#Interview “Wir waren jung, mutig, und manchmal auch übermütig”

Bei Travador lief in den vergangenen Jahren nicht immer alles rund. "Gleich zu Beginn haben wir ein viel zu großes Office angemietet, das außer hohen Kosten nur lange Wege beschert hat – da hat wohl der Größenwahn zugeschlagen", sagt Travador-Macher Johannes Sehring
“Wir waren jung, mutig, und manchmal auch übermütig”

Das junge Travel-Startup Travador hat beriets eine bewegte Geschichte hinter sich. ZUm Start im Jahre 2013 positionierte sich das Unternehmen als Flashsale-Reisedienst mit Promi-Power. Später wandelte sich die Jungfirma zum Anbieter von Kurz-und Wellnessreisen. “Wir haben derzeit 30 Vollzeit-Mitarbeiter. Seit der Gründung haben wir 100 Millionen Umsatz geknackt und knappe 25 Millionen Jahresumsatz im letzten Jahr verzeichnet. Eine Millionen Reisende sind bis dato mit uns verreist und wir haben zehn Millionen Seitenbesucher pro Jahr”, sagt Johannes Sehring, der seit 2015 bei Travador an Bord ist, zum Stand der Dinge im Unternehmen.

EIn Blick zurück: Zu Hochzeiten wirkten über 100 Mitarbeiter bei Travador. “Wir haben die Firma 2015 und 2016 nahezu komplett automatisiert und somit die Effizienz massiv gesteigert. Die Kunst liegt immer darin, die Profitabilität und Qualität gleichsam zu steigern. Ich denke, das ist uns gut gelungen. In Summe haben diese Entscheidungen und Veränderungen am Ende ermöglicht, Travador mit viel weniger Personal effizient und profitabel auszurichten”, sagt Sehring. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht der Travador-Macher außerdem über Qualitätsstandards, Personalqualität und Loyalität.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Travador erklären?
Wir verkaufen Reisen – hauptsächlich Kurz-und Wellnessreisen. Eigentlich wie ein Reisebüro, nur eben alles am Computer. Unkompliziert vom Sofa aus buchbar, und auch perfekt für dich, da du dich vor Ort um nichts mehr kümmern musst. Ein Klick und der gesamte Urlaub ist geplant und gebucht.

Hat sich das Konzept seit dem Start irgendwie verändert?
Wir waren und sind Reiseveranstalter und Reisevermittler. Doch wir haben die Qualität stark gesteigert. Wir sind uns treu geblieben, was die Konzentration auf den europäischen Markt und Kurzreisen angeht. Auch, dass wir nur Reisen mit eigener Anreise anbieten, ist geblieben. Wir haben aber die Hotelqualität und die Qualität der Pakete massiv gesteigert und arbeiten heute nur noch mit vier und fünf Sterne Häusern zusammen. Wir verkaufen nicht alles um jeden Preis, sondern nur, was unseren Qualitätsstandards entspricht und wo sowohl Reisende als auch Hotelpartner davon profitieren. Man kann sagen: Wir sind vom übermütigen Teenager zum verantwortungsbewussten Erwachsenen herangewachsen.

Wie genau funktioniert euer Geschäftsmodell heute?
Die Deutschen fahren gerne in den Urlaub. Doch während vor ein paar Jahren noch der große Jahresurlaub im Kalender stand, geht der Trend zu mehr Urlaub, dafür kürzeren Reisen. Kurzreisen boomen und um die Erholung nachhaltig zu gestalten, will man nicht Stunden im Flieger sitzen, lange Wartezeiten haben oder mühsam das günstigste Zimmer und das tollste Spa suchen. Ins Auto steigen, schnell ankommen und sofort Abschalten und Entspannen – das ist angesagt. Das heißt konkret: Unsere Angebote bestehen aus Hotel, Verpflegung und diversen Extras, wie zum Beispiel Massagen, sodass eine langwierige Planung nicht notwendig ist und die Erholung bereits bei der Buchung beginnt. Unser Sales-Team schnürt fertige Pakete, der Kunde kauft das komplette Paket und muss sich um nichts mehr kümmern. Wir haben jahrelange Erfahrung in der Zusammenarbeit mit unseren Partnern und kennen die Hotellandschaft in Deutschland, Österreich, Italien und den BeNeLux-La?ndern in- und auswendig. Außerdem wissen wir, was sich Erholungssuchende von einem Kurzurlaub wünschen. Mit diesem Know-How fa?llt es uns leicht, außergewöhnliche Pakete zu schnüren, die auf die individuellen Bedürfnisse unserer Kunden abgestimmt sind.

Wie genau hat sich Travador seit der Gründung entwickelt?
Wir sind stetig und gesund gewachsen. Aus unseren Kinderkrankheiten haben wir gelernt. Natürlich wurden Fehler gemacht und wir haben die Konsequenzen daraus gezogen. Mein Kerngeschäft ist Business Intelligence und deshalb wurde ich auch zu Travador geholt. Da bleibt im ersten Schritt kein Stein auf dem Anderen.

Was hat sich denn geändert?
Vier große Bereiche haben sich massiv verändert. Erstens: Wir arbeiten nicht mehr mit Personalquantität, sondern Personalqualität. Wir setzen auf Leute, die Thorsten Schroeppe und ich kennen und mit denen wir schon in anderen Firmen zusammengearbeitet haben. Zweitens: Unsere Prozesse und unser Online-Marketing sind zum Großteil automatisierst. Wir haben Reportings auf Konzernniveau und haben es geschafft, eine technische Infrastruktur zu schaffen, mit der wir extrem kosteneffizient arbeiten können. Drittens: Wir setzen auf solide, gesunde – für die Branche unübliche – hohe Margen. Viertens: Travador ist heute ein Social Media Best Performer. Wir haben es geschafft, mit unseren eigenen Kanälen täglich so viele Leute zu erreichen, dass wir die Marketingkosten für Paid Channels auf ein Minimum reduzieren konnten.

Nun aber einmal Butter bei die Fische: Wie groß ist Travador inzwischen?
Wir haben derzeit 30 Vollzeit-Mitarbeiter. Seit der Gründung haben wir 100 Millionen Umsatz geknackt und knappe 25 Millionen Jahresumsatz im letzten Jahr verzeichnet. Eine Millionen Reisende sind bis dato mit uns verreist und wir haben zehn Millionen Seitenbesucher pro Jahr.

Zu Hochzeiten waren bei Travador 120 Mitarbeiter beschäftigt. Warum kommt ihr nun mit deutlich weniger Personal aus?
Das ist recht einfach zu erklären. Am Anfang wurde nahezu alles manuell und sehr ineffizient erledigt und somit wurde natürlich sehr viel Personal gebraucht. Das war natürlich weit weg von wirtschaftlich, sinnvoll und effizient. Dieses Setup würde ich als ungesunde Firma bezeichnen. Wir haben die Firma 2015 und 2016 nahezu komplett automatisiert und somit die Effizienz massiv gesteigert. Die Kunst liegt immer darin, die Profitabilität und Qualität gleichsam zu steigern. Ich denke, das ist uns gut gelungen. In Summe haben diese Entscheidungen und Veränderungen am Ende ermöglicht, Travador mit viel weniger Personal effizient und profitabel auszurichten.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen?
Oh, da muss ich lachen – sehr viel würde ich mal sagen! Wir waren jung, mutig, und manchmal auch übermütig. Gleich zu Beginn haben wir ein viel zu großes Office angemietet, das außer hohen Kosten nur lange Wege beschert hat – da hat wohl der Größenwahn zugeschlagen. Aber im Ernst, ich denke die mit Abstand größten Fehler haben wir beim Personal und im Online-Marketing gemacht. Eine Firma steht und fällt mit dem Personal und das haben wir lange nicht gesehen. Wir sind schnell gewachsen, waren übermotiviert und haben viele Leute eingestellt. Zum Teil, ohne auf Loyalität und Leidenschaft der Mitarbeiter zu achten.

Was genau macht ihr heute anders?
Wir arbeiten heute ausschließlich mit Fachexperten. Wir konnten zum Teil langjährige Geschäftspartner für Travador gewinnen und gemeinsam mit Leidenschaft mehr Qualität und Profitabilität einführen. Das hat Travador mit Abstand den größten Push gegeben. Es gibt in der online/digitalen Welt einfach zu viele selbsternannte Experten, die wenig Ahnung haben. Wir sind heute eine kleine, aber sehr feine Familie von leidenschaftlichen Experten und versuchen uns jeden Tag neu zu erfinden und zu verbessern.

Was lief in der Vergangenheit noch schief?
Im Marketing haben wir zu lange stupide und naiv Geld bei den großen Online-Marketing-Partnern dieser Welt verbrannt und am Ende hat sich gezeigt, dass wir einen ganz eigenen Weg gehen müssen. Ein exzellentes Social-Media-Marketing macht es möglich die Paid-Kanäle wie Google und Facebook auf knapp ein Zehntel der ursprünglichen Kosten zu reduzieren. Die Paid-Kanäle haben wir ersetzt durch eine eigene Reisecommunity von knapp einer Millionen Follower und Fans.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Wir haben starke und loyale Investoren, die jeden Schritt und Wandel von uns unterstützt und supported haben. Wir haben rechtzeitig die Firma von „aggressivem Umsatz“ in Richtung Profitabilität geführt. Ich habe Travador umgebaut und habe mit der Social-Media-Strategie auf das richtige Pferd gesetzt, obwohl ich mich erstmal mit viel Kritik auseinandersetzen musste. “Zu teuer, falsche Richtung, langfristig nicht umsetzbar” – die Liste an Kritikpunkten war lange. Außerdem gab es auch keine Vorbilder oder Erfahrungen in der Reisebranche. Wir sind Reiseveranstalter und Reisevermittler, keine Affiliate-Plattform – und dennoch ist das gelungen, was alle für unmöglich gehalten haben. Wir haben eine super Community aufgebaut und dadurch minimalste Marketingkosten. Durch diesen Change haben wir die Firma neu definiert und zukunftsfähig gemacht. Heute sind wir das erfolgreichste Startup im Bereich Social Media und streiten in der Reisebranche mit Riesen wie AIDA um Platz Nummer eins.

Inzwischen seid ihr auch in Österreich unterwegs. Gibt es weitere Expansionspläne?
Zehn Prozent aller Buchungen auf travador.com wurden bis Dato aus Österreich generiert. Damit war es eine logische Entscheidung den Österreichern eine eigene Plattform mit eigenen Produkten zu geben. In der Tat arbeiten wir gerade an ein bis zwei neuen Ländern. Wir planen den Launch gegen Ende 2019 und sind schon sehr gespannt, welche Möglichkeiten sich ergeben. Die Steuerung aller Märkte wird aus dem Headquarter in München und der vorliegenden Infrastruktur geschehen.

Wo steht Travador in einem Jahr?
Wir wollen als Reisevermittler und Reiseveranstalter die Nummer eins im deutschsprachigen Raum werden und uns dort langfristig positionieren. Die Profitabilität im deutschen Markt wollen wir weiter ausbauen und wir freuen uns sehr auf die Expansion in weitere Märkte. Gerade im Bereich Social Media und beim Thema Digitalisierung von Reisen sehen wir noch großes Potential und werden auch hier unsere Community auf weitere Kanäle ausweiten und auf den bestehenden überraschen.

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Foto (oben): Travador

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.