Gründerin Maybritt Reumann “Bei Klickzahlen wird gelogen, Follower werden gekauft”

Gründerin und Kolumnistin Maybritt Reumann ist ein persönlicher und ehrlicher Umgang in der Start-up-Welt wichtig: "Natürlich gibt es Spielregeln, in denen wir uns bewegen und calistam ist ein Unternehmen und kein Ponyhof, aber warum darf eine Geschäftsbeziehung nicht auch privater sein? ".
“Bei Klickzahlen wird gelogen, Follower werden gekauft”

Das Start-up calistam positioniert sich als Online-Shop für vegane, glutenfreie und sojafreie Lebensweise. “Die Idee entstand, da ich an einer Autoimmunkrankheit leide und meine Ernährung rabiat umgestellt habe, zuerst auf vegan und dann auch noch auf Gluten und Soja verzichtet habe”, so junge Gründerin Maybritt Reumann. Neben Nahrungsmitteln bietet Reumann auch Schmuck, Kleidung und Bücher an. Alle Waren werden versandkostenfrei verschickt.

Neben der Betreuung ihres Start-ups veröffentlicht die Gründerin auch regelmäßig eine Kolumne bei startupbrett, in der sie offen und ehrlich über das Gründerleben schreibt, frei nach dem Motto “Ein Unternehmen zu führen ist eben kein Ponyhof”. Im Interview mit deutsche-startups.de verrät die Gründerin, worauf es ihr wirklich ankommt und welchen Vorteil sie gegenüber ihren männlichen Kollegen in der Branche hat.

“Lass dich nicht von Klischees stören”

Wie definieren Sie sich als Gründerin – im Unterschied zu ihren männlichen Kollegen in der Start-up-Szene?
Der deutlichste Unterschied zwischen mir und einem Gründer ist sicher für jeden sofort erkennbar – ich bin eine Frau! Um aber auf das Klischee einzugehen, vermute ich, ist der größte Unterschied zwischen mir und einem Gründer, dass ich eine privatere Beziehung zu meinen Partnern aufgebaut habe. Es ist mir wichtig, das ich mich mit den Partnern wirklich verstehe und wir ein vertrauensvolles Verhältnis haben. Da kommt es auch schon mal vor, das ich mir ihre privaten Probleme anhöre oder gerade jungen Gründern bei der Kalkulation ihrer Preise oder der besseren Produktbeschreibung helfe.

Ich habe gemerkt, dass die potentiellen männlichen Partner, gerade am Anfang oft sehr überrascht waren von dieser persönlichen Art. Mir fiel auf, dass sie oft genauere Zahlen hören wollten. Natürlich gibt es Spielregeln, in denen wir uns bewegen und calistam ist ein Unternehmen und kein Ponyhof, aber warum darf eine Geschäftsbeziehung nicht auch privater sein? Bei den potentiellen Partnerinnen war es meist anders, sie haben mir viel Einblick in ihr Unternehmen gegeben und Schwachstellen gleich offenbart. Ein offenes Verhältnis ist wichtig, denn vorgelogene Zahlen oder eine bessere Darstellung der Situation würden irgendwann auffliegen und das ist dann nur peinlich.

Welches Vorurteil gegenüber Gründerinnen können Sie in einen Satz widerlegen?
Das ist eine schwierige Frage, denn ich denke es ist wichtiger zu verstehen, dass Gründer und Gründerinnen nicht den Unterschied machen, sondern Menschen an sich. Ich habe schon einige wirklich taffe Frauen getroffen, denen nachgesagt wird, sie hätten ein männliches Auftreten. Genauso habe ich aber auch Gründer kennengelernt, die eher eine weiche Seite haben.

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Nun aber Hand aufs Herz: Welches weibliche Klischee erfüllen Sie? 
Ich bin sehr einfühlend und kann es nicht leiden zu übertreiben, auch wenn dazu vielleicht einige, gerade männliche Gründer neigen. Mir ist es wichtiger ehrlich zu sein und das Gefühl zu haben, den richtigen Weg zu gehen, auch wenn der so vielleicht etwas länger ist.

Warum ist Ihnen Ehrlichkeit so wichtig, finden Sie das in der Branche viel geschummelt wird?
Für mich ist Ehrlichkeit eine der wichtigsten Eigenschaften und es stört mich, das gerade im Startup-Bereich viel überspielt, gelogen und übertrieben wird. Zu Beginn dachte ich auch immer, das will ich auch so schnell schaffen, aber mit dem Start von calistam kam ich in der Realität an. Ich will nicht sagen, das nur schlechte Meldungen geteilt werden sollen, denn Erfolge sollen und müssen auch geteilt werden. Aber es fängt schon bei der Angabe der Klickzahlen an, hier wird viel gelogen, Follower gekauft und erst bei genauem Hinsehen kann der Schwindel erkannt werden.

Das ist auch eine Inspiration gewesen, die mich dazu bewegt hat, meine Kolumne über meinen Stundenlohn zu veröffentlichen. Ich wurde von Freunden und Familie immer wieder gefragt, ob ich denn von meinem Start-up leben könnte und es gab potentielle Partner, die meine Provision zu hoch fanden: “So viel Provision, nur dafür das du Werbung machst und alles einstellst”. In der Kolumne  habe ich klar beschrieben, dass ich aktuell kein Geld bekomme und trotzdem Vollzeit an calistam arbeite. Es war von Anfang an so geplant, also warum sollte ich daraus ein Geheimnis machen? Wer ein Unternehmen gründen will, muss sich einfach im Klaren sein, was das bedeutet und das ist auch der Grund, warum ich diese doch sehr ehrlichen Kolumnen schreibe. Ich will aufzeigen, wie meine Realität aussieht und ich freue mich jedes Mal, wenn ich scheinbar wirklich ehrliche Interviews von anderen Gründern lese oder auch Gespräche führe, wo offen über aufgetretene Probleme geredet werden kann und nicht hinter vorgehaltener Hand verurteilt wird.

Welchen Tipp können Sie anderen Gründerinnen geben?
Trau dir was zu, aber lass dich nicht von Klischees stören und versuch nicht jemand anderes zu sein. Wenn du deine Persönlichkeit entfaltest, dann bist du viel stärker als jede Fassade und denk immer daran, du steckst Menschen unbewusst auch in Schubladen, also lass dich nicht davon verwirren, wenn andere es auch mit dir machen.

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Conny Nolzen, geboren 1989, arbeitet seit September 2015 als Volontärin bei deutsche-startups.de. Die Hamburgerin konnte bereits, neben ihrer Tätigkeit als Pferdewirtin, verschiedene Start-ups mit kreativen Ideen unterstützen. Ihr besonderes Interesse galt hierbei den Gründerinnen der Szene. Erste journalistische Erfahrungen sammelte sie in der Nachrichtenredaktion eines Hamburger Radiosenders. Mit Conny kam auch der erste Bürohund zu ds - welcher (meistens) auf den Namen Emil hört.

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