Lang lebe Bewegtbild! So will Vigour den Video-Markt erobern

Vigour wurde 2012 von Jim de Beer, Marcus Besjes und Ramon Duivenvoorden in Amsterdam gegründet. Das Vigour-Modell schließt sowohl den klassischen Homescreen als auch verschiedene mobile Endgeräte ein und will auf diese Weise eine nahtlose ‚Content Discovery Experience’ ermöglichen.
So will Vigour den Video-Markt erobern

Bewegtbild ist tot, lang lebe Bewegtbild. Das oder zumindest Ähnliches müssen auch die Gründer von Vigour (www.vigour.io) im Sinn gehabt haben, als sie sich entschlossen ein neues, hybrides Nutzungsmodell für Video-Content zu entwerfen, das durch hohe Usability und niedrige Implementierungskosten punkten will. Vigour (ehemals brisk.io) wurde 2012 von Jim de Beer, Marcus Besjes und Ramon Duivenvoorden in Amsterdam gegründet.

Gemeinsam mit Linden Mobile Ventures, einem niederländischen Technologie-Investor und mit DG-i, einer Technologiefirma aus Köln, führte hub:raum die Seed-Investment-Runde in Höhe von 500.000 Euro an. Der Kontakt zum Telekom Inkubator entstand erstmalig über das Startup Bootcamp Berlin, über welches Anfang 2013 auch Leo Schmidt, ein ehemaliger Bootcamp-Mentor, zum Vigour Team stieß und seitdem seine Erfahrungen aus dem Konzern- und Beratungsumfeld mit einbringt. Im Gespräch erklärt er für Deutsche Startups, wie Vigour sich am Markt für Online Bewegtbild positionieren will, wieso der Multi-Screen-Ansatz zukünftig immer wichtiger wird und wie man ein Startup zwischen Amsterdam und Berlin hochzieht.

Dass die Mediennutzung sich zunehmend fragmentiert bereitet deutschen TV-Sendern und sonstigen Content-Ownern nicht erst seit gestern Kopfschmerzen. Der Zuschauer sitzt nicht mehr wie gewohnt brav um Punkt 20.15 Uhr vor dem heimischen Fernseher, er will plötzlich alles on demand und am liebsten auch noch mobil – auf dem iPhone, Android Phone, Tablet… kurzum: eine Situation, die insbesondere die klassische Bewegtbildbranche vielfach überfordert. Das deutsch-niederländische Startup Vigour versucht diese Lücke nun zu schließen indem es kommerzielle Video-Inhalte dort hin bringen will, wo die nicht-kommerziellen längst sind: auf alle verfügbaren Screens.

“Die Niederlande sind starke Innovatoren”

Das Vigour-Modell schließt dabei sowohl den klassischen Homescreen als auch verschiedene mobile Endgeräte ein und will auf diese Weise eine nahtlose ‚Content Discovery Experience’ ermöglichen. Das funktioniert laut Leo Schmidt ebenso gut mit einem eigens programmierten Player, wie auch über bestehende Ausspiel-Infrastrukturen wie YouTube. Bewusst hat sich das Startup dabei für eine Web App anstelle einer nativen App entschieden. „Der Aufwand und die Implementierungskosten für die Kunden sind deutlich geringer und die Videos lassen sich problemlos und fließend zwischen allen Devices übertragen,“ so Schmidt.

Die Whitelabel-Lösung der Web App richtet sich in erster Linie an Content-Inhaber (beispielsweise TV-Sender oder Online-Mediatheken), die einen geschlossenen Raum für ihre (Bezahlt-)Inhalte suchen, der nicht nur Device-übergreifend funktioniert sondern auch Raum für Interaktion lässt. Die einzelnen Screens lassen sich nämlich nach Belieben mit Social- und Recommendation-Funktionen, Nutzerprofilen und Playlists sowie Werbe-Space bestücken. Vigour selbst beschreibt das ganze so: “Wir haben eine Plattform entwickelt, die den Betrieb von Anwendungen auf beliebigen Endgeräten erlaubt und eine integrierte Bedienoberfläche über die Cloud generiert. Mit Vigour Video bieten wir unser erstes Produkt als white-labelled Template für Mediananbieter an, die ihren Nutzern die Möglichkeit schaffen wollen, ihre vorhandenen Endgeräte nahtlos in eine Video Anwendung zu integrieren. Vigour Video eröffnet Online-Anbietern von digitalen Inhalten einen neuartiges Distributionsmodell.“ Gefragt nach der starken internationalen Konkurrenz durch AppleTV oder Googles Chromecast gibt sich das Gründerteam durchaus selbstsicher. Man selbst sieht sich lediglich als Interface Provider und nicht im eigentlichen Markt der Ausspiel-Infrastruktur beheimatet. Außerdem sei letztlich alles eine Frage der Usablitity (und die ist bekanntlich wirklich nicht immer die beste bei vielen bestehenden Diensten). Die intuitive Bedienung und die kostensparende Adaption des White-Label Ansatzes hat dem Startup immerhin schon Gespräche mit internationalen Medienhäusern, auch ausserhalb der Deutschen Telekom-Gruppe eingebracht.

Den aktuellen Diskussionen was denn nun noch ‚First’ und was ‚Second Screen’ ist entgeht man galant durch eine reine Unterscheidung nach ‚Interaction’ und ‚Display’ Oberfläche. Das Smartphone kann dabei sowohl als Screen-to-go fungieren, aber auch – wenn gewünscht – eine Funktion als Remote Control und Browser für weitere Inhalte übernehmen. Indem die App komplett die Funktionen des Devices ersetzt, kann der Display Screen stets und unmittelbar der Aktion auf dem Interaktions-Screen folgen.

Besonders interessant könnte das Modell zukünftig auch im Hinblick auf neue Erlösmodelle sein. Denn die Plattform erlaubt Shoppingabsprünge und kann somit E-Commerce Anwendungen integrieren während das Video weiter läuft. Und die nicht-kommerziellen Plattformen am Markt? Die Gründer sind überzeugt: die beste Waffe gegen Content Piracy ist gute Usability. Das erklärte Hauptziel lautet demnach ‚make your Content stick’. Um das zu gewährleisten will Vigour zwei Dinge ins Visier nehmen – die vorhandene Usability weiter ausbauen und gute Inhalte integrieren.

Das Vigour Team verfolgt diese Strategie dabei gleich von zwei Europäischen Standorten aus. Zum einen was die Finanzierung betrifft: Die beiden Ableger des europäischen Accelerators ‚Startupbootcamp’ lieferten den Anschub zur Firmengründung, die Deutsche Telekom und der niederländische Tech-Innovations VC ‚Linden Mobile’ finanzierten die nächste Phase. Zum anderen teilt sich auch das operative Geschäft auf Amsterdam und Berlin auf. Wie aber unterscheidet sich das Arbeiten in den niederländischen und deutschen Startup Metropolen? Leo Schmidt zieht den direkten Vergleich: „Als Deutsch-Niederländer freue ich mich natürlich besonders darüber, in beiden Ländern und Kulturen arbeiten zu können. Berlin und Amsterdam sind für mich die spannendsten Städte Europas, was Innovation und Business Building angeht. Als Firma können wir nicht nur die finanziellen Stärken beider Länder ideal kombinieren: Deutschland ist in Europa der größte Markt mit sehr interessanten Optionen im Web-Technologie Geschäft. Die Niederlande sind starke Innovatoren und technisch immer an vorderster Front. Kulturell bin ich mit meiner Berliner Schnauze und der sehr direkten Art der Niederländischen Business Professionals ebenfalls kompatibel.“

Nicht ohne Grund hat Vigour.io wohl seine Wurzeln in den Startup-Szenen dieser beider Standorte geschlagen. Und vielleicht kann diese Mischung aus Agilität, Benutzerzentrierung, ‚Berliner Schnauze’ und ‚Niederländischer Direktheit’ sich ja sogar erfolgreich gegen die großen Player am Markt behaupten.

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Claudia Pelzer ist Expertin für Digital Business Development, Crowdsourcing und Future-of-Work Themen. Sie lebt in Berlin und Köln, bloggt unter crowdsourcingblog.de, arbeitet als Beraterin, Autorin und Dozentin und organisiert verschiedene Branchenevents. Seit Ende 2012 baut sie das UFA LAB in Köln mit auf, wo sie den Bereich Business Development für Startup- und Innovations-Themen verantwortet