„Wir haben mit Jimdo eine langfristige Perspektive“ – Matthias Henze im Interview

Auf ihrem Blog 3founders (www.3founders.com) berichten Christian Springub, Matthias Henze und Fridtjof Detzner, die Gründer des Websitebaukasten Jimdo (www.jimdo.de), wie sie gerade die Möglichkeit auf eine achtstellige Finanzierungssumme in den Wind geschlagen und […]
„Wir haben mit Jimdo eine langfristige Perspektive“ – Matthias Henze im Interview

Auf ihrem Blog 3founders (www.3founders.com) berichten Christian Springub, Matthias Henze und Fridtjof Detzner, die Gründer des Websitebaukasten Jimdo (www.jimdo.de), wie sie gerade die Möglichkeit auf eine achtstellige Finanzierungssumme in den Wind geschlagen und die geplante VC-Runde abgesagt haben. Im Interview mit deutsche-startups.de erklärt Matthias Henze, warum ein Exit für das Hamburger Start-up mittelfristig nicht in Frage kommt und was die drei Gründer während des langen VC-Prozesses gelernt haben.

Ihr habt gerade eine achtstellige Finanzierungssumme ausgeschlagen, was in Deutschland einmalig sein dürfte – war das mehr eine Kopf- oder Bauchentscheidung?
Beides, das kann man nicht trennen. Wir haben lange gerechnet und gegeneinander abgewogen. Letztendlich haben wir die Entscheidung getroffen, die sich sowohl für Bauch und Kopf gut angefühlt hat.

Eure Offenheit in Bezug auf die geplatzte Finanzierungssumme ist außergewöhnlich. Sie könnte euch weitere, potentielle Gespräche verbauen.
Schon möglich, aber das glauben wir nicht.

In einem Blogbeitrag legt ihr die Gründe dar, warum ihr die Summe ausgeschlagen habt – unter anderem war der Aspekt Nachhaltigkeit entscheidend. Was genau schreckt euch am Gedanken an einen Exit oder Börsengang ab?
Was uns antreibt ist, Jimdo als eigenständige, sehr innovative Firma mit starken Werten aufzubauen. Wir wollen etwas aufbauen, was dauerhaft ein hohes Innovationstempo fährt, was weltweit produktseitig vorne mitspielt und was Bestand hat. Das geht unserer Meinung nach am besten mit einer langfristigen Perspektive – und nicht mit einem Exit im Zeitrahmen von fünf bis acht Jahren im Hinterkopf. Daher ist es der Entschluss nicht per sé gegen einen Exit sondern für das, was uns dreien besonders wichtig ist.

Gehört es nicht zum Gründergeist dazu, Projekte irgendwann abzuschließen und etwas Neues aufzubauen?
Wir sehen Jimdo als einmalige Chance und glauben nicht, dass wir das so schnell nochmal wiederholen könnten – und warum auch? Wie haben ein cooles Team, ein gutes Produkt, ein spannender Markt, ein Wirkungsspielraum, der simultan zur Unternehmensgröße wächst, und ständig neue Herausforderungen. Für uns ist das, was wir machen, nach wie vor der Traumjob.

Mit United Internet hattet ihr schon mal einen großen Investor im Unternehmen, habt die Anteile aber wieder zurückgekauft. Was frustriert euch daran, einen Investor mit an Bord zu haben?
Zuerst einmal: Die Zusammenarbeit mit United war investorenseitig sehr gut – für das, was uns gestört hat, kann United nichts. Es waren Dinge, die in der Natur der Sache eines größeren Gesellschafters liegen. Erstens ist jemand weiteres dabei, der mitredet und eine eigene Meinung hat. Im Fall von United war das kein Problem und wahrscheinlich wäre es auch mit dem neuen VC kein Problem gewesen. Trotzdem sind wir natürlich bestrebt, die maximale Entscheidungsfreiheit zu haben. Sowohl strategisch als auch bei kleineren Sachen, wie zum Beispiel darin, eine Küche zu bauen oder ein Sprinthaus in Cuxhaven zu mieten. Zweitens ist es wirklich ein anderes Gefühl, wenn einem ein Großteil des Unternehmens gehört. Das haben wir vor allem gemerkt, als wir die Anteile von United wieder zurück hatten.

Eure Gründe, warum ihr keinen Großinvestor im Unternehmen wollt, sind nachvollziehbar, aber nicht überraschend. Warum habt ihr euch bei dieser Einstellung überhaupt auf die Suche nach einem Investor gemacht?
Diese Einstellung war uns nicht von vornherein so klar bewusst. An diesen Punkt zu gelangen war ein Prozess. Am Anfang konnten wir uns sehr gut vorstellen, die Runde zu machen – sonst wären wir dem Interesse der VCs gar nicht erst nachgegangen. Mit der Zeit kamen allerdings immer mehr Gegenargumente für uns auf – und wenn man dann ein konkretes Angebot vorliegen hat, denkt man auch nochmal ganz anders über die Konsequenzen nach.

Vor einem guten Jahr seid ihr mit einer Zweig-Niederlassung nach San Francisco gezogen. Seid ihr dort jetzt die „weired Germans“, weil ihr ausgeschlagen habt, wovon im Silicon Valley alle träumen?
Unsere Entscheidung ist sicher auch für die Amerikaner ungewöhnlich, aber wir sind nicht allein damit: Selbst dort gibt es einige bekannte Firmen wie zum Beispiel 37signals und Mailchimp, die sehr erfolgreich und weiterhin bootstrapped sind.

Mit der Finanzierung im Rücken hättet ihr euch an die Spitze des Marktes katapultieren können. Ist dieses Vorhaben nun erst einmal abgeschrieben?
Langfristig auf keinen Fall. Wir sind sehr überzeugt, dass das Unternehmen mit dem besten Produkt und starken Kernwerten einen signifikanten Marktanteil gewinnen wird. Und das Ganze ohne eine große VC-Runde zu schaffen, ist eine besonders große Motivation für uns.

Das Geld sollte ja vorwiegend ins Online-Marketing fließen. Wie sieht nun euer Plan B aus?
Produktseitig richtig viel Gas geben, sodass wir eine führende Stellung im Markt behalten und unsere User uns weiterhin so stark weiterempfehlen.

Was habt ihr aus dieser Episode gelernt?
Viel über den ganzen VC-Prozess und auch über unser Business-Modell. Insgesamt hat uns der ganze Prozess bis hin zur Entscheidung, auch ohne die Finanzierung weiter zu machen, sowohl persönlich als auch unternehmerisch vorangebracht.

Zur Person
Matthias Henze, Jahrgang 1977, studierte Betriebswirtschaftslehre an der Uni Kiel und der Handelshögskolan Göteborg. Im Jahr 2004 gründete Henze gemeinsam mit Christian Springub und Fridtjof Detzner die NorthClick GmbH. Anfang 2007 gründete das Trio zusätzlich Jimdo. Das Hamburger Unternehmen bietet einen Websitebaukasten an. In Windeseile kann sich jeder registrierte Nutzer bei der Website-Werkstatt seine ganz persönliche Netz-Visitenkarte zusammenstellen. Texte, Bilder, Videos – alles ist möglich.

Hausbesuch bei Jimdo

Im Oktober 2010 besuchte deutsche-startups.de den Baukasten-Lieferanten in seinem Altonaer Büro. Dort bewohnt das Team 750 Quadratmeter. Einen Kicker gibt es bei Jimdo nicht zu sehen, dafür allerlei Interessantes: an die Wand gepinnte Webseiten, einen Indoor-Garten mit Bewässerungsanlage und das Büro in Miniaturausgabe. Hier geht es zur Fotogalerie.

ds_jimdo

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Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.