Startup Challenges Prototyping: Fake it ’til you make it

Durch die Maßnahmen der vorigen Beiträge hat Euer Produkt-Idee Kunden-Problem-Fit erreicht. Nun gilt es, Prototypen zu bauen und mit ihnen einen Problem-Lösungs-Fit zu validieren. Dann habt ihr eure Kunden, ihr Problem und eure Lösung dafür validiert und Euer Produkt ist fit für den Markt.
Prototyping: Fake it ’til you make it

Normalerweise und im Allgemeinverständnis sind Prototypen das Vorab-Modell für eine Serie. Für Startups gilt das aber nicht ganz, denn es geht nicht nur darum, die spätere Serienfertigung zu testen. Für Startups geht es vor allem darum, ganz sicher zu sein, das richtige Produkt zu liefern, ein Produkt, das für die Zielkunden des Startups ein wirklich relevantes Problem löst.

Wer genau die Kunden des Startups sein sollen und welche lösenswerten Probleme sie haben, sollte bereits mit Hilfe von Customer Development validiert sein, bevor es an die Prototypen geht. So gesehen, sind Prototypen fürs Lernen da. Wie Eric Ries in Lean Startup schon sagt: “The only way to win is to learn faster than anyone else.”

Es geht bei Lean Startup und beim Gründen generell, also darum, schnell zu lernen – weswegen es also eigentlich Learn Startup heißen sollte, weil das Lernen im Vordergrund steht:

lernen-bauen-messen

Was sollen wir lernen?
Die große Frage lautet also, was wollen wir lernen? Davon hängt ab, mit welcher Art von Prototyp ihr anfangt. Ein paar Beispiele für Fragen, die eure Prototypen beantworten helfen:

  • Wie sieht eine mögliche Lösung für das Problem eurer Kunden aus?
  • Wie genau läuft die Benutzung ab?
  • Welche Schmerzen werden abgestellt, welcher Nutzen gestiftet?
  • Welche Form, welche Funktionalitäten sind wichtig?

jason-fried-quote

Das sind einige Fragen, und die Antworten zu finden, darf nicht zu lange dauern. Denn schon Jason Fried, Gründer von Basecamp (Ex-37Signals) stellt ganz richtig fest: “The longer it takes to develop, the less likely it is to launch.”

Arten von Prototypen

Fürs schnelle Lernen und das Austesten von Ideen empfehlen sich diese Arten von Prototypen:

  • Papier-Prototypen
  • Klick-Prototypen / Wireframes
  • Videos
  • Landing Pages
  • Crowdfunding-Prototypen
  • Concierge-Minimum Viable Product (MVP) / Wizard of Oz / Mechanical Turk

All diese Prototypen-Arten gehorchen dem Grundsatz, das spätere Produkt mit dem geringstmöglichen Aufwand zu ‘simulieren’, um von den Kunden zu lernen, was noch optimiert werden muss: Fake it ’til you make it.

Prototypen auf Papier
Prototypen aus Papier werden oft genutzt, um Ideen in frühen Entwicklungsphasen zu testen, gerne für Nutzer-Interfaces von Smartphones, aber auch für die Visualisierung und Verprobung der Reise der Kunden mit dem Produkt durch Suche, Kauf und Konsum. Wenn ein Bild mehr sagt als tausend Worte, dann sagt ein Papier-Prototyp mehr als tausend Bilder.

Mit dem Prototypen aus Papier zeigt ihr, wie euer Produkt aussieht oder wie die verschiedenen Screens auf der Reise der Kunden von Suche bis Konsum aussehen und sich anfühlen. Papier-Prototypen haben außerdem den Vorteil, dass wir über ein Problem besser und tiefer nachdenken, wenn wir es mit unseren Händen bearbeiten. Dadurch, dass wir den Prototypen mit den Fingern erstellen, denken wir pragmatischer über das Problem nach.

Bei Board of Innovation finden sich zum Beispiel Vorlagen für Papier-Prototypen von Smartphone-Screens und Smartphone GUI-Elemente.

Schablonen und spezielle Skizzenbücher für verschiedene Smartphones und Tablets gibt’s bei UIstencils.com.

Klick-Prototypen
Bevor eine App entwickelt wird, um die Problemlösung zu visualisieren und verproben, hilft ein Klick-Prototyp weiter. Ein Klick-Prototyp zeigt einfach nur statische Bilder oder Screenshots, die einer gewissen Klick-Logik folgen: Entweder gibt es verschiedene Buttons, auf die man klicken kann und zu weiteren Screens gelangt oder die Screens folgen einfach nur linear aufeinander.

So lassen sich verschiedene Screen-Folgen und Screen-Aufbauten einfach testen, bevor viel Geld in die Entwicklung falscher Abfolgen oder Aufbauten gesteckt wird.

Eine Verbindung von Papier- und Klick-Prototyp ermöglicht Popapp: Man kann die Screens aufzeichnen, dann abfotografieren und mit Popapp sogar eine gewisse Klick-Logik einbauen.

Videos, Landing Pages und Crowdfunding
Man kann seine Lösung, solange sie noch nicht wirklich existiert, auch mit einem Video erklären. Die einfachste Form ist das Video-Prototyping. Dabei erklärt ihr in einem einfachen, schnell zu erstellenden, trickfilm-mäßigen Video das Problem und eine mögliche Lösung. Solche Videos lassen sich innerhalb von einer Stunde erstellen.

Diese Video-Prototypen kann man dann potenziellen Kunden zeigen, im Interview oder auf einer Landing Page. Und wenn ihr so verschiedene Prototypen getestet habt, ist am Ende auch denkbar, den finalen Video-Prototypen in etwas mehr Hochglanz aufzuziehen.

Auf einer Landing Page könnt ihr (mit oder ohne Video) Reaktionen sammeln, um eure Lösung zu testen. Dropbox hatte auf seiner Landing Page seinerzeit ein kurzes Video, das in Form eines einfachen Video-Prototypen die Probleme und eine mögliche Lösung für das Synchronisieren von Dateien über mehrere Betriebssysteme und Geräteklassen hinweg zeigte. Nach einigen Blogposts großer amerikanischer Webseiten sammelte Dropbox auf seiner Landing Page mehr als 100.000 Mail-Adressen ein und validierte so das große Interesse an dieser Lösung – und hatte nebenbei Zugang zu 100.000 Leuten, die man weiter befragen konnte.

Mit einem Video-Prototypen (ob Hochglanz oder nicht) sind auch die meisten Crowdfunding-Kampagnen ausgestattet. Crowdfunding hilft euch entweder, Kapital oder Vorbestellungen einzusammeln. So validiert man nicht nur seine Lösung, sondern bekommt sehr viel Feedback, was den Nutzern noch fehlt oder anders aussehen sollte. Zugleich gibt’s Kapital – wen die Crowdfunding-Kampagne funktioniert.

Concierge MVP / Wizard of Oz / Mechanical Turk
Diese drei Begriffe meinen Ähnliches. Y Combinator erklärt das, was alle drei meinen, etwa so: “Build a prototype of your product, but have a human do the things you planned to do with fancy algorithms. You can be the human, or you could find a friend to be the ‘Wizard of Oz’ behind the curtain.

When you go around and show the product to customers, they’ll assume it’s automated and you can see whether you’re building something that they find useful. If it is, you can always build the algorithms to replace the humans.”

IBM wollte in den 80er Jahren testen, ob am Markt Interesse an der Transkription von Texten durch Computer besteht. Also stellte man auf einer Messe einen Computer hin, der durch Sprache bedienbar war. Technologisch war man aber noch nicht so weit, sondern ließ die Messebesucher in ein Mikrofon sprechen, übertrug das Signal in einen Nebenraum und dort saß jemand und tippte ein, was er/sie hörte.

Der Begriff ‘Mechanical Turk’, den Amazon für seinen Webservice verwendet, geht auf einen Schachcomputer im 17. Jahrhundert zurück. Abu Simbel reiste mit diesem Schachcomputer durch Europa und ließ ihn gegen Menschen antreten.
Das Publikum war begeistert, allerdings gab es damals natürlich weder Computer noch hatte jemand eine Idee, wie man mit Monte-Carlo-Methoden die Nützlichkeit von Schachzügen errechnen kann. Des Rätsels Lösung war ein kleingewachsener Schachspieler, der in der Maschine saß und spielt und so bewirkte, dass die Maschine wie ein Schachcomputer wirkte.

Nicht vergessen: Lernen und Experimentieren stehen im Vordergrund
Der Prototyp ist laut Lean Startup ein minimum viable product (kurz: MVP, auf deutsch ungefähr ein minimal akzeptables Produkt). Wofür das minimum in minimum viable Product steht, entscheidet ihr selbst. Ob’s aber viable (akzeptabel) ist, entscheiden die Kunden.

David Mack sagt dazu in The Art of Shipping Early and Often:“A new product has many unknowns: You do not know which features will be important, and you do not know what design or implementation is going to work.”

Darum solltet ihr an dieser Stelle nicht zu viel Zeit und Energie auf die Perfektionierung einer möglichen Lösung verschwenden, sondern zügig durch den Raum aller Lösungsmöglichkeiten iterieren.

In David Macks Startup ging man so weit, alle neuen Features mit Mini-Demos zu testen: “When anyone is working on a new feature at our company, they should share an absurdly early version of it. We do this on a projector in the middle of the office. Anyone who is free sits around the giant screen, observes, and discusses.”

Richtig, das ist noch keine Validierung. Validiert wäre das nur, wenn es genügend Leuten aus der Zielgruppe vorgeführt und von ihnen abgenickt wird. Allerdings sollten die Mitarbeiter des Startups zu der Zeit, an dem sie an Features für die Lösung basteln, bereits ein sehr gutes Verständnis für die Zielkundin und ihr Problem haben. Worum es geht, ist diese Experimentierfreude und die Einstellung dabei.

Zur Person
experimentboard-gregor-gross
Gregor Groß kam 1973 zur Welt, kurze Zeit nach dem Tode Bruce Lees. Ob es dabei wirklich zu einer Seelenwanderung kam, ist bis heute ungeklärt. Seitdem interessiert sich Gregor für Lean Startup, Produktivität und die Zukunft von Mensch und Maschine. Darüber und über einiges mehr bloggt er auf Denkpass.de und hält auch Workshops und Vorträge dazu.
Ansonsten versucht Gregor, tagsüber in einer seiner Firmen: alpha-board macht Elektronik-Design und Fertigungsservice, Lieblingskaro Kinderzimmer-Ausstattung, Bettwäsche und Spielzeug im Karo-Look- möglichst viel zu lächeln und dabei kompetent zu wirken, prokrastiniert am liebsten mit Büchern und noch mehr Büchern und bildet sich Gottweißwas auf seinen Risotto ein. Sonntagmorgens, wenn ihn seine Söhne um 5:32 Uhr unsanft wecken, wünscht er sich ein Zeitmanagement, das ihm Zeit zum Schlafen verschafft.

Bisher erschienen in der Serie Startup Challenges:

Ohne die richtige Motivation ist alles nichts

Kreativität: So kommt man auf richtig gute Ideen

Product Thinking mit dem Product Field – so geht es!

Product Field: So funktioniert die Validierung

Rockt eure Produkt-Optimierung mit dem Product Field

Das Experiment Board hilft: Findet Euer Produkt überhaupt Kunden?

Customer Development: Und was soll ich die Kunden fragen?!

Bild oben: Shutterstock, Prototype
Bild Quote-Becher: Startup-Vitamins

Elke Fleing aus Hamburg unterstützt Start-ups und etablierte Unternehmen als Seminar-Leiterin, Business-Coach und strategische Sparringspartnerin. Als Keynote Speakerin trifft man sie auf Konferenzen ebenso wie als Mitglied in Jury-Awards oder als Mentorin. Bei deutsche-startups.de widmet sie sich vor allem Themen und Tools, die der Erfolgs-Maximierung von Unternehmen dienen.

Aktuelle Meldungen

Alle