Interview Vom Uniprojekt zum Startup mit Millionenumsatz

"Es werden einem immer wieder Steine in den Weg gelegt, darauf sollte man mental vorbereitet sein. Zudem herrscht in Deutschland leider noch keine gründerfreundliche Kultur. Das Startup-Leben gleicht einer Achterbahnfahrt", sagt Michael Bröhl, Mitgründer von Shirtigo.de.
Vom Uniprojekt zum Startup mit Millionenumsatz

Wer an individuelle Textilien denkt, denkt meistens an Spreadshirt. Wir bringen jetzt mal Shirtigo.de aus Köln ins Spiel. Das Unternehmen wurde 2006 von Michael Bröhl und Tim Schneider gegründet. “Anfangs war es eine Nebenbeschäftigung während des Studiums. Die Vision ist während meiner Masterarbeit zum Thema Online-Fashionmarkt gereift. Nach meinem Abschluss habe ich mich Shirtigo in Vollzeit gewidmet und Tim als Co-Founder ins Team geholt. Seitdem wachsen wir konstant und widmen uns dem Ausbau bestehender und dem Aufbau neuer Geschäftsbereiche und Plattformen”, blickt Mitgründer Bröhl zurück.

Die Shirtigo.de-Macher haben ihr Unternehmen, das pro Jahr einen siebenstelligen Umsatz erwirtschaftet, bisher komplett aus eigener Tasche finanziert. “Das führt auch zu einem sehr rationalen und wirtschaftlichen Denken und Handeln aller Kollegen. Allerdings sind wir momentan auf der Suche nach einem strategischen Partner, der uns dabei unterstützt, die nächste Wachstumsstufe zu erreichen”, sagt Bröhl. Momentan wirken 15 Mitarbeiter für Shirtigo.de.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Shirtigo.de-Macher Bröhl außerdem über Amazon Prime, Mitarbeiterbedürfnisse und Lebensgefühle.

Wie würdest Du Deiner Großmutter Shirtigo.de erklären?
Wir ermöglichen kreativen Menschen ihre Designs in individuelle Printprodukte – überwiegend Textilien – zu verwandeln. Fundament ist dabei ein automatisiertes System für die Abwicklung, Produktion und den Versand der Produkte. Darauf aufbauend betreiben wir drei Internet-Plattformen: Shirtigo, einen Onlineshop für den Textildruck in Großauflage, Shirtigo Cockpit, eine Plattform zur technischen Anbindung – Plugin, Rest-API – bestehender Webshops an unser Produktionssystem, und Seedshirt, eine Verkaufsplattform, auf der Nutzer ihre selbstgestalteten Produkte anbieten können.

Bei welcher Gelegenheit entstand die Idee zu Shirtigo.de?
Ich bin bereits seit der Schulzeit in der Printbranche unterwegs und habe dabei festgestellt, dass es keinen Anbieter mit simpler Online-Preiskalkulation für den Textildruck in höherer Auflage gibt. Daher haben wir einen Kalkulator “gebaut”.

Hat sich euer Konzept in den vergangenen Jahren verändert?
Je nach Zielgruppe und entsprechendem Kundenbedürfnis haben wir unsere Angebote und Online-Plattformen stetig angepasst und erweitert. Insbesondere in der Produktion haben sich in den letzten Jahren neue Produktionsverfahren wie der Digitaldruck etabliert und verbreitet. Auch im Print-Bereich sind allgemeine Trend-Themen wie Industrie 4.0, Mass-Customization und On-Demand-Produktion zurzeit hochrelevant. Durch Angebote wie Amazon Prime erwarten Kunden und Partner außerdem extrem kurze Lieferzeiten. Inzwischen wird ein signifikanter Teil der eingehenden Bestellungen noch am selben Tag produziert und versendet. Wir setzen seit Beginn auf eine konsequente Automatisierung und Digitalisierung aller Prozesse entlang der Wertschöpfungskette. Durch eine intelligente Verknüpfung von Soft- und Hardware ist es uns möglich, kundenspezifische Einzelteile effizient zu produzieren.

Wie genau hat sich Shirtigo.de seit der Gründung entwickelt?
Anfangs war es eine Nebenbeschäftigung während des Studiums. Die Vision ist während meiner Masterarbeit zum Thema Online-Fashionmarkt gereift. Nach meinem Abschluss habe ich mich Shirtigo in Vollzeit gewidmet und Tim Schneider als Co-Founder ins Team geholt. Seitdem wachsen wir konstant und widmen uns dem Ausbau bestehender und dem Aufbau neuer Geschäftsbereiche und Plattformen.

Nun aber einmal Butter bei die Fische: Wie groß ist Shirtigo.de inzwischen?
Wir erwirtschaften einen siebenstelligen Umsatz und haben insgesamt über eine Million Textilien veredelt.

Was hättest Du gerne vor der Gründung gewusst?
Dass man besonders am Anfang ein Generalist und Alleskönner sein muss. Man kümmert sich nicht nur um Produkt und IT, sondern auch um den Service, Verträge, Finanzen etc. Gründen ist ein dynamischer Prozess – man sollte sich bewusst machen, dass sich Anforderungen, Kunden- und Mitarbeiterbedürfnisse sowie viele Marktstrukturen ständig anpassen und man nie einen „stable state“ erreicht. Eine Trennung zwischen Beruf- und Privatleben ist – zumindest in den Anfangsjahren – schwierig, da ständig unerwartete Dinge passieren, um die man sich kümmern muss.

Was waren die größten Hürden, die Du auf dem Weg zur Gründung überwinden musstet?
Das Aufbringen des Stammkapitals ohne externe Kapitalgeber in jungen Jahren. Eine weitere große Herausforderung war der Balanceakt zwischen Studieren und Gründen. Den Kunden interessiert nicht, ob man gerade in der Examensphase steckt.

Was waren die größten Fehler, die Du bisher gemacht hast – und was hast Du aus diesen gelernt?
Strukturen von einzelnen Personen abhängig zu machen. Ziel sollte es immer sein, eine personenunabhängige Organisationsstruktur zu schaffen, auch wenn dies in den Anfangsjahren natürlich schwierig ist.

Blicke bitte einmal zurück: Was ist in den vergangenen Jahren so richtig schief gegangen?
Wir haben uns zu spät aus dem operativen Geschäft gelöst und daher wichtige Arbeiten am Unternehmen vernachlässigt. Eine Folge dessen war, dass wir auf grundlegende Marktentwicklungen teilweise erst recht spät reagiert haben.

Und wo habt Ihr bisher alles richtig gemacht?
Wir haben von Anfang an die Bedürfnisse der Nutzer und unserer Kunden in das Zentrum unseres Handelns gestellt. Außerdem haben wir sehr früh Prozesse standardisiert, digitalisiert und automatisiert!

Welchen Tipp hast Du für andere Gründer?
Es werden einem immer wieder Steine in den Weg gelegt, darauf sollte man mental vorbereitet sein. Zudem herrscht in Deutschland leider noch keine gründerfreundliche Kultur. Lasst euch nicht von Aussagen wie: “Jung, mach’ doch was Anständiges!” entmutigen oder von Eurem Weg abbringen. Das Startup-Leben gleicht einer Achterbahnfahrt.

Wo steht Shirtigo.de in einem Jahr?
Wir möchten unsere Marken bekannter machen und das Angebot weiter internationalisieren. Außerdem wollen wir noch mehr sympathische Kollegen und Kolleginnen in unser Team aufnehmen.

Reden wir außerdem noch über Köln. Wenn es um Startups in Deutschland geht, richtet sich der Blick sofort nach Berlin. Was spricht für Köln als Startup-Standort?
Die ausgeprägte Hochschullandschaft im Ballungsraum NRW bietet gut ausgebildete Absolventen. Es gibt in unmittelbarer Nähe viele großartige Unis wie Köln, Aachen, Düsseldorf oder Bonn. Es gibt aber auch viele kleinere, spezialisierte Fachhochschulen – in Köln speziell im Medienbereich durch die Schwergewichte RTL Group und WDR.

Was macht den besonderen Reiz der Startup-Szene in Köln aus?
Im Rheinland allgemein geht es etwas bodenständiger zu – anders als der Rest der Republik vielleicht denken mag. Denn der Rheinländer an sich ist ja nun wirklich nicht für seine Zurückhaltung oder Apathie bekannt… Viele tragen das Herz auf der Zunge! Es wird häufig offen und kritisch diskutiert. Diese offene Kultur und flache Hierarchien fördern gute Entscheidungen.
Wir freuen uns umso mehr, dass ihr euren Lesern einen genaueren Einblick in diese rheinische Startup-Szene geben möchtet. Für uns geht es dabei vor allem um eine bestimmte Denkweise: Ein tief verankertes positives Lebensgefühl gepaart mit der rheinischen Gelassenheit. Diese Mentalität ist vielschichtig und zeichnet sich außerdem durch Realismus, Bescheidenheit und Selbstreflexion aus. Wir verweisen da auch gerne auf das kölsche Grundgesetz mit seinen sehr griffigen Formulierungen.

Was ist in Köln einfacher als in Berlin – und umgekehrt?
Wir haben in Berlin bisher noch nicht gearbeitet und können das relativ schlecht beurteilen. Die Wege in Köln sind kürzer als in Berlin. Man ist in Köln sehr schnell per Du und mit relevanten Ansprechpartnern vernetzt. Es gibt außerdem wenig Fluktuation, da viele Menschen der Region sehr treu sind. Die Kölner leben und arbeiten gerne hier! Allgemein ist die Domstadt ein sehr besonderes und einzigartiges Umfeld. Dafür ist in Köln allerdings die Startup-Kultur aus unserer Sicht noch nicht so stark in der Gesellschaft verankert wie in Berlin. Wir haben aber den Eindruck, dass sich da gerade ein Wandel vollzieht. Das hat auch mit politischen Initiativen wie dem Digital Hub zu tun. Aber auch die Hochschulen bieten verstärkt Kurse zum Thema Gründung, Finanzierung o.ä. an. Wir freuen uns über diese Entwicklung!

Was fehlt in Köln noch?
Ein stabiler, erstklassiger Fußballverein. Nein, im Ernst: Gewerbeimmobilien mit – aus Startup-Sicht – realistischen Vertragslaufzeiten. Zudem würden größere Exits dabei helfen, ein Startup-Ökosystem entstehen zu lassen.

In unserem Themenschwerpunkt Köln berichten wir gezielt über die Digitalaktivitäten in der Rheinmetropole. Mit über 650 Startups, 25 Gründerzentren, attraktiven Investoren und zahlreichen Veranstaltungen und Netzwerken bieten Köln und das Umland ein spannendes Ökosystem für Gründerinnen und Gründer. Diese Rubrik wird unterstützt vom Digital Hub Cologne und der Stadt Köln.

Kennt Ihr schon unseren #StartupTicker? Der #StartupTicker berichtet tagtäglich blitzschnell über die deutsche Startup-Szene. Schneller geht nicht!

Foto (oben): Shirtigo

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.