#Interview “Die wenigsten Startup-Metropolen sind aus einer florierenden Wirtschaft entstanden”

"Das Ruhrgebiet ist ein perfekter Nährboden für Kreative und Startups: unterschiedlichste Städte mit jeweils eigener Identität, viele Chancen im Bereich Digitalisierung der herstellenden Industrie, und: es gibt bereits eine gut vernetzte Startup Szene", sagt Christian Lüdtke von der Gründerallianz Ruhr.
“Die wenigsten Startup-Metropolen sind aus einer florierenden Wirtschaft entstanden”

Immer mehr Menschen im Ruhrgebiet machen ihr eigenes Ding, verfolgen ihren ganz eigenen Traum, gründen Startups und schaffen so die in der Region dringend benötigten Arbeitsplätze. Diese Unternehmen sind die Zukunft des Ruhrgebiets, diese Jungfirmen beweisen, dass das Revier mehr zu bieten hat als seine dreckige Vergangenheit. “Dass hier gerade so viel passiert, schafft natürlich auch Erwartungen, dass das Ruhrgebiet auch überregional an Bedeutung in der Startup Szene gewinnt und hier bald die ersten Einhörner grasen”, sagt Christian Lüdtke von der Gründerallianz Ruhr, einer Startup-Initiative des  Initiativkreis Ruhr. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Lüdtke unter anderem über Hilfsbereitschaft, Innovationstreiber und die Vernetzung der Szene im Ruhrgebiet.

Im Ruhrgebiet entstehen seit einigen Jahren immer mehr Startups. Wie nimmst Du die Startup-Szene vor Ort derzeit wahr?
Gute Ideen und auch Gründer gab es hier ja schon immer – aber das Ökosystem hat sich in den letzten Jahren extrem weiterentwickelt: Vor drei Jahren wusste hier noch kaum jemand was ein Meetup ist. Heute gibt es zu jedem Thema, unterschiedlichsten Formaten und in jeder Stadt des Ruhrgebiets eines. Außerdem Accelerator Programme, Netzwerk Events, Venture Capital,… you name it.  Durch die unterschiedlichen Angebote merkt man, dass sich auch die Startups hier sehr viel schneller professionalisieren was Pitches, Vertrieb etc angeht. Bei der Startup Expo beim RuhrSummit zum Beispiel sieht man jedes Jahr, wie sich die Szene entwickelt und die Qualität und auch Vielfalt steigt – also ich bin großer Fan davon, wo es gerade im Ruhrgebiet hingeht. 

Was genau zeichnet denn überhaupt die Startup-Szene im Ruhrgebiet aus?
Vernetzung. Entweder man kennt sich untereinander oder man lernt als Neuling sehr schnell jemanden kennen, der jemanden kennt, der jemanden kennt,…  und vor allem dann auch bei der Vernetzung hilft! Denn auch das zeichnet die Startup-Szene im Pott aus: Hilfsbereitschaft. 

In der deutschen Startup-Hauptstadt Berlin gibt es mehr als 3.000 Startups, die rund 80.000 Menschen beschäftigen. Ist dies auf lange Sicht auch im Ruhrgebiet möglich?
Definitiv! Im Ruhrgebiet gibt es aufgrund der hohen Universitätsdichte, in den Konzernen und im Mittelstand sehr viele gut ausgebildete und clevere Menschen. Gerade die Unis investieren im Moment extrem in ihre Gründer- und Transferzentren und wurden mit mehreren Millionen für die nächsten Jahren gefördert. Allein die RUB hat über 20 Millionen Euro für ihre Startup-Aktivitäten bekommen, bringt fünf neue Inkubatoren an den Start, baut auf dem Gelände des ehemaligen Opel-Standortes einen Technologiecampus inkl. einem der größten Makerspaces in Deutschland auf und holt internationale Experten aus Israel, Japan und den USA ins Ruhrgebiet. Die Infrastrukturen für Gründungen sind also schon da – wir müssen es nur schaffen, diese Gründer auch im Ruhrgebiet zu halten. Und das funktioniert nur, indem auch die Konzerne und der Mittelstand hier die Türen aufmachen und mit diesen Experten gemeinsam das Ruhrgebiet wieder als Standort für Innovation etablieren, der Fachkräfte und Innovationstreiber anzieht und Arbeitsplätze schafft. 

Das Ruhrgebiet ist generell wirtschaftlich gesehen eher ein Sorgenkind. Ist das jetzt ein guter oder ein schlechter Nährboden für Startups?
Die wenigsten Startup-Metropolen sind aus einer florierenden Wirtschaft und in den Nobelvierteln entstanden. Auch heute siedelt sich die Kreativszene meist erstmal in den strukturschwächeren Vierteln an. Zum einen weil schlicht die Mieten günstiger sind, aber auch weil Gentrifizierung die Kreativität weniger fördert als unterschiedliche Einflüsse und Entwicklungspotential direkt vor der eigenen Haustür. Das Ruhrgebiet ist damit ein perfekter Nährboden für Kreative und Startups: unterschiedlichste Städte mit jeweils eigener Identität, viele Chancen im Bereich Digitalisierung der herstellenden Industrie, und: es gibt bereits eine gut vernetzte Startup Szene, die von unterschiedlichen Akteuren wie Wirtschaftsförderungen, Vereinen wie dem Initiativkreis Ruhr und Unternehmen wie der RAG, Evonik oder Haniel unterstützt wird. 

Im Ruhrgebiet gibt es viele große Unternehmen und Konzerne. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil für junge Unternehmen?
Für B2B-Startups ist das natürlich ein riesen Vorteil – denn wie gesagt: Man kommt hier über unterschiedliche Kanäle und Formate sehr schnell miteinander ins Gespräch, sodass es gut sein kann, dass man beim Meetup den nächsten Kunden kennenlernt. Aber auch über Programme wie den Data Hub Ruhr oder Matchmaking-Veranstaltungen, wie wir sie bei der Gründerallianz machen, bekommt man schnell Zugang zu den Corporates. 

Was läuft insgesamt gesehen im Ruhrgebiet in Sachen Startups und Gründertum schon gut?
Dass es viele Initiativen, Unternehmen und Verbände gibt, die erkannt haben, wie wichtig das Thema Startup-Förderung ist und daher unterschiedliche Angebote und Programme für Startups anbieten. 

Was dagegen läuft noch nicht optimal?
Die Absprache der Akteure untereinander. Viel Angebot ist super, koordinierte Angebote, die sich ergänzen statt doppeln sind noch besser. Daher wollen wir mit der Gründerallianz Ruhr unseren Fokus auch verstärkt auf das Thema Vernetzung der Ökosystem-Akteure legen, um das breite Angebot in der Region für alle transparent zu machen.

Wo siehst Du die Startup- und Digital-Szene im Ruhrgebiet in fünf Jahren oder gar in zehn Jahren?
Dass hier gerade so viel passiert, schafft natürlich auch Erwartungen, dass das Ruhrgebiet auch überregional an Bedeutung in der Startup Szene gewinnt und hier bald die ersten Einhörner grasen. Wenn die großen Hebel wie die Exzellenzförderung der Unis, attraktive Immobilien wie der Digital Campus Zollverein oder das Casino Essen und auch Venture Capital richtig und gezielt für die Entwicklung von Startups im Ruhrgebiet eingesetzt werden, haben – und halten! – wir hoffentlich die ersten Einhörner an der Ruhr. 

Themenschwerpunkt Ruhrgebiet

#Ruhrgebiet: Gemeinsam mit dem ruhr:HUB berichtet deutsche-startups.de regelmäßig über die Startup-Szene im Ruhrgebiet. Mit hunderten Startups, zahlreichen Gründerzentren und -initativen, diversen Investoren sowie dutzenden Startup-Events bietet das Ruhrgebiet ein spannendes Ökosystem für Digital-Gründer – mehr im Startup Guide Ruhrgebiet. Das Buch “Wann endlich grasen Einhörner an der Emscher” wiederum erzählt die spannendsten Startup- und Grown-Geschichten aus dem Ruhrgebiet.

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Foto (oben): Gründerallianz Ruhr

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.