#Hintergrund Digitalisierung made in Europe – 5 Trends, an denen niemand vorbeikommt

Unsere digitalisierte Welt wandelt sich immer schneller: Spannende Zeiten, um in ein neues Jahrzehnt aufzubrechen! Wir haben einige von Europas einflussreichsten Gründern und Investoren gefragt, welche Entwicklungen sie auf uns zukommen sehen.
Digitalisierung made in Europe – 5 Trends, an denen niemand vorbeikommt

“Die nächsten zehn Jahre werden von einer Informations- und Dienstleistungsrevolution geprägt sein,” ist sich Peter Lasinger, Co-Founder und Partner von capital300 sicher. Die Automatisierung von standardisierten Prozessen wird “insbesondere durch Fortschritte bei Algorithmen, im Bereich Machine Learning (ML) oder Artificial Intelligence (AI) und in der Hardware durch AI Chips, Neuromorphic Chips und Quantum Computing” vorangetrieben werden. Durch die daraus resultierende Wertschöpfung ergeben sich große Chancen für Unternehmen und Investoren, denn durch die immensen Fortschritte bei Soft- und Hardware können viele Tätigkeiten besser, schneller und günstiger ausgeführt werden, erklärt der Investor.

Hohes Automatisierungspotential sieht Ersan Günes, CEO von INTRANAV, in den Bereichen Produktion und Logistik. Er hat die präziseste Plattform zur Echtzeit-Indoor-Ortung für die Produktionslogistik entwickelt und ist zuverlässiger Technologiepartner für Digitalisierungsprojekte entlang der gesamten logistischen Wertschöpfungskette. Industrie und Logistikunternehmen müssen sich auf digitalisierte Lösungen wie Real-Time-Location-Systems oder autonome Fahrzeuge im Lager umstellen, um noch eine Steigerung der Effizienz zu erleben. Denn bereits heute ist ein gesteigerter Einsatz von KI-Lösungen festzustellen.

Aber auch im Büroalltag wird der Trend zu spüren sein: Administrative Aufgaben werden ganz oder teilweise automatisiert ablaufen. Schon heute planen Künstliche Intelligenzen unsere Termine. Im Recruiting kann die Dokumentenverwaltung sowie der gesamte Prozess der Lohnbuchhaltung automatisiert ablaufen. Dies führt zu einer Entlastung der Mitarbeiter, welche sich wiederum stärker auf den zwischenmenschlichen und kreativen Part der Arbeit konzentrieren können.

Personalisierung

In den letzten Jahren hat sich der Fokus auf das Individuum immer weiter verstärkt – insbesondere in der B2C-Branche. Wir hinterlassen online Spuren, wenn wir unsere persönlichen Daten eingeben – beim Kleidungskauf, bei der Bestellung des Abendessens, bei der Buchung der nächsten Reise. Für Unternehmen gilt: Wer im internationalen Wettbewerb mithalten möchte, muss Kundenbedürfnisse penibel untersuchen. Hier wird es auch für den eCommerce interessant, denn neue Technologien ermöglichen es, Kundenwünsche in der Supply Chain (Lieferzeiten, Abholungsort, Produktverfolgung etc.) zu berücksichtigen. “Dafür braucht es ein ausgeklügeltes Logistiksystem,” unterstreicht Daniel Schnadt, Gründer und CEO von Gambio. “Weiter ist zu beobachten, dass Mobile Commerce in Zeiten von ‘Always On’ ein unersetzbares Shoppingtool wird: Shopping ‘at your Fingertips’ – überall und zu jederzeit.”

Auch das Küchen-Startup kiveda sieht eine wachsende Personalisierung in Retail und Beratung: Getrieben durch digitalisierte Prozessketten und den Einsatz neuester, meist ortsunabhängiger Technologien verändern sich Anforderungen und Wünsche der Kunden signifikant. Und dies in immer kürzeren zeitlichen Abständen, beobachtet CEO Alexander Möller und ergänzt: “Gerade im Retail und dem Verkauf komplexer, investitions-intensiver Produkte werden sich Angebote und Vertriebskonzepte von den Herangehensweisen der Old Economy lösen und in eine Experience Economy führen.” Neu ist vor allem, dass Käufer in einer sehr frühen Phase der Entscheidungsfindung mit allen Sinnen überzeugt werden wollen. Gleichzeitig fordern sie maximale Transparenz über Leistungsversprechen, Funktionalität sowie Nutzbarkeit der Produkte.

Virtuelle Welten

Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) sind in der Gaming Welt schon längst etabliert und bieten eine erfolgversprechende Zukunftstechnologie, durch die die Wahrnehmung der Wirklichkeit in einer künstlich angelegten, computergenerierten Umgebung geschieht. Die neuen Technologien werden heute schon in der Tourismusbranche eingesetzt, wo sie Urlaubern die Möglichkeit von virtuellen Rundgängen geben. Noch größerer Beliebtheit erfreuen sich die Datenbrillen in der Industrie. Hier werden AR-Brillen zum Beispiel situationsabhängig eingesetzt, um das Sichtfeld mit Informationen aus dem Internet zu kombinieren und so die Realität zu “verbessern”, in dem die Brille während einer Reparatur Angaben über Ersatzteile und ihre Verfügbarkeit einblendet.

Gerade bei größeren Kaufentscheidungen wird es immer wichtiger, Produkte schon vor dem Kauf erlebbar zu machen. “Der Käufer wird Einrichtungsvorschläge abrufen können, die speziell auf ihn und seine Lebens- bzw. Arbeitsgewohnheiten abgestimmt sind. Neben der Visualisierung werden weitere Sinne, wie z. B. der Geruchssinn angesprochen werden, um eine noch perfektere Vorstellung des Erlebten zu generieren,” erklärt kiveda-Chef Alexander Möller.

Lifelong Learning

Das Konzept des ‘Lebenslangen Lernens’ bezeichnet die Idee, dass wir nie auslernen, sondern während des gesamten Lebens wieder neue Fähigkeiten erwerben. Das ist heutzutage wichtiger denn je: Die Digitalisierung erhöht die Entwicklungsgeschwindigkeit neuer Technologien mit exponentiell wachsender Geschwindigkeit. Um uns in den veränderten Gegebenheiten zurechtzufinden und neuartige Technologien anwenden zu können, müssen wir neue Kompetenzen entwickeln. “Nur wer aktuelle und zukünftige Inhalte versteht, kann die Zukunft aktiv mitgestalten,” erklärt Stefan Peukert Co-CEO von Masterplan. Für Unternehmen bedeutet dies, ihre Mitarbeiter*innen mit den entsprechenden Lernmöglichkeiten auszustatten.

“Um maximale Effizienz in einer globalisierten Arbeitswelt zu schaffen, ist es zudem essentiell, sich von räumlichen und zeitlichen Vorgaben zu trennen und Mitarbeitern Eigenverantwortung im Erwerb neuer Kompetenzen zu übertragen,” ergänzt Co-CEO Daniel Schütt. “Ob modulares E-Learning oder Präsenzveranstaltung wie Seminar oder Konferenz: Wichtig ist, dass der Alltag durch stetiges Lernen erweitert wird.”

Ökologische Verantwortung

Die Klimakrise zeigt Auswirkungen auf die Wirtschaft: Digitalisierung und Nachhaltigkeit müssen zusammengebracht werden. Julian Riedlbauer, Partner und Leiter des deutschen Büros von GP Bullhound, dem weltweit agierenden M&A-Beratungs- und Tech-Investmentunternehmen, ist davon überzeugt, dass Technologie dazu beiträgt, Fortschritte im Bereich Corporate Social Responsibility (CSR) zu erzielen: “Technologie ermöglicht die schnelle Umsetzung, Überprüfung und Einhaltung von Corporate-Social-Responsibility-Grundsätzen in Unternehmen. So sorgen technische Lösungen dafür, dass Unternehmen ihre CSR-Fortschritte besser und effizienter nachvollziehen können als früher. Das bringt auch wirtschaftliche Vorteile mit sich, denn Kunden wollen vermehrt mit ethisch und ökologisch verantwortungsvollen Marken interagieren. Ein gutes Image im Bereich CSR führt nicht nur zu einer verbesserten Kundenbindung, sondern kann Unternehmen auch einen erheblichen Vorteil gegenüber Wettbewerbern verschaffen – nicht zuletzt auch, um Investoren für sich zu gewinnen.” Das Segment CSR ist somit selbst auch ein echter Wachstumsmarkt geworden. Erst kürzlich stand GP Bullhound EcoVadis, einem französischen Anbieter für Nachhaltigkeitsratings, bei einer 200 Mio. US-Dollar-Wachstumsinvestition von CVC Growth Partners beratend zur Seite. Quentic in Berlin ist ein weiterer sehr erfolgreicher Anbieter in diesem Segment, One Peak Partners und Morgan Stanley Expansion Capital investierten schon in 2017 eine Summe von 22 Mio. Euro in das Unternehmen.

Auch Axel Schmieglow von itravel ist sich sicher, dass Umweltverträglichkeit, Klima-, Arten- und Regenwaldschutz die notwendige Voraussetzung für das eigene Geschäftsmodell ist. Darüber hinaus hat jedes Unternehmen einen moralischen Imperativ, sein gesamtes Produktions- und Beschaffungsmodell zu überprüfen und seine Auswirkungen auf die globalen Ressourcen zu verkleinern und zu kompensieren. Er fordert: “Bestrebungen für Nachhaltigkeit dürfen keine Option für den Kunden sein, die er wählen und bezahlen kann, sondern müssen Normalität werden. Dies sollte für jedes Unternehmen im 21. Jahrhundert eine Selbstverständlichkeit sein.” Auch für Gambio-CEO Daniel Schandt steht fest: Wer erfolgreich verkaufen will, muss sein Business in einen Einklang aus Ökonomie und Ökologie bringen.

Fazit

Alle Trends werden unsere Wirtschaft beeinflussen und die nächste Dekade nachhaltig prägen. Sie ziehen nicht nur ökonomische, gesellschaftliche und ökologische Konsequenzen nach sich, sondern erfordern ein politisches und soziales Umdenken. “Europäische Mittelständler brauchen europäische Plattformen, die ihre Interessen vertreten und wahren”, erklärt Peter Schmidt vom Re-Startup Visable. “Wir müssen es deshalb schaffen, ein ‘level-playing-field’ in Europa zu etablieren, also dafür sorgen, dass verschiedene Plattformen zu gleichen und fairen Wettbewerbsbedingungen agieren

Tilo Bonow, CEO von PIABO und Investor fasst zusammen: “Die Zukunft der digitalen Industrie befindet sich in den nächsten Jahren in einem Dreiklang: 1) Prozesse müssen automatischer und somit effizienter, ressourcenschonender und schneller ablaufen. 2) Zielgruppen verlangen nach individuellen, personalisierten und auf sie zugeschnittene Lösungen. 3) Handeln muss nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch attraktiv sein. Wir schauen einem Jahrzehnt mit massiven technologischen Veränderungen entgegen.” Es ist wichtig, dass Unternehmen und Regierungen besser zusammenarbeiten und kurzfristig Prozesse einführen, um Zukunftstechnologien zu etablieren und dabei die großen Fragen unserer Zeit nicht zu vernachlässigen.

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Foto (oben): Shutterstock