“Wir konzentrieren uns voll auf Polen und weitere geplante Markteintritte” – Sebastian Diemer von Kredito im Interview

Seit dem Start erhitzt das Hamburger Start-up Kredito (www.kredito.de) die Gemüter – sowohl in der deutschen Gründerszene als auch in der etablierten Pressewelt sowie den Verbraucherzentralen des Landes. Bis Juni dieses Jahres konnten […]

Seit dem Start erhitzt das Hamburger Start-up Kredito (www.kredito.de) die Gemüter – sowohl in der deutschen Gründerszene als auch in der etablierten Pressewelt sowie den Verbraucherzentralen des Landes. Bis Juni dieses Jahres konnten sich klamme Zeitgenossen bei Kredito ganz fix 400 Euro für 30 Tage leihen – seitdem ist Kredito offline. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Kredito-Mitgründer Sebastian Diemer über Bafin-Lizenzen, Wucherkredite und progressives Wachstum.

Seit Anfang Juni ist Kredito “vorrübergehend nicht erreichbar” bzw. anfangs stand auf der Seite “Kredito hat geheiratet! Wir müssen unser System umstellen, da wir gerade eine tiefgreifende Kooperation mit einer Bank eingegangen sind”. Kommt Kredito irgendwann noch einmal wieder?
Kredito ist eine Technologie, die es ermöglicht die Identität sowie Kreditwürdigkeit von Privatpersonen in wenigen Sekunden anhand von 8.000 Datenpunkten zu verifizieren. Die erste Phase, Kredito.de, im zweiten Quartal 2012 hatte zum Ziel ausreichend Daten zu generieren, um das Modell zu validieren und 100 % zu automatisieren. Kurzzeitkredite mit geringen Beträgen ermöglichen es in sehr kurzer Zeit große Datenmengen zu generieren. Die Technologie wird mittelfristig als B2B-Dienstleistung, also “Identification / Scoring as a Service”, in der Tochterfirma Zertifikato, zu finden unter www.zeritifkato.com weitergeführt. Parallel dazu arbeiten wir mit Hochdruck daran, unsere Technologie als Industriestandard in der Bankenbranche zu etablieren. Dazu haben wir schon einige Interessenten, unter anderem eine Bank gefunden, mit denen wir diese Technologie momentan bei der Bafin akkreditieren lassen.

Bafin ist ein gutes Stichwort: Laut dem Kreditwesengesetz ist eine Lizenz benötigt, wenn jemand ein Kreditgeschäft mittels eines “in kaufmännischer Weise eingerichteten Geschäftsbetriebs” anbietet. Kredito besitzt keine Bafin-Lizenz.
Kredito.de hatte zum Ziel ohne signifikante Kosten Daten zu generieren und validieren. Daher vergaben wir sogenannte Nachrangdarlehen, für die es keiner Bafin-Lizenz bedarf. Die Rückzahlungspflicht ist dabei an die Zahlungsfähigkeit des Schuldners geknüpft. Die Befreiung vom Schriftvertrag ergibt sich aus §491 BGB, Absatz 2. Die Mission von Kredito ist es die Validierung der Kreditwürdigkeit und somit auch die Vergabe von Krediten schneller, fairer und verantwortungsbewusster zu gestalten. Das werden wir in Deutschland mittelfristig umsetzen, indem wir die Technologie in vielfältiger Weise einsetzen.

Eine Finanzexpertin der Hamburger Verbraucherzentrale, bezeichnete das Angebot von Kredito kürzlich als unseriös: Kredite mit einen effektiven Jahreszinssatz im dreistelligen Bereich seien “Wucherkredite”. Wie seriös ist Kredito?
Ohne der vermeintlichen Expertin zu nahe treten zu wollen: Kredito-Kleinkredite haben eine Laufzeit von maximal 30 Tagen und Beträgen von maximal 1.000 Euro. Die Gebühren für ein Zertifikat betrugen 49 Euro, also in etwa 10 % bei einem Betrag von 500 Euro. Eine Verlängerung der Laufzeit wurde nicht angeboten. Kredito bot einen einmaligen Mehrwert mit sehr transparenten Gebühren. 95 % unserer Kunden waren sehr zufrieden mit unserem Service und zahlten fristgemäß zurück. Das ist die einzige Kennzahl, an der wir die Qualität unseres Dienstes messen lassen – bewusst haben wir uns zu keiner Zeit zu der populistischen Stimmungsmache geäußert.

Mir persönlich ist bis heute nicht klar, welchen Sinn es ergibt einen Jahreszins für maximal 30-tägige Kredite zu berechnen bzw. zu vergleichen. Es würde auch keiner eine Jahresrate für Hotelzimmer angeben, da kostet das Standardhotelzimmer schnell mal 35.000 Euro, wohingegen eine vergleichbare Wohnung für 5.000 Euro zu haben ist. In anderen Worten, das Hotel kostet 700 % zuviel. Wucher? Nein, da der Kunde den Mehrwert des Services für eine kurze Zeit in Anspruch nimmt und bereit ist, diesen Mehrwert zu bezahlen. Ähnliches gilt für Mietwagen, Bier von der Tanke oder geliehene DVDs.

Treiben Sie mit Kredito denn ohnehin überschuldete Menschen nicht weiter in die Überschuldung?
Die Annahmequote in Deutschland lag bei unter 20 %, Kriterien waren unter anderem ein Einkommen von über 800 Euro je Monat. Das Überschuldungsrisiko ist somit faktisch nicht gegeben. Da wir uns als “Responsible Lender” sehen haben wir zudem einen Schutzzeitraum eingebaut, um unsere Kunden sozusagen vor sich selbst zu schützen: So konnte eine Kunde bei uns erst 45 Tage nach erfolgreicher Rückzahlung einen neuen Kredit aufnehmen und wurde für jeden Antrag erneut geprüft.

Was auffällt: Sie sprechen im Zusammenhang mit Kredito.de immer nur in der Vergangenheit: Wann geht Kredito.de denn wieder an den Start?
Ich spreche von der Vergangenheit, weil wir aktuell im deutschen B2C-Markt nicht aktiv sind. Zudem geht es an diesen Stellen speziell um Zahlen und Ergebnisse aus der Vergangenheit. Die in Deutschland gesammelten Erfahrungen lassen sich in anderen Ländern schneller skalieren. Den deutschen B2C-Markt und vergleichbar komplexe Märkte in anderen Ländern werden wir davon nachgelagert betreten. Die dazu notwendigen Veränderungen laufen aktuell auf Hochtouren. Details dazu werden wir allerdings erst zu gegebener Zeit preisgegeben.

Zumindest im Ausland geht es mit Kredito bereits weiter: Seit August sind sie in Polen aktiv: Was macht den polnischen Markt so attraktiv?
Kredito war von Stunde null an ein internationaler Case, Deutschland war der Testmarkt, um unsere Technologie zeit- und kapitalschonend zu validieren. Wir betrachteten den europäischen Markt anhand folgender Daten: Rechtlich-politische Lage, Bankenregulierung, Formerfordernis, wirtschaftliche Kennzahlen, Kaufkraft, Durchschnittseinkommen, Rückzahlverhalten sowie Wettbewerbssituation. Polen ist eine liberale, politisch stabile Volkswirtschaft, die ein starkes Onlinewachstum in den nächsten Jahren verspricht. Der Markt ist liberalisiert, dennoch ist die Wettbewerbssituation mit circa fünf Wettbewerbern sehr attraktiv. Kredito24.pl ist der erste technologiebasierte Anbieter, der in der Lage ist, Kreditanträge vollautomatisiert innerhalb von zwei Minuten zu bearbeiten und den Betrag auf dem Konto des Antragstellers gutzuschreiben.

Was sind Ihre ersten Erfahrungen in Polen?
Kredito vergibt in Polen eine signifikante Anzahl an Krediten mit einer einstelligen Anzahl an Mitarbeitern und Ausfallraten, die signifikant besser sind als die deutschen – bei einem Bruchteil der Akquisitionskosten. Technology does the magic! Besonders freut uns die sehr positive Kundenresonanz – Minikredite sind in Polen, wie in vielen europäischen Ländern, eine etablierte Industrie. Dennoch können wir sagen, dass Kredito in Polen als markt- und technologieführend wahrgenommen wird und wir jeden Tag neue positive Kundenstimmen erhalten.

Welche weiteren Ländern wollen Sie angehen?
Kredito wird bis zum zweiten Quartal 2013 in zwei weiteren europäischen Ländern verfügbar sein, in 2013 wird das erste Land außerhalb der EU hinzukommen. Darüber hinaus werden wir das B2B-Produkt “Scoring as a Service” in weiteren Ländern vertreiben und Retailpartnern zur Verfügung stellen.

Ganz andere Baustelle: Creditolo hat eine einstweilige Verfügung gegen Kredito erwirkt. Dabei geht es unter anderem darum, dass creditolo und kredito “verwechslungsfähig” seien: Muss sich Kredito nun einen neuen Namen suchen?
Creditolo schien es zu missfallen, dass wir binnen kurzer Zeit unter “Kredit”, eines der härtesten Keys im Onlinemarketing überhaupt, im SEO auf der ersten Seite waren. Wohingegen sie durch das Pinguin-Update weiter nach hinten gewandert sind. Als Kreditvermittler, Affiliate ist das die Lebensgrundlage. Daher wurde ein Versuch gestartet, die Domain über den Rechtsweg zu enteignen. Dieser Antrag wurde zurückgewiesen, eine Ähnlichkeit stellte das Gericht zu unserer Überraschung in dritter Instanz tatsächlich fest, wohingegen die ersten beiden Instanzen den Antrag zurückgewiesen haben. Auch, wenn wir – sowie unser Anwalt und einige Experten – die Entscheidung überraschend fanden, vertraue ich in den deutschen Rechtsstaat und beuge mich diesem Urteil.

Und: Wie geht es nun weiter?
Da wir in Deutschland mittelfristig nicht planen unter der Domain kredito.de Kredite zu vermitteln und voll auf die wöchentlich zweistellig wachsenden Auslandsmärkte fokussiert sind, haben wir uns dagegen entschieden unsere Sichtweise in einer kosten- und zeitintensiven Hauptverhandlung darzulegen. Solche Prozesse können wichtige Ressourcen, also Zeit, Kapital, Managementfokus binden und einem Start-up letztlich die Existenz kosten. Die klügere Zahnbürste gibt in diesem Fall nach. Wir konzentrieren uns stattdessen lieber auf saubere Execution, zufriedene Kunden und progressives Wachstum in den Zielmärkten.

Was heißt dies konkret?
Wir haben uns gegen eine zeit-, kosten- und nervenintensive Hauptverhandlung entschieden und konzentrieren uns voll auf Polen und die weiteren geplanten europäischen Markteintritte. Ob und unter welchem Brand wir in Deutschland mit unserer Partnerbank mittelfristig wieder online gehen, entscheiden wir rational anhand der länderspezifischen ROIs.

Zur Person
Sebastian Diemer gründete Kredito (www.kredito24.com) gemeinsam mit Alexander Graubner-Müller. Das Duo hob zuvor bei Hanse Ventures den Dienstleistungsvermittler Gigalocal aus der taufe. Kredito wird von Investoren wie Michael Brehm, Stefan Glänzer, Timon Hartung, Point Nine Capital, Grey Corp, dem Investmentvehikel von Jan Becker, Robert Wuttke und Andreas Etten, Digital Pioneers, der Beteiligungsgesellschaft rund um Heiko Hubertz, amiando-Gründer Felix Haas sowie Nils Henning unterstützt.

Artikel zum Thema
* Kredito zieht weitere bekannte Investoren an – Neuer Ableger Zertifikato.com startet
* Kredito vor Neustart: Umstrittener Hamburger Kreditdienst holt Bank an Bord
* Kredito adaptiert das wonga-Modell für Mikrokredite

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.