#Zahlencheck So führte das schnelle Wachstum Jimdo – trotz gutem Umsatzplus – in die Krise (9,3 Millionen Verlust)

Von 2014 stieg die Zahl der Jimdo-Mitarbeiter von 170 auf rund 260. Die Personalkosten stiegen von 8,1 Millionen (2014) auf 13,3 Millionen (2016). Dann der große Knall: Ende 2016 mussten 65 Mitarbeiter das Grownup verlassen. Inzwischen geht es bei Jimdo wieder ruhiger zu.
So führte das schnelle Wachstum Jimdo – trotz gutem Umsatzplus – in die Krise (9,3 Millionen Verlust)

Bei Jimdo, einem der Vorzeige-Startups der Hansestadt Hamburg, herrschte Ende 2016 extrem schlechte Stimmung! Das 2007 gegründete Unternehmen musste damals 25 % seiner Mitarbeiter entlassen. Wie schwer es Jimdo damals getroffen hat, zeigt der Jahresabschluss des Unternehmens, das weltweit einen einfach zu bedienenden Webbaukasten vertreibt. Insgesamt musste das Jimdo vor zwei Jahren 65 Mitarbeitern kündigen. Der Jahresfehlbetrag des Grownups stieg von 3,3 Millionen auf 9,3 Millionen Euro. Beim Umsatz konnten die Hamburger von 21,8 Millionen auf 29,4 Millionen Euro zulegen.

“Nach dem schnellen Wachstum des Teams soll die Maßnahme zu schlankeren, effizienteren und agileren Strukturen und damit einer erhöhten Wettbewerbsfähigkeit führen”, heißt es zu den Entlassungen im Jahresabschluss. Bereits ein Jahr nach der Kündigungswelle berichtete Jimdo-Mitgründer Matthias Henze, wie es danach weitergegangen ist: “Wir haben klare Strukturen und Verantwortlichkeiten eingeführt. Gepaart mit einem klaren Ziel hat uns das überall fokussierter, flexibler und schneller gemacht”. Zuvor hatte es das Führungsteam nicht geschafft, “effektive Management-Strukturen einzuführen”.

Kurzum: Jimdo ist personell über die Jahre viel zu schnell gewachsen. Rund 260 Mitarbeiter wirkten zu Hochzeiten bei Jimdo. Ende 2016 waren es noch immer 241 Mitarbeiter. “Da hierin auch alle über das Jahresende hinaus auf Grund der Umstrukturierung freigestellte Mitarbeiter enthalten sind, wird sich die Zahl bis Ende dieses Jahres 2017 noch auf 210 bis 220 Mitarbeiter reduzieren”, teilte das Unternehmen dazu mit. Wie schnell das Team des Webbaukastens tatsächlich gewachsen ist, zeigt ein Blick auf die Vorjahre: Ende 2015 waren 190 Mitarbeiter bei Jimdo an Bord. Ende 2014 waren es 170. Die Personalkosten des Grownups stiegen von rund 8,1 Millionen (2014) auf 13,3 Millionen (2016).

In rund einem Jahr schaffte Jimdo aber den Weg aus dem Tal der Tränen. Wobei die Wachstumszahlen beim Umsatz im Grunde kein wirklicher Grund zum Trauern waren. Geplant war 2016 ein Wachstum von 33 %, es wurden 35 %. Der Verlust lag aber deutlich höher als geplant. Im schlimmsten Fall hätten es 5 bis maximal 7 Millionen werden sollen, es wurden aber über 9 Millionen. Die Hanseaten verweisen dabei noch einmal auf die gegenüber dem Vorjahr “mehr als verdoppelten Marketingausgaben” sowie auf die “ungeplanten Umstrukturierungskosten”.

Spannend ist im Jahresabschluss auch die Verteilung der Umsätze: “Dabei betrug der Inlandsanteil 35,3%, der Auslandsanteil lag bei 64,7%”. Ein wichtiger Markt für Jimdo ist weiter Japan. Im Jahresabschluss wird das ferne Land sogar sogar als “wichtiger Absatzmarkt” bezeichnet. Auch einen Ausblick auf 2017 findet sich im Jahresabschluss. Für das vergangene Jahr plante das Unternehmen ein Wachstum von 25 % ein. “Grundlage für diese Berechnung sind die prognostizierten Bestands- und Neukunden. Aufgrund der niedrigen konstanten Kündigungsrate ist die Anzahl der Bestandskunden relativ gut zu prognostizieren. Für die Neukunden wird die Anzahl an Registrierungen prognostiziert und mit der historischen Wahrscheinlichkeit für einen Kauf multipliziert”. Da kann man sich sicher sein, dass die Krise eine Ausnahme war. Jimdo wird die kommenden Jahre sicherlich weiter gut wachsen können.

Fakten aus dem Jahresabschluss 2016
* Die gesamtwirtschaftliche konjunkturelle Entwicklung in 2016 hat sich ähnlich der in 2015 entwickelt. Japan als wichtiger Absatzmarkt für die Jimdo GmbH erreicht weiterhin nur schwache BIP Wachstumsraten. Dem gegenüber konnten sich alle Länder in der D/A/CH-Region in 2016 positiv entwickeln.
* Ende Oktober 2016 wurde eine interne Umstrukturierung durchgeführt, bei der 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gekündigt wurde. Nach dem schnellen Wachstum des Teams soll die Maßnahme zu schlankeren, effizienteren und agileren Strukturen und damit einer erhöhten Wettbewerbsfähigkeit führen.
* Jimdo hat ein Jahresergebnis vor Steuern von -8.073 TEUR erzielt. Dies ist in erster Linie auf die gegenüber Vorjahr mehr als verdoppelten Marketingausgaben zurückzuführen sowie auf die ungeplanten Umstrukturierungskosten.
* Deutlich gestiegen sind auch die Personalkosten. So betrugen sie im Vorjahr 10.058 TEUR und im abgelaufenen Wirtschaftsjahr 13.284 TEUR – das entspricht einer Steigerung von 32,1%. Dieser Anstieg resultiert zum einem aus dem Wachstum der Belegschaft von durchschnittlich 190 Mitarbeiter in 2015 auf durchschnittlich 248 Mitarbeiter im Geschäftsjahr 2016 und zum anderen aus der im Oktober vorgenommenen Umstrukturierung und den damit zusammenhängenden Aufwendungen. Die mit der Umstrukturierung einhergehende Reduzierung der Belegschaft um ungefähr ein Viertel führt auf Grund der zumeist dreimonatigen Kündigungsfristen erst im nächsten Wirtschaftsjahr zu Einsparungen.
* Für das Gesamtjahr 2017 ist eine Umsatzsteigerung von ca. 25% gegenüber dem Berichtsjahr zu erwarten. Grundlage für diese Berechnung sind die prognostizierten Bestands- und Neukunden. Aufgrund der niedrigen konstanten Kündigungsrate ist die Anzahl der Bestandskunden relativ gut zu prognostizieren. Für die Neukunden wird die Anzahl an Registrierungen prognostiziert und mit der historischen Wahrscheinlichkeit für einen Kauf multipliziert. Für die Registrierungen gibt es mehrere Einflussfaktoren von denen der größte das Marketingbudget ist, dessen Einsatz wir sehr gut planen können.
* Mit 241 Mitarbeitern per Stichtag 31. Dezember 2016 waren 5,7% mehr Mitarbeiter als zum vergleichbaren Vorjahreszeitpunkt beschäftigt. Da hierin auch alle über das Jahresende hinaus auf Grund der Umstrukturierung freigestellte Mitarbeiter enthalten sind, wird sich die Zahl bis Ende dieses Jahres 2017 noch auf 210-220 Mitarbeiter reduzieren.

Jimdo im Zahlencheck

2016: 29,4 Millionen Euro (Umsatz); 9,3 Millionen Euro (Jahresfehlbetrag)
2015: 21,8 Millionen Euro (Umsatz); 3,3 Millionen Euro (Jahresfehlbetrag)
2014: 17,6 Millionen Euro (Umsatz); 694.224 Euro (Jahresüberschuss)
2013: 15,2 Millionen Euro (Umsatz); 411.191 Euro (Jahresüberschuss)
2012: 11,6 Millionen Euro (Umsatz); 724.293 Euro (Jahresüberschuss)
2011: 668.514 Euro (Jahresfehlbetrag)
2010: 280.148 Euro (Jahresfehlbetrag)

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Foto (oben): Jimdo

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.