Branchenbuch statt Ausschreibungen: MyHammer stellt seine Welt auf den Kopf

Der Handwerkermarktplatz MyHammer (www.my-hammer.de) war in den vergangenen Jahren ständig im Umbruch: Immer wieder änderte die 2005 gestartete Firma ihr Geschäftsmodell, immer wieder dokterte das Team an seinen Einnahmeströmen herum. Bisher ohne Erfolg: […]
Branchenbuch statt Ausschreibungen: MyHammer stellt seine Welt auf den Kopf

Der Handwerkermarktplatz MyHammer (www.my-hammer.de) war in den vergangenen Jahren ständig im Umbruch: Immer wieder änderte die 2005 gestartete Firma ihr Geschäftsmodell, immer wieder dokterte das Team an seinen Einnahmeströmen herum. Bisher ohne Erfolg: Seit Jahren schreibt das Unternehmen tiefrote Zahlen. 2011 lag das Minus bei rund 3,4 Millionen Euro. Nun kündigt der einstige Anbieter von Rückwärtsauktionen, bei denen das billigste Angebot den Zuschlag erhielt, die deutliche Abkehr vom Ausschreibungsprinzip an. Der “Marktplatz zur Vermittlung von Handwerks- und Dienstleistungsaufträgen und Online-Branchenbuch” wandelt sich zum “Branchenbuch für Handwerker”.

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“Wir sehen uns in Zukunft als Branchenbuch 2.0. Wir befinden uns bereits seit einigen Jahren im Wandel, weg von den Rückwärtsauktionen hin zur hochwertigen Handwerkerplattform“, sagte Firmenvorstand Michael Jurisch der “Osnabrücker Zeitung“. Wobei sich das Unternehmen nach diversen Berichten über die baldige Einstellung des Auktionsmodells gezwungen sah zu verkünden, dass es Rückwärtsauktionen mit dem Prinzip “der billigste bekommt automatisch den Auftrag” schon seit 2006 nicht mehr bei MyHammer gäbe. “Ein wesentliches Element der Rückwärtsauktion hat MyHammer vor zwei Jahren beseitigt, indem alle Angebotspreise verdeckt wurden. Seitdem kann nur noch der Auftraggeber Angebotstexte oder Preise sehen, aber kein anderer Handwerker. Ein Unterbieten der Konkurrenz ist damit nicht mehr möglich, jeder Anbieter muss ein eigenes, realistisches Angebot kalkulieren”, heißt es erklärend im Newsroom von MyHammer.

“Änderungen betreffen die Gewichtung”

Dennoch bleibt festzuhalten, dass MyHammer demnächst das zuletzt praktizierte Ausschreibungsprinzip im großen Stil zu den Akten legt und stattdessen auf das Online-Branchenbuch-Prinzip setzt. Ein Branchenbuch, in dem Auftraggeber nach passenden Auftragnehmern suchen sowie Handwerker und Dienstleister sich mit Bewertungen, Qualifikationen und Referenzen präsentieren können, gibt es bei MyHammer bereits seit 2009. “Die Änderungen, die wir derzeit vornehmen, betreffen die Gewichtung von beiden. Heute kommt ein Besucher von www.myhammer.de automatisch in ein Ausschreibungsformular. Wir haben aber festgestellt, dass die Mehrheit der Besucher hier abbricht. Durch Marktforschung haben wir herausgefunden, warum das so ist: Die meisten Auftraggeber möchten einen Handwerker suchen, finden und dann direkt kontaktieren – telefonisch oder per E-Mail. Wir werden also diese Möglichkeit zukünftig in der Vordergrund stellen. Aber deswegen geben wir die Ausschreibungen nicht auf, denn diese Funktion ist ja nach wie vor sehr beliebt”, schreibt MyHammer-Pressechef Niels Genzmer. Der Berliner spricht dabei von einer Erweiterung des Geschäftsmodells. Das in den Vordergrund rücken des Branchenbuches bleibt trotzdem eine gigantische Änderung des bisherigen MyHammer-Modells.

Viel Zeit, Geld und Manpower investierte das Unternehmen, das einst ein Paradies für Billigheimer war und immer wieder wegen der angeblichem Förderung von Lohndumping und Schwarzarbeit in der Kritik stand, zuletzt nach eigenen Worten in eine Qualitätsoffensive: “Eine weitere sehr wichtige Änderung war die Einführung der Handwerkskartenpflicht bei MyHammer. Sie bedeutet: Wer uns keinen Nachweis seiner Anmeldung bei der Handwerkskammer vorlegt, kann bei MyHammer keine Angebote mehr auf Handwerksaufträge gemäß Handwerksordnung (HWO) abgeben”. Der große und nötige Umbruch bei MyHammer begann im vergangenen Jahr, als der damalige MyHammer-Chef Markus Berger-de León, der das Unternehmen im Herbst 2011 verlassen hat, ordentlich auf die Bremse trat: Die börsennotierte Firma verkündete zuvor im Frühjahr in bestem Börsendeutsch ein Restrukturierungskonzept. Darin war die Rede von einer “Fokussierung des Geschäftsmodells auf Deutschland und Österreich”. Ein Drittel der MyHammer-Mitarbeiter musste damals gehen.

“Im Kern das gleiche Unternehmen geblieben”

“2011 war das Jahr des Umbruchs für MyHammer, prägend war die in der ersten Jahreshälfte eingeleitete Restrukturierung. MyHammer ist im Kern das gleiche Unternehmen geblieben: wir vermitteln immer noch Handwerks- und Dienstleistungsaufträge. Aber wir haben unseren Fokus geändert bzw. geschärft. Wir konzentrieren uns jetzt auf das qualifizierte Handwerk im deutschsprachigen Raum”, berichtet MyHammer-Vorstand Thomas Bruns, seit Februar 2011 für MyHammer tätig und seit November Chief Financial Officer des Unternehmens, im letzten Geschäftsbericht der Aktiengesellschaft. “Das erste große Projekt, in der neuen Struktur waren die neuen Teilnahmevoraussetzungen, die wir im September eingeführt haben und die für ein neues MyHammer stehen: Mit MyHammer findet man nicht den billigsten Handwerker, sondern den besten. Wobei die MyHammer-Kunden in der Vergangenheit gefühlt eher den billigsten haben wollten – und sich anschließend über die schlechte Qualität der Arbeiten beschwerten. Das ehemalige Auktionsprinzip und auch das Ausschreibungsprinzip förderten bzw. fördern diesen Mechanismus im Grunde noch. Denn kein Nutzer wird sich auch bei verdeckten Preisen für ein deutlich teureres Angebot entscheiden.

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Zudem sind solche Modelle, bei denen Auftraggeber und Auftragnehmer den Großteil des Geschäftes abseits der Plattform abwickeln, immer problematisch: Bei
“schwarz” ausgehandelten Aufträgen wurde MyHammer bei der 2010 abgeschafften kostenlosen Basismitgliedschaft vermutlich sehr oft um die Provision gebracht. Handwerker und Dienstleister, die über die Plattform Aufträge an Land ziehen möchten, müssen seitdem immer in die Tasche greifen. Der Weisheit letzter Schluss waren aber auch die damals eingeführten unterschiedlichen Pakete offenbar nicht. Erst kürzlich änderte MyHammer seine Preisstruktur wieder: Die Reduzierung der Angebotsgebühr im Gold- und Platinpaket sollte die Angebotsabgabe “vor allem für höherpreisige Aufträge deutlich attraktiver” machen. Optionen wie “Gebühr bei Angebotsabgabe und der kostenpflichtige Direktkontakt” sowie Bietgrenzen fielen im Zuge dieser letzten Reform weg. Die bestehenden Pakete (siehe oben) will MyHammer “in der derzeitigen Form vorerst beibehalten”. Das Platinpaket kostet beispielsweise 99,90 Euro pro Monat.

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Mal sehen, ob MyHammer mit dieser Strategie die Kurve kriegt: Im ersten Halbjahr 2012 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz in Höhe von 4,8 Millionen Euro und ein kleines Minus von 48.000 Euro. Im Vorjahreszeitraum lag der Umsatz bei 7,8 Millionen und der Verlust bei rund 3 Millionen Euro. Zuletzt beschäftigte die Firma 56 Mitarbeiter. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 85. Damit ist MyHammer zumindest finanziell auf einem guten Weg. Vom mittelfristigen Ziel, 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr einzufahren, sind die Hauptstädter aber noch meilenweit entfernt.

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.