Felix Schollmeier über München “Die Qualität der Bewerber ist außergewöhnlich hoch”

"Kapital ist neben Technologie und Innovationskraft, der Treibstoff dieser Szene! München war da bereits auf gutem Weg mit den IPOs von Interhyp, Zooplus oder Wirecard. Wir müssen an diese Erfolge anknüpfen", sagt Felix Schollmeier, Mitgründer von Finanzchef24.
“Die Qualität der Bewerber ist außergewöhnlich hoch”

Die bayerische Hauptstadt ist immer eine Reise wert – auch für alle, die sich für Start-ups interessieren – hier entlang zu unserem Themenschwerpunkt München. In München gibt es nicht nur eine lebendige Gründerszene, die sich gerne untereinander austauscht, sondern auch viele bekannte und große Start-ups – siehe auch unseren Start-up-Lotsen für München. “München ist das Eldorado für Start-ups“, schrieb Garan Goodman, Managing Director Wayra Deutschland, kürzlich sogar. Wir reden heute mit Felix Schollmeier, Mitgründer von Finanzchef24, über München, bayrische Seen und Treibstoff.

Reden wir über München. Wenn es um Start-ups in Deutschland geht, richtet sich der Blick sofort nach Berlin. Was spricht für München als Start-up-Standort?
München hat eine sehr spannende und einzigartige Kombination aus Technologie, Industrie, jungen Talenten und Finanzinvestoren. Genau das war auch für meinen Co-Founder Hendrik Rennert und mich der Anlass, Finanzchef24 in München zu gründen.

Was genau begeistert Sie an München?
Die Mehrheit aller DAX-, TecDAX- und MDAX-Unternehmen sowie die Deutschlandweit größten Offices der führenden Strategieberatungen befinden sich in München. Daneben haben wir hier weltweit führende Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer- oder Max-Planck-Institut und Top-Unis wie die LMU und TU München. Sie heizen die Forschung weiter an und sorgen so für Innovationen, die auch immer wieder zu Ausgründungen, zum Beispiel über den Uni-eigenen Inkubator LMU Entrepreneurship Center, führen. Auch die extrem hohe Dichte an bekannten Venture Capital Fonds wie Target Partners, Earlybird, Holtzbrinck und Acton Capital, sowie Family Offices und Corporate VCs und Accelerators – unter anderem von Siemens, BMW, Allianz und Telefonica/O2 tragen zur Attraktivität von München bei.

Klingt gut, aber hat man als Start-up auch etwas davon?
Finanzchef24 beispielsweise hat nur von Münchener Investoren – Target Partners, HW Capital, Mercura Capital sowie dem FinTech-Angel Michael Birkel – über 10 Millionen Euro einsammeln können.

Welche weichen Faktoren sprechen sonst für München?
München bietet auch eine tolle Lebensqualität und die Menschen hier sind unglaublich aktiv in ihrer Freizeit: Sie klettern, wandern, fahren Ski- und Snowboard, gehen Riversurfen am Eisbach, grillen an der Isar oder segeln auf den bayrischen Seen. In Summe führt das wiederum zu einer Ansammlung an jungen Talenten, die in München landen und die für Start-ups einen einzigartigen Talentpool darstellen.

Und was macht sonst den besonderen Reiz der Startup-Szene in München aus?
Ich mag innerhalb der Start-up-Szene besonders den sehr freundschaftlichen Austausch untereinander, auch wenn dieser ruhig häufiger stattfinden könnte. Ich persönlich finde es auch motivierend, dass hier so viele erfolgreiche Gründungen der ersten Internetwelle sitzen. Vor allem im FinTech-Bereich gibt es einige schöne Münchener Success Stories wie die der Interhyp, Check24, Scout24, Cortal Consors und Fidor Bank. Als Start-up hat man extrem guten Zugriff auf Industriepartner oder B2B-Kunden, auch auf hochkarätige Kontakte. Das ist für uns zum Beispiel bei Partnern in der Versicherungsbranche sehr wertvoll.

Was ist in München einfacher als in Berlin – und umgekehrt?
Ich finde die Qualität der Bewerber und Mitarbeiter in München außergewöhnlich hoch. Finanzchef24 als FinTech- bzw. InsuranceTech-Startup rekrutiert oft ehemalige Mitarbeiter von großen Versicherungsgesellschaften, die in München stark vertreten sind und die ihre Leute sehr gut ausgebildet haben. Gleichzeitig stellen wir auch sehr viele Mitarbeiter mit mathematisch-naturwissenschaftlichem Hintergrund, unter anderem Mathematik, Physik und Statistik, ein – hier ist der Zugriff auf die lokalen Unis LMU und TU ein großes Plus.

Und was sind die Nachteile der Stadt?
Wir müssen durch den Wettbewerb um Talente mit Bluechips wie McKinsey, Google, Siemens, Allianz etc. auch vergleichsweise hohe Gehälter zahlen oder andere Benefits bieten. Trotzdem würde ich sagen – wenn ich mich mit Berliner Gründern unterhalte – dass wir eine relativ niedrige Fluktuation haben. Ein Nachteil von München sind die relativ hohen Mieten im privaten und gewerblichen Bereich. Man kriegt hier einfach weniger für sein Geld.

Zum Schluss: Was fehlt in München noch?
Ich würde mir in München mehr Events für und mit Gründern wünschen. Denn nach wie vor finden die bekannteren internationalen Veranstaltungen wie TechCrunch Disrupt oder Seedcamp in Berlin oder London statt. Und so fehlt teilweise auch der Fokus durch internationale Presse und internationale VCs. All das hängt aber meiner Meinung nach mit Münchens größten Manko zusammen: wir benötigen für München, aber auch generell für den Startup-Standort Deutschland, mehr große Exits und IPOs. Windeln.de ist ein tolles Beispiel für einen aktuellen Exit am Standort München. Aber ich glaube, dass wir weitere und größere IPOs wie den aktuellen Börsengang von Scout24 benötigen. Man kann Rocket Internet und den Samwer-Stil mögen oder nicht, aber was die Leute in der Szene oft vergessen ist: egal wo wir in Deutschland sitzen, wir benötigen große Exits wie Zalando oder Rocket Internet und große Finanzierungsrunden mit bekannten Investoren um weitere Investorengelder anzulocken. Kapital ist neben Technologie und Innovationskraft, der Treibstoff dieser Szene! München war da bereits auf gutem Weg mit den IPOs von Interhyp, Zooplus oder Wirecard. Wir müssen an diese Erfolge anknüpfen. Das heißt, es liegt natürlich auch an den Gründerinnen und Gründern hier in München weiterhin große Unternehmen zu bauen, die nicht nur Märkte nachhaltig verändern, sondern auch durch finanzielle Erfolge für die nächste Generation Startups weiteres Kapital anziehen.

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.