#Interview Von der Interdentalbürste zum selbstreinigenden Mundschutz

Das junge Startup Wingbrush steigt mit WingGuard in den Markt mit protektiver Kleidung ein. "Als wir 2015 gestartet sind, hätten wir wahrscheinlich nicht gedacht, 2020 im Bekleidungsmarkt für Mundschütze zu stecken und uns weitere Textilien mit antiviraler Beschichtung zu überlegen", sagt Gründer Louis Bahlmann.
Von der Interdentalbürste zum selbstreinigenden Mundschutz

Seit mehreren Jahren vertreiben Louis Bahlmann, Burak Dönmezer und Marc Schmitz mit Wingbrush eine Interdentalbürste zur Zahnzwischenraumreinigung. “Wir haben schon einige Höhen und Tiefen durchgemacht und meist gab es jedes Jahr ein Highlight, das uns aus der Krise geholt und ein Weitermachen ermöglicht hat”, sagt Mitgründer Bahlmann. Im Zuge der Corona-Krise steigen die Kölner nun mit dem neuen Ableger WingGuard in den Markt für Gesichtsmaske ein.

“Als wir 2015 gestartet sind, hätten wir wahrscheinlich nicht gedacht, 2020 im Bekleidungsmarkt für Mundschütze zu stecken und uns weitere Textilien mit antiviraler Beschichtung zu überlegen”, erzählt der Wingbrush-Macher.  Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Bahlmann außerdem über Hamsterkäufer, Kickstarter und Kanada.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Wingbrush erklären?
Wir sind ein Startup aus dem medizintechnischen Sektor. Unsere erste große Sparte befasst die Zahnmedizin. Dort haben wir mit Wingbrush eine Marke für die Zahnzwischenraumreinigung etabliert. Wir werden in diesem Segment auch weitere Entwicklungen vorantreiben und nächstes Jahr ein neues Produkt vorstellen. Wir haben aber seit kurzem eine neue Sparte, welche im medizinischen Bereich angesiedelt ist. Unser Entwicklungspartner und Technologiegeber Livinguard kann Stoffe chemisch positiv aufladen und damit Textilien antibakteriell und antiviral machen. In der Coronakrise ist dadurch ein einzigartiger Mundschutz geworden, der sich durchgehend selbst reinigt.

Hat sich euer Konzept seit dem Start irgendwie verändert?
Als wir 2015 gestartet sind, hätten wir wahrscheinlich nicht gedacht, 2020 im Bekleidungsmarkt für Mundschütze zu stecken und uns weitere Textilien mit antiviraler Beschichtung zu überlegen. Ich würde aber nicht sagen, dass sich unser Konzept komplett geändert hat, sondern wir sind als Firma gewachsen und haben neben dem zahnmedizinischen Bereich Wingbrush, nun mit WingGuard ein weiteres Geschäftsfeld mit protektiver Kleidung und unserem ersten Produkt der Gesichtsmaske Pro eingeführt.

Inzwischen bietet ihr also auch Mund-Nase-Masken an. Wie ist es zu dazu gekommen?
Wir steckten mit Livinguard in anderen Entwicklungen, um deren Technologie, Stoffe positiv chemisch zu laden, zu nutzen. Während der Coronakrise, die den negativen Begleiteffekt hat, dass tonnenweise Einmalmundschütze die Umwelt verschmutzen, hat Livinguard eine Lösung gefunden, die innere und äußere Schicht mit der Technologie zu veredeln und in der Mitte einen Filter zu verbauen. Der Mundschutz ist somit von beiden Seiten antiviral und antibakteriell, Viren und Bakterien werden in Kontakt zur Baumwolle eliminiert. Außerdem ist der Mundschutz dadurch 210 Tage nutzbar und spart somit Unmengen an Müll ein. Und neuerdings ist die antivirale Wirkung des Textils auch von der Freien Universität Berlin und der RWTH Aachen gegen Sars-Cov-2 nachgewiesen worden.

Die Corona-Krise traf die Startup-Szene zuletzt hart. Wie habt ihr die Auswirkungen gespürt?
In unserem zahnmedizinischen Geschäft haben wir das stark gespürt. Durch die “Höhle der Löwen”-Sendung im letzten Jahr waren wir in vielen Einzelhandelsgeschäften vertreten, wie auch Kaufhof und Karstadt. Viele dieser Läden hatten lange Zeit geschlossen und leider gehörten unsere Zahnzwischenraumprodukte nicht in den Einkaufswagen eines Hamsterkäufers. Aber wir hatten Glück und konnten in der Zwischenzeit WingGuard aufbauen und mit dem ersten Produkt auf den Markt gehen.

Wie ist überhaupt die Idee zu Wingbrush entstanden?
Die Idee entstand während des Zahnmedizinstudiums. Zahnzwischenraumreinigung ist einfach zu kompliziert und so entstand die Idee zur Wingbrush Interdentalbürste. Die Wingbrush vereinfacht das Suchen des Zahnzwischenraums und macht die Reinigung zum Kinderspiel. Das passte perfekt in den Wunsch von Burak, Marc und mir ein Unternehmen zu gründen und so legten wir 2015 mit dem Exist Gründerstipendium los.

Wie hat sich Wingbrush seit der Gründung entwickelt?
Wir haben schon einige Höhen und Tiefen durchgemacht und meist gab es jedes Jahr ein Highlight, das uns aus der Krise geholt und ein Weitermachen ermöglicht hat. Um diese kurz zu nennen: 2016/17 Kickstarter Kampagne, 2018 Rossmann-Listung und 2019 der Auftritt bei der Sendung “Die Höhle der Löwen”.

Nun aber einmal Butter bei die Fische: Wie groß ist Wingbrush inzwischen?
Die Frage, die jeder gerne beantwortet. Wir sind weiterhin ein kleines Team. Neben den Gründungsgesellschaftern haben wir zwei Festangestellte und eine Menge fleißige Studenten, die uns tatkräftig unterstützen. Wir sind aber derzeit auf der Suche nach weiteren Mitarbeitern, um die Aufgaben besser zu verteilen. Über Umsatz redet man ungern, aber ich kann so viel sagen, wir haben das letzte, bereits ganz erfolgreiche Jahr, vor einer Woche geschlagen und hoffen, dass das Jahr weiterhin so gut verläuft.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schiefgegangen?
Schief gelaufen ist immer wieder eine Menge, aber das sind ja bekanntlich die besten Anregungen um daraus zu lernen. Ich könnte dir eine Menge Punkte nennen, aber um einen herauszugreifen: Wir haben 2016 unsere erste Kickstarter-Kampagne gestartet. Wir haben in einem Monat Zahnzwischenraumbürsten für 330.000 Euro verkauft, 13.000 Unterstützer in 102 Ländern. Wir dachten, dass wir es mit unserem Team selbst schaffen, alles zu verpacken und zu verschicken. Es war ein riesiges Chaos. Außerhalb der EU hat gefühlt jedes Land andere Zollbestimmungen. Die Pakete sind teilweise acht Monate später aus Kanada wiedergekommen, da der Adressat nicht aufzufinden war. Mittlerweile haben wir in Deutschland ein Logistikzentrum und die Pakete gehen zweimal am Tag an unsere Kunden raus.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Ich denke, wir müssen einige Punkte richtig gemacht haben, sonst wären wir nicht mehr auf dem Markt verfügbar. Aber den wichtigsten Punkt sehe ich im Zwischenmenschlichen. Ich gehe immer noch gerne zur Arbeit und Stand jetzt kann ich fünf Jahre nach Gründung sagen, dass das Gründen unter Freunden auch funktionieren kann. Wir hoffen, aber glauben auch, dass wir dies auch noch in weiteren fünf Jahren sagen.

Wo steht Wingbrush in einem Jahr?
Wir hoffen, dass wir in einem Jahr unter unseren beiden Marken Wingbrush und WingGuard neue Produkt gelauncht haben und diese vom Markt positiv angenommen werden. Wir haben dann die Coronakrise hoffentlich alle gemeinsam überwunden und das Leben ist wieder wie gewohnt möglich. Vielleicht ist dieses “new normal” auch noch besser als vorher, wir gucken positiv in die Zukunft.

Durchstarten in Köln – #Koelnbusiness

In unserem Themenschwerpunkt Köln berichten wir gezielt über die Digitalaktivitäten in der Rheinmetropole. Mit circa 400 Startups, über 60 Coworking Spaces, Acceleratoren und Inkubatoren sowie attraktiven Investoren, zahlreichen Veranstaltungen und Netzwerken bieten Köln und das Umland ein spannendes Ökosystem für Gründerinnen und Gründer. Diese Rubrik wird unterstützt von der KölnBusiness Wirtschaftsförderungs-GmbH#Koelnbusiness auf LinkedInFacebook und Instagram.

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Foto (oben): Wingbrush

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.