#Interview “Gelsenkirchen, datt ist bei Schalke”

Das IT-Startup Aware7, eine Ausgründung aus dem Institut für Internet-Sicherheit, wurde vor einem knappen Jahr gegründet. Welche Vorteile das Ruhrgebiet für Gründer anzubieten hat und welche Nachteile der Standort Gelsenkirchen mit sich bringt, hat uns Gründer Matteo Cagnazzo erzählt.
“Gelsenkirchen, datt ist bei Schalke”

>Das Internet und seine unendlichen Sicherheitslücken. Matteo Cagnazzo und Chris Wojzechowski, Gründer von Aware7, haben es sich zur Aufgabe gemacht, Schwachstellen aufzudecken und diese zu schließen. Mitten in Gelsenkirchen-Buer, an der Westfälischen Hochschule, haben beide Mitte 2018 ihr Startup gegründet. Wir haben mit Matteo Cagnazzo über das Ruhrgebiet als Standort für Startups gesprochen.

Reden wir über das Ruhrgebiet. Wenn es um Startups in Deutschland geht, richtet sich der Blick sofort nach Berlin. Was spricht für das Ruhrgebiet als Startup-Standort?
Das Ruhrgebiet ist mit seiner einzigartigen Hochschul- und Universitätslandschaft, sowie den damit einhergehenden über 250.000 Studenten der optimale Standort für Unternehmen, die an innovativen, wissensintensiven Dienstleistungen und Produkten arbeiten. Insbesondere im Bereich IT-Sicherheit ist die Region um Bochum und Gelsenkirchen mit dem Institut für Internet-Sicherheit, dem Horst-Görtz Institut und dem geplanten Max Planck Institut unglaublich forschungsstark und zukunftsgerichtet. Große Unternehmen aus der IT-Sicherheit finden sich hier genauso wie kleine Startups.

Was genau macht den Reiz der Startup-Szene in Gelsenkirchen aus?
Auf Dienstreisen sagen wir meist “Gelsenkirchen, datt ist bei Schalke”, weil das eigentlich mit das einzige in Gelsenkirchen ist, das deutschlandweit bekannt ist. Die Startup-Szene in Gelsenkirchen hat durch das Projekt “Smartphone-BürgerID” der XignSys einen Schub bekommen, was die Presse angeht. Aber eine richtige Szene gibt es in Gelsenkirchen eigentlich nicht. Ich würde das aufs ganze Ruhrgebiet betrachtet folgendermaßen formulieren: Es ist eine Chance für junge Unternehmen Arbeitsplätze zu schaffen, positive Geschichten im Revier zu schreiben und dadurch positiv zum Strukturwandel beizutragen.

Was ist in Gelsenkirchen einfacher als im Rest der Republik?
Das ist eine schwierige Frage. So wirklich einfacher ist eigentlich nichts. Gewerbeimmobilien sind zahlreich und es gibt diese recht kostengünstig zu mieten, das ist vielleicht ein positiver Aspekt. Es fehlt aber an einem starken Netzwerk für die Unternehmensgründung. Die Wirtschaftsförderung ist überschaubar aber sehr aktiv. Sobald Themen die Wirtschaftsförderung verlassen, verlaufen Dringlichkeiten und Verbindlichkeiten aber häufig im Sand. Wir sind ein Gelsenkirchener Unternehmen – durch und durch. Aber der Prozess der Unternehmensgründung und -anmeldung war hier alles andere als einfach und intuitiv. Das zieht sich leider durch den gesamten Verwaltungsapparat und ist recht unabhängig von der Unternehmensgründung. Das sorgt bei vielen Bürgern für Unmut.

Was fehlt in Gelsenkirchen bzw. im Ruhrgebiet noch?
Öffentliche, innerstädtische Infrastruktur ist, neben einer effizienteren Verwaltungsstruktur, das Top-Thema, das es zu lösen gilt um Gelsenkirchen aus unserer Sicht attraktiver zu machen. Aktuell sitzen wir noch an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen-Buer. Das ist ein ganzes Stück weg vom Zentrum und vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof. Wenn es gut läuft braucht man vom Hauptbahnhof 35-40 Minuten zu uns. Meistens verpasst man aber den Anschlussbus und es werden eher 55 bis 60 Minuten. Vom Fahrradfahren möchte ich gar nicht anfangen.

Zum Schluss hast Du hast drei Wünsche frei: Was wünscht Du Dir für den Startup-Standort Ruhrgebiet?
Als erstes eine stärkere Vernetzung der Städte untereinander. Die Städte müssen noch weiter vom Leuchtturm-Denken das lange Zeit herrschte abrücken, Synergien bilden und stärker zusammenarbeiten. Dann eine stärker ausgeprägte innerstädtische Infrastruktur. Es ist leichter und oft auch schneller von Duisburg nach Dortmund zu kommen als einmal Gelsenkirchen zu durchqueren. Und zuletzt ein stärkeres positives Image vom Ruhrgebiet. Viele Leute außerhalb sehen das Ruhrgebiet als unattraktive Region. Jeder im Ruhrgebiet hat die Verantwortung, dieses Bild zu verändern. Denn im Ruhrgebiet gibt es viel mehr als Kohle, Staub und Pilsken!

Der digitale Pott kocht – #Ruhrgebiet


Mit hunderten Startups, zahlreichen Gründerzentren und -initativen, diversen Investoren sowie dutzenden Startup-Events bietet das Ruhrgebiet ein spannendes Ökosystem für Gründer. ds, die Gründerallianz Ruhr und der ruhr:HUB berichten gemeinsam über die Digitalaktivitäten im Revier.

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Foto (oben): Aware7

Sümeyye Algan, Redakteurin bei deutsche-startups.de, mit Blick aufs Ruhrgebiet, seine Geschichten und Persönlichkeiten. Nach zwei Praktika bei der WELT in Berlin und dem WDR in Essen, arbeitete sie u.a. für den WDR und als freie Autorin für Informer Online.