Andrea Pfundmeier (BoxCryptor) im Porträt Wie eine Gründerin vom Nacktfoto-Skandal profitiert

Andrea Pfundmeiers Gründerkarriere beginnt mit einem Planspiel an der Uni und einem Produkt, das keiner will. Dafür geht das Nebenprodukt BoxCryptor, ein Dropbox-Verschlüsselungsdienst, durch die Decke. Seit Kurzem sitzt die junge Gründerin nun im Beirat „Junge digitale Wirtschaft“ und berät deutsche Politiker.
Wie eine Gründerin vom Nacktfoto-Skandal profitiert

In Andrea Pfundmeiers Stimme klingt fast immer ein Lächeln durch. Zwischendurch lacht sie beim Telefon-Interview auch laut auf und kichert Sätze wie „Mein Hund jagt gerade einer Fliege nach“. Grund zum Lachen hat die 27-Jährige genug: Ihr Verschlüsselungs-Dienst BoxCryptor begeistert immer mehr Nutzer, vor Kurzem hat die Software die Eine-Million-Download-Marke überschritten. Und so hat das im August 2011 gegründete Start-up mit Premium-Modell diesen Sommer die ersten Gewinne eingefahren.

Der Startschuss: ein Unternehmensplanspiel an der Uni

Eigentlich stand Gründen nie auf der To-Do-Liste der jungen Augsburgerin. Beide Eltern arbeiten im Konzern, Pfundmeiers Lebensplan sah ähnliches vor. Bis sie im Rahmen ihrer Diplomarbeit bei SAP hineinschaut und merkt: Konzerne sind nichts für sie. „Ich brauche ein Umfeld, in dem ich selbst Dinge entscheiden kann und Kontakt zu Kunden habe. Außerdem will ich nicht nur für einen einzigen Bereich zuständig sein sondern vielseitig arbeiten.“

Als sie in einer Pizzeria zufällig Robert Freudenreich wiedertrifft, werden die Weichen für die Zukunft neu gestellt. Die beiden kennen sich von der Uni: Bei einem Unternehmensplanspiel landeten sie im selben Team und arbeiteten so erfolgreich zusammen, dass sie sich nicht nur gegen die anderen Teams an ihrer Uni durchsetzten sondern auch gegen externe Teams und am Ende den Exist Prime Cup gewannen. Jetzt, beim Treffen in der Pizzeria zwei Jahre später, sucht der Informatiker einen Mitgründer mit BWL-Hintergrund, um seine Startup-Idee umzusetzen.

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Andrea Pfundmeier überlegt kurz, dann springt sie auf und bringt ihre Kompetenzen aus dem Wirtschaftsrechtsstudium ein. Das Produkt: ein Dienst zur automatischen Überprüfung von digitalen Dokumenten. Weil Daten in der Dropbox gespeichert werden sollen, setzt sich das Team mit Möglichkeiten auseinander, um Dropbox verschlüsselt zu nutzen. „Mit der eigentlichen Idee konnten wir kaum jemand begeistern, von der Dropbox-Verschlüsselung waren dagegen alle angetan“, erinnert sie sich. Die beiden switchen um und bringen mit BoxCryptor ein Produkt auf den Markt, das sofort international aufgestellt ist. Trotz vieler Angebote machen sie am Ende nur eine kleine Kapitalrunde mit deutschen Business Angels, weil sie unabhängig bleiben wollen.

„Wir haben vom Nacktfoto-Skandal profitiert“

Bei BoxCryptor ist Pfundmeier trotz gewisser IT-Kompetenzen für „alles Nicht-Technische“ verantwortlich und hüpft zwischen Marketing, Finanzierung, der Suche nach Partnern, Vertrieb und Personalfragen hin und her. Genau diese Abwechslung liebt sie. Obwohl sie das Produkt gerne erklärt, ist sie aber froh, dass seit der NSA-Affäre die meisten Menschen den Sinn einer Dropbox-Verschlüsselung kapiert haben und sie nicht mehr den gesamten Markt sensibilisieren muss. Auch der Nacktfoto-Skandal hat sein Übriges getan. „Ja, wir haben sehr davon profitiert“, lacht sie. „Am Tag, nachdem die Fotos veröffentlicht wurden, hatten wir mehr Besucher auf unserer Webseite als an jedem anderen Tag in diesem Jahr.“

Und so gibt es wenig, was die junge Gründerin zu bereuen oder zu bedauern hat in Bezug auf die letzten Jahre. Eigentlich ist da nur eines: „Ich hätte vielleicht doch besser Informatik studieren sollen.“ Sie findet, dass man den Markt, in dem man gründet, genau verstehen und vor allem mögen sollte. Informatik hätte ihr da noch tiefere Einblicke beschert. Auf der anderen Seite ist sie diejenige bei BoxCryptor, die immer einen letzten Blick darauf wirft, ob auch alles für technische Laien verständlich ist – eine gewisse Fachfremdheit ist manchmal auch von Vorteil.

Auch in der Politik hat man schon gemerkt, dass die süddeutsche Gründerin einiges drauf hat. Im Frühjahr wurde sie in den „Beirat junge digitale Wirtschaft“ berufen und arbeitet unter anderem mit Sigmar Gabriel zusammen. Ihr Auftrag: Das Bild des Unternehmers in der Gesellschaft positiv prägen. Dafür hält sie Vorträge an Schulen und Universitäten. Damit ist jetzt aber erst mal Schluss: Ab Herbst geht Pfundmeier für mehrere Monate ins Silicon Valley. Der US-Investor Fadi Bishara hat das deutsche BoxCryptor-Team ausgewählt, um an seinem Gründer-Programm „blackbox connect“ teilzunehmen. Der Standortwechsel wird das Start-up auch international voranbringen.

Wie oft man Pfundmeier an kalifornischen Stränden antreffen wird, ist dabei fraglich. Urlaub ist nicht ihr Ding: „Ich war noch nie länger als eine Woche ‘nutzlos’ unterwegs. Ich kann nicht nur herumliegen, muss immer etwas Sinnvolles tun.“ Auch das mit dem Feiern muss sie noch lernen. Der Break Even im Sommer wurde zwar registriert, aber bisher noch nicht gefeiert. Pfundmeier, die bis vor einem Jahr noch Wittek hieß, gibt sich schuldbewusst: „Wir gehen als Team demnächst mal aufs Augsburger Volksfest. Dann wird das nachgeholt.“ Da hat Pfundmeiers Ehemann, von dem sie sagt, dass er sie erdet, noch einiges zu tun.

Passend zum Thema: “So pitchte das Boxcryptor-Team 2011 seine Idee

Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.

  1. Ähnlich ergeht es gerade auch Protonet. Als ich auf deren Release-Party vor einigen Monaten war, gab es am gleichen Abend im Heute-Journal einen Beitrag zum Thema “Wie kann ich ohne NSA-Schulterblick mit Daten umgehen” + Interview mit mit den Gründern. Protonet hat dann den deutschen Crowd-Funding-Rekord geknackt. Snowden sollte vielleicht noch den Nobelpreis für Wirtschaft bekommen :) …



  2. Fabian Hanauer

    Das Engagement um die deutsche Startup-Szene in allen Ehren, ist sicher gut gemeint. Als Investor wäre ich aber daran interessiert, dass sich Andrea um das Business kümmert – anstatt in der Weltgeschichte herum zu pimmeln und sich mit übergewichtigen Politik-Dinosauriern ablichten zu lassen.

    Insofern versteh ich die Begeisterung von Investoren für Rocket Internet. Dort starrt man eben nicht frenetisch dem Bürohund beim Fliegen jagen zu, sondern entwickelt das Business weiter. Es mag Startups geben, für die der Flirt mit der Politik Sinn ergibt – z.B. wenn regulatorische Anpassungen entscheidend für den Geschäftserfolg sind (Uber, MeinBus etc.). Aber bei Boxcryptor ist das nicht der Fall; man leistet sich eine nutzlose Gallionsfigur für PR Zwecke.

    Erst wenn die letzten Euro Equity ausgegeben, die letzten schwachen Bugwellen des NSA-Skandals vorbei gerollt und die ersten durchdachten Lösungen im Markt aufgetaucht sind, dann werdet ihr merken, dass man mit Gründerpreisen und Silicon Valley Lustreisen keine Gehälter bezahlen kann.



    • Steffen

      Herrlich, wie Leute, die vermutlich noch nie ein Unternehmen gegründet haben, eine Gründerin mit profitablem Business und 15 Angestellten niedermachen, weil sie sich nebenbei politisch engagiert und im Ausland Kontakte knüpft. Dass genau das nicht nur ihr Unternehmen beträchtlich nach vorne bringen kann (siehe PR-Erfolge der letzten Monate, was dank der gewonnenen Publicity auch den ein oder anderen Downlaod getriggered haben dürfte) sondern der deutschen Gründerkultur und unserer hiesigen Wirtschaft nutzt, geht solchen Leuten leider nicht in den Kopf. Aber einfach deutsche Startups lesen, schlau mitreden und vermutlich ein Leben lang abwarten, bis man selbst “auch mal die richtige Idee und das nötige Glück hat, macht sich doch ganz schick.



    • Delta Neun

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