Christoph Gerber im Interview “Schlaflose Nächte habe ich trotzdem”

"Wir überdenken unsere Entscheidungen mehr, Dinge passieren weniger aus dem Bauch heraus bzw. werden einen Tick länger überdacht", sagt Lieferando-Mitgründer Christoph Gerber, der derzeit das B2B-Startup Talon.One hochzieht.
“Schlaflose Nächte habe ich trotzdem”

Nach dem Exit war Lieferando-Mitgründer Christoph Gerber zunächst eine längere Zeit von der Start-up-Bildfläche verschwunden. Nun startet er mit Talon.One wieder durch. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Gerber über schlaflose Nächte, Selbstzweifel und Rückschläge.

Nach Lieferando startest Du derzeit mit Talon.One wieder durch. Was reizt Dich, wieder ein Unternehmen zu gründen?
Ich wüsste nicht, was ich sonst mit meiner Zeit anfangen sollte. Ich war ein Jahr mit meiner Freundin in Australien und am Ende ist das ist wie nach einer durchzechten Nacht – am nächsten Morgen sagt man sich “Nie wieder mache ich das!”. Und dann legt man doch wieder los. Außerdem ist Talon.One jetzt komplett was anderes als Lieferando – voller Fokus auf B2B.

Was genau ist den die Idee hinter Talon.One?
Die Idee hinter Talon.One ist, dass Unternehmen jegliche Art von Promotion nach einer einmalige Integration mit uns abwickeln können. Fast alle Firmen arbeiten in irgendeiner Form mit Promotionen und fast überall läuft das technisch sehr rudimentär ab – viele Fehler, Potential wird nicht genutzt durch technische Beschränkungen und einer immer vollen IT Pipeline. Marketers würden gerne Kampagnen machen, welche man auf Postleitzahlen beschränken kann, auf bestimmte E-Mail-Adressen, Payment-Methoden. Oder Sie haben ganz genaue Vorstellungen von verschiedenen Produktbundles die Sie anbieten wollen, dieses aber technisch nicht abbilden können.

Was ist bei der zweiten Gründung einfacher, was genau so schwierig?
Natürlich hat man mehr Erfahrung mit rechtlichen Belangen, lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen, hat eine andere Glaubwürdigkeit vor Investoren oder Partnern und potentiellen Kunden. Aber viele Sachen sind immer noch schwierig – aber nicht vergleichbar. Unser Produkt bei Talon.One ist massiv komplexer als Lieferando – allerdings hat das Team auch deutlich mehr Erfahrung. Die Selbstzweifel gehen auch nicht weg, schlaflose Nächte habe ich trotzdem – sehr viel einfacher wird es in der Gesamtsumme nicht – man muss immer noch liefern. Unterm Strich ist man vielleicht einfach ruhiger, weil man weiß, dass es am Ende doch irgendwie klappt. Hoffentlich. Eine “gesunde” Portion Hybris muss man sich behalten.

Was machst du nun anders als bei Lieferando?
Wir überdenken unsere Entscheidungen mehr, Dinge passieren weniger aus dem Bauch heraus bzw. werden einen Tick länger überdacht. Wir lassen uns auch nicht mehr so schnell nervös machen. Ob das am Ende der bessere Weg ist, wird sich zeigen. Zumindest gefühlt gehen wir in die richtige Richtung.

Takeaway übernahm Lieferando für 62,9 Millionen Euro. War diese Entwicklung beim Start absehbar?
Nein. Diese Entwicklung war auch kurz vorher nicht absehbar. TakeAway hatte sich komplett am deutschen Markt verhoben und gelinde gesagt einen ziemlich bescheidenden Job gemacht.

Weswegen?
Weil Sie dachten, dass eine Marktführerschaft in Holland ausreichen, würde um hier Erfolg zu haben. Das es irgendwann eine Konsolidierung geben würde, war nach einiger Zeit allem im Markt klar. Nachdem Delivery Hero uns das erste Angebot zur Übernahme gemacht hat, haben wir uns überlegt, wie andere Szenarien aussehen würden. Es war klar, das TakeAway nicht genug Geld für eine Akquisition hatte. Wir haben dann drei Monate durchgearbeitet und nur durch die Hilfe des australische Investors Macquarie konnte der Deal dann gestemmt werden.

Im Rückblick sieht Lieferando nun wie ein gradliniger Erfolg aus. Hand aufs Herz: Was ist damals alles schief gegangen?
So ziemlich alles was man sich vorstellen kann. Aber das gehört natürlich auch dazu. Man kann Erfolg auch schwer von Rückschlägen trennen. Wir hatten eine Situation wo Jörg Gerbig, Kai Hansen und ich mit fast zwei Millionen Euro Schulden beim Notar gesessen haben, kurz vor Unterschrift mit einem neuem Investor. Dann kam unser Anwalt in den Raum und meinte: “Deal is off”. Wir haben das für einen Scherz gehalten. Einer unser Marktbegleiter hatte aber einen Brief an unseren Investor geschrieben und behauptet wir Gründer würden wegen Steuerhinterziehung in den Knast gehen.

Und dann?
Der Investor, eine Bank, hat dann natürlich erstmal die Handbremse gezogen und wir drei sind um 12 Uhr mittags in den Biergarten und haben unser Ende betrunken. Eine Woche und etliche Garantien später haben wir dann doch unterschrieben.

Was rätst du anderen Gründern, die gerade ein Start-up hochziehen?
Die Frage gehört anscheinend zum 1×1 des Startup-Journalismus.

Auf jeden Fall. Alle wollen von “alten” Hasen lernen.
Ich will gar nicht der große “Ratgeber Onkel” sein, weil jedes Unternehmen sich unterscheidet, die Gründerteams sich unterschiedlich ergänzen etc. Einiges was schon oft gesagt wurde und meiner Meinung nach auch sinnvoll ist: Teile deine Ideen und hole dir Feedback, höre gut zu, sei überzeugt von deiner Idee. Aber wenn sich kritische Gedanken häufen oder oft die gleichen sind: Was heißt das für dich? Was kannst du daraus lernen? Ansonsten halte ich nicht viel vom dem Mantra “5 Jahre kein Urlaub und kein Wochenende!”. Nimm dir auch mal Zeit und schalte ab. Oft arbeitet es sich besser, wenn man erholt aus dem Wochenende kommt.

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.

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