Boris Wasmuth (GameDuell) im Interview “Als Gründer sollte man nicht an den Exit denken”

"Als Gründer sollte man nicht an den Exit denken, sondern wie man seine Kunden und Mitarbeiter glücklich macht. Damit hat man genug zu tun", sagt Boris Wasmuth, der GameDuell vor zehn Jahren auf die Startbahn hievte. Wasmuth spricht zudem über Eiszeiten, Presse-Hypes und Visionen.
“Als Gründer sollte man nicht an den Exit denken”

Alte Hasen der deutschen Gründerszene kennen GameDuell ganz genau. Seit 10 Jahren können Nutzer auf der erfolgreichen Spieleplattform um die Wette daddeln. Das besondere dabei: GameDuell wird noch immer von den Gründern, Kai Bolik, Michael Kalkowski und Boris Wasmuth geführt. Im Interview mit deutsche-start-ups.de spricht Mitgründer Wasmuth unter anderem über Eiszeiten, Presse-Hypes und langfristige Visionen.

Als GameDuell 2003 geboren wurde, war die deutsche Start-up-Szene noch eine ganz andere: Was ist die wichtigste Veränderung in den vergangenen Jahren, die Sie nennen können?
Im Jahr 2003 befanden wir uns mitten in der Eiszeit des Internets. Nur eine Handvoll Gründer überlebte, da die meisten mit dem Crash der Internet-Bubble weggefegt wurden. Und regelmäßig mussten wir uns anhören, dass das Internet nur ein Übergangsphänomen sei und wir ja nicht mit Erfolg rechnen sollten. Wer sich damals öffentlich als Dotcom-Gründer outete, musste für den Spott kaum mehr sorgen

War damals auch etwas besser?
Die Gründungen der damaligen Zeit hatten viel Substanz, weil die Business-Modelle von den Gründern und Investoren sehr genau validiert wurden und dann auch die Zeit hatten, gesund zu wachsen. Man sieht, dass viele der der damals gegründeten Unternehmen wie ZooPlus, Cyberport und auch GameDuell heute noch eine große Rolle spielen und oftmals Marktführer geblieben sind.

Und wie genau hat sich die Szene seitdem verändert?
Die Start-up-Szene hat sich seitdem fundamental geändert. Verschiedene Faktoren haben da synergetisch zusammengewirkt. Die Technik ist günstiger geworden, die Prozesse agiler und schlagkräftiger, die Teams erfahrener und die Investoren aufgrund zahlreicher erfolgreicher Exits auch aggressiver als 2001. Zusammengefasst lässt sich sagen: Es ist heute viel günstiger, wesentlich akzeptierter und auch sicherer geworden, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Das heißt natürlich nicht, dass jedes Vorhaben klappt, denn statistisch gehen heute noch 90 % aller Gründungen in die Hose. Insgesamt ist die Startup-Szene viel spezialisierter geworden als noch vor zehn Jahren und fast jede Nische hat sich digitalisiert und für fast alles gibt es inzwischen eine App.

Welche Veränderungen haben die Games-Branche – und somit auch GameDuell – in den vergangenen Jahren geprägt?
Für die Games-Branche ist in den letzten Jahren Free-to-Play immer wichtiger geworden, also der kostenlose Zugang zu den Spielen. Das neue Geschäftsmodell mit virtuellen Gütern und Gratis-Spielen hat den Markt ordentlich durcheinandergewirbelt. Einige neue Player sind damit sehr erfolgreich geworden und einige etablierte Anbieter sind ins Straucheln geraten. Außerdem hat der Siegeszug von Smartphones und Tablets einschneidende Veränderungen mit sich gebracht. Gaming ist dadurch zu einem echten Massenphänomen geworden. Heute hat damit ja so gut wie jeder eine Spielkonsole in der Hand- oder Hosentasche. Entscheidend für die Zukunft wird sein, welche Anbieter ihre Produkte mit einer möglichst nahtlosen User Experience auf den gängigen Plattformen anbieten können. Daran haben wir bei GameDuell in den letzten Jahren sehr intensiv gearbeitet und schon einige Titel auf den Markt gebracht, die auf mehreren Plattformen verfügbar sind.

Anfangs war GameDuell nur eine webbasierte Spieleplattform. Inzwischen ist GameDuell auch auf Facebook vertreten und mit Apps auf Smartphones: Welches Segment ist für Sie am wichtigsten?
Mobile und vor allem die Vernetzung aller Plattformen wird immer wichtiger für uns. Unser erklärtes Ziel ist es, unseren Nutzern eine nahtlose Spielerfahrung zu ermöglichen quer über die wichtigsten Plattformen hinweg, also Cross-Platform im Neudeutsch. Technisch ist das alles andere als trivial und die meisten Firmen können solche komplexen Themen nur schwer inhouse umsetzen. Angesichts der weltweiten Konkurrenz in diesen Segmenten haben nur noch absolute Ausnahmeprodukte Aussicht auf Erfolg. Wir konzentrieren uns daher bewusst auf wenige, dafür sehr sorgfältig vorbereitete Fokustitel.

Auch Berlin war damals, als GameDuell gestartet ist, eine andere Stadt. Inzwischen ist Berlin die Start-Up-Hochburg des Landes – aber es gibt auch einige negative Stimmen: Ist die Start-up-Party schon wieder vorbei oder geht sie erst richtig los?
Im Gegenteil, die Party muss weiter gehen! Seit der Jahrtausendwende ist der Startup-Sektor wesentlich professioneller geworden. In Berlin sind inzwischen jede Menge VCs, Inkubatoren und Business Angels unterwegs, die es früher nicht gab. Dadurch hat sich inzwischen mehr Kapital, aber vor allem auch mehr Know-How in der Stadt versammelt. Heute haben wir daher und auch wegen des guten Austausches zwischen den Gründergenerationen wesentlich mehr Substanz in den Unternehmen als vor dem Dotcom-Crash.

Muss sich Berlin dabei immer mit dem Silicon Valley vergleichen lassen?
Den oftmals angestrebten Vergleich mit dem Silicon Valley halte ich für vermessen und auch unnötig. Wir sollten das Silicon Valley als Vorbild sehen und nicht als Benchmark. Im Valley existiert seit den 50er Jahren, also seit fast 70 Jahren ein intaktes und wohl gepflegtes Öko-System aus weltmarktführenden Hard- und Software Firmen, Wagniskapital, Angels, herausragenden Tech Universitäten – meist mit Unternehmer-Lehrgängen und eigenen Ausgründungsprogrammen – und das gepaart mit einer starken Unternehmer-Kultur, die Scheitern als wichtigen Treiber von Wachstum und Innovation ansieht. Und jetzt fangen wir in Berlin an zu zweifeln, wenn es nach weniger als 10 Jahren noch nicht zur Weltspitze gereicht hat? Warum?

Vielleicht, weil der Hype vorbei ist?
Ob der Hype vorbei sein soll oder nicht, das ist doch letztendlich egal. In Berlin geht es kontinuierlich aufwärts. Als Unternehmer würde man das sich fragen „Haben wir Momentum? Dann ist alles klar“. Berlin hat großes Momentum und mittlerweile ist die kritische Masse erreicht – es gibt genug Gründer, Kapital und einen starken Unternehmergeist. Den Presse-Hype brauchen wir nicht unbedingt.

Was braucht die Start-up-Szene stattdessen?
Wichtig ist, dass wir an die Vision der Medien-Metropole Berlin glauben und täglich weiter an den richtigen Schrauben drehen. Berlin muss noch mehr Fach-Kompetenz anziehen, um den Sprung auf die nächste Stufe zu schaffen. Einige Berliner Unternehmen legen ja schon vor und zeigen, dass man die weltweit besten Leute nach Berlin kriegen kann. Und auch GameDuell hat sich dementsprechend in den letzten sechs Monaten gewaltig verstärkt.

Muss man als Unternehmer mittlerweile in Berlin gründen – oder geht dies auch in Hamburg, München oder Köln?
Als Gründer muss man ohnehin ständig die Statistik besiegen, sonst würde es einen ja gar nicht mehr geben. Daher können ein Top-Team und eine gute Idee auch in Wuppertal erfolgreich sein. Ich hatte mich 1999 für Berlin entschieden, weil das Öko-System in Berlin in Deutschland einzigartig ist – und das ist immer noch so. Der Zugang zu Kapital, Know-How und erfahrenen Leuten ist in Berlin einfacher und schneller. Und den Effekt sollte man nutzen.

Was macht Berlin sonst noch aus?
Die DNA in Berlin lässt immer noch einen gewissen Bohème-Lifestyle zu, bei dem Roller fahren cooler ist als Porsche fahren. Für kreative Gründer bietet das einen idealen Nährboden, weil man sich nicht ständig beweisen muss und man recht relaxed man selbst sein kann. Das ist nicht überall so.

GameDuell verfügt derzeit über 125 Millionen Spieler: Wo kommen die alle her?
Unsere Community-Mitglieder kommen inzwischen aus der ganzen Welt. Die Kernmärkte sind für uns aber nach wie vor Europa und Nordamerika.

Es gibt ansonsten relativ wenige Zahlen über GameDuell: Jetzt haben Sie die Chance, einmal einige Zahlen und Fakten zu ihrem Unternehmen zu nennen!
Wir haben das Unternehmen 2003 gegründet und unser Spieleportal Anfang 2004 mit den ersten Games gestartet. GameDuell ist jetzt also genau 10 Jahre alt und wir sind seit 9 Jahren konstant profitabel, um schon mal einige Eckdaten zu nennen. Wir haben inzwischen fast 220 Team-Mitglieder aus 26 Nationen mit weiterhin steigender Tendenz, gerade weil wir inzwischen viele international erfahrene Leute ins Team holen. Wir betreiben über 70 Spiele in sieben Sprachen, schon jetzt viele davon als echte Cross-Plattform-Games. Seit 2003 haben unsere Entwickler 1,3 Millionen Zeilen Code für unsere Games-Plattform und unsere Spiele geschrieben. Auf unserem Portal sind in den 10 Jahren über zwei Milliarden Spielrunden gespielt worden. (Siehe dazu auch: “GameDuell feiert 1,3 Millionen Zeilen Programmier-Code“)

Es gibt sehr wenige Internet-Gründer, die ihr Start-up über zehn Jahre führen: War dies Absicht, immer geplant oder haben Sie den Exit nur verpasst?
Wir haben GameDuell nicht als „build to flip“-Startup gegründet, sondern mit der langfristigen Vision, etwas zu verändern und eine der besten Spielefirmen der Welt aufzubauen. Da wir von Anfang an besonderen Wert auf eine starke Teamkultur und die richtigen Leute gelegt haben, macht es uns heute immer noch unglaublich Spaß, GameDuell gemeinsam zu führen und weiter zu entwickeln. Der Gaming-Markt ist außerdem sehr dynamisch und hat sich in den letzten Jahren massiv gewandelt. Dabei tun sich immer wieder riesige Chancen auf. Das macht die Spielebranche so faszinierend für Unternehmer. Aus unserer Sicht sind die Möglichkeiten im Gaming-Markt heute größer denn je. Als Gründer sollte man nicht an den Exit denken, sondern wie man seine Kunden und Mitarbeiter glücklich macht. Damit hat man genug zu tun.

Ihr Mitbewerber King.com hat kürzlich einen Börsengang gwagt. Wäre dies auch eine Option für GameDuell?
Wir haben eine klare Vision, was wir noch erreichen wollen. Wir bauen gerade neue Wachstumsfelder im Bereich Mobile, Internationalisierung und Cross Platform auf und wir haben eigene Mittel, dies auch erfolgreich durchzuführen. Ein Börsengang kommt für uns im Moment daher nicht in Frage. Das hält uns nur von einer fokussierten Umsetzung ab.

Welchen Tipp geben Sie anderen Gründern mit auf den Weg?
Ich halte nicht viel von pauschalen Ratschlägen: Auch eine stehengebliebene Uhr hat zweimal am Tag recht. Es kommt doch auf die Situation an, was richtig und falsch ist. Daher kann ich nur von meinen eigenen Erfahrungen berichten. Wer sich für eine Gründung entscheidet, muss wissen, dass er/sie einen Marathon und keinen Sprint läuft. Einen langen 24/7-Marathon mit fiesen Hindernissen. Ich zitiere mal Ben Horowitz: “As a startup CEO I slept like a baby. I woke up every two hours and cried”. Als Gründer sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man nie auf Dauer Sonnenschein hat und alles von selbst nach oben geht. Ein Unternehmen aufzubauen kostet viel Energie, Durchhaltevermögen und Leidenschaft. In den harten Zeiten hat uns immer der Glaube an unsere Vision und an unsere eigenen Stärken geholfen. Wir haben uns dann immer gesagt „Shit, das müssen wir jetzt irgendwie hinkriegen“, auch wenn es fast aussichtslos war. Und dann hat es letztendlich auch immer geklappt.

Wo steht GameDuell in zehn Jahren?
Wir folgen unserer Vision “Bringing people together to have a good time with games – wherever, whenever.” Wenn wir jeden Tag ein Prozent besser darin werden, haben wir in zehn Jahren sehr viele Menschen glücklich gemacht. Wir arbeiten außerdem permanent daran, GameDuell durch eine außergewöhnliche Teamkultur und innovative Prozesse zu einem der besten Arbeitgeber der Welt zu machen. In den nächsten zehn Jahren wollen wir damit auch ein Vorbild für eine neue Generation von Unternehmen in Deutschland sein.

Zur Person
Boris Wasmuth gründete – nach dem BWL-Studium in Köln – das Bewertungsportal dooyoo. 2003 gründete er schließlich gemeinsam mit Michael Kalkowski und Kai Bolik die Spieleschmiede GameDuell.

Hausbesuch bei GameDuell

GameDuell ist ein Urgestein der deutschen Internetszene. ds-Haus- und Hoffotograf Andreas Lukoschek durfte sich bei der erfolgreichen Firma einmal ganz genau umsehen.

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.

  • entrpreneurx

    sympathischer Kerl mit wahren Worten

  • Sara

    Endlich mal ein Beitrag in dem nicht immer irgendwelche Exit Strategien gepredigt werden. Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen und langfristige Ziele vor Augen haben sind die wirtschaftstreibende Kraft in Deutschland und nicht die, die ihr Unternehmen mit VC Geldern aufbauen, Praktikanten und Niedrig Löhne zahlen und sich nach fünf Jahren die Taschen voll hauen auf Kosten aller anderen. Kaufmännisches Denken und nicht Geschäftssinniges ist wesentlich erfolgreicher.

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