Gastbeitrag zum IPO der Startups Group Gekreische, Hater Klima und Argumentationslücken

Dass es in der Realität nicht so einfach ist das benötigte Kapital einzutreiben indiziert sicherlich die Verlängerung der Angebotsfrist als auch die aus meiner Sicht überzogene und Nervosität offenbarende Anwaltsaktion seitens der German Startups Group, sofern sich dies wie kolportiert auch wirklich zutrug.
Gekreische, Hater Klima und Argumentationslücken

Nachdem ich per 15. Juli einen Blogeintrag zu meiner persönlichen Einschätzung des Börsengangs der German Startups Group verfasst habe, der sowohl positive als auch negative und kritische Aspekte aus meiner eigenen Betrachtungsweise und regelmäßiger Leser, aber auch mit der Strukturierung von Börsengängen Beschäftigter hervorhebt, möchte ich kurz Stellung zu den Ereignissen der letzten beiden Tage nehmen, zuvor aber kurz in die Geschehnisse subsumierend einleiten.

Was bisher geschah

Ein kritischer Blogpost des E-Commerce Experten Jochen Krisch wurde binnen weniger Stunden nach Veröffentlichung anscheinend aufgrund der Drohkulisse des Rechtsbeistandes der German Startups Group wieder entfernt und in einen ironisch sarkastischen Post modifiziert. Dazu äußert sich dann Herr Olaf Kolbrück von etailment per 16. Juli Herrn Krisch und seine Argumentationsweise zitierend und generell sowie generös wohlwollend in Schutz nehmend mit Zitaten aus dem gelöschten Artikel – der selbstredend per Google Cache Suche jedem zugänglich ist.

Auch Tarek Müller, Project Collins, kommentiert implizit spöttisch per Twitter über den Börsengang der German Startups Group und sieht den Börsengang als Überhitzungsindikator. Soweit so gut, denn jeder darf und sollte wohl unverblümt seine freie Meinung äußern dürfen und in der Tat gibt es einige kritische Anmerkungen zum Börsengang der German Startups Group hervorzuheben, so wie bei jedem anderen Börsengang auch, der zumeist in größeren Märkten mit anderen Stakeholdern stattfindet und üblicherweise bei Weitem nicht so viel kritische Betrachtung auf der medialen Aufmerksamkeitsskala findet, da wie auch in diesem Fall hochgelobte, seriöse Massenmedien mit exzellentem Ruf sich bestenfalls nicht die Mühe machen detaillierter zu recherchieren, oder aber auch gegebenenfalls nicht die erforderliche Sachkenntnis besitzen, um analytisch sezierend zu evaluieren. Schade ist nur und das ist der fade Beigeschmack aus meiner Sicht, dass ein “nicht Gönnen wollen” Einzug hält, noch bevor dieser “kleine Börsengang”, der eine Marktkapitalisierung von unter 100 Millionen Euro anstrebt, vollzogen ist und dies partiell basierend auf erheblichen Argumentationslücken.

Argumentationslücken hinsichtlich der Kritik an der Bewertungsrelation

Auch kann man grundsätzlich die Beteiligungsqualität, deren Höhe, Vehikelstrukturen und angewandte Bewertungsmaßstäbe kritisieren. Allerdings sollte man sich vergegenwärtigen, dass eine Bewertung der Beteiligungen gemäß IFRS Rechnungslegungsvorschriften, somit anhand der letzten extern durchgeführten Startup Finanzierungsrunde, wohl der plausiblere Ansatz zur Wertermittlung einer Beteiligung ist in Relation zur gläubigerfreundlichen, konservativeren Bilanzierung gemäß HGB. Diese geht von den Anschaffungskosten der Beteiligung aus und dies ist bei stark skalierbaren Geschäftsmodellen, die insbesondere in der Early-Stage Phase kontinuierlich signifikanten Wertzuwachs erzielen (sollten), nicht der kohärenteste Ansatz. Zudem sind die IFRS Rechnungslegungsstandards auch im EU-regulierten Marktsegment General Standard, dem nächsthöheren Segment an der Frankfurter Wertpapierbörse, gefordert und können somit auch als Vorbereitung und Anbahnung eines zukünftigen Segmentwechsels betrachtet werden. Schließlich noch ein Denkanstoß zur Argumentationsweise, dass alle Beteiligungen mind. EUR 2 Mio. wert sein müssten, um den bis dato noch nicht feststehenden Wert/Marktkapitalisierung der Gesellschaft an der Börse zu rechtfertigen.

Hier liegt der E-Commerce Experte einem grundsätzlichen Irrtum auf, dem man durch Kenntnis von pre-money und post-money Bewertung sehr schnell auf die Schliche kommt. Natürlich ist die Gesellschaft, unter der Annahme, dass als Mittelwert ca. EUR 60 Mio. eingesammelt werden, mehr als diese EUR 60 Mio. wert und die 43 als homöopathisch betitelten Beteiligungen wiederum, je nach Marktkapitalisierung als Orientierungsmaßstab, dann eher durschnittlich knapp EUR 500.000,- gemäß IFRS „fair value“ Bewertung wert. Auch sprechen die letzten beiden Kapitalerhöhungen mit Zeichnern von Organseite zu EUR 2,40 und EUR 3,00 dafür, die zudem noch einer 12-monatigen Lock-Up Frist aufliegen, dass hier nichts Ungewöhnliches passiert, außer dass sich ein börsenerfahrener, geschäftsführender Gesellschafter namens Christoph Gerlinger an der Börse – die mal nun im allgemeinen neben all der oberflächlich beschrieenen Spekulations- und Casinomentalität ein Instrument zur Refinanzierung darstellt – versucht Kapital einzutreiben, um den eingeschlagenen Wachstumskurs seiner Gesellschaft fortzusetzen. Die Werthaltigkeit der Beteiligungsgesellschaft wird sich somit wesentlich aus den zukünftigen Investitionen der Erlöse aus dem Börsengang ergeben.

“Hater Klima” vs. Entwicklung Startup-Cluster

Dass es in der Realität nicht so einfach ist das benötigte Kapital einzutreiben indiziert sicherlich die Verlängerung der Angebotsfrist als auch die aus meiner Sicht überzogene und Nervosität offenbarende Anwaltsaktion seitens der German Startups Group, sofern sich dies wie kolportiert auch wirklich zutrug. Allerdings und das ist doch viel trauriger und leider auch symptomatisch, sollte die gesamte Startups Szene neben all den insbesondere in einem Wertpapierprospekt immer zu findenden, berechtigten Kritikpunkten doch grundsätzlich lieber die Daumen drücken, dass die German Startups Group das benötigte Geld erlöst, um das Startup Ökosystem voranzutreiben und mit neuem Geld zu versorgen. Ähnliches beobachtete man auch bei dem Börsengang von Rocket Internet im Oktober 2014. Statt den Initiatoren auf die Schulter zu klopfen und sie für die „Verhaftung“ großer, bedeutender und vor allem einflussreicher Investoren zu loben, herrscht oftmals leider in Deutschland eine überkritische – als analytisch messerscharfe Argumentationsweise getarnte – Verurteilung vor, die dem Standort eher schadet als zukünftig die Chancen ermöglicht ein blühendes Startup Ökosystem zu etablieren. In diesem Sinne freue ich mich auf viele weitere Startups und auch Beteiligungsgesellschaften, die die Börse als Refinanzierungsmöglichkeit nutzen und gebe die Hoffnung nicht auf, dass dies zukünftig öfter mal mit generösem, gönnendem und positivem Unterton kommentiert wird.

Passend zum Thema: “Endlich ein Superheld – Wir sind alle 6Wunderkinder und sollten stolz drauf sein“.

Zur Person
Stefan Maas ist Inhaber bei Prematuritas Invest, das Startup und Corporate Finance sowie IPO Beratung mit den Bedürfnissen der Investoren zusammenbringt. Seit 2005 hat er durch verschiedene Beratungs- und Investmenttätigkeiten etliche Börsengänge am Kapitalmarkt aktiv begleitet. Darüber hinaus engagiert er sich als Gründer und Geschäftsführer des Pitch Club FFM in der jungen Frankfurter Startup Szene und bringt dabei kapitalsuchende Startups mit erfahrenen investitionsfreudigen Investoren zusammen.

Foto: IPO from Shutterstock