#Interview “Oft werden wir mit den alten Klischees über das Ruhrgebiet konfrontiert”

2014 gründen Stefan Hoffmann und Gerald Wenzel tracekey solutions. Das Bochumer Startup kümmert sich um die Serialisierung und Dokumentation von Produkten - von der Herstellung bis zum Endkunden. Im Ruhr-Interview spricht Hoffmann über den Standort Ruhrgebiet.
“Oft werden wir mit den alten Klischees über das Ruhrgebiet konfrontiert”

Seit 2002 lebt Stefan Hoffmann im Ruhrgebiet. 2014 gründet er gemeinsam mit Gerald Wenzel tracekey solutions in Bochum. Das Startup unterstützt mit seiner cloud-basierten Lösung Unternehmen bei den Rückverfolgbarkeitsauflagen der Pharmaindustrie. Mittlerweile beschäftigt tracekey 30 Mitarbeiter und kann über 40 Kunden aus der Pharmaindustrie zählen. Wir wollten wissen, was Bochum als Startup-Standort so besonders macht und wieso ein positives Selbstbild gerade im Ruhrgebiet so wichtig ist. Was noch zu tun ist, erzählt Stefan Hoffmann in unserer Ruhr-Interview Reihe.

Reden wir über das Ruhrgebiet. Wenn es um Startups in Deutschland geht, richtet sich der Blick sofort nach Berlin. Was spricht für das Ruhrgebiet als Startup-Standort?
Nachdem die ursprüngliche wirtschaftliche Ausrichtung des Ruhrgebiets nun endgültig weggefallen ist – die letzte aktive Zeche Prosper Haniel hat ja im Dezember ihre Tore geschlossen – mussten sich die Menschen hier ganz neu orientieren. Was geblieben ist, ist der Tatendrang und die Bereitschaft einfach mal die Ärmel hochzukrempeln. Außerdem ist der Ruhrpott ein Ballungsgebiet, hier leben rund 5,1 Millionen Menschen. Da gibt es viel Potential für gute, neue Ideen und auch den Wunsch sich wieder einen Namen zu machen, für etwas zu stehen. Durch die vielen Unis gibt es hier viele junge, unverbrauchte Köpfe, das macht das Ruhrgebiet zu einem wahren Inkubator für Startup-Ideen.

Was genau macht den Reiz der Startup-Szene in Bochum aus?
Es herrscht eine gute Stimmung, es gibt diese konkrete Idee vom „Start-up Hotspot Ruhrgebiet“ und an deren Verwirklichung arbeiten viele kreative Menschen. Der große Vorteil im Ruhrgebiet ist die Nähe zur Industrie, hier gibt es eben nicht nur hippe Startups und Medienmacher, sondern auch große und wichtige Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Außerdem bietet das Ruhrgebiet mit seiner zentralen Lage in Europa einen guten Ausgangspunkt und ist gut angebunden.

Was ist in Bochum einfacher als im Rest der Republik?
Durch die vielen ehemaligen Industrie- und Zechenstandorte gibt es wortwörtlich viel Raum für innovative Geschäftsideen, für neue Industrie- und Dienstleistungszentren. Durch diese Leerstellen, die ganz konkret in unseren Städten existieren, ist der Anreiz etwas zu bewegen, etwas Neues zu schaffen stets präsent. Dazu kommt, dass hier so viele Städte aneinandergrenzen wie sonst nirgends in Deutschland. Du kannst also zum Gründerfrühstück in Dortmund sein, dann deiner regulären Arbeit in Bochum nachgehen, um anschließend abends in Essen noch an einem Event teilzunehmen.

Was fehlt in Bochum/im Ruhrgebiet noch?
Grundsätzlich die gute Meinung von uns selbst. Oft werden wir noch mit den alten Klischees über das Ruhrgebiet konfrontiert, nach dem Motto: alles dunkel, hässliche Innenstädte und kaum Natur. Viele packt deshalb dann doch die Sehnsucht nach repräsentativen Metropolen wie Berlin oder Hamburg. Konkret für Gründer fehlt vor allem die umfassende Unterstützung. Als Seed-Investor konnten wir früh den Hightech Gründer Fond gewinnen, auf lokaler Ebene gibt es aber recht wenig Möglichkeiten. Man findet viel Hilfe, etwa bei der Erstellung von Businessplänen, dort drückt der Schuh aber meistens gar nicht. Es braucht Geld, Unterstützung beim Marketing, Recruitment und bei rechtlichen Fragen.

Zum Schluss hast Du hast drei Wünsche frei: Was wünscht Du Dir für den Startup-Standort Ruhrgebiet?
Erstens mehr – internationale – Aufmerksamkeit, dann auf jeden Fall mehr Initiative und Angebote von politischer/städtischer Seite und drittens muss der Metropole-Ruhr-Faktor noch stärker ausgespielt werden. Hier werden noch nicht alle Kapazitäten ausgeschöpft.

Der digitale Pott kocht – #Ruhrgebiet


Mit hunderten Startups, zahlreichen Gründerzentren und -initativen, diversen Investoren sowie dutzenden Startup-Events bietet das Ruhrgebiet ein spannendes Ökosystem für Gründer. ds, die Gründerallianz Ruhr und der ruhr:HUB berichten gemeinsam über die Digitalaktivitäten im Revier.

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Foto (oben): Shutterstock

Sümeyye Algan, Redakteurin bei deutsche-startups.de, mit Blick aufs Ruhrgebiet, seine Geschichten und Persönlichkeiten. Nach zwei Praktika bei der WELT in Berlin und dem WDR in Essen, arbeitete sie u.a. für den WDR und als freie Autorin für Informer Online.