#Interview “Naivität und Unwissen hat uns weit gebracht”

Gründeralltag - gibt es das überhaupt? "Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, verschwende ich nach etwa zwei Sekunden keinen Gedanken mehr an die Arbeit – zumindest bis ca. 20 Uhr. Schuld daran sind meine zwei Kinder", sagt Mirko Hofmann, Gründer von Chimpy.
“Naivität und Unwissen hat uns weit gebracht”

Wie starten ganz normale Gründerinnen und Gründer so in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag? Wie schalten junge Unternehmerinnen und Unternehmer nach der Arbeit mal so richtig ab und was hätten die aufstrebenden Firmenlenker gerne gewusst bevor sie ihr Startup gegründet haben? Wir haben genau diese Sachen abgefragt. Heute antwortet Mirko Hofmann, Gründer des Schweizer Startups Chimpy, einem Anbieter für Leih-Powerbanks.

Wie startest Du in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag?
Meinen Arbeitstag starte ich meist in unseren Büroräumlichkeiten. Diese sind nur fünf Fahrradminuten von meinem Zuhause entfernt. Da treffe ich mich bei der Kaffeemaschine zufällig mit Kolleginnen oder Kollegen und neben dem üblichem Smalltalk über Wetterkapriolen, der Pilzsaison und Roger Federer fällt das Gespräch bald darauf, dass wir doch noch einiges zusammen zu besprechen hätten. Ich vereinbare einen Termin gegen 11 Uhr, suche mir einen Platz (wir haben freie Platzwahl) und starte mit den Mails, Slack, Prokastrinieren oder Onlineshopping.

Wie schaltest du nach der Arbeit ab?
Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, verschwende ich nach etwa zwei Sekunden keinen Gedanken mehr an die Arbeit – zumindest bis ca. 20 Uhr. Schuld daran sind meine zwei Kinder. Die Ausgleich finde ich aber beim Sport, ob Tennis, Eishockey, Unihockey oder Kitesurfen. Dabei kann ich abschalten und den Akku auftanken.

Was über das Gründer-Dasein hättest du gerne vor der Gründung gewusst?
Die Gründung von Chimpy war mein erstes Mal als Gründer-Dasein. Es gibt nichts, dass ich schon vorher gerne gewusst hätte, im Gegenteil. Naivität und Unwissen hat uns weit
gebracht, da wir keine Grenzen kannten und auch nichts falsch war. Und da wir uns unserem Unwissen bewusst waren, war der Wissenshunger umso grösser.

Was waren die größten Hürden, die Du auf dem Weg zur Gründung überwinden musstet?
Interessanterweise finden es sehr viele Leute cool, wenn man ein Startup aufbaut. Aber gleichzeitig gibt es noch mehr Leute, die überzeugt sind, dass die Idee ein Reinfall ist und man bestimmt keinen Erfolg haben wird. Selbst meine Mutter meinte lange, ich solle doch “etwas Richtiges” machen. Damit meinte sie, z.B. auf einer Bank zu arbeiten. Ich glaube, uns hat das zusätzlich angespornt. Aber zusammen mit vielen ungelösten Problemen, grosser finanzieller Unsicherheit und nächtelanger harter Arbeit kann es mit ein Grund sein, die eigene Tätigkeit in Frage zu stellen. Diese Zeiten sind aber nun (meistens) vorbei.

Was waren die größten Fehler, die Du bisher gemacht hast – und was hast Du aus diesen gelernt?
In meiner Karriere als Gründer und Unternehmer gabs wohl sehr viele kleine Fehler. Entsprechend war auch der lerneffekt: klein. Einziger grosser Fehler bisher: Die Arroganz und Überheblichkeit zu denken, nur kleine Fehler gemacht und wenig daraus gelernt zu haben.

Wie findet man die passenden Mitarbeiter für sein Startup?
Für mich ging die Gründung eines eigenen Unternehmens auch damit einher, dass ich bei meinen vorherigen Arbeitgebern vieles als – sagen wir mal – schwierig empfunden haben. Bei einem grossen Medienkonzern im Journalismus tätig zu sein bringt das leider heute mit sich. Wir waren uns einig, dass wir für uns und unser (zukünftiges) Team gute Bedingungen auf möglichst allen Ebenen schaffen wollten. Und dass wir mit unserer intrinsischen Motivation vorangehen möchten und Leute an Board holen, die diese Werte teilen und dadurch viel Freiheit bei der Arbeit erhalten, aber dennoch überdurchschnittliches leisten. Und damit meine ich eben nicht nur die Zeit im Büro “absitzen”.

Welchen Tipp hast Du für andere Gründer?
Yo Gründer. Seid bescheiden und gebt anderen Gründern keine überheblichen Tipps, jeder muss seine eigenen Erfahrungen sammeln.

Ohne welches externes Tool würde dein Startup quasi nicht mehr existieren?
Ich glaube, wenn wir ohne externe Tool nicht (mehr) existieren würden, dann wäre das fatal! Für uns sind externe Tools ein Segen, weil wir sie gezielt einsetzen und dadurch an Effizienz gewinnen. Aber wo es kein Tool gibt, suchen wir nach anderen Lösungen. Generell wollen und müssen wir unabhängig bleiben.

Wie sorgt ihr bei eurem Team für gute Stimmung?
Idealerweise sorgen wir nicht für gute Stimmung, sondern haben sie. Das liegt daran, dass wir generell ein junges Team mit fröhlichen Menschen haben. Natürlich helfen wir nach, indem wir immer wieder coole Events auf die Beine stellen. Ob Kinoabend, Bartour, Yoga über Mittag oder gemeinsames Raclette-Essen nach original Walliser Rezept. Wir sind offen für alles, was auch neben der Arbeit Spass macht und uns als Team weiterbringt.

Was war Dein bisher wildestes Startup-Erlebnis?
Da ist in den letzten sieben Jahren so einiges zusammen gekommen. In den Anfangs-Jahren stand eine wichtige Entscheidung an, es ging damals um eine Investition von mehreren tausend Franken, was damals unglaublich viel war. Wir waren zu viert im Team und es gab damals eine Patt-Situation. Also fassten wir den Entschluss, die Entscheidung in einem Doppel-Match am Tischtennis-Tisch zu fällen. Best of 5. Es war brutal eng, jeder Netzroller konnte die Entscheidung bringen. Ich stand damals im Siegerteam, wir investierten das Geld nicht und wer weiss, wo wir heute stehen würden, wäre das Spiel anders ausgegangen.

Tipp: Wie sieht ein Startup-Arbeitsalltag? Noch mehr Interviews gibt es in unserem Themenschwerpunkt Gründeralltag.

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Foto (oben): Chimpy

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.