#Interview “Wir sind seit sechs Monaten am Markt und unser Webshop ist meist leergekauft”

"Weltweit gibt es 1,8 Milliarden menstruierende Menschen", sagt Julia Rittereiser, die Gründerin des Berliner Startups Kora Mikino. "Ungefähr 1,2 Milliarden Menschen davon sind nicht oder nicht ausreichend mit Monatshygieneprodukten versorgt".
“Wir sind seit sechs Monaten am Markt und unser Webshop ist meist leergekauft”

Das Berliner Startup Kora Mikino produziert und verkauft Menstruations-Panties. “Mir fehlte auf dem deutschen Markt einfach ein Produkt zur Monatshygiene, das nachhaltig und zudem auch noch fair produziert und vegan war. Als Ausgangspunkt habe ich eine Befragung unter 800 Frauen durchgeführt, um die unterschiedlichen Bedürfnisse rund um die Monatshygiene besser verstehen zu können”, erzählt Gründerin Julia Rittereiser die Entstehungsgeschichte von Kora Mikino.

Gründerin Rittereiser zieht ihr Startup dabei als Sologründerin hoch. “Die hohe Arbeitsbelastung möchte ich nicht schönreden. Die gehört natürlich zum Gründen dazu und darüber sollte man sich im Klaren und dafür auch bereit sein. Aber alle anderen Aspekte sehe ich als Chance, effizient und fokussiert zu arbeiten und Verantwortung abzugeben”, sagt die Unternehmerin, die etliche Jahre im anglo-amerikanischen Ausland gearbeitet hat. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht die Kora Mikino-Macherin außerdem über Investorenanfragen, Open-Source-Lizenzen und das gute alte Telefon.

Welches Problem willst Du mit Kora Mikino lösen?
Weltweit gibt es 1,8 Milliarden menstruierende Menschen. Ungefähr 1,2 Milliarden Menschen davon sind nicht oder nicht ausreichend mit Monatshygieneprodukten versorgt. Diejenigen, die Zugang zu Hygieneprodukten wie Tampons und Binden haben, verursachen heute schon jährlich 2,9 Milliarden Kilogramm Müll. Die Versorgungslücke lässt sich in Anbetracht von Klimawandel und Ressourcenknappheit nicht mit müllintensiven Wegwerfprodukten schließen; es bedarf einer anderen Lösung und eines gänzlich anderen Ansatzes. Kora Mikino möchte helfen – und das, ohne die Umwelt zu belasten oder Abhängigkeiten zu schaffen! Ich habe viele Jahre für Google gearbeitet, wo ich zwar viel gelernt habe, mich aber irgendwann daran gestört habe, dass mein Job darin bestand, Werbung zu verkaufen, während die Polkappen abschmelzen, die Müllberge wachsen und die meisten menstruierenden Menschen auf dieser Erde keinen adäquaten Zugang zu Hygieneprodukten haben. Also habe ich meinen Job gekündigt, weil ich der Überzeugung bin, dass jede_r einen Beitrag leisten kann und für mich, in einer doch sehr privilegierten Situation, ist Kora Mikino der Versuch, das zu tun.

Bei welcher Gelegenheit kam Dir die Idee zu Kora Mikino?
Das war tatsächlich, klassischerweise, aus eigenem Bedarf heraus! Mir fehlte auf dem deutschen Markt einfach ein Produkt zur Monatshygiene, das nachhaltig und zudem auch noch fair produziert und vegan war. Als Ausgangspunkt habe ich eine Befragung unter 800 Frauen durchgeführt, um die unterschiedlichen Bedürfnisse rund um die Monatshygiene besser verstehen zu können. Natürlich sind meine Erfahrungen und Bedürfnisse nicht deckungsgleich mit denen aller anderen menstruierenden Menschen – auch wenn man bei der Betrachtung des öffentlichen Umgangs mit dem Thema und des Angebots an Monatshygiene denken könnte, dass es da so etwas wie einen Standard gibt. Die enorme Resonanz der Umfrage hat mir schon gezeigt, dass an dem Thema was dran ist. Die Erkenntnisse der Umfrage wurden direkt in der Entwicklung unserer Menstruations-Panties angewendet, die in Kollaboration mit Wissenschaft und dem Deutschen Mittelstand entstanden sind. Wir werden auch weiterhin auf einen Benutzer_innen-fokussierten Ansatz, wie man ihn eher von Tech-Produkten kennt, setzen und das Feedback unserer Kund_innen wird weiterhin bei der Produktentwicklung an oberster Stelle stehen.

Jede Woche entstehen dutzende neue Startups, warum wird ausgerechnet Kora Mikino ein Erfolg?
Wir sind seit ungefähr sechs Monaten am Markt und unser Webshop ist meist leergekauft, das Team ist mittlerweile auf sechs Personen angewachsen. Wir haben im August 2019 mehr Menstruations-Panties verkauft, als wir es für Weihnachten 2021 prognostiziert hatten. Wir hatten also einen wirklich sehr guten Start. Darauf ruhen wir uns nicht aus, ganz im Gegenteil, wir sind im extrem engen Dialog mit unseren User_innen und entwickeln unsere Produkte basierend auf deren Feedback weiter. Im Prinzip entwickeln wir ein Textilprodukt mit den gleichen Prinzipien, wie digitale Produkte entwickelt werden – die Userinnen stehen im Fokus. Trends und Mode sind eher nebensächlich, obwohl wir ein textiles Produkt haben. Das alles können wir nur machen, weil wir extrem kurze und flexible Lieferketten haben. Wir produzieren in Deutschland und Europa, wir kennen unsere Produzent_innen und Lieferant_innen persönlich und haben uns so ein interdisziplinäres Team zusammengestellt, das eine gemeinsame Mission hat: die beste Menstruations-Panty für unsere User_innen herzustellen. Zusätzlich ist unser unser Produkt ist nicht nur in allen Bereichen nachhaltig, fair und lokal produziert, sondern außerdem auch noch vegan. Um das auch wirklich garantieren zu können und jeden Schritt unserer Produktion darauf zu prüfen, haben wir von PETA das offizielle Siegel vegan approved verliehen bekommen.

Was hättest Du gerne vor der Gründung gewusst?
Es überrascht mich jeden Tag, dass ich als weibliche Gründerin in Deutschland die absolute Ausnahme bin. Ich habe viele Jahre im anglo-amerikanischen Ausland gearbeitet, dort sind Frauen in der Wirtschaft viel präsenter. Wenn ich Leuten hier erzähle, dass ich selbständig bin, gehen viele davon aus, dass ich Freelancerin bin und nicht, dass ich ein eigenes Unternehmen mit Mitarbeiter_innen habe. Wahrscheinlich, weil sie einfach sonst keine weiblichen Gründerinnen kennen? Ich bekomme recht häufig Investorenanfragen – aktuell spielt aber Venture Capital für uns noch keine Rolle. Dahingehend kann ich in Sachen Finanzierung keine Benachteiligung erkennen, ich wundere mich aber teilweise schon, warum in der einschlägigen Startup- und Wirtschaftspresse meist männliche Gründer im Rampenlicht stehen.

Wo steht Kora Mikino in einem Jahr?
Es ist unser ganz klares Ziel, Nummer eins in Sachen nachhaltige Monatshygiene in Europa zu werden. Wir wollen innerhalb des nächsten Jahres unser Händlernetz um 50 weitere stationäre Händler_innen in Deutschland erweitern. Auf dem Weg dahin bauen wir unsere Produktpalette weiter aus, optimieren die existierenden Produkte und weben eine soziale Dimension in unser Businessmodell mit ein. Mit dem Period Pledge wollen wir gemeinsam mit unseren Kund_innen Menschen unterstützen, die sonst keinen oder keinen leichten Zugang zu Hygieneprodukten haben. Momentan sind wir auf der Suche nach Unterstützer_innen für dieses Herzensprojekt, mit dem wir die Technologie und die Methoden zur Herstellung unserer Panties per Open-Source-Lizenz für Non-Profit-Partner zugänglich machen und diese bei der Umsetzung beratend unterstützen wollen. Unser Vorhaben ist eine umfassende Unterstützung, sowohl finanziell als auch mit unserem Wissen.

Du ziehst Kora Mikino ohne Mitgründerinnen hoch. Was ist die größte Herausforderung, der sich Sologründerinnen stellen müssen?
Es gibt viel mehr To-dos, als der Tag Stunden hat. Das zwingt einen natürlich zur strengen Priorisierung. Außerdem gibt es keine zweite oder dritte Person, mit der man Themen durchsprechen kann. Damit ich jedoch nicht komplett auf mich selbst gestellt bin und dennoch Feedback bekomme und Herausforderungen durchsprechen kann, habe ich mir ein Netzwerk aufgebaut. Meine Business Coach ist extrem wichtig für mich und meine Schwester ist Finanzexpertin und sehr involviert. Mit ihr bespreche ich mich fast täglich und sie hat auch bei uns das Accounting übernommen. Bei Kora Mikino arbeiten wir ohne wirkliche Hierarchien; das bedeutet, dass meine Kolleg_innen viel Verantwortung für ihre Bereiche übernehmen wahrscheinlich viel mehr Einfluss auf Entscheidungen haben, als in anderen Unternehmen. Dennoch bin ich auch aktuell offen dafür, eine Co-Founderin mit ins Boot zu holen, denn KORA MIKINO wächst und gedeiht und wir haben große Pläne!

Blicken wir einmal auf die positive Seite: Was ist der größte Vorteil, den Sologründerinnen haben?
Entscheidungen kann man sehr schnell treffen – dafür muss man pragmatisch sein und gut priorisieren.

Jetzt ein Blick auf die negative Seite: Was ist der größte Nachteil, den Sologründerinnen haben?
Die hohe Arbeitsbelastung möchte ich nicht schönreden. Die gehört natürlich zum Gründen dazu und darüber sollte man sich im Klaren und dafür auch bereit sein. Aber alle anderen Aspekte sehe ich als Chance, effizient und fokussiert zu arbeiten und Verantwortung abzugeben.

Sind Dir Fehler unterlaufen, die bei einer Teamgründung vermutlich nicht passiert wären?
Uns gibt es erst seit einem Jahr. Es ist also noch zu früh, um das sagen zu können. Wir wachsen schnell und probieren viel aus, da passieren natürlich Fehler. Aber das ist ok. Wir haben intern eine wirklich gute Fehlerkultur – das ist mir sehr wichtig, denn das gibt Raum, sich auszuprobieren.

Gibt es Tools und Services, die Dir die Arbeit erleichtern?
The good old Telefon. Ich habe viele Schnittstellen mit Produzent_innen und Dienstleister_innen aus der Textilindustrie, die nicht unbedingt digital unterwegs sind. Wenn man Schnelligkeit will, heißt das also: weniger E-Mails schreiben und mehr telefonieren! Ansonsten bin ich sehr datengetrieben und fälle viele Entscheidungen basierend darauf, Daten zusammenzutragen. Also aus Tools wie Buchhaltung, Analytics, Controlling, Fulfillment usw. Das ist unfassbar aufwendig – da vermisse ich tatsächlich meine Zeit bei Google, wo ein Business Analyst einem in Echtzeit alle relevanten KPIs verfügbar macht. Generell finde ich die SaaS- oder Tool-Landschaft, die Startups in Sachen Buchhaltung, Bestandsplanung und Controlling zur Verfügung stehen, erschreckend limitierend. Wenn ich auf Branchenevents was von Big Data oder Ähnlichem höre, muss ich schmunzeln, denn die wenigsten Tools können wirklich verlässlich die Basics abdecken. Diesbezüglich wünsche ich mir eine deutliche Professionalisierung, denn wenn mein Steuerberater unsere Buchhaltung zeitintensiv für eine betriebswirtschaftliche Auswertung manuell ready machen muss, weil das Tool einfachste steuerrechtliche Basics nicht berücksichtigt, hat das einfach nichts mit “Automation” zu tun.

Würdest Du wieder ein Unternehmen alleine gründen?
Absolut, denn Unternehmertum ist total mein Ding!

Welchen Tipp gibst Du anderen Sologründerinnen mit auf den Weg?
Lass Dich nicht abhalten, ein Unternehmen zu gründen, nur weil Dir ein Co-Founder fehlt!

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Foto (oben): Shutterstock

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.