15 Fragen an Joschka Friedag von Cringle “Es gab eine Zeit, in der wir den Fokus verloren haben”

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Joschka Friedag von Cringle.
“Es gab eine Zeit, in der wir den Fokus verloren haben”

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Es bedeutet mir sehr viel und ist eine tolle Erfahrung. Sein eigener Chef zu sein, bedeutet für mich, die gegensätzlichen Seiten meiner Position in Balance zu halten. Auf der einen Seite hat man die Freiheit, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen und seinen Tag zu organisieren, auf der anderen Seite geht damit unglaublich viel Verantwortung einher. Das empfinde ich als sehr spannend und es hat einen sehr positiven Einfluss auf meine persönliche und berufliche Weiterentwicklung. Der Beruf wird zur Leidenschaft und jede einzelne Aufgabe hat einen Sinn. Man weiß, für wen man am Ende des Tages gearbeitet hat und kann mit seinem Elan und seiner eigenen Motivation die Stimmung im Team steuern. Daraus ergibt sich ein unglaublicher Spirit, der enormes Potenzial freigibt.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Die Idee zu Cringle entstand nach einem Fußballspiel unter Freunden. Beim anschließenden gemeinsamen Bier stellte sich heraus, dass bis auf eine Person niemand Bargeld dabei hatte. Dementsprechend hatte diese eine Person dann für uns alle gezahlt, murrte allerdings, dass sie ihr Geld sowieso nicht zurückbekommen würde. Das war die Geburtsstunde von Cringle. Wir leben in einer Welt von Smartphones. Warum kann man dann nicht seinem Freund einfach das geliehene Geld via Smartphone zurückgeben?

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
Angefangen haben wir mit dem Gründerstipendium EXIST. In unserer ersten Finanzierungsrunde haben wir dann Kapital von bekannten Business Angels sowie Freunden und Familienmitgliedern eingesammelt. Nach dieser erfolgreichen ersten Runde haben wir im Anschluss eine Finanzierung durch die Investitionsbank Berlin erhalten. Aktuell läuft eine Crowdinvesting-Kampagne auf Companisto.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Für eine Gründung braucht man starke Nerven. Jeder Tag ist versehen mit neuen Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt. Für uns war es persönlich bis dato die größte Herausforderung, eine geeignete Partnerbank zu finden. Zur Zeit der Gründung war die Einstellung der Banken FinTechs gegenüber noch grundlegend anders als heutzutage. Damals wurde ein aufstrebendes Start-up, welches mobile Zahlungen via App anbietet, noch belächelt und nicht ernst genommen. Zudem ist FinTech an sich kompliziert. Eine Vielzahl regulatorischer Bestimmungen musste ab der ersten Minute zu 100 Prozenz umgesetzt werden. Da hieß es oftmals, Geduld und einen langen Atem haben, was sich letztlich jedoch voll für uns ausgezahlt hat. Wir konnten die Deutsche Kreditbank AG als Partner gewinnen und haben kürzlich eine Kooperation mit der solarisBank geschlossen.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Es gab eine Zeit, in der wir kurzzeitig den Fokus verloren haben. Zu dem Zeitpunkt hatten wir uns zu sehr von der Meinung Externer beeinflussen lassen. Im Nachhinein würde ich viel früher eine klare Vision und Strategie definieren und diese konsequent verfolgen. Auch wenn dies bedeutet, ein paar augenscheinlich gute Opportunitäten links liegen zu lassen. Als junges Start-up hat man so viel zu tun, dass man Gefahr läuft, das Wichtigste aus den Augen zu verlieren. Fokus ist alles.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Bei einem Produkt wie Cringle, welches Zahlungen unter Freunden vereinfacht, spielen Vertrauen, Kundenzufriedenheit und damit einhergehende Empfehlungen eine zentrale Rolle. Für unseren Erfolg ist daher virales Wachstum und Empfehlungsmarketing besonders wichtig. Haben wir einen zufriedenen Kunden bringt dieser gleich mehrere mit. In der Umsetzung unserer Kampagnen und Maßnahmen sehen wir tolle Effekte, die zudem auch noch günstig sind.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Meine Familie und Freunde stehen seit der ersten Stunde hinter mir und unterstützen mich, wo sie nur können. Ihnen gilt mein größter Dank. Im weiteren Verlauf kamen dann die passenden Sparringspartner hinzu. Besonders André Bajorat von Figo, Ramin Niroumand von FinLeap und Karsten Traum von der DKB sind starke und verlässliche Partner auf unserem Weg.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Trotz großer Herausforderungen und einigen Stolpersteinen, ist der Spaß an der Arbeit das Wichtigste. Eine Gründung erfordert so viel Zeit, Durchhaltevermögen und Herzblut, dass ein langfristiger Erfolg nur dann möglich ist, wenn man jeden Morgen mit Freude und Leidenschaft zur Arbeit fährt.

Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Der Standort Deutschland birgt viele Vorteile in sich, besonders im Bereich der staatlichen Förderung ist Berlin sehr gut ausgestattet. Ich wünsche mir vielmehr ein Umdenken seitens der Bevölkerung, welches die Politik beeinflussen könnte und sollte. Kaum ein Land ist so technikfeindlich wie Deutschland und hinkt was wirkliche Innovationen angeht, stark hinterher. Alle namenhaften, alteingesessenen Unternehmen stammen aus einer anderen Zeit und halten an längst überholten Regularien und Mechanismen fest. Die Freude an Neuem fehlt gänzlich, Modernisierungen und Innovationen im Zuge der Digitalisierung gehen nur sehr schleppend voran und werden häufig, wenn überhaupt, nur unter Zugzwang umgesetzt. Disruption als Mentalität fehlt in den Köpfen der Entscheider. Das muss sich schleunigst ändern.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Von meiner Ausbildung her müsste ich wohl in die Industrie oder Berater werden. Beides kann ich mir derzeit überhaupt nicht vorstellen, dafür bin ich viel zu sehr Gründer und Unternehmer.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
In Deutschland gar nicht so einfach. Die Anfangszeit von Wirecard würde mich stark interessieren, da hätte ich gerne einmal Mäuschen gespielt.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
Ich würde natürlich nicht in die Vergangenheit reisen, sondern auf jeden Fall in die Zukunft. Oftmals entwickeln sich manche Bereiche ja extrem schnell, während andere über Jahrzehnte gleich bleiben. Ich fände es unglaublich spannend zu sehen, wie unser Leben in 50 oder 100 Jahren aussehen wird.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Ich würde das Geld an vielversprechende soziale Projekte spenden, in Cringle investieren und mit meiner Familie eine schöne lange Reise unternehmen.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Mit meiner Familie gemeinsam auf unserem Balkon in der Sonne frühstücken, danach eine Runde Beachvolleyball und am Abend mit Freunden gut essen gehen.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Auf ein Bier mit Mark Zuckerberg. Für mich als Unternehmer ist er einer der interessantesten Persönlichkeiten der letzten Jahrzehnte. Spannend wird das Gespräch natürlich insbesondere nach dem dritten oder viertem Bier.

Im Fokus: Weitere Fragebögen in unserem großen Themenschwerpunkt 15 Fragen an

Zur Person:
Joschka Friedag ist Mitgründer und Geschäftsführer von Cringle. Vor der Gründung von Cringle gründete Joschka Friedag pokerboni.com, Deutschlands erstes Vergleichsportal für Online-Pokerräume und hält ein Diplom als Wirtschaftsingenieur der Technischen Universität Berlin.

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.