Offline! “Emotional total hart” – das Ende von Lama Games

Über das Scheitern des eigenen Unternehmens zu sprechen, ist nicht einfach. Zahlreiche Gründer, die in den vergangenen Jahren gescheitert sind, haben wir angefragt – aber nur wenige wollten uns überhaupt Rede und Antwort […]

Über das Scheitern des eigenen Unternehmens zu sprechen, ist nicht einfach. Zahlreiche Gründer, die in den vergangenen Jahren gescheitert sind, haben wir angefragt – aber nur wenige wollten uns überhaupt Rede und Antwort stehen. Nur drei Gründer haben uns begeistert zugesagt, über dieses persönliche Thema zu sprechen. Damit wollen sie dazu beitragen, das Thema Scheitern von all den negativen und schambeladenen Assoziationen zu befreien, die ihm in Deutschland noch immer anhaften. Matthias Riedl (Kazzong), Marius Neumann (Lama Games) und Daniel Thomaser (want2do) berichten in unserer neuen Reihe Offline! von einer sehr schwierigen Zeit in ihrem Gründerleben.

“Emotional total hart” – das Ende von Lama Games

Vieles sprach dafür, dass die Spieleplattform Lama Games (www.lamagames.de) groß rauskommen würde. Als Marius Neumann und Lars Haneberg zur Fußball-WM 2006 das erste Spiel meineWM.de online stellten, war es ein großer Erfolg: 11.000 registrierte Nutzer und über eine Million Seitenzugriffe erzielte die Seite. Der Durchbruch gelang trotzdem nicht. Rund eineinhalb Jahre später mussten die Gründer den Laden nach einer verschleppten Finanzierungsrunde dicht machen.

Bevor Neumann und Haneberg Lama Games gründeten, hatten sie den Markt genauestens studiert. In den USA und England gab es bereits eine große Nachfrage an Sportmanagementspielen. In Deutschland existierten zumindest Comunio.de und das Kicker Managerspiel. Aufgrund des großen englischsprachigen Marktes war den beiden schnell klar, dass das Konzept grundsätzlich funktioniert. Also setzten sie sich ran, schrieben einen dicken Businessplan und nahmen an einem Wettbewerb teil, wo sie für ihr Modell sogar einen Preis erhielten. Mit der Frage nach der Erstfinanzierung taten sie sich schwer: “deutsche-startups.de gab es damals leider noch nicht, wir hatten keine Netzwerke oder Kontakte zu Investoren und Business Angels. Wenn wir anfragten, sind wir meist abgeprallt, da sie mit unserer Idee nichts anzufangen wussten.”

Der WM-Manager war schlecht programmiert

Die Gründung einer GmbH, die Erstellung einer ersten Version und die Anstellung eines Programmierers finanzierten Neumann und Haneberg erstmal aus eigener Tasche. Dann folgte der Super-Gau: Als das Spiel zur WM 2006 die Welt erblickte und in der Szene einschlug, brachen die Server zusammen, der WM-Manager war schlecht programmiert. Neumann und Haneberg trennten sich von Programmierer Nr. 1 – was ein herber Rückschlag war. Mit Rhaul Sharma stand zum Glück bald ein neuer Programmierer auf der Matte und entwarf innerhalb von drei Monaten eine neue Version. Das junge Unternehmen startete neu durch und wuchs, bekam von der Bank ein Darlehen bewilligt. “Wir wuchsen zwar, aber nicht so exponentiell, wie wir uns erhofft hatten.” Es folgten Gespräche mit Investoren, richtig einsteigen wollte aber keiner in das Lama Games–Boot. Das Wachstum ging vielen nicht schnell genug, obwohl sich immer wieder Investoren begeistert von der Idee zeigten. Neumann ist überzeugt: “Hätten wir einen ersten Investor gewonnen, hätten sich viele andere angeschlossen.” Denn für den längerfristigen Erlös gab es Ideen, aber Startkapital musste her. Klassische Bannerwerbung wurde angedacht und teilweise umgesetzt. Daneben gab es ein Premiummodell, die Konversionsrate war jedoch unbefriedigend. Zuletzt wollte Lama Games auf In-Game-Advertising setzen, zum Beispiel durch gesponserte Trikots. “Leider kommt man erst an die großen Vermarkter ran, wenn man schon groß ist”, resümiert Neumann.

Im Mai 2007 fand sich dann doch ein Privatinvestor aus dem weiteren Bekanntenkreis. Es gab eine kleine Finanzierungsrunde, die die Kosten zur Aufrechterhaltung des Unternehmens decken sollte – immerhin gab es mittlerweile neben dem Programmierer noch zwei weitere Angestellte. Bald darauf sollte es eine größere Finanzierungsrunde geben: Neumann führte Gespräche mit einem großen Games Publisher, den er nicht öffentlich nennen will. Dieser war von der Sache angetan und ließ sich unterschreiben, dass die Gründer ihre Idee nicht woanders an den Mann bringen würden. Im Oktober sollten die Verträge eintrudeln. Leider passierte nichts. Bis auf die Nachricht Ende November, dass sie sich noch bis Ende des Jahres gedulden sollten, da der Fonds für dieses Jahr aufgebraucht sei. Doch darauf konnte Lama Games nicht mehr warten, da das Geld schlichtweg ausgegangen war. “Wir konnten bestimmte Zahlungen einfach nicht mehr leisten, hätten wir noch länger gewartet, hätten wir ein Verfahren wegen Insolvenzverschleppung bekommen”, sagt Neumann. Die Insolvenzanmeldung, erinnert er sich, sei für ihn “emotional total hart” gewesen. Den Angestellten zu sagen, dass es vorbei ist, fand er am schlimmsten. Natürlich sei es auch eine gewisse Erleichterung gewesen, denn die vier Monate Wartezeit hätten großen Druck bedeutet. “Aber im Vordergrund stand die große Trauer über den Verstorbenen”, sagt er. Immerhin hatte Neuman drei Jahre in das Projekt invesiert. Sein Umfeld reagierte verständnisvoll auf die Insolvenz. “Manche meinten, dass ich jetzt endlich mal wieder die Möglichkeit auf einen \’richtigen Job\’ habe”, lacht er.

“Letztlich sind wir nicht schnell genug gewachsen”

Trotz der Insolvenzkrise waren ihm zwei Dinge klar: Zum einen würde er relativ schnell einen Job finden, da er vor der Gründung schon beruflich etabliert war. Zum anderen wollte er unbedingt wieder etwas Neues gründen. Bereits im Dezember steckte er in neuen Gesprächen, ist dann aber doch erstmal als fester Angestellter in einer Internetagentur gelandet. Auch wenn das Aus vor allem an der Investorgeschichte lag, ist Neumann klar, dass die Gründe für das Scheitern komplexer sind. “Letztlich sind wir nicht schnell genug gewachsen.” Er bedauert, dass die notwendigen Kontakte zu Multiplikatoren wie große Plattformen und zu Business Angels gefehlt haben. Diesen Mangel hätte man unter Umständen mit ein bis zwei “Verkaufstypen” im Team wett machen können, leider gab es sie nicht. Außerdem habe er unterschätzt, wie viel Geld man braucht, wenn man – wie anfangs – schnell wächst. Eine leise Vermutung seinerseits ist auch, dass sie mit ihrer Idee einen Tick zu spät dran waren. In der Gründungszeit sei plötzlich ein großer Wettbewerb in diesem Bereich ausgebrochen, ein bisschen Vorsprung wäre nicht schlecht gewesen.

Sollte Neumann in naher Zukunft wieder ein Start-up gründen, was sehr wahrscheinlich ist, wenn man ihm so zuhört, will er manches anders machen. Das Geschäftsmodell müsste von Anfang an klarer sein. Um die laufenden Kosten zu decken sollte sofort etwas Geld rausspringen. “Selbst wenn es halb so gut läuft wie geplant muss man noch weitermachen können!” Mit Lama Games habe man eben gleich der “Porsche unter den Spielen” sein wollen. Außerdem hofft er, früher Kapitalgeber zu finden. “Wir haben bei Lama Games zuerst einen dicken, ausgefeilten Businessplan erstellt. Besser ist, man sucht schon mit einem kleinen Businessplan nach Investoren, und wenn man niemanden findet, muss man es halt lassen.” Auch hätten sie sich insgesamt zu viel Zeit mit dem offiziellen Online-Start gelassen. Verbessern könne man doch immer noch, vorher alle Eventualitäten abzuchecken sei kontraproduktiv. “Wir sind da zu akademisch und zu wenig unternehmerisch rangegangen”, lautet sein Fazit.

Die Idee von Lama Games soll weiterleben

Trotz dieser Erfahrungen spuken in Neumanns Kopf schon längst wieder frische Ideen herum. Auf jeden Fall will er aus der Idee von Lama Games noch etwas machen und führt bereits Gespräche. Doch auch anderes hat er bereits in Angriff genommen, er war beispielsweise an der Verwirklichung des SMS-Spendendienstes spendino beteiligt. Auf jeden Fall sei er weiterhin offen für tolle Ideen und könnte sich auch vorstellen, in andere Start-ups mit einzusteigen.

Artikel zum Thema
* Lama Games am Ende
* Neue Investoren für Lama Games

Morgen in der Offline!-Reihe: Daniel Thomaser über das Aus von want2do
Gestern in der Offline!-Reihe: Matthias Riedl über das Aus von Kazzong


Seit Mai 2009 schreibt Yvonne für deutsche-startups.de Gründerportraits, Start-up-Geschichten und mehr – ihre besondere Begeisterung gilt Geschäftsideen mit gesellschaftlich-sozialer Relevanz. Sie tummelt sich auch im Ausland – immer auf der Suche nach spannenden Gründerpersönlichkeiten und Geschäftsideen.

  1. Toller Artikel, weiter so!

    @Marius: Viel Glück beim nächsten Mal.



  2. Dieter Müller

    “In Deutschland existierten zumindest Comunio.de und das Kicker Managerspiel. ”

    Vor einiger Zeit schrieb hier jemand “Scheuklappensyndrom”, das passt.

    In 2005 hatten wir eine ähnliche Idee und uns den Markt genau angeschaut, es gab damals schon in Deutschland 3 sehr erfolgreiche Fussballmanagerspiele mit entsprechend großen Communities, dazu gab es noch einige dutzend Copycats (zwar weniger erfolgreich, aber durchaus technisch auf einem hohen Level).
    Ich schreibe das nur, weil es im Artikel so rüberkommt, als hätte es nur an den fehlenden Investoren gelegen.

    Wünsche euch aber viel Glück und hoffe auf neue Projekte! Wäre echt schade, da gerade jetzt der Onlinebrowserspielemarkt am boomen ist.



  3. nico

    Immer traurig sowas, aber eine Frage stellt sich mir:

    Ihr hattet für das komplette Ding 1 Programmierer? (Oder meint die Angabe 1 Team bzw. 1 Firma?) Zudem: Habt Ihr die Plattform vorher nicht getestet?

    Also wenn es wirklich nur einen einzigen Programmierer für sowas großes gab, ist das meiner Meinung nach eine ziemlich Fehlplanung gewesen. Hat dann auch wenig mit finanziellen Mitteln zu tun…



  4. Ritter

    “11.000 registrierte Nutzer und über eine Million Seitenzugriffe erzielte”
    Wie kann man so etwas einen großen Erfolg nennen?



  5. Karl

    Salve!
    Ich merke gerade, dass die Berichterstattung über Scheitern keine Eintagsfliege ist. Ich finde das toll. Scheitern ist nicht unbedingt eine Schande. Für mich ist es interessant, mehr über die “widrigen Winde” anderer zu erfahren.
    Es soll jetzt nicht zynisch klingen, aber ich möchte mehr davon lesen.

    Alles Gute!

  6. Der Markt der Browsergames und im speziellen Fussballmanagern war 2006 schon übersättigt, wer von nur zwei Konkurrenten spricht kennt anscheinend den Markt nicht. Viele Managerspiele die nur Privat als Hobby betrieben werden haben mehr als 11.000 (=> ca. 50 Spieler zu selben Zeit online) Registrierungen, und wer damit schon in die Knie geht kann wohl kaum erfolgreich werden…

  7. Soviel zum Thema “Bevor Neumann und Haneberg Lama Games gründeten, hatten sie den Markt genauestens studiert.”

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