#Hintergrund Fairment: Auch Gründer haben einen Wert #DHDL

Leon Benedens und Paul Seehorst treffen mit Fairment, einem Online Shop für fermentierte Lebensmittel, einen Nerv der Zeit. Ihre Wachstumsraten, die siebenstelligen Umsätze und der Fakt, dass sie das alles ohne Investment geschafft haben, sprechen für das Thema.
Fairment: Auch Gründer haben einen Wert #DHDL

Dass es in der Höhle eine längere Bewertungsdiskussion gibt, ist nichts Neues. Dass die Löwen von Gründern beeindruckt sind, aber eben einfach die Bewertung zu hoch finden, hat es auch schon öfter gegeben. Doch woran genau scheiterte ein Deal, wieso kamen beide Seiten trotz eines offensichtlichen Verhandlungswillen nicht zusammen?

Die Gründer Leon Benedens und Paul Seehorst treffen mit ihrem Online Shop für fermentierte Lebensmittel einen Nerv der Zeit. Ihre hohen Wachstumsraten, die mittlerweile siebenstelligen Umsätze und der Fakt, dass sie das alles ohne Investment geschafft haben, sprechen für das Thema und natürlich für die Gründer selbst.

Trotzdem wollte ein Deal nicht zu Stande kommen. Den Löwen war die Bewertung zu hoch, einige stiegen sogar mit dieser Begründung ohne weitere Verhandlung aus. Doch die Gründer beeindruckten genug, als dass sie ein Gegenangebot bekamen: Frank Thelen zog seinen Ausstieg aus den Verhandlungen zurück und bot zusammen mit Judith Williams statt der angebotenen 10 % 30 % für die 950.000 Euro. Das war den Gründern jedoch viel zu wenig. Ihr Gegenangebot von 15 % lehnten jedoch wiederum die Investoren ab, so das letztendlich kein Deal zu Stande kam. Wenn man einmal nachrechnet, sieht man auch schnell, welche Auswirkungen diese Erhöhung der Prozente durch die Löwen hatte: Von einer ursprünglichen Post-Money-Bewertung von 9,5 Millionen landet man bei rund 3,17 Millionen. Wenn man nun das Investment abzieht, würde das bedeuten, das das Unternehmen zur Zeit des Deals nur noch gut 2,2 Millionen Euro wert gewesen wäre. Das niedrig erscheinende Entgegenkommen der Gründer von 5 % hätte eine Pre-Money Bewertung von rund 5,4 Millionen Euro statt der ursprünglichen circa 8,5 Millionen bedeutet, was bereits einige Millionen Unterschied sind.

Die von den Löwen gebotenen 2,2 Millionen hören sich dann zunächst sehr gering an, und man tendiert eher dazu, die Ablehnung der Gründer zu verstehen. Diese Bewertung entspricht pre-money einem Multiple von ungefähr zwei auf den Umsatz des letzten Jahres, was für Unternehmen in einer solchen Wachstumsphase schon recht gering ist. Doch beide Investoren betonten, dass sie noch mehr miteinbringen, und schließlich auch ihre Teams bei einem Investment mit daran arbeiten würden, fairment nach vorne zu bringen. Eine mittlerweile bekannte Argumentation in der Höhle, die vollkommen ihre Berechtigung hat.

Wer hat also nun „Recht“, ist die Bewertung hoch oder niedrig? Wessen Vorschlag ist der fairere Deal? Wie so häufig ist das pauschal nicht zu beantworten. Auch die Überlegung, wie „wertvoll“ ein passender Löwe für das Unternehmen sein könnte, wird die Problematik alleine nicht auflösen, denn die Situation der Gründer ist eine etwas andere als die der meisten anderen in der Höhle.

fairment hat schon Einiges erreicht, und steht – zumindest nach der Darstellung der Gründer – an einer Schwelle zum ganz großen Wachstum. Ungewöhnlich ist schon einmal, dass die Gründer es ohne jegliches Fremdkapital bis zu dieser Umsatzhöhe geschafft haben – Leon und Paul teilen sich das Unternehmen noch 50/50 auf, keinerlei Anteile wurden bisher abgegeben. Sie haben sich unglaublich viel Wissen über das Thema angeeignet und kennen ihren Markt und ihre Kunden sehr genau.

Wie kann man das schaffen? Starkes Wachstum und hohe Umsätze ohne oder mit nur wenig Investment legen sehr niedrige Kundenakquisekosten (Customer Akquisition Costsn = CAC) nahe. Das ist nicht nur eine großartige Voraussetzung für das weitere Wachstum, sondern bedeutet auch, dass die Gründer ihr Marketing bereits im Griff haben. Das wiederum ist für ein eCommerce-Unternehmen essentiell und entspricht damit einem höheren Reifegrad des Unternehmens.

Je mehr man jedoch bereits mit seinem Unternehmen erreicht hat, desto stärker hinterfragt man auch, wie weit einen der neue Investor zusätzlich noch bringen kann. Wie viel länger dauert es, den bisher eingeschlagenen Weg weiterzugehen, um zur gleichen Stufe zu gelangen, wie durch die vermeintliche Abkürzung mit dem Investor? Erscheint einem der Zeitunterschied hier nicht besonders groß, fällt es natürlich umso schwerer, beträchtliche Anteile abzugeben.

Denn natürlich sollte eine Bewertung den Mehrwert eines Investors miteinbeziehen, den dieser über sein eigebrachtes Kapital hinaus für das Unternehmen haben kann. Um sich wirklich zu Engagieren, machen für einen solchen Investor unabhängig von der Bewertung nur Anteilshöhen über 10 % Sinn. Im Gegenzug ist es aber verständlich, dass auch die Gründer ihren Wert und ihre bisherigen Errungenschaften für das Unternehmen gewürdigt wissen wollen. 30 % abzugeben, besonders bei einem Unternehmen fortschrittlichen Reifegrades, in dem noch kein weiteres Investment steckt, kann dann auch unabhängig von der Gesamtbewertung unangemessen erscheinen und sich für die Gründer vollkommen falsch anfühlen. Ein Investor schaut aber natürlich auch auf den Markt und die weiteren Wachstumsmöglichkeiten und muss einen Deal aushandeln, mit dem er sein Geld in absehbarer Zeit vermehren kann.

Manchmal stehen sich aber eben die beiden Sichtweisen und Berechnungen einfach entgegen. Jeder kann Recht mit der Bemessung seines eigenen Wertes haben, ohne dass der andere Unrecht hat. Das erscheint erst einmal etwas unlogisch, wird aber besonders am Fall fairment gut klar. Wie so vieles im Leben sind eben auch Investorenverhandlungen alles andere als einfach nur schwarz oder weiß.

Tipp: Alles über die Vox-Gründer-Show gibt es in unserer DHDL-Rubrik

Lesetipp: “Die Höhle der Löwen” – Deals (2019), “Die Höhle der Löwen” – Deals (2018), “Die Höhle der Löwen – Deals (2017)“, Die Höhle der Löwen – Deals (2016)“, “Die Höhle der Löwen – Deals (2015)“, “Die Höhle der Löwen – Deals (2014)“. Für mehr Spaß vor der Glotze am besten unser “‘Die Höhle der Löwen’– Bullshit-Bingo” herunterladen.

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Foto (oben):  TVNOW / Bernd-Michael Maurer

Ruth Cremer ist Mathematikerin und Beraterin sowie Hochschuldozentin im Bereich Geschäftsmodelle, Kennzahlen und Finanzplanung. Als ehemaliger Investment Manager weiß Sie, worauf Investoren achten und hilft bei Pitch- und Dokumentenvorbereitung auch im Investment- oder Akquisitionsprozess. In der aktuellen sechsten Staffel von “Die Höhle der Löwen” war sie als externe Beraterin in die Auswahl und Vorbereitung der Kandidaten involviert.