Gastbeitrag von Werner Sammer Graz – Wo erfolgreiche Ideen ihren Anfang nehmen

Laut der britischen Tageszeitung „The Guardian“ ist sie die „coolere kleine Schwester Wiens“: Graz macht dieser Tage jedoch nicht nur aufgrund seiner kulturellen Highlights auf sich aufmerksam, sondern auch wegen seiner kleinen, aber stetig wachsenden Startup-Szene.
Graz – Wo erfolgreiche Ideen ihren Anfang nehmen

Laut der britischen Tageszeitung „The Guardian“ ist sie die „coolere kleine Schwester Wiens“: Graz ist die zweitgrößte Stadt Österreichs und bietet mit ihren 265.000 Einwohnern einen einzigartigen Mix aus innovativem Schaffen, einer riesigen Studenten-Community und einer Prise Großstadtflair. Die Kunst für das Schöne und Kreative ist in dieser Stadt so verhaftet wie in kaum einer anderen im deutschsprachigen Raum: die Auszeichnungen als „Europäische Kulturhauptstadt 2003“, UNESCO Weltkulturerbe mit gleich zwei Stätten (historische Altstadt Graz und Schloss Eggenberg) und als „City of Design“ bringen das kreative Umfeld in der steirischen Landeshauptstadt zutage.

Über dieses und vieles andere berichten wir regelmäßig in unserem Themenschwerpunkt Österreich.

Graz macht dieser Tage jedoch nicht nur aufgrund seiner kulturellen Highlights auf sich aufmerksam, sondern auch wegen seiner kleinen, aber stetig wachsenden Startup-Szene. Seit Jahren als Ursprungsort vieler „Hidden Champions“ (bestes Beispiel dafür ist das weltbekannte iTranslate) unter dem Radar der nationalen und internationalen Presse, war gerade 2016 ein gutes Jahr für diese junge Grazer Startup-Szene. Mit dem großen Crowdfunding-Erfolg von Timeular (314.000 Euro wurden dafür über Kickstarter eingesammelt), der Fusion des österreichischen Pioniers für digitale Preisschilder imagotag zum Weltmarktführer SES¬imagotag und der angehenden Revolution des Lautsprechermarktes durch USound sind nur einige wenige Success Stories hervorzuheben, die am Gründungsstandort Graz entstanden sind und entwickelt wurden.

Das breite Unterstützunsangebot als Pluspunkt

Zentral ist Graz mitten im Herzen Europas gelegen – 50 Kilometer von Slowenien entfernt, Maribor, Ljubljana und Zagreb in nächster Greifweite. Von hier aus machen sich neben den großen Industriekonzernen Magna, AVL und Andritz eine Großzahl junger Unternehmen daran, Graz international als erfolgreichen Wirtschafts- und Gründungsstandort zu etablieren. Unzählige Organisationen tragen ihren Anteil dazu bei.

Das breite Unterstützungsangebot für Startups in Graz findet seinen Startpunkt beim von Studierenden geleiteten IdeenTriebwerk Graz. Seit 2012 betreibt der unabhängige Verein Bewusstseinsbildung für das Thema Unternehmensgründung und Know-How-Vermittlung unter jungen Leuten, besonders Studierenden. Die Veranstaltungen des IdeenTriebwerks bilden das Zentrum der lebendigen Gründerszene in Graz. So versammeln sich beim allmonatlichen „Startup Spritzer“ regelmäßig über 100 Personen, um zu netzwerken und Erfahrungen auszutauschen. Gleichzeitig können sie spannenden Startup-Pitches lokaler Junggründerinnen und –gründern folgen.

Das Eventprogramm des ITG ist umfangreich: Während die „Startup Workshops“ spezifisches Gründerwissen vermitteln, ermöglicht das Format „Startup Playground“ drei Tage lang intensives Feilen an Ideen und Geschäftsmodellen. Bis zu 15 Mentoren liefern dabei wertvollen Input, um die jungen Geschäftsideen weiter voranzutreiben. Die besten Ideen pitchen vor einer hochkarätigen Jury aus nationalen Investoren. Geboten wird zudem ein umfangreiches Netzwerk zu Wirtschafts- und Startup-Experten und zur nationalen Startup-Szene (über das österreichweit tätige Netzwerk AustrianStartups).

Unis und Hochschulen helfen beim Gründen

Gerade auch bei den Grazer Universitäten und Hochschulen mit über 50.000 Studierenden wird die Unterstützung von Startups großgeschrieben. In der vom Institut für Unternehmensführung und Entrepreneurship der Universität Graz und dem Institut für Unternehmungsführung und Organisation der TU Graz veranstalteten Gründungsgarage entwickeln Studierende in interdisziplinären Teams ein Semester lang ihre eigenen Geschäftsmodelle weiter. Unterstützt werden sie dabei von erfahrenen MentorInnen aus der Praxis. Die bereits in der siebten Auflage durchgeführte Lehrveranstaltung kann auf bisher knapp 20 erfolgreiche Gründungen wie die oben genannten Timeular, Crosscloud, Teamazing oder DORO Turbine zurückblicken.

Doch das Angebot ist noch breiter: Das Zentrum für Entrepreneurship und angewandte Betriebswirtschaftslehre der Karl-Franzens-Universität Graz begleitet die Gründer auf ihrem weiteren Weg. Ein geplantes Zentrum für Wissens- und Innovationstransfer ebnet den Studierenden aus Graz künftig mehr Möglichkeiten zur erfolgreichen akademischen Gründung. Die TU Graz betreibt mit ihrem FabLab sogar eine eigene High-Tech-Bastelstube für all jene, die ihre Ideen gleich hautnah als Prototyp verwirklichen möchten. Wo in Fragen der der Finanzierung und dem Zugang zu internationalen Netzwerken noch offene Felder bestehen, unterstützen die Universitäten mit Veranstaltungen wie der Venturepreneurship Aula.

Motoren einer lebendigen Gründerlandschaft: die Grazer Inkubatoren und Accelerators

Abgesehen davon verhelfen ambitionierte Inkubatoren- und Accelerator-Programme vor Ort den internationalen Durchbruch. Das lab10 unweit der Grazer Innenstadt verknüpft Coworking mit Inkubatoren-Support. Als Gründerzentrum für akademische Spin–offs und Startups ermöglicht der Science Park Graz technologieorientierten Ideen den Zugang zu Infrastruktur, Fördergeldern und einem breiten Netzwerk von Industriepartnern und Investoren. Das dort kürzlich eröffnete ESA Business Incubation Center fördert den Technologietransfer aus der Raumfahrt in andere Wirtschaftsbereiche und deren kommerzielle Nutzung.

Ein weiterer hervorragender Katalysator ist Up to Eleven, ein Company Builder für hochinnovative digitale Geschäftsideen. In der Vergangenheit vor allem durch SMS-Dienstleister bekannt geworden (sms.at, mysms), kümmert sich Up to Eleven ähnlich einem Accelerator-Programm um Seed-Finanzierung, die nötige Infrastruktur und Unterstützung in den Bereichen IT, Marketing, Sales, HR und Finance für schnell international skalierende Startups. Im Company Builder-Programm befinden sich bisher Nuki, das elektronische Türschloss (erhielt 385.000 Euro über Kickstarter) und Instahelp mit einer psychologischen Online-Beratung in Echtzeit und dem Logo-Generator Logoshuffle. Für 2017 ist der Ausbau des Programmes geplant, Ziel ist die Etablierung als Startup-Schmiede für die Digitalwirtschaft im Süden Österreichs.

Von öffentlicher Seite spielen noch weitere Institutionen eine wichtige Rolle im Grazer Umfeld: das Innolab ist ein Institut der Studienrichtung Innovationsmanagement an der FH CAMPUS 02 und begleitet bei der Ideenbewertung, Planung und der Realisierung von Geschäftsideen. Junge Wirtschaft Steiermark veranstaltet jährlich den spannenden „Elevator Pitch“ und das Gründerservice der Wirtschaftskammer ist die Anlaufstelle für organisationsrechtlichen Fragen von Gründern. Zu guter Letzt tut sich die Wirtschaftsabteilung der Stadt Graz mit einem umfangreichen Förderprogramm hervor. Besonders erwähnenswert ist die Arbeitsplatzförderung für den Coworking-Platz. Apropos Coworking Spaces: von diesen kreativen Arbeitsplätzen gibt es in Graz etwa 40 Anbieter!

Graz als Sprungbrett für junge Startups

Wo das Grazer Startup-Ökosystem seine Stärken und Schwächen besitzt, das zeigen die Ergebnisse des Grazer Startup Barometer deutlich. Die Umfrage, die jährlich in Kooperation von IdeenTriebwerk Graz, dem Zentrum für Entrepreneurship und Up to Eleven durchgeführt wird, verdeutlicht eines: Graz punktet vor allem durch seine Größe – oder durch seine Kleinheit, je nach Betrachtungsweise. Wertvolle Netzwerke können schnell aufgebaut werden, da die Community nicht zu klein und dennoch groß genug ist, um stets den Überblick zu behalten. Die hohe Lebensqualität, die gut vernetzte Community, viele junge motivierte Fachleute und das umfangreiche Angebot für Gründer machen Graz zum idealen Sprungbrett für junge Startups.

Was bleibt zu sagen?

Die Gründerszene in Graz entwickelt sich prächtig. Die leidenschaftliche Community gemeinsam mit einem Ökosystem, in dem verschiedenste Institutionen Hand in Hand greifen, machen es möglich, dass man künftig definitiv noch mehr von Grazer Startups hören wird.

Zur Person:
Werner Sammer ist Gründungsmitglied, Social Media-Verantwortlicher und ehem. Präsident des studentischen Vereins IdeenTriebwerk Graz, der es sich zum Ziel gesetzt hat, das Grazer Startup-Ökosystem nachhaltig zu formen und innovative Ideen zu fördern. Durch Bewusstseinsbildung, Quality Networking und Know-How-Vermittlung möchte der Verein die Anzahl innovativer Gründungen in Graz erhöhen. Werner Sammer leitet zudem das Corporate Marketing des Grazer Company Builder für mobile Ideen Up to Eleven.

Passend zum Thema: “Linz – Startup statt Stahl Stadt und Linzer Torte ” und “Innsbruck – wo Start-ups noch etwas besonderes sind“, Der Zugang zu Förderung ist einfacher, Die Leute sind alle sehr zugänglich und 5 spannende Startups aus dem schönen Graz.

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Foto (oben): Shutterstock

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.