Gastbeitrag von Markus Kreher Vorstoß der Politik in puncto Börse 2.0 ist goldrichtig

Zunächst einmal finde ich den Vorstoß der Politik in puncto Börse 2.0 goldrichtig. Dass wir einen Kapitalmarktzugang für Start-ups in Deutschland benötigen, steht außer Frage. Junge Unternehmen aus der Digitalbranche brauchen einen besseren Zugang zu Geld.
Vorstoß der Politik in puncto Börse 2.0 ist goldrichtig

Seit dem Vorstoß von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, in Deutschland ein neues Börsensegment für Start-ups zu etablieren, ist die Diskussion in regem Gange. Die Suche nach einem geeigneten Platz am Kapitalmarkt für junge Technologie-Unternehmen hat begonnen. Auch wenn die Deutsche Börse der ursprünglichen Idee einer Börse 2.0 bereits eine Absage erteilt hat, hofft der Bundesverband Deutsche Startups weiterhin auf die Umsetzung. Der Verband hat in einem Brief an Reto Francioni, den Chef der Deutschen Börse, jüngst gefordert, die Idee schnellstmöglich umzusetzen. Bei dem Spitzentreffen im Wirtschaftsministerium am 18. Dezember soll das Vorhaben zwischen Vertretern von Banken und Börse sowie Anleger- und Unternehmensseite weiter diskutiert werden.

Schub für die Digitalisierung

Was wäre ein wünschenswertes Ergebnis dieses Treffens? Zunächst einmal finde ich den Vorstoß der Politik in puncto Börse 2.0 goldrichtig. Dass wir einen Kapitalmarktzugang für Start-ups in Deutschland benötigen, steht außer Frage. Junge Unternehmen aus der Digitalbranche brauchen einen besseren Zugang zu Geld. Mit einem festen Platz am deutschen Kapitalmarkt würde Deutschland ihnen einen wesentlichen Teil der benötigten Infrastruktur zur Verfügung stellen. Die Unternehmen erhielten die für ihre Finanzierung zwingend erforderliche Sichtbarkeit bei potenziellen Investoren. Damit würde die Digitalisierung hierzulande ganz neuen Schub erhalten.

Neues Gegengewicht zu den USA

Doch nicht nur das: Mit dieser Infrastruktur können wir in Deutschland ein Gegengewicht zu den USA bilden. Bisher wagen viele deutsche junge Unternehmen den Börsengang in den USA, um Investoren zu gewinnen – und das trotz massiver finanzieller und administrativer Belastungen. Denn auf lange Sicht ist ein Börsengang in den USA eigentlich nur sinnvoll, wenn das Geschäftsmodell des Unternehmens auch auf den US-amerikanischen Markt zielt. Andernfalls ist es mühsam, langfristig für Aufmerksamkeit bei US-Investoren zu sorgen. Denn das erfordert etwa, Währungsschwankungen zu erklären oder das regulatorische Umfeld in Europa zu erläutern oder zu rechtfertigen.

Die Zeit läuft

Bekommen Start-ups hierzulande die Chance auf einen Kapitalmarktzugang, wird das auch ausländische Investoren anlocken. Die Finanzinvestoren-Szene in diesem Bereich ist groß und mobil genug. Sie muss das vorhandene Potenzial nur sehen können. Je früher also ein regulativer Vorschlag auf den Weg gebracht und umgesetzt wird, desto besser. Die Unternehmen warten nur bedingt auf die Politik und werden sonst die Abstimmung mit den Füßen machen und trotz aller Mühen auch in die USA gehen. Der alleinige Schlüssel zum Erfolg ist ein eigener Handelsplatz für Start-ups natürlich nicht. Auch an anderen Stellschrauben muss der Gesetzgeber drehen, um die Rahmenbedingungen in Deutschland für Gründer zu verbessern – dazu zählen etwa Steuererleichterungen oder schnellere Arbeitsgenehmigungen für ausländische Spezialisten.

Leichter Zugang erwünscht

Wie die Lösung konkret aussehen wird – ob es ein gänzlich neues Börsensegment geben wird oder innerhalb der bestehenden Standards Raum für Start-ups geschaffen wird – muss spätestens am 18. Dezember ausdiskutiert werden. Was jetzt schon feststeht, ist: Der erarbeitete Kapitalmarktzugang für Jungunternehmen muss leicht zugänglich sein – leicht im Sinne von erreichbar, nicht im Sinne von erleichterten Vorschriften, was Governance-Richtlinien und den Transparenzgrad anbelangt. Wir dürfen nicht dieselben Fehler machen wie beim Neuen Markt vor 17 Jahren. Damals wagten auch Unternehmen ohne nachhaltiges Business-Modell einen Börsengang. Die Folgen davon bekommen wir heute noch zu spüren: Die Versäumnisse haben viele Anleger vom Börsenparkett vergrault.

Zur Person
Markus Kreher ist Head of Finance Advisory bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG. Kreher ist seit dem Jahr 1999 im Bereich Capital Market Services und Start-ups tätig und hat in den vergangenen Jahren mehrere Unternehmen aus den Branchen Telekommunikation, Medien und Technologie bei ihrem Gang an die Börsen in Frankfurt, Luxemburg und New York (NASDAQ) begleitet.

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