“Wir sind mit MyHammer noch am Anfang, das Potenzial ist riesengroß” – Interview mit Gerrit Müller von MyHammer

Seit fünf Jahren hilft MyHammer (www.my-hammer.de) Handwerkern bei der Suche nach Auftraggebern. Nachdem es lange Zeit recht ruhig um das junge Unternehmen war, sorgte es zuletzt wegen der Abschaffung der kostenlosen Mitgliedschaft wieder […]

Seit fünf Jahren hilft MyHammer (www.my-hammer.de) Handwerkern bei der Suche nach Auftraggebern. Nachdem es lange Zeit recht ruhig um das junge Unternehmen war, sorgte es zuletzt wegen der Abschaffung der kostenlosen Mitgliedschaft wieder für zahlreiche Schlagzeilen. Im Interview mit deutsche-startups.de spricht Gerrit Müller, Vorstandsvorsitzender von MyHammer, über Gewitter, Konkurrenten im Ausland und das Wachstumspotenzial in Deutschland.

Vor wenigen Tagen änderte MyHammer seine Geschäftsbedingungen. Handwerker und Dienstleister, die über die Plattform Aufträge an Land ziehen möchten, müssen dafür künftig immer in die Tasche greifen. Das kostenlose Einsteigerpaket gibt es nicht mehr. Ein gewaltiger Sturm der Entrüstung brach daraufhin los. Haben Sie mit dieser Resonanz gerechnet?
Wir haben die Umstellung bei MyHammer fair und rechtzeitig kommuniziert und uns bewusst der Diskussion gestellt. Und natürlich haben wir auch mit Kritik gerechnet. Es ist ganz normal, dass Nutzer sich beschweren, wenn etwas bisher Bekanntes geändert wird und eine bisher kostenlose Funktion kostenpflichtig wird. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass das, was Sie Sturm nennen, eher ein kurzes Gewitter war, das schnell vorbeigezogen ist. Als wir an meinem ersten Arbeitstag bei eBay im Februar 2000 Einstellgebühren einführten, standen die Telefone wochenlang nicht still und unsere Mailboxen quollen über mit Beschwerdeschreiben und Kündigungsandrohungen. Die Einführung der Einstellgebühren war jedoch eine überaus erfolgreiche Maßnahme, die die Qualität von eBay zu diesem Zeitpunkt um ein Vielfaches steigerte.

Inwiefern?
Zum Beispiel verschwanden schlagartig hunderte Autokataloge und Werbekalender, die nicht auf das Interesse der Käufer stießen; übrig blieben qualitativ hochwertige Artikel, bei denen die Verkäufer sicher waren, einen Abnehmer zu finden und bei denen die Käufer bereit waren, Geld zu bezahlen. Qualität zahlt sich also aus. Bei MyHammer ist das nicht anders. Auch MyHammer hat in den letzten Jahren ein Geschäftsmodell am Markt etabliert, das bekannte Prozesse des alltäglichen Lebens revolutioniert. Die Frage „Wie finde ich einen guten Handwerker“ kann nun mit Hilfe von MyHammer bequemer, schneller und vor allem sicherer beantwortet werden als jemals zuvor. Vom eigenen Sofa aus können Nutzer Ausschreibungen einstellen und Angebote vergleichen.

Was waren die wichtigsten Kriterien bei der Einführung der neuen Gebührenordnung?
Das Thema Sicherheit und die damit verbundene Steigerung der Qualität ist der wichtigste Grund für die Einführung einer Mindestanforderung für die Teilnahme bei MyHammer. Alle bei MyHammer tätigen Handwerker und Dienstleister werden in Zukunft ein hochwertiges Firmenprofil haben, auf dem wichtige Daten zu ihrem Unternehmen wie Kontakt, Bewertungen, Qualifikationen und Referenzen für alle Kunden einsehbar sind. Denn unsere Erfahrung ist ganz klar: Vertrauen ist bei uns einer der Schlüssel des Erfolges. Egal, ob unsere Kunden über eine Ausschreibung oder direkt über das MyHammer Branchenbuch einen Handwerker oder Dienstleister suchen – auf jedem Firmenprofil finden sie in Zukunft alle Daten, die wichtig sind, um eine fundierte Entscheidung zu treffen. Für diesen Schritt werden wir übrigens ausdrücklich von der Handwerkerpresse gelobt und das zeigen auch unsere Verkaufszahlen.

Einige Nutzer weisen immer wieder auf “schwarz” ausgehandelte Aufträge hin. Bei Usern mit einer kostenlosen Basismitgliedschaft wurde MyHammer demnach um die sonst fällige Provision gebracht. War und ist dies ein großes Problem?
Unser Ziel muss es immer sein, beide Seiten zufriedenzustellen: Den Nutzer, der einen Handwerker sucht, genauso wie den uns bezahlenden Handwerker. Denn nur zufriedene Kunden garantieren die Nachhaltigkeit eines Geschäftsmodells wie unserem. Wir sind der Überzeugung, dass die Kombination aus einem festen Betrag für die Mitgliedschaft und einem variablen Anteil das beste Modell ist, weil es nicht nur flexibel, sondern auch gerecht ist. Es lässt sich auf die Bedürfnisse des Handwerkers oder Dienstleisters individuell anpassen: Je häufiger er MyHammer nutzt und je höher die Aufträge sind, die er über MyHammer bekommt, desto mehr partizipiert auch MyHammer am Erfolg des Handwerkers. Wer sich dagegen mit einem MyHammer Profil für eine feste monatliche Gebühr begnügt und keine Angebote auf Ausschreibungen abgibt, wird trotzdem von Auftraggebern gefunden und kommt auch auf diese Weise über MyHammer an Aufträge, ohne dass eine gesonderte Gebühr fällig wird. Wer Angebote auf Ausschreibungen abgibt, hat den Vorteil, dass er schon weiß, was ihn erwartet: Was soll wann gemacht werden und wie hoch ist das Budget des Auftraggebers. Anhand der bisherigen Bewertungen des Auftraggebers kann er sich sogar seine Kunden aussuchen. Das ist ein Mehrwert, den MyHammer dem Handwerker oder Dienstleister liefert und an dem wir auch weiterhin zusätzlich partizipieren wollen. Ein Auftrag an MyHammer vorbei zu vergeben ist im übrigen auch keine gute Idee: Der Auftraggeber verzichtet auf den MyHammer Schutzbrief und die Möglichkeit zur Bewertung des Handwerkers und der Handwerker verzichtet auf die Bewertung, die ihm hilft, noch mehr Aufträge zu gewinnen.

Und MyHammer geht dann auch die Provision flöten! Eine andere Begründung für das neue Preismodell lautete, dass auch MyHammer Geld verdienen müsse. Mehrere Jahre nach dem Start sollte dies aber keine große Überraschung sein. Steht es so schlecht um MyHammer?
Nein, im Gegenteil, wir stehen so gut da wie nie. Mit dieser Aussage haben wir in einer teilweise hitzigen Diskussion klar gemacht, dass das, was wir anbieten, nämlich das mit Abstand größte Portal für Handwerks- und Dienstleistungsaufträge, einen Wert hat und nicht kostenlos zu haben ist. Wir haben auch gesagt, dass es viel Aufwand und Arbeit bedarf, dieses Portal, auf dem jeden Tag über 1.000 neue Nutzer und 2.000 neue Ausschreibungen dazukommen, zu betreiben und weiterzuentwickeln. Wir investieren jeden Tag in Marketing, um neue Auftraggeber und damit Kunden für unsere Handwerker und Dienstleister auf die Pattformen zu bekommen. Wir hätten das auch verklausulierter ausdrücken können, aber wir haben hier ganz bewusst gesagt: Liebe Handwerker und Dienstleister, wir geben sehr gerne Geld für Euch aus aber wir müssen auch Geld verdienen.

Neben Gebühren und Provisionen soll auch Werbung Geld in die Kasse von MyHammer bringen. Wäre es bei einer Plattform mit zahlenden Kunden nicht sinnvoller auf Werbung zu verzichten?
Werbung macht einen geringen Teil unseres Umsatzes aus und wird auch kein Schwerpunkt werden. Andererseits sehen wir derzeit keinen Grund, auf diese Einnahmen zu verzichten. Schließlich gibt es heute in Deutschland kein größeres Portal, auf dem man Handwerker und Häuslebauer gezielter ansprechen kann.

Bei etlichen Mitbewerbern von MyHammer müssen Handwerker und Dienstleister ebenfalls eine monatliche Gebühr bezahlen, aber meist keine Provision auf den Auftragswert. Haben Sie keine Angst, dass ihre Nutzer dadurch zur Konkurrenz abwandern?
Nein, denn MyHammer ist der Anbieter, dessen Auftraggeber und Auftragnehmer die meisten Branchen und Kategorien abdecken, und dass über alle Regionen in Deutschland. Und das Business 500-Paket hat mit derzeit 19,90 Euro pro Monat einen sehr günstigen Preis – vergleichen Sie einfach mal, was andere Wettbewerber verlangen und was die Handwerker dort für ihr Geld bekommen. Bei uns bekommen sie neben der Möglichkeit, Angebote abzugeben, einen umfangreiches Firmenprofil samt Kontaktdaten und von MyHammer geprüften Qualifikationen, außerdem ist das Firmenprofil suchmaschinenoptimiert, so dass es oft von Kunden gefunden wird. Das sind salopp formuliert gerade mal knapp 20 Euro im Monat für das gesamte Marketing, das man als kleiner Handwerksbetrieb braucht.

Anfangs funktionierte MyHammer ausschließlich nach dem reinen Auktionsprinzip – sprich der Handwerker oder Dienstleister mit dem niedrigsten Gebot erhielt den Zuschlag. Warum haben Sie dieses Konzept verworfen?
Wir haben gemerkt, dass das Prinzip der Rückwärtsauktionen bei der Suche nach guten Handwerkern und Dienstleistern nur bedingt greift, da hier der Faktor Vertrauen eine sehr große Rolle spielt. Die Leute wollen frei entscheiden, wen sie ihn ihre Wohnung lassen oder wem Sie ihr Auto zur Reparatur anvertrauen. Und es geht den allermeisten Auftraggebern primär darum, dass etwas gut und schnell erledigt wird. Das steht an erster Stelle, nicht der Preis, wie viele immer noch irrtümlich glauben. Deswegen sind für Handwerker und Dienstleister die Bewertungen und die Darstellung in dem MyHammer Profil so wichtig; erst danach entscheidet der Preis. Genau deswegen hat MyHammer keine Auktionen mehr.

MyHammer existiert bereits seit 5 Jahren. Wie viele Menschen sorgen für den reibungslosen Ablauf des Unternehmens?
Derzeit sind das rund 60 Menschen.

Neben Deutschland und Österreich bearbeitet MyHammer auch den britischen Markt. Wie lautet Ihr Fazit zwei Jahre nach dem Start auf der Insel?
Wir haben uns Großbritannien etabliert und sind gleichauf mit dem bisherigen Marktführer, die Zahlen sind in diesem Jahr bisher sehr gut.

Führen Sie die Ableger von Berlin aus oder haben Sie jeweils ein Team vor Ort?
Wir betreiben alle Bereiche mit Ausnahme von Sales und Marketing aus Berlin.

Ist eine weitere Internationalisierung geplant?
Ja. Derzeit schauen wir uns als mögliche Länder die Schweiz, Frankreich, Australien und die USA an.

Auf welche Konkurrenten treffen sie in den jeweiligen Ländern?
In den USA ist vor allem die Firma ServiceMagic erfolgreich und schon seit über 10 Jahren mit einem Lead-Modell am Markt etabliert. Beim Lead Modell werden, anders als bei MyHammer, lediglich die Kontaktdaten des Kunden an den meistbietenden Handwerker verkauft. Aus unserer Sicht wichtige Komponenten wie Bewertungen oder die Auftragshistorie des Handwerkers sind bei diesem Modell nicht vorhanden. Aus diesem Grund sind wir von der Überlegenheit unseres Modells überzeugt, in Großbritannien haben wir das bereits bewiesen. In allen anderen Ländern gibt es kleine Anbieter, aber noch sind alle Märkte offen, um sich dort erfolgreich positionieren zu können.

Noch einmal zurück nach Deutschland: Sehen Sie hierzulande noch Wachstumspotenzial oder ist der Markt schon abgegrast?
Allein im deutschen Handwerksmarkt arbeiten fast 5 Millionen Menschen in nahezu 1 Million Betrieben und setzen dabei rund 500 Milliarden Euro um. Dabei sind weitere Dienstleistungen, die ja auch über MyHammer vermittelt werden, noch nicht eingerechnet. Die bei MyHammer registrierten 250.000 Handwerker und Dienstleister überschneiden sich daher nur Teilweise mit dieser 1 Millionen Betrieben. Wir schätzen, dass das Auftragsvolumen, das auf Vermittlung von MyHammer zustande kommt, bei 500 Millionen Euro liegt. Wir sind also auch mit MyHammer Deutschland noch am Anfang, das Potenzial ist riesengroß.

Ursprünglich saß MyHammer in Neuss und zog vor einem Jahr nach Berlin. Warum der Schritt in die Hauptstadt?
Hier sind die meisten Internetunternehmen zuhause und man findet am ehesten gute Mitarbeiter, außerdem sitzen hier viele unserer Kooperationspartner und nicht zuletzt die für uns wichtigen Verbände.

Wo steht MyHammer in einem Jahr?
Dann sind wir größer, haben eine noch bessere Plattform und etliche neue Features und Produkte auf den Markt gebracht, die den Erfolg unserer Kunden überdurchschnittlich gesteigert haben. Aber wir denken weiter als ein Jahr nach vorne: Unsere Vision von MyHammer ist, dass jeder, der einen Handwerker oder Dienstleister sucht, automatisch MyHammer nutzt, so wie an Tempos bei Papiertaschentüchern oder Pampers bei Windeln, und das nicht nur in Deutschland, sondern weit über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Zur Person
Gerrit Müller steht seit Februar 2009 als Vorstandsvorsitzender an der Spitze von MyHammer. Zuvor arbeitete Müller als Senior Director Product
bei Yahoo, als Managing Director bei Icon Impact und in der Geschäftsleitung von ITravel. Von 2000 bis 2004 arbeitete der studierte Diplom-Ingenieur beim erfolgreichen Auktionshaus eBay.

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Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.