#Fragebogen “Kaum jemand traute mir zu, eine erfolgreiche Unternehmerin sein zu können”

"Ich würde mir von der Regierung wünschen, die Themen „Zukunft der Arbeit“ und „Zukunft des Lernens“ noch ernster zu nehmen und Idee und Neuerungen schneller voranzutreiben bzw. umzusetzen", sagt Kim Nilsson, Mit-Gründerin von Pivigo.
“Kaum jemand traute mir zu, eine erfolgreiche Unternehmerin sein zu können”

Regelmäßig beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Kim Nilsson, Mit-Gründerin von Pivigo. Die promovierte Astrophysikerin gründete den Data-Science-Hub Pivigo bereits 2013. Das Startup  aus London hilft Unternehmen sich digital zu transformieren.

Was bedeutet es Dir, Dein eigener Chef zu sein?
Mein eigener Chef zu sein, bedeutet für mich, dass ich mich zu jeder Zeit Themen widmen kann, die mir wichtig sind. Ich hatte schon immer das Verlangen, Dinge, die mir als optimierungsbedürftig erschienen, verbessern oder verändern zu wollen. Mit Pivigo komme ich genau dieser Affinität nach. Es ist mir ein großes Anliegen, die Karrierechancen von MINT-Akademikern maßgeblich zu verbessern. Auf der anderen Seite möchte ich aber auch Unternehmen bei der Durchführung datengesteuerter Projekte helfen und sie bei ihrer digitalen Transformation unterstützen. Die Realisierung beider Herzensangelegenheiten liegt in meiner eigenen Verantwortung. Diese Handlungsfreiheit gefällt mir sehr und der Drang erfolgreich zu sein, treibt mich voran.

Bei welcher Gelegenheit kam Dir die Idee zu Deinem Start-up?
Die Idee, einen Data-Science-Hub zu gründen und aufzubauen, entstand 2013 während meines Masterstudiums ins Business Administration. Digitale Transformationsprozesse und die effiziente Nutzung von Daten stellen viele Unternehmen vor große Herausforderungen. Nicht selten fehlt ihnen jegliches Verständnis für den eigentlichen Nutzen von Big Data. Andererseits existiert ein sehr großer Pool an äußerst talentierten MINT-Absolventen, die mit dem Gedanken eines Karrierewechsels spielen. Wir lösen dieses Problem, indem wir mit unserem Data-Science-Hub eine Brücke zwischen Firmen und Datenwissenschaftlern schlagen. Darüber hinaus haben Doktoranden und Master-of-ScienceAbsolventen durch die Teilnahme an unserem innovativen Ausbildungsprogramm „Science to Data Science“ die Möglichkeit, eine intensive Schulung zu erhalten. Während dieser Fortbildung setzen sie für renommierte Firmen verschiedene datenwissenschaftliche Projekte um und haben zugleich die Möglichkeit, erste Kontakte mit diesen zu knüpfen. Teilnehmer unserer Schulung lernen demnach sehr praxisorientiert und können zudem erste wichtige Business-Kontakte knüpfen. Für Firmen spiegelt sich der Mehrwert dieses Programmes in der unterstützenden Realisierung aktueller Projekte sowie dem Kennenlernen potenzieller neuer Mitarbeiter wider.

Woher stammte das Kapital für Dein Unternehmen?
In Pivigo steckt einiges an Eigenkapital, doch inzwischen konnten wir aber auch einige Investoren für unsere Idee gewinnen. Seit der Gründung haben circa 40 Investoren in unser Business investiert. Insgesamt konnten wir so mehr als 2 Millionen britische Pfund einsammeln, wodurch wir den Ausbau unserer Geschäftsidee deutlich vorantreiben konnten. Angel-Investorin von Pivigo ist Regina von Flemming. Sie ist nicht ganz unbekannt in der Medienbranche – sie war von 2005 bis 2015 Geschäftsführerin der Axel Springer AG Russland und als Herausgeberin u.a. von Forbes und Newsweek Russia tätig. Ebenso in unser Unternehmen investiert hat Michael Hecker, der sich ebenfalls mit einem Investment an Flixbus beteiligte. Auch den Londoner Investmentfond LCIF, der durch den Bürgermeister und das Unternehmenspanel (LEP) Londons finanziert wird und innovative Londoner Start-ups aus den Bereichen Wissenschaft, Digitaltechnik und Technologie fördert, konnten wir von unserer Idee überzeugen.

Was waren bei der Gründung Deines Start-ups die größten Stolpersteine?
Da wir anfangs nur auf Eigenkapital und kein Investment zurückgreifen konnten, gestaltete sich der Start von Pivigo etwas schwierig. Alles geschah langsam und war auch etwas frustrierend. Große Sprünge konnten wir uns nicht leisten. Wir mussten Schritt für Schritt vorgehen, hatten so aber die Möglichkeit, den Markt genau kennenzulernen und uns auf die Bedürfnisse potentieller Kunden einzustellen. Ohne Fremdkapital war auch die Umsetzung unseres firmeneigenen Schulungsprogrammes eine große Herausforderung. Alle Kosten musste von Sponsoren getragen werden, da wir zu diesem Zeitpunkt noch keine Finanzierungsrunde abgeschlossen hatten. Zugleich beabsichtigten wir aber, unser „Science to Data Science“-Programm so groß wie möglich aufzuziehen. Wir wollten von Anfang an eine Vielzahl von Teilnehmern herantreten und ihnen verschiedenste, auf ihre Wünsche zugeschnittene Varianten der Fortbildung anbieten. Zum Durchbruch verhalf uns KPMG. Das international tätige Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens fand unsere Idee großartig und unterstützte uns mit einem großen Sponsoring. Seitdem steht uns das Unternehmen auch als starker Partner zur Seite.

Was würdest Du rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Ich würde definitiv mehr Netzwerken. Mir war zwar der Wert guter Kontakte relativ früh bewusst, wie wichtig ein starkes Netzwerk aber für die erfolgreiche Entwicklung eines Unternehmens ist, habe ich erst später verstanden. Wenn ich noch einmal „anfangen“ würde, würde ich auf jeden Fall versuchen, Teil eines Startup-Inkubators oder Accelerators zu werden. Als Gründer profitiert man hier nicht nur von einem Mentoring- und Förder-Programm, sondern auch von einem sofortigen Zugang zu einem unternehmerischen Netzwerk. Rückblickend hätte uns solch eine Teilnahme – zumindest in der Anfangsphase – sehr geholfen und die Entwicklung von Pivigo maßgeblich beschleunigt.

Jedes Startup muss bekannt werden. Welche Marketing-Spielart ist für Euch besonders wichtig?
Empfehlungen waren für uns schon immer sehr wichtig. Die Communities der Data Scientists und Akademiker sind relativ klein, aber sehr gut vernetzt. Hat man als Unternehmen erst einmal einen guten Ruf in der Szene, wird man auch weiterempfohlen. Ähnlich verhält es sich auf Kundenseite. Erledigt man Projekte gewissenhaft und zur vollsten Zufriedenheit der Kunden, empfehlen sie unsere Arbeit weiter. Zudem hilft uns eine gute Reputation dabei, Türen für Sales-Gespräche zu öffnen und potentielle Neukunden von unserem Angebot zu überzeugen.

Welche Person hat Dich bei der Gründung besonders unterstützt?
In der Anfangszeit wurde ich von mehreren Mentoren unterstützt, die mir auf ganz unterschiedlicher Art und Weise sehr geholfen haben. Wenn ich auf das letzte Jahr zurückblicke, habe ich sehr viel Support von unserer Angel-Investorin Regina von Flemming erhalten. Sie stand mir nicht nur persönlich zur Seite, sondern war mir und Pivigo auch bei der Expansion nach Deutschland eine enorme Stütze. Es ist sehr motivierend zu wissen, dass es Menschen gibt, die an Dich und Deine Idee glauben.

Welchen Tipp gibst Du anderen Gründern mit auf den Weg?
Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen und den Markt zu analysieren. Um die Bedürfnisse und Wünsche seiner späteren Kunden ausfindig machen zu können, ist es notwendig, sich mit seiner Zielgruppe zu unterhalten. Nur so lassen sich in der Theorie entstandene Ideen optimieren und perfektionieren. Mindestens genauso wichtig ist es, ein starkes Netzwerk aufzubauen. Auch Gespräche, die jahrelang zurückliegen, können sich irgendwann auszahlen. Schlussendlich sollte man stets an sich selbst und seine Idee glauben und eventuelle Selbstzweifel beiseiteschieben. Sofern die Idee gut ist und die finanziellen Mittel stimmen, sollte man den Schritt der Unternehmensgründung auch wagen. Letzten Endes würde man sich nur darüber ärgern, wenn man es sich nicht getraut hätte.

Du triffst den Bundeswirtschaftsminister – was würdest Du Dir für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Ich würde mir von ihm und auch vom Rest der Regierung wünschen, die Themen „Zukunft der Arbeit“ und „Zukunft des Lernens“ noch ernster zu nehmen und Idee und Neuerungen schneller voranzutreiben bzw. umzusetzen. Die Art und Weise, wie wir arbeiten, wird sich in den kommenden Jahren rasant verändern. Zudem werden sich heute existierende Arbeitsplätze zunehmend wandeln und eine Umschulung der derzeitigen Arbeitskräfte erfordern. Auf der anderen Seite hat Deutschland in den letzten Jahren eine noch nie dagewesene Einwanderungswelle erlebt. Viele Immigranten bringen Fähigkeiten mit, die derzeit nicht ausreichend genutzt und wertgeschätzt werden. Es muss ein umfassender Plan erstellt werden, der aufzeigt, wie die Gesamtheit aller Arbeitskräfte für die Anforderungen der Industrie von morgen geschult werden können!

Was würdest Du beruflich machen, wenn Du kein Start-up gegründet hätten?
Ich hätte wahrscheinlich einen Job angenommen, der das Lösen von Problemen fokussiert. Vielleicht wäre ich auch einige Zeit lang als Beraterin tätig gewesen, letztendlich hätte ich aber ein paar Jahre später dennoch ein eigenes Unternehmen gegründet. Ich bin Vollblutunternehmerin – der Umsetzung eigener Ideen kann ich nur schlecht widerstehen.

Bei welchem deutschen Startup würdest Du gerne mal Mäuschen spielen?
Ich würde gerne einmal hinter die Kulissen von Contentful blicken. Wir nutzen das Content Management System für Entwickler selbst in unserem Unternehmen. Es ist eines dieser sehr einfach anwendbaren Tools, von denen man denkt „Warum ist auf diese Idee vorher noch niemand gekommen?“. Ich fände es sehr spannend, mehr über die Entstehungsgeschichte und Verbreitung dieser Geschäftsidee herauszufinden.

Du darfst eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reist Du?
Ich würde auf jeden Fall in die Zukunft reisen. Seit meiner Kindheit bin ich begeistert von Science-Fiction und in mir lebt die Hoffnung, dass Menschen eines Tages über all ihre Streitigkeiten hinwegsehen können und das Universum bereisen werden. Mit dem Aufkommen von Populismus, Nationalismus und Protektionismus befinden wir uns aktuell in einer schwierigen Zeit. Ich würde gerne ein paar Jahrzehnte nach vorne „springen“ und mir ansehen, wie wir diese Differenzen lösen werden. Natürlich würde ich auch gerne wissen, welche technologischen Fortschritte wir bis zu diesem Zeitpunkt bereits gemacht haben. Es wäre wirklich spannend zu wissen, wir weit wir in der Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz gekommen sind und ob sich Maschinen eventuell schon von ganz allein entwickeln können.

Du hast eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machst Du mit dem ganzen Geld?
Ich würde in junge, unerfahrene Unternehmer investieren, um ihnen eine Chance zu geben. Als ich das erste Mal mit Investoren wegen einer Finanzierung sprach, machte ich die Erfahrung, dass viele Investoren nur in Pivigo investierten, weil mein Mitgründer Jason Muller bereits Erfahrungen in der Unternehmensgründung vorweisen konnte. Ich ärgerte mich sehr darüber, dass mir anfangs kaum jemand zutraute, eine erfolgreiche Unternehmerin sein zu können – obwohl ich meiner Meinung nach alle erforderlichen Fähigkeiten hierfür mitbrachte. Jetzt, viele Jahre später, verstehe ich dieses Zögern ein wenig. Die Gründung und Weiterentwicklung eines eigenen Unternehmens weist eine sehr steile Lernkurve auf. In der Gründungsphase passieren enorm viele Fehler und der Erfolg eines Unternehmens hängt maßgeblich davon ab, wie schnell man aus ihnen lernt. Fehler zu machen ist aber wichtig, denn sie schützen zum Teil vor Fehlschlägen in der Zukunft. Es ist von großer Bedeutung, die nächste Unternehmer-Generation zu unterstützen und in sie zu investieren. Wenn mir eine Millionen Euro zur Verfügung stehen würden, würde ich einen Fonds speziell für Erstgründer – idealerweise für Frauen – erschaffen.

Wie verbringst Du einen schönen Sonntag?
Normalerweise ist der Samstag mein Sonntag, denn an diesem Tag versuche ich nicht zu arbeiten. Ich gehe dann am liebsten ins Fitnessstudio, treffe mich mit meiner Familie zum Mittag, lese Bücher oder gehe einkaufen. Sonntags findet man mich dann wieder an meinem Schreibtisch. In der Woche verbringe ich viel Zeit damit, Gespräche mit meinem Team, Kunden oder Anbietern zu führen. Da bleibt meist wenig Zeit für meine eigentliche Arbeit. Am Sonntag hole ich das nach, arbeite Emails ab und mache mir Gedanken über die weitere strategische Entwicklung von Pivigo.

Mit wem würdest Du gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Ich trinke weder Kaffee noch Bier, sondern Tee. Aber ich würde gerne einmal eine Tasse Tee mit Barack Obama trinken. Ich würde ihn gerne fragen, was passiert ist. Er gewann seine erste Wahl auf der Grundlage einer Botschaft, die Hoffnung in uns weckte. Hoffnung, die so viele von uns auf der ganzen Welt annehmen ließ, dass auf dem Weg zu einer gerechteren und ehrlicheren Welt Fortschritte gemacht werden. Schauen wir uns jedoch die heutige Situation an, ist von dieser Hoffnung scheinbar wenig übriggeblieben. Unsere Welt ist geprägt von politischen Unstimmigkeiten. Um nur wenige Beispiele zu nennen: der Brexit in Großbritannien, die Alt-Right-Bewegung in den USA oder die Auseinandersetzungen zwischen Indien und Pakistan. Was ist passiert? Ich würde gern ein offenes Gespräch mit Obama darüber führen, was man besser hätte machen können und was man zukünftig besser machen kann.

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Foto (oben): Pivigo

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.