#Gastbeitrag

Der ewige Wettstreit: Was der FinTech-Standort Frankfurt der Hauptstadt voraus hat 

Frankfurts Startup-Ökosystem ist insgesamt nicht riesig. Jedoch weist die größte Stadt Hessens einige bemerkenswerte Attribute auf, die ihr einen Wettbewerbsvorteil im FinTech-Bereich verschaffen. Zunächst einmal die Nähe zur Bankenbranche.
Der ewige Wettstreit: Was der FinTech-Standort Frankfurt der Hauptstadt voraus hat 
Donnerstag, 18. Februar 2021Vonds-Team

Seit Jahren liefern sich Frankfurt und Berlin ein Rennen um die Pole-Position „erfolgreichster FinTech-Standort Deutschlands“. Lange sah es danach aus, als könnte die hessische Bankenstadt der Hauptstadt nicht das Wasser reichen. Frankfurt ist zwar der bedeutendste Finanzplatz Deutschlands und Anlaufstelle für zahlreiche Banker, doch in Sachen FinTechs blieb die Mainmetropole immer hinter Berlin zurück.  

Für junge Unternehmen war es in Berlin einfach Kapital und Mitarbeiter zu finden. Misst man den Erfolg des jeweiligen Standortes an den Finanzierungsrunden, so hat sich laut des jüngsten EY Startup-Barometers Deutschland wenig daran geändert: Im ersten Halbjahr 2020 sammelten junge Berliner Unternehmen mehr als 80 Prozent des im Bereich FinTech/-InsurTech investierten Kapitals ein.    

Frankfurt: „Ecosystem to Watch“ 

Doch das ist nur ein Parameter, um den Erfolg eines Standorts zu messen. Weitere Aspekte sind beispielsweise der Arbeitsmarkt, das bestehendes Umfeld oder die vor Ort ansässigen Forschungsstrukturen. Diese und weitere Faktoren berücksichtigt der aktuelle Startup Genome Report. Er analysiert die besten FinTech-Standorte weltweit. Zwar führt der Bericht keinen einzigen deutschen Standort auf, aber: Von allen deutschen Städten hat es nur Frankfurt als Runners-up auf die Liste geschafft und wird zudem als „Ecosystem to Watch“ aufgeführt.  

Frankfurts Startup-Ökosystem ist insgesamt nicht riesig. Jedoch weist die größte Stadt Hessens einige bemerkenswerte Attribute auf, die ihr einen Wettbewerbsvorteil im FinTech-Bereich verschaffen. Zunächst die Nähe zur Bankenbranche: Durch den Brexit kann Frankfurt seine Rolle als europäisches Bankenzentrum weiter ausbauen. Denn neben den größten deutschen Banken haben auch alle großen internationalen Banken ihre Haupttöchter in der hessischen Landeshauptstadt angesiedelt. Hier fällt auch das größte Handelsvolumen an. Daneben weist Frankfurt durch den Sitz der Europäischen Zentralbank und der BaFin das ideale regulatorische Umfeld auf. 

Mischung aus Banken, Kanzleien und Forschung macht‘s 

Zweiter wichtiger Punkt, der für Frankfurt spricht: Dienstleistungen. In Frankfurt haben sich die wichtigsten Kanzleien Deutschlands niedergelassen, viele mit Schwerpunkt im Bereich strukturierter Finanzprodukte einschließlich bankaufsichtsrechtlicher Vorgaben. Banker und Juristen – für diese Mischung wurde Frankfurt lange belächelt. Doch diese Fokussierung und einzigartige Konzentration in einer Stadt kommt gerade dem FinTech-Bereich zugute. Junge Unternehmen finden direkt vor Ort die notwendige Expertise und können wertvolle Kooperationen eingehen. 

Als dritten wichtigen Punkt hat der Startup Genome Report das Forschungsumfeld der Rhein-Main-Region identifiziert. Die Frankfurt School of Finance & Management und die Goethe Universität Frankfurt belegen regelmäßig Spitzenpositionen im deutschen und internationalen Vergleich. Die TU Darmstadt ranked unter den Top-Universitäten im Bereich Computer Science und hat einen weltweit angesehenen Forschungsschwerpunkt im Bereich Cyber Security. So beschäftigen sich auf dem Campus mehr als 450 Wissenschaftler mit der Thematik. Diese Gemengelage aus Banken, Kanzleien und Forschungseinrichtungen hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass zahlreiche Hubs, Accelerator- und Inkubator-Programme initiiert wurden.  

Frankfurt braucht mutige Investoren 

In Zahlen ausgedrückt bedeutet dieser Schwerpunkt, dass laut Startup Genome etwa die Hälfte der lokalen VC-Finanzierung direkt in den FinTech-Subsektor fließen. Dieser Fokus hat zum größten deutschen FinTech-Exit aller Zeiten geführt, einer fast 800 Millionen US-Dollar teuren Übernahme von 360T an die Deutsche Börse.   

Und dennoch: In der Wahrnehmung steht Frankfurt hinter Berlin zurück. Erfolgreiche Startups wie Zalando, Delivery Hero oder N26 ziehen internationale Talente aus der Tech-Branche an, so auch im FinTech-Bereich. Doch die Mainmetropole muss sich hier keinesfalls verstecken. Ich denke, dass gerade jetzt die Zeit ist, um auf Frankfurt zu setzen. Wissenschaft, große Unternehmen und Talente: Die Faktoren dafür sind allesamt gegeben.  

Was hingegen noch ausbaufähig ist, sind Investoren vor Ort, die mutig genug sind auch große Visionen mitzutragen. Die finden Start-ups in Berlin sicher leichter. Hier besteht noch Handlungsbedarf in Frankfurt. Alle Gründerinnen und Gründer würden sich sicher darüber freuen, zukünftig mehr konstruktive Gespräche mit Investoren aus dem Rhein-Main-Gebiet zu führen. 

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Über den Autor
Johannes Laub ist Gründer und Geschäftsführer von CrowdDesk, einem Spezialisten für die Digitalisierung von Finanzprodukten. Mit der SaaS-Lösung haben Unternehmen die Möglichkeit, einfach und verlässlich online Kapital einzusammeln. Auf Basis seiner jahrelangen Expertise ist der studierte Investmentfondskaufmann bei CrowdDesk für Finanz- und Vertriebsfragen zuständig. Bisher hat CrowdDesk mit seiner Softwarelösung mehr als 500 Projekte mit einem Volumen von rund 550 Millionen Euro begleitet.  

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Foto (oben): Shutterstock