Pascal Zuta im Interview “Für Startup-Gründer ist das Silicon Valley wie Disneyland”

"Ich kenne so viele gute Leute in Berlin, die ehrgeizig sind, smart und sehr gut ausgebildet. Und dann höre ich später, dass die an Fotofiltern für Snapchat arbeiten. Das ist doch einfach Unsinn. Mit einem MacBook in der Hand können wir die Welt verändern", sagt Pascal Zuta.
“Für Startup-Gründer ist das Silicon Valley wie Disneyland”

Pascal Zuta ist ein waschechter Serial Entrepreneur: Er hat unter anderem bereits eine Filmproduktion gegründet und verkauft, später das von Bertelsmann geförderte Social Network bloomstreet gestartet. Er ist zum Team von Aeria Games gestoßen, das von ProSiebenSAT.11 gekauft wurde und war dort bis Ende des vergangenen Jahres Geschäftsführer. Dazwischen ist diese Unternehmung von 10 auf 400 Mitarbeiter gewachsen. Außerdem war er in so unterschiedliche Projekte involviert wie arzttermine.de und die Gehirntrainings-App NeuroNation. Nicht zuletzt gehört er zu den Gründern des Accelerators Hype Ventures – siehe “Hype Ventures – hier geht es nur um E-Commerce

Für dieses Interview habe ich Zuta bei WeWork in San Francisco getroffen. Das ist ein atemberaubend schnell expandierender Anbieter von flexibel buchbaren Büros und Arbeitsplätzen aka „Coworking“. Hier ist alles perfekt organisiert, sauber und hip – und steht damit im krassen Gegensatz zur lauten und immer etwas schmuddeligen Mission Street direkt vor der Tür. Kommt man herein, glaubt man auf einem Filmset der HBO-Serie „Silicon Valley“ gelandet zu sein. Zuta hat hier sein Büro bezogen, weil er etwas Neues in der Mache hat. Diesmal möchte er „am ganz großen Rad drehen“, wie er im Gespräch verrät. Er erklärt auch, was ihn an der Startup-Szene nervt und appelliert an die nächste Generation, sich mit den wirklich wichtigen Problemen auseinander zu setzen – und nicht mit Regenbogenfiltern für Snapchat.

Du bist ja kein Neuling im Silicon Valley. Wann warst du das erste Mal hier? Und wie war das damals für dich?
Das war Anfang 2000, als ich für ein halbes Jahr in Berkeley studiert habe. Da fiel gerade die Internetblase in sich zusammen. Was ich damals auf der Uni festgestellt habe: Die Leute hier sind einfach unfassbar gut. Die kommen von überall her, auch aus China oder Indien beispielsweise. Und entweder haben die dann reiche Eltern oder sie brauchen etliche Stipendien, bis sie es nach Stanford oder Berkeley geschafft haben. Dafür musst du richtig kämpfen. Das hat mich beeindruckt.

Dann stimmt also nach deiner Erfahrung, dass das Valley ein Magnet für talentierte Leute ist?
Absolut. Das hat sich für mich bestätigt, als ich 2008/2009 wieder hier war. Bertelsmann war in meinem damaligen Startup involviert und der Name hat mir viele Türen bei den VCs geöffnet. Das waren immer internationale Leute und aus meiner Sicht die besten der Welt. Die kennen zu lernen und mit denen zu sprechen war ein Erlebnis. Deswegen hat es mich auch wieder hierher gezogen.

Und diesmal bist du in eigener Sache hier? Wie kam das zustande?
Ich habe jetzt sieben Mal in Deutschland gegründet und da wollte ich einmal etwas Neues probieren. Ich möchte am ganz großen Rad drehen, mit einem richtig ambitionierten Projekt und mit den besten Leuten der Welt. Eben mit einem anderen Horizont als das in Berlin oder Deutschland möglich wäre.

Wie sehen denn deine Pläne jetzt aus? Was ist dein „Elevator Pitch“?
Wir arbeiten an einem Projekt aus dem Health Care-Bereich. Aktuell ist es doch so: Wenn man Kopfschmerzen hat und bei Google nach Diagnosen sucht, bekommt man ungefiltert auch die schlimmsten Ergebnisse bis hin zum Gehirntumor präsentiert. Oder man erfährt vielleicht, welche Promis Migräne haben. Ein echter Arzt geht da ganz anders vor. Der fragt nach begleitenden Symptomen und grenzt so ein, was wirklich der Auslöser ist.

Und wir glauben, dass wir diesen Arzt-Patienten-Dialog, dieses Frage-und-Antwort-Spiel, sehr gut über Chats abbilden und automatisieren können. Und so haben wir also ein Produkt gebaut, Gyant, das genau das machen soll. Das heißt, ich kann das System per Facebook Massenger oder in einer App anschreiben und sagen: Hey, ich habe Kopfschmerzen und Fieber.“ Und dann sagt er: „Interessant. Was hast du denn noch?“ Dann kannst du sagen: „Meine Nase läuft.“ Und dann fängt er an, dir Fragen zu stellen und zieht dich im Grunde durch einen Entscheidungsbaum durch. Am Ende kommt er zu der wahrscheinlichsten Diagnose für dich.

Dadurch, dass es nur Text ist, können wir das nicht nur über Tools wie den Facebook Messenger machen, sondern wir können es beispielsweise in Zukunft auch über SMS anbieten. Und damit könnten wir drei Milliarden Leute in Indien, Afrika, China erreichen, die kleine Nokia-Telefone haben, noch nie im Internet waren und wahrscheinlich auch schlechten Zugang zu Gesundheitsinformationen haben.

Nicht zuletzt lernt unser System mit jeder Interaktion. Da läuft ein Machine-Learning-System im Hintergrund. Damit glauben wir, dass wir die beste Diagnostik-Engine bauen können, die es zur Zeit gibt. Es gibt mehrere Leute, die das versuchen. Den Traum gibt es sogar schon seit 1950. Das hat aber noch keiner geschafft und meistens weil es zu wenig Informationen gibt. Aber wenn wir es schaffen, eine App zu bauen, die von sehr vielen Leuten genutzt wird, dann bauen wir uns unser eigenes Data Set. Und damit können wir unsere Maschine trainieren.

Spannend. An welchem Punkt seid ihr da gerade?
Wir haben ein „Minimum Viable Product“, das läuft. Und das wird jetzt natürlich weiter verbessert. Wir sind bislang nur ein kleines Team: zwei Leute fest und einige Designer und Developer als Freelancer. Wir suchen gerade einen CTO, was natürlich extrem schwer ist hier. Aber mit unserer Vision wird das vielleicht ein bisschen leichter. Einen Chief Medical Officer suchen wir auch noch. Das soll unser Gründungsteam sein. Wir haben gerade eine kleine Angel-Runde gemacht. Das sind ein paar hunderttausend Dollar und damit wollen wir zur Seed-Runde kommen, die ja hier so zwei Millionen Dollar sein kann. In Deutschland wäre das schon eine Series A.

Da sind wir natürlich schon bei den Unterschieden und was es ausmacht, hierher zu kommen. Die talentierten Leute aus aller Welt hattest du genannt, außerdem das Geld. Sind das die wichtigsten Gründe aus deiner Sicht?
Das Geld ist letztlich nur Mittel zum Zweck. Wichtig ist, dass der Horizont ein anderer ist. Man muss hier nicht innerhalb von drei Monaten Umsatz zeigen. Stattdessen kann man ein Übergangs-Geschäftsmodell haben, das uns nicht zur Profitabilität führt, mit dem man aber zeigt: Da hinten, da wird wirklich was passieren, da schaffen wir ein ganz großes Produkt. Unsere Diagnostics Engine zum Beispiel kann so groß werden wie Google Maps. Wir könnten die Infrastruktur sein für den gesamten Gesundheitsmarkt. So eine Denkweise kommt in Deutschland gar nicht gut an. Aber ohne so eine Denkweise kommt man hier wiederum überhaupt gar nicht weit. Das ist schon ein großer Unterschied.

Man hört allerdings in letzter Zeit, dass das Klima etwas abgekühlt ist. Wie erlebst du das?
Ja, das verändert sich schon. Zurzeit ist das Geld wieder knapper, die Leute sind ein bisschen weniger freigiebig. Gerade kürzlich habe ich noch von einer Runde gehört, wo ein Zwei-Mann-Team ohne Produkt eine 50-Millionen-Dollar-Evaluation bekommen hatte – praktisch nur mit ihren Namen. Das war aber vor einem halben Jahr und die sagen nun, dass sie das heute nicht mehr bekommen würden. Das heißt, die Perspektive wird jetzt gerade etwas kurzfristiger. Wie lange das so ist, who knows?

Über welche Tech-Trends wird denn im Silicon Valley gerade am meisten diskutiert? Was sind da die nächsten großen Themen?
Das große Thema, von dem alle reden, ist Künstliche Intelligenz. Das ist mit Abstand das größte Thema. Und damit zusammen hängt Machine Learning. Das nistet sich jetzt in alle Bereiche ein. Ein weiterer ganz großer Trend bleibt das Internet Of Things. Da gibt es sehr viel Aktivität und da ist viel Geld dahinter. Health Care insgesamt ist ein großer Trend, da passiert immer mehr. Was man gar nicht so richtig mit in Deutschland mitbekommt, ist der Life Sciences Bereich. Ich würde schätzen, dass mehr als zehn Prozent der VCs hier auf Life Sciences spezialisiert sind. Virtual Reality ist auch ein großes Thema – von dem aber übrigens alle sagen, dass da erst mal sehr viel Geld verloren werden wird, weil der Markt langsamer wachsen wird, als mancher glaubt. Aber der mit Abstand größte Trend ist zurzeit Artificial Intelligence.

Kommen wir noch einmal zurück zum Silicon Valley allgemein und zu dem Verhältnis zu Deutschland. Gibt es da aus deiner Sicht auch Gemeinsamkeiten?
Ja, total. Wenn ich Berlin und Silicon Valley vergleiche, sind beide zum Beispiel sehr international. In beiden gibt es außerdem viele Firmen, die sich kleine Bereiche herauspicken und die sehr gut bearbeiten. Networking passiert in Berlin auch immer mehr – also immer mehr Events und immer mehr Kreise von Leuten, die einen ähnlichen Hintergrund haben. Hier spricht man ja beispielsweise von der „PayPal Mafia“. Das gibt es in Deutschland auch vermehrt. Trotzdem gibt es natürlich keinen Zweifel, dass Berlin und das Silicon Valley zwei sehr verschiedene Welten sind. Was müsste sich denn in Deutschland tun, um die Startup-Szene so voranzubringen, dass sie auf Augenhöhe ist?

Ein wichtiger Punkt ist Immigrationspolitik. Meiner Meinung nach muss es viel leichter sein für Leute von außen reinzukommen. Ich habe so viele Mitarbeiter gehabt bei Aeria, die nur während des Studiums in Deutschland bleiben durften. Aber nach dem Studium mussten sie wieder gehen, obwohl sie bei uns einen Job hatten. Das würde hier im Valley nicht passieren. Hier ist es relativ einfach, mit einem „H1B“-Visum reinzukommen. Und diesen Zufluss von gut qualifizierten Leuten zu erlauben, ist ein großer Hebel, den wir in Deutschland nicht haben. Das müssen wir auf jeden Fall besser machen.

Eine andere Sache, die einen großen Unterschied machen würde, wäre eine wirklich gute Computer-Science-Universität zu haben. Dann wäre man in der Lage, ein Stanford und das Ökosystem nachzuahmen. Das wäre ein gutes Thema für staatliche Intervention, da können wir ruhig mal Geld investieren. Generell finde ich: Mehr investieren in Computer Science, insgesamt in Naturwissenschaften – von Applied Math bis zu Statistik und Engineering.

Hat denn beispielsweise Berlin heute auch schon Stärken gegenüber dem Silicon Valley?
Ein wichtiger Punkt ist zur Zeit natürlich der Kostenvorteil von Berlin. Außerdem die Anziehungskraft von Berlin als Metropolregion, als Stadt. Davon reden die Leute auch hier. Das hat sich überall rumgesprochen, dass Berlin gerade die heißeste Stadt der Welt ist. Die große Frage ist: Was kommt danach, wenn es nicht mehr die heißeste Stadt ist? Aber solange das noch hält, glaube ich, kann man davon gut profitieren.

Gäbe es vielleicht sogar Dinge, die man sich deiner Meinung nach im Silicon Valley von den Deutschen abschauen könnte?
Das ist schwer zu sagen, weil Berlin in einem anderen Stadium ist. Es ist so viel jünger, es ist so viel ungefestigter, als hier. Ich glaube vielmehr, dass wir gegenseitig voneinander lernen können. Mal ein Beispiel: Amerikaner sind sehr schnell damit, etwas auf den Markt zu werfen. In Europa sind wir viel langsamer. Wir schämen uns eher dafür, wenn es noch nicht gut ist, entwickeln es dann weiter, verbrennen Geld, bringen es irgendwann raus und dann will es vielleicht keiner. Die Amerikaner sind also manchmal zu schnell und die Europäer zu langsam. Irgendwo in der Mitte scheint mir die Wahrheit zu sein. Man schaue sich Facebook an: Da stellt sich Mark Zuckerberg hin und sagt, dass sie die Welt revolutionieren wollen mit ihrer Chatplattform – aber da gibt es in Wirklichkeit noch praktisch gar nichts. Auf der anderen Seite würde es solche Fortschritte in Deutschland so nicht geben, weil die Leute zu lange rumtüfteln, bevor sie etwas rausbringen. Irgendwo in der Mitte scheint der beste Punkt zu sein dafür. Insofern können wir beide voneinander lernen.

Ist es denn aus deiner Sicht denn ein Muss, einmal ins Silicon Valley zu kommen?
Auf jeden Fall! Für Startup-Gründer ist das wie Disneyland hier. Du hast alle Attraktionen, die du dir vorstellen kannst. Du kannst jeden Abend zu einem Event gehen, auf dem unfassbar gute Leute sprechen. Oder man trifft sie einfach in der Bar. Ehrlich: Jeder der interessiert daran ist, wie sich innovative Unternehmen bewegen, wie sie gegründet werden, wie sie verkauft werden, der sollte herkommen und sich das anschauen.

Und sollte man dann aus deiner Sicht auch hier bleiben? Ist es ein Fehler, danach wieder zurück nach Deutschland zu gehen?
Nein, das ist kein Fehler. Ich habe das ja auch häufig gemacht und es war immer ein großer Spaß. Es hat mich sehr weitergebracht. Ich möchte die Zeit auf keinen Fall missen. Ich würde trotzdem empfehlen, es auch einmal hier zu probieren. Man muss sich nur darüber klar sein, dass das ein Haifischbecken ist. Wenn man hier nicht wirklich gut ist, ist man auch ganz schnell wieder weg. Die Leute verbringen nicht viel Zeit mit Smalltalk. Man steigt ins Gespräch ein, nach 30 Sekunden kommen die ersten Fragen und dann hagelt es. Das ist gerade mit Investoren so. Die haben so viel Futter vor der Flinte, die können so viel in Unternehmen investieren, wenn sie wollten. Man ist da immer einer von hundert. Wenn man sich nicht mit anderen messen möchte, dann sollte man es tatsächlich lassen.

Es heißt oft, in Berlin gäbe es zu wenige Investoren. Und das stimmt. Hier wiederum gibt es zwar mehr Investoren. Aber hier gibt es außerdem so viel mehr Startups und dazu noch größere Startups die viel mehr Geld brauchen, dass es schwer ist durchzudringen. Dazu der Wettbewerb um die Mitarbeiter. Die kann man nicht wie manches Mal in Berlin die ersten drei Monate für nichts arbeiten lassen. Jeder halbwegs erfolgreiche Typ verdient hier 200.000 Dollar im Jahr, und die lässt keiner einfach so liegen. Da musst du Leute begeistern können, damit die das tun. Oder du hast halt Geld. Aber, ja, ich würde trotzdem jedem sagen: Probier es!

Was würdest du denn gern in der Startup-Szene in Berlin oder auch hier im Silicon Valley ändern? Was nervt dich?
Ein Punkt, der mich stört und der auch immer mal wieder hier in Gesprächen vorkommt: „Ihr in Deutschland kopiert doch nur.“ Und ich glaube, dass wir da mehr können müssten. Manche wollen da nur schnell reich werden und dann kopieren sie etwas, was in Amerika schon groß ist. Dabei geht es mir nicht nur um die Idee, sondern vor allem um das Timing, das mitkopiert wird.

Die zweite Sache ist: Welche Ambitionen habe ich im Leben? Es gibt so viele wichtige Themen auf der Welt, um die man sich kümmern könnte. Nehmen wir einmal das Beispiel „Dubsmash“: Das ist eine coole und lustige Idee. Aber eigentlich wäre es schöner, wenn wir für andere Entwicklungen bekannt wären. Es entsteht derzeit sehr viel unternehmerische Energie in Berlin und da würde es mich freuen, wenn mehr davon auf die wichtigen Themen konzentriert würde.

Ich kenne so viele gute Leute in Berlin, die ehrgeizig sind, smart und sehr gut ausgebildet. Und dann höre ich später, dass die an Fotofiltern für Snapchat arbeiten. Das ist doch einfach Unsinn. Mit einem MacBook in der Hand können wir die Welt verändern und wir beschränken uns auf Regenbogenfilter für Snapchat?

Ich möchte an die 25- bis 30-Jährigen appellieren: Fragt euch, was wirklich wichtig ist auf der Welt. Was müssen wir wirklich verbessern? Darauf mehr Kraft zu geben, das wäre wirklich cool.

Kennen Sie schon unseren #StartupTicker? Der #StartupTicker berichtet tagtäglich blitzschnell über die deutsche Start-up-Szene. Schneller geht nicht!

Jan Tißler ist freier Journalist und einer der Herausgeber des UPLOAD Magazins. Der gebürtige Hamburger lebt inzwischen die meiste Zeit des Jahres in San Francisco und schreibt von dort über die Webwirtschaft, Startups und Consumer Electronics.