterin sowie Hochschuldozentin im Bereich Geschäftsmodelle, Kennzahlen und Finanzplanung. Als ehemaliger Investment Manager weiß Sie, worauf Investoren achten und hilft bei Pitch- und Dokumentenvorbereitung auch im Investment- oder Akquisitionsprozess. In der aktuellen sechsten Staffel von “Die Höhle der Löwen” war sie als externe Beraterin in die Auswahl und Vorbereitung der Kandidaten involviert.