Interview Über “Nachahmer, die Investoren heiße Luft verkaufen”

"Bei 40 Millionen potentiellen Einkommensteuererklärungen pro Jahr in Deutschland ist Platz für einige Anbieter. Aber gerade in diesem Umfeld führt eine Highlander-Mentalität dazu, dass Lifetime Value verbrannt wird, ohne Gewinn zu maximieren", sagt forium-Mitgründer Felix Bodeewes
Über “Nachahmer, die Investoren heiße Luft verkaufen”

Eine ganze Reihe junger Startups will den Menschen im Lande bei ihrer Steuererklärung helfen. Zu den alten Hasen im Segment zählt das Unternehmen forium. Die Berliner, betreiben mit SteuerGo, Lohnsteuerkompakt und Steuererklaerung-Student.de gleich mehrere Dienste im boomenden TaxTech-Segment.

“Mit verschiedenen Plattformen für unterschiedliche Zielgruppen und Sprachen sind wir der führende Anbieter von Steuer-Anwendungen in Deutschland”, sagt forium-Mitgründer Felix Bodeewes. Für die forium-Familie arbeiten inzwischen mehr als 20 Mitarbeiter. An den Start ging das Unternehmen vor knapp 20 Jahren. “1999 haben wir unserer Doktorstudium abgebrochen und die Assistenzstellen am Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen aufgegeben, um uns selbständig zu machen”, sagt Bodeewes, der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Studienfreund Leander Bretschger auf die Startbahn hievte.

Hinter forium verbirgt sich zunächst einmal ein “Finanzratgeber mit Informationen, Artikeln und Vergleichen” sowie “Informations- und Ratgebertexte, die nahezu alle Themenbereiche zu Banken, Versicherungen und Steuern kompakt aufarbeiten”. 2014 folgte der Vorstoß ins TaxTech-Segment. “Trotz resultierenden Änderungen am Geschäftsmodell sind wir seit 1999 Unternehmer ohne Insolvenz oder Schließungen. In der Startup-Welt sind wir in diesem Punkt ein Unicorn”, sagt Bodeewes. Eine Milliardenbewertung kann er aber nicht vorweisen. Dafür aber einen “deutlich siebenstelligen Umsatz” pro Jahr. Zudem wirtschaftet die forium-Familie profitabel.

Im Interview mit deutsche-startups.de spricht forium-Mitgründer Bodeewes über Monopole, heiße Luft und Geiz.

In Deutschland boomt derzeit die TaxTech-Szene. Ihr seid mehrfache Pioniere in diesem Segment. Wie seht ihr den Markt und die vielen neuen Wettbewerber?
Bei 40 Millionen potentiellen Einkommensteuererklärungen pro Jahr in Deutschland ist Platz für einige Anbieter, da es sich nicht um ein natürliches Monopol handelt. Aber gerade in diesem Umfeld führt eine Highlander-Mentalität – “Es kann nur einen geben” – dazu, dass Lifetime Value verbrannt wird, ohne Gewinn zu maximieren. Dazu werden Skalenerträge, die zu einer Marktbereinigung führen können, gern stark übertrieben. Im Extrem müssen Expansionspläne für das Ausland herhalten, um Bewertungen und Investitionen zu rechtfertigen. Und das, obwohl steuerlich hierbei keine Skalenerträge existieren und alle relevanten Märkte entwickelt sind.

Einige eurer neuen Wettbewerber haben Millionen eingesammelt, um schnell wachsen zu können. Ihr habt euer Unternehmen via Bootstrapping aufgebaut. Wie nehmt ihr die millionenschwere Konkurrenz wahr?
Enttäuscht, da im Vergleich zu etablierten Anbietern wenig Innovationskraft gezeigt wird. Teilweise sind es Nachahmer, die ohne wirkliche Neuerungen unter anderem Investoren und Kunden heiße Luft verkaufen; was dem Markt schadet. Gleichzeitig mangelt es zum Teil an Sachverstand, so dass die Anwendungen steuerlich manchmal haarsträubend sind. Dennoch sind wir wachsam und agil, und reagieren schnell auf interessante Entwicklungen. Das gilt aber auch für einige etablierte Software-Anbieter. Für mich ist Bootstrapping die hohe Schule bei Startups, schon lange bevor die Rede vom Lean Startup war. Uns bringt das viel, z.B. dynamisches gesundes Wachstum während Konkurrenten noch solange brennen wie die Liquiditätsschwemme es erlaubt.

Es entsteht schnell der Eindruck, dass rund um das Thema Steuer-Startups derzeit Goldgräberstimmung herrscht. Ist der Markt so einfach zu erobern?
Nein, überhaupt nicht. Der Großteil aller Steuerpflichtigen hat eine subjektiv optimale Lösung für das Problem der Einkommensteuererklärung. Diese reichen vom Steuerberater über Bekannte bis hin zu Nichts-tun. Zusätzlich gibt es in Deutschland zwei problematische Einstellungen: Geiz und blindes Vertrauen in Institutionen. So verschenken Steuerpflichtige hunderte Euro an Steuererstattung mit der kostenlosen, staatlichen ELSTER-Software, vor der die Computer Bild sogar warnt. Insgesamt ist es wahrscheinlich weltweit der anspruchsvollste Markt mit extrem hoher Qualität bei etablierten Anbietern – und sehr niedrigem Preisniveau und überschaubarem Wachstum. Da ist die Zukunft vieler Startups vorprogrammiert.

Wie sehen eure Planungen für die Zukunft aus?
Weiterhin zwei- bis dreistelliges profitables Wachstum.

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Foto (oben): Shutterstock

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.