15 Fragen an Timoor Taufig “Vision und Werte haben sich mit der Zeit entwickelt”

Jeden Freitag beantwortet ein Gründer oder eine Gründerin unseren standardisierten Fragebogen. Der Fragenkatalog lebt von der Vergleichbarkeit der unterschiedlichen Fragen, die alle Gründerinnen und Gründer beantworten müssen – diesmal antwortet Timoor Taufig von Userlike.
“Vision und Werte haben sich mit der Zeit entwickelt”

Was bedeutet es Ihnen, Ihr eigener Chef zu sein?
Für mich ist es kein Ziel in sich selbst, selbstständig zu sein. Es hat sich wohl so ergeben, weil ich danach gestrebt habe, etwas zu starten. Nicht mit dem Hintergedanken keinen Chef zu haben, sondern einfach an der Lust, etwas auf die Beine zu stellen und nicht irgendeinen Konzern reicher zu machen oder einen anderen institutionalisierten Weg zu gehen. Jeder Gründer sollte sich im Klaren sein, dass er durch die Gründung einer neuen Unternehmung kein freierer Mensch wird. Man hat vielleicht keinen Boss über sich, der einem auf die Finger schaut, aber man trägt eine riesige Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern.

Diese Verantwortung motiviert mich enorm und dadurch trage ich sie sehr gerne. Ich vergleiche uns gerne mit einer starken Basketballmannschaft, wo man auf jeder Position Top-Spieler hat. Ich habe die Möglichkeit in diesem Team einer der Führungsspieler zu sein und unsere Mitarbeiter in eine Richtung zu pushen, die für das gesamte Team gut ist. Dieser Geist bedeutet mir viel. Der Titel “CEO” alleine ist mir nicht viel wert.

Bei welcher Gelegenheit kam Ihnen die Idee zu Ihrem Start-up?
Normalerweise erkläre ich an dieser Stelle immer, dass ich einen kleinen Online-Shop während meines Studiums hatte. Da habe ich Kosmetik verkauft und kam eines Tages auf die Idee, mal eine Live-Chat-Software zu testen, welche aber nicht gut funktioniert hat, woraufhin mein Mitgründer David und ich dies besser machen wollten. Diese Geschichte ist halb wahr. Ja, es gab diesen Online-Shop und ich habe in der Tat mal eine Chat-Software ausprobiert. Das war aber nicht die Initialzündung für Userlike. Wie es zu Userlike tatsächlich kam, war etwas anders:

David und ich haben uns 2010 kennengelernt und wollten beide etwas starten. Er war bis dahin CTO & Teamleiter bei einem Mobile-Tech-Unternehmen in Köln, ich war Student mit etwas Erfahrung im E-Commerce und Vertrieb. Wir fanden, dass wir durch unsere komplementären Stärken gut zusammenarbeiten können würden und ein Projekt starten sollten, bei dem ganz plump gesagt, David entwickelt und ich verkaufe. Es war kein visionärer Start. Wir waren und sind heute noch sehr pragmatisch. Vision, Kultur und Werte haben sich mit der Zeit entwickelt. Am Anfang stand nur das Machen im Fokus.

Woher stammte das Kapital für Ihr Unternehmen?
Online-Fußball-Wetten. Ne, Spaß beiseite. Wir sind gebootstrapped. David und ich haben Userlike mit jeweils 1.000€ aus eigener Tasche gestartet. Meine Hälfte war ein Geschenk von meiner Oma zum Abschluss meines Bachelors. Später haben wir ein Crowdfunding über Seedmatch gemacht und wundervolle Privatinvestoren an Bord geholt. Das hat uns als externes Kapital bis heute gereicht.

Was waren bei der Gründung Ihres Start-ups die größten Stolpersteine?
Die größte Herausforderung lag darin, die Vermarktung von Userlike ins Rollen zu bringen. Wir haben alles probiert. Von Cold-Calls, über Messen bis hin zu Partner-Marketing. Heute kann ich sagen, dass andere Software-Startups diese Maßnahmen am Anfang direkt überspringen sollten und so viel Zeit sparen können. Das funktioniert erst, wenn das Produkt reif ist und man eine starke User-Base hat.

Was für uns funktioniert hat und bei uns heute noch im Fokus steht ist Content-Marketing. Dafür mussten wir eine hohe anfängliche Investition tätigen, um nützlichen Content rund um unser Thema zu erstellen. Das hat dazu geführt, dass Personen unserer Zielgruppe auf uns aufmerksam wurden und anfingen, uns zu vertrauen. Je mehr wir unser Produkt optimieren, desto leichter wird es, diese Gruppe zu konvertieren.

Was würden Sie rückblickend in der Gründungsphase anders machen?
Wir hätten die unbeheizte Wohngemeinschaft, aus der wir im ersten Jahr gearbeitet haben, überspringen können. Aus dieser Situation machten wir dann den Sprung ins andere Extrem und haben eine Zeit lang alle remote gearbeitet, mit wöchentlichen Teammeetings. Erst 2014 sind wir in ein richtiges Büro in Köln gezogen und rückblickend denke ich, dass wir diesen Schritt früher hätten tun sollen. Wir kannten es nicht anders, aber gemeinsam in einem coolen Office zu arbeiten, erzeugt wirklich eine ganz andere Energie.

Jedes Start-up muss bekannt werden. Welche Marketingspielart ist für Sie besonders wichtig?
Wir haben mit Outbound-Marketing angefangen (Cold-Calls, Cold-Emailing etc.), aber schnell erkannt, dass es viel mehr Sinn machte uns darauf zu fokussieren, dass die Leute uns fanden, wenn sie auf der Suche nach einer Live-Chat-Lösung waren. Wenn Unternehmen mit Live-Chat starten, müssen sie erst einmal ein Team und Arbeitsabläufe zusammenstellen, was längere Zeit beanspruchen kann. Also selbst wenn wir Unternehmen von uns überzeugten, konnte es Monate dauern bis sie den Live-Chat implementiert hatten. Leute, die bereits nach einer Lösung suchen, sind viel weiter im Prozess, so dass die Implementierungszeit wesentlich kürzer ist. Daher ist Inbound-Marketing der richtige Weg für uns gewesen.

Welche Person hat Sie bei der Gründung besonders unterstützt?
Mein Mitgründer David, mit seinen vielen Jahren an Erfahrung, seinem Drive und seiner Arbeitsweise. Mein Kollege Pascal, mit dem ich immer alles diskutieren und sehr offen brainstormen kann. Mein Vater, mit seiner Weisheit und Lebensratschlägen.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Ich habe von David gelernt, wie wichtig es ist, das Produkt und die Prozesse im Unternehmen immer weiter zu verbessern. Wenn etwas nicht klappt, eine Lösung zu erarbeiten, und die Verbesserung schnell zu implementieren. Nicht über kleine Probleme hinwegzusehen. Mit diesem Ansatz kann man fast nicht scheitern. Aber – es erfordert immense Disziplin. Das kann ich als einen wahrhaftigen Tipp an andere Gründer weitergeben: Disziplin zur ständigen Verbesserung deines Produkts und deiner Prozesse. Unermüdlich am Ball bleiben, der Rest kommt dann von alleine.

Sie treffen den Bundeswirtschaftsminister – was würden Sie sich für den Gründungsstandort Deutschland von ihm wünschen?
Ich würde ihn darauf drängen, die bürokratischen Prozesse rund um eine Unternehmensgründung zu vereinfachen, zu digitalisieren und deutschlandweit zu vereinheitlichen. Das sind schrecklich mühselige und langsame Prozesse, um eine Firma zu starten und halten Menschen nur davon ab, aktiv zu werden und die Gesellschaft nach vorne zu bringen.

Was würden Sie beruflich machen, wenn Sie kein Start-up gegründet hätten?
Ich wäre bestimmt Autohändler oder Filmregisseur. Beides ehemalige Interessen.

Bei welchem deutschen Start-up würden Sie gerne mal Mäuschen spielen?
Innerhalb von Deutschland wäre mein Weg nicht so weit. Tatsächlich wäre das Unternehmen, welches ich mir mal näher anschauen würde, sogar auf der gleichen Straße in Köln ansässig: Shop-Apotheke. Das Unternehmen wurde von Stephan Weber gegründet und fasziniert mich seitdem ich ihn und seine Kollegen in 2012 kennengelernt habe. Ich halte sie für sehr progressiv, weil sie mutig und zügig Innovationen einführen – schon sehr früh haben sie zum Beispiel auf Userlike gesetzt. Es ist sehr sympathisch, dass sie ihren Erfolg nicht an die große Glocke hängen wie so manch andere E-Commerce-Riesen. Dort würde ich gerne eine Insider-Sicht erhalten, um mir einiges für Userlike abzuschauen.

Wenn man doch über die Grenzen Deutschlands schauen darf: Sehr gerne würde ich mir mal Unternehmen wie Alibaba oder WeChat von innen angucken und herausfinden, woran sie aktuell für die Zukunft des Messaging und Conversational Commerce bauen.

Sie dürften eine Zeitreise unternehmen: In welche Epoche reisen Sie?
Ich würde gerne ins Alte Rom reisen und beobachten, wie die “normalen” Menschen gelebt und gedacht haben. Ich würde gerne durch die Straßen laufen und die Eindrücke mit den Schilderungen aus den Latein-Büchern abgleichen. Das würde mich sehr reizen.

Sie haben eine Million Euro zur persönlichen Verfügung: Was machen Sie mit dem ganzen Geld?
Vorausgesetzt, dass ich es nicht für Userlike verwenden kann, würde ich es in die Mädchenschule investieren, die mein Onkel in Afghanistan leitet. Er ermöglicht es den Mädchen, Zugang zu Bildung zu bekommen, so dass sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können. Meine Mutter ist während der sowjetischen Invasion aus Afghanistan geflohen und vor dieser Zeit war das Land in einem viel besseren Zustand als es heute ist. Jetzt leben dort mehrere Generationen, die keinerlei Ausbildung haben, wodurch radikale Ideologien freien Lauf haben. Ich glaube, dass Bildung der einzige Weg ist, dass sich dieses Land erholt.

Wie verbringen Sie einen schönen Sonntag?
Den idealen Sonntag verbringe ich mit Zeit zum Frühstücken, was unter der Woche zu kurz kommt. Weitere Highlights: Laufen gehen, Freunde oder Familie treffen und die Ruhe zu haben, mir Gedanken zu Userlike zu machen. Ich mache mir gerne Notizen in mein Heftchen, wie wir die Weltherrschaft im Bereich B2C-Kommunikation an uns reißen können.

Mit wem würden Sie sich gerne einmal auf einen Kaffee oder ein Bier verabreden?
Ich würde gerne Claus Kleber treffen. Ich bin Fan des heute-journals und ein Claus-Kleber-Groupie. Er macht einen tollen Job und beeindruckt mich immer wieder mit seiner Ausdrucksweise. Ich denke, er hat viele interessante Ansichten, die ich mal mit ihm diskutieren möchte.

Im Fokus: Weitere Fragebögen in unserem großen Themenschwerpunkt 15 Fragen an

Zur Person:
Timoor Taufig ist Mitgründer und Geschäftsführer von Userlike. Er ist seit 2009 im deutschen E-Commerce tätig und hat es sich zur Mission gemacht, gemeinsam mit seinem Team die Kommunikation zwischen Unternehmen und ihren Kunden grundlegend zu verbessern.

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Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.

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