Gastbeitrag von Sam Akdere Warum gründet ein Deutscher in Prag? Darum!

Viele Start-ups haben sich innerhalb Prags im Stadteil Smichov angesiedelt und wird auch gerne als das Herz der Start-up Szene Tschechiens betitelt. Die jungen Unternehmen sehen den Vorteil der innerstädtische Lage und suchen gleichzeitig die Nähe zu Google, Skype und AVG.
Warum gründet ein Deutscher in Prag? Darum!

Denkt man an Prag, dann denkt man in erster Linie an günstiges Bier, viele Museen und pompöse Barock-Fassaden. Das ist alles richtig, doch Prag hat mehr zu bieten, als die touristischen Highlights wie Hradschin, Karlsbrücke und den Wenzelsplatz. Denn Prag ist nicht nur eine der beliebtesten Urlaubsziele für Städtereisen, sondern mehr und mehr Anlaufstelle für junge Gründer. Wie sieht es eigentlich mit der Start-up Szene aus? Was zeichnet Prag als Gründerstandort aus?

Prag bietet nicht nur eine hervorragende Lage im Zentrum von Europa sondern auch relativ günstige Lebenshaltungskosten mit moderner Infrastruktur. Wer ein Start-up aufbaut, weiß wie wichtig es, ist laufende Kosten so gering wie möglich zu halten, um ein gesundes Wachstum zu gewährleisten. Wer nicht das Glück hat, noch zu Hause zu wohnen und damit keine Mietkosten zu haben, für den ist Prag eine gute Alternative zu Ländern wie Deutschland oder Österreich.

Einfaches, unbürokratisches Gründen

Das Gründen einer “s.r.o“ (vergleichbar mit einer deutschen GmbH) ist relativ einfach. Es gibt verschiedene Möglichkeiten dies zu tun: Die einfachste Methode ist es, die Firma durch einer der vielen Agenturen und Anwälte wie z.B. formcompany.eu gründen zu lassen. Das geht relativ einfach: erst das Formular auf der Webseite ausfüllen, danach erhält man per E-Mail alle Dokumente, die unterschrieben werden müssen. Heißt: Man muss nirgends anwesend sein, alles wird in eurem Namen erledigt. Bereits nach kurzer Zeit wird die Firmengründung bestätigt und alle dazugehörigen Unterlagen sind in der Regel da. Das spart relativ viel Zeit und Nerven.

Zweiter Weg: eine Vorratsgesellschaft kaufen. Das ist eine Kapitalgesellschaft, deren Gründung bereits abgeschlossen ist, aber keine geschäftlichen Aktivitäten vorweist und daher keine Verbindlichkeiten zu bedienen hat.

Bereits geringes Stammkapital reicht zum Gründen aus

In Tschechien beträgt das Stammkapital normalerweise 200.000 Kc (ca. 7.400 Euro). Der Vorteil zu Deutschland_ man kann das eingezahlte Kapital für geschäftliche Aktivitäten wieder verwenden. Seit 2014, kann man eine s.r.o mit nur einer Tschechischer Krone (1 kc) (das sind etwa 0,03 Euro)Startkapital gründen.

Eine wachsende Start-up Szene in Prag aber auch in Brünn (südöstlich von Prag), die zweitgrößte Stadt Tschechiens, bringen immer mehr internationale Start-ups auf den Radar. Altbewährte Einhörner wie AVG, eines der bekanntesten Antivirenprogramme oder Avast, welches ebenfalls auf Antivirensoftware spezialisiert ist, kommen aus Prag. Auch jüngere Start-ups wie GoodData (in Summe bis dato von Investoren 101 Millionen US-Dollar eingesammelt), eine Plattform mit welcher man durch seine Datensammlung Umsätze generieren kann oder SocialBakers, eine Plattform für Social Media Analysen, sind in Prag ansässig. Auch SkyPicker, das Start-up günstige Flüge durch deren Algorithmus findet, sind hier entstanden und längst international tätig sind.

Bekannte Co-workings Spaces bieten Büroräume

Viele Start-ups haben sich innerhalb Prags im Stadteil Smichov angesiedelt und wird auch gerne als das Herz der Start-up Szene Tschechiens betitelt. Die jungen Unternehmen sehen den Vorteil der innerstädtische Lage und suchen gleichzeitig die Nähe zu Google, Skype und AVG. In Smichov liegen auch die bekanntesten Co-Working Spaces wie TechSquare oder Impacthub, welche kostengünstige Alternative zu einem eigenen Büro sind.

Aufgrund relativ niedriger Lebenshaltungskosten, ist es für Start-ups einfacher, erfahrenes non-tech Personal zu finden. Eine wachsende Community an englisch-sprachigen Ausländern erleichtert diesen Prozess. Auch viele Tschechen beherrschen die Sprache ausreichend, um sich mit Kunden zu unterhalten. Das liegt auch daran, dass die Ausbildung meist gut ist. Ein Großteil der jungen Tschechen studiert oder hat einen Abschluss, vielfach in BWL.

Dank englisch-sprachiger Privatuniversitäten wie die University of New York in Prague, Anglo-American University oder das Prague College, können talentierte Mitarbeiter direkt aus der Uni rekrutiert werden. Parallel wächst auch der Anteil der Informatik-Absolventen (laut Startup Yard, ca. 50.000 Absolventen/Jahr). Es empfiehlt sich, Praktikanten aus der Uni anzuwerben, um z.B. ein MVP zu erstellen. Wir haben für ExpoButler das selbe System angewandt, und dadurch einige sehr talentierte und ehrgeizige Programmierer kennengelernt.

Erst aktive Business Angel und VCs erleichtern Kapitalzugang

Trotz guter Voraussetzungen ist der Zugang zum Kapital noch beschränkter als in Deutschland. Dennoch wächst auch in Tschechien die Anzahl an Business Angels und VC’s: Credo Ventures, Rockaway aus Prag oder 3ts Capital aus Wien sind Namen, die sich aktiv im CEE- (Central Eastern Europe) Raum beteiligen. Mit Start-up Yard in Prag & JIC StarCube in Brünn gibt es zudem zwei aktive Seed Accelerators, die mit richtigem Mentoring und Startkapital helfen, eine Idee aufzubauen. Beide Programme finden auf Englisch statt und sind momentan wieder in der Bewerbungsphase.

Tschechien hat rund 10,5 Millionen, davon sind etwa 3,9 % Ausländer, 0,2 % davon deutsche Staatsbürger. Es ist einfach Muttersprachler zu finden, um das eigene Team auszuweiten und langsam aber beständig in andere Märkte einzusteigen. Da Tschechien und das Nachbarland Slowakei relativ kleine Staaten sind, bietet es sich an, hier sein “Proof of concept“ zu bestätigen. Die Bevölkerung ist offen für neue Produkte von Start-ups und eine User-Base lässt sich mit relativ wenig Geld aufbauen, ehe in größere Märkte wie z.B. Österreich oder Deutschland expandiert werden kann. Vorteil auch: Berlin, Wien, München, Budapest etc. sind durch die zentrale Lage innerhalb Europas mit dem Flugzeug oder der Bahn einfach zu erreichen.

Obwohl insbesondere Prag und Brünn internationalität ausgerichtet sind, hilft es dennoch, die – zugegeben recht schwierige – Sprache zu lernen. Es gibt einige Anbieter (z.B. CZLingua) in diesem Gebiet und für relativ wenig Geld kann man innerhalb 2 bis 3 Monaten wenigstens an einfachen Unterhaltungen teilnehmen. Allerdings gibt es Agenturen wie z.B. forgeigners.cz, über die verschiedene Serviceleistungen gebucht werden können und Behördengänge abnehmen.

Manche Sachen die in Deutschland selbstverständlich erscheinen, sind es hier nicht. Versicherungstechnisch sollte man sich als Ausländer Privat versichern, um eine zu Deutschland vergleichbare Versicherung zu erhalten. Große Namen wie die Allianz sind auch hier vertreten und hilfreich.

Fazit:
Alles in allem kann ich empfehlen, sein Start-up insbesondere im Anfangsstadium, erst in Tschechien auf die Beine zu stellen und erst, nachdem ihr erste Umsätze verbucht, nach Deutschland zurück zu ziehen. Es wird euch einiges an Kosten sparen. Im Falle einer Insolvenz verhält es sich ähnlich wie zu einer deutschen GmbH. Die Gesellschafter haften mit ihrem Einlagevermögen. Man sollte sich trotzdem vor der Gründung gründlich beraten lassen.

Über den Autor:
Sam Akdere ist CEO von ExpoButler. Ein Service der in Kürze an den Start geht um Firmen die Messeteilnahme zu erleichtern. Nach Stopps in Manchester & Zürich, hat er sich entschieden in Prag ansässig zu werden – vorerst.

Scenic summer aerial view of the Old Town pier architecture and Charles Bridge over Vltava river in Prague, Czech Republic from Shutterstock

Christina Cassala, Redakteurin bei deutsche-startups.de, war schon zu ihren besten Uni- Zeiten in den 90er Jahren journalistisch tätig. Gleich nach dem Volontariat arbeitete sie bei einem Branchenfachverlag in Hamburg, ehe sie 2007 zu deutsche-startups.de stieß und seither die Entwicklungen der Start-up Szene in Deutschland mit großer Neugierde beobachtet.