Shopping-Plattform iPad: Das nächste große Ding heißt Tablet Commerce

Was für ein Timing: Das neue iPad 2 jedenfalls hätte Apple zu keinem besseren Zeitpunkt vorstellen können als Anfang März. Hatte doch erst ein paar Tage vorher der Bundesverband des Deutschen Versandhandels (BVH) […]
Shopping-Plattform iPad: Das nächste große Ding heißt Tablet Commerce

Was für ein Timing: Das neue iPad 2 jedenfalls hätte Apple zu keinem besseren Zeitpunkt vorstellen können als Anfang März. Hatte doch erst ein paar Tage vorher der Bundesverband des Deutschen Versandhandels (BVH) ein wahres Hohelied auf den Tablet-PC aus Cupertino angestimmt: als Ende Februar die neuen Marktzahlen zum deutschen Distanzhandel präsentiert wurden. Diesen zufolge wird zwar bereits von den insgesamt 30,3 Milliarden Euro Versandhandelsumsatz in Deutschland der Löwenanteil (18,3 Milliarden Euro) über das Internet erwirtschaftet. Tablet-PCs wie das iPad aber werden nach Einschätzung des BVH den Online-Handel künftig zusätzlich befeuern. Zu Recht. Denn das iPad ist eine ideale Shopping-Plattform. Und Tablet-Commerce das nächste große Ding.

Fakt ist: Auch wenn Umsätze im deutschen Versandhandel zunehmend über Online-Bestellungen generiert werden, hat der klassische Print-Katalog längst nicht ausgedient. Im Gegenteil. Laut dem BVH lassen sich etwa 68 % aller Online-Käufer nach wie vor im gedruckten Katalog eines Anbieters inspirieren, bevor sie online bestellen. Noch. Denn künftig sollen speziell für Tablet-PCs wie das iPad konzipierte Magazine den klassischen Print-Katalog ablösen. „Bis vor einem Jahr hat es für Kunden einen Medienbruch zwischen Schauen und Kaufen gegeben“, argumentiert BVH-Hauptgeschäftsführer Christoph Wenk-Fischer. „Diesen Effekt lösen Tablet-PCs wie das iPad auf.“

Tablet-PCs verführen zu Spontankäufen auf dem Sofa

Dem BVH zufolge werden Versandhändler künftig immer mehr Online-Umsätze über iPad Apps erwirtschaften, da Händler auf Tablet-PCs erstmals „Katalog-Feeling und Online-Bestellung in einem Medium vereinen“ können. Eine Einschätzung, die in gewisser Weise auch das renommierte US-amerikanische Marktforschungsinstitut Forrester Research teilt. Dem aktuellen Report „Five eCommerce Trends to watch in 2011“ zufolge jedenfalls sind neben klassischen Versandhändlern auch reine Online-Retailer gut beraten, wenn sie ihr Shopping-Angebot schnellstmöglich fit machen für das iPad. „Auf lange Sicht werden immer Zugriffe auf Online-Shops über Tablet-PCs erfolgen“, heißt es in dem Report. „Denn mit diesen Geräten kann man nun zum ersten Mal entspannt zuhause im heimischen Wohnzimmer surfen.“ Was erste Nutzerstudien bereits eindrucksvoll untermauern.

Online-Vermarkter Tomorrow Focus Media beispielsweise hat erst im Januar knapp 400 deutsche Konsumenten dazu befragt, wie sie ihr iPad nutzen. Das Ergebnis: Vier von fünf iPad-Besitzern nutzen den Tablet-PC hauptsächlich, um damit bequem zuhause auf dem Sofa zu surfen. Was für Shopbetreiber natürlich eine Steilvorlage ist. „Fakt ist, dass Online-Händler durch das iPad noch näher an ihre Kunden heranrücken“, erklärt der Schweizer E-Commerce-Experte Thomas Lang. „Dadurch werden Spontankäufe erstmals wirklich spontan.“ Kurioserweise aber scheinen derzeit erst die wenigsten Händler das Potenzial der Shopping-Plattform iPad für sich entdeckt zu haben: Obwohl der Tablet-PC nun fast schon ein Jahr auf dem Markt ist und für viel Medienecho sorgt.

Nach Zahlen des niederländischen App-Analyse-Dienstleisters Distimo stehen im Apple AppStore bereits um die 60.000 iPad Apps zur Verfügung. Speziell für das iPad entwickelte Shopping-Apps muss man aber mit der Lupe suchen. Und wenn es doch einmal vereinzelt E-Commerce-Apps zu bestaunen gibt, so sind diese in der Regel alles andere als optimal für den Tablet-PC aufbereitet. Versandhändler etwa recyclen nämlich bevorzugt ihre vorhandenen Print-Kataloge für das iPad und bieten blätterbare PDF-Ausgaben an, die Tablet-Nutzer in schöner Regelmäßigkeit enttäuschen.

Die auf Conversion-Optimierung spezialisierte Internet-Agentur Web Arts beispielsweise hatte im vergangenen Sommer die iPad App „Otto Home Affaire“ einem kurzen Usability-Test unterzogen. Dabei sollten fünf – nach Angaben der Agentur übrigens durchaus iPad-affine – Online-Shopper in der Otto-App eine Kommode bestellen. Doch diese Aufgabe stellte die Probanden schnell vor große Schwierigkeiten, wie ein Video-Mitschnitt vom Usability-Test treffend illustriert (siehe Clip).

Zwar hat Otto seine iPad App in der Zwischenzeit überarbeitet. Die Usability aber ist nach wie vor durchwachsen und dürfte Nutzern weiter Probleme bereiten. Denn immer noch erschließt sich nicht so recht, welche Produkte sich über den digitalisierten Katalog nun kaufen lassen und welche nicht. Ein Fingertipp auf Produkte in den Katalogseiten ruft daher in der Regel Zusatzinformationen zu Artikeln ab, manchmal aber auch wieder nicht. Und wer bestellen will, landet nach wie vor im klassischen Browser-Shop von Otto. Was die iPad-App irgendwie auch wieder überflüssig macht.

„User erwarten, dass sie innerhalb einer App kaufen können“, warnt Web-Arts-Vorstand André Morys. „Der Übergang zum Online-Shop wird als störend wahr genommen.“ Was ihm zufolge verdeutlicht, dass „die direkte Umsetzung eines Print-Katalogs“ nicht ausreiche, um auf dem iPad erfolgreich zu verkaufen. Man muss Versandhändlern wie Otto aber immerhin zugute halten, dass sie bereits mit aller Macht auf das iPad drängen. Denn bei vielen Online-Pureplayern hat man den Eindruck, dass sie das Thema Tablet-Commerce noch gar nicht auf dem Radar haben. Mit fatalen Folgen „Das iPad stellt es die meisten Online-Shops normal dar, sagen sich wohl viele und schieben das Thema zur Seite“, warnt E-Commerce-Experte Lang. „Die Folgen sind viel zu kleine Links und zu verschachtelte Menüs.“ Die sich auf einem Touchscreen-Device kaum noch bedienen lassen.

Usability-Wüsten: Viele Shops sind auf dem iPad unbedienbar

Sicherlich hat die Zurückhaltung vieler Händler handfeste Gründe. So verschlingen natürlich auch Tablet-Apps allein in der Entwicklungsphase schnell fünfstellige Beträge. Dafür aber brauchen Händler ihre Anwendungen wenigstens nicht auf andere Betriebssysteme portieren. Zum Vergleich: Wer über Smartphone-Apps verkaufen will, braucht heute neben einer iPhone App meist auch eine Anwendung für das Google-Betriebssystem Android: Schließlich gewinnt Google in Deutschland aktuell immer mehr Anteile im Smartphone-Markt. Im Tablet-Geschäft dagegen besitzt Apple ein Quasi-Monopol. Was sich in den kommenden Jahren wohl auch nicht großartig ändern wird.

Nach Zahlen vom US-amerikanischen Marktforschungsinstitut eMarketer wurden im vergangenen Jahr weltweit insgesamt 15,7 Millionen Tablets verkauft, darunter 13,3 Millionen iPads (Anteil: 84 %). In diesem Jahr soll Apple weltweit 34 Millionen Exemplare verkaufen, 2012 erneut 56,1 Millionen Einheiten. Selbst in einem Jahr werden laut eMarketer noch 69 % aller verkauften Neugeräte ein iPad sein. Addiert man hierzu die bereits im Markt befindlichen Geräte, so wird sich an Apples Quasi-Monopol auf absehbare Zeit kaum etwas ändern. Auch wenn Google mit seiner für Tablet-PCs optimierten Android-Version 3.0 (Name: Honeycomb) in den Startlöchern steht und erste Tablets mit Android 3.0 wie das Motorola Xoom demnächst in den Handel kommen.

iPad-Shop-von-Design3000.de

Wer dennoch kein fünfstelliges Budget in eine Shopping-App investieren will, kann aber auch über den Browser auf dem Tablet-PC verkaufen. „Händler sollten ihren Online-Shop so optimieren, dass er auf dem iPad gut dargestellt wird“, rät Forrester in seinem Trendreport. Wie so etwas aussehen kann, zeigt stellvertretend Accessoire-Anbieter Design3000.de (www.design3000.de) mit seinem für das iPad-optimierten Webshop. Wer seine Shopping-Tour auf dem Tablet-PC über die URL m.design-3000.de startet, bekommt statt Navigationsleisten und Drop-Down-Menüs eine Handvoll Thumbnails zu sehen: groß genug, um einzelne Kategorien bequem mit dem Finger aufzurufen.

Gerade Shopping-Start-ups sollten sich ein Beispiel an Design3000.de nehmen und ihr Angebot ebenfalls für Tablet-PCs optimieren (was deutlich weniger Budget verschlingt als eine native App). Nicht nur, weil Start-ups dann mit einer guten Shop-Usability beim Surfen auf dem Sofa punkten. Sondern auch, weil viele etablierte Händler aktuell nach wie vor nicht auf das iPad setzen. Wo Tablets doch eine ideale Shopping-Plattform sind, um Internetnutzer in entspannter Wohnzimmer-Atmosphäre zum Geldausgeben zu bewegen. Und Tablet Commerce das nächste große Ding wird.

Foto: istockphoto

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  1. Moritz

    Im Grunde ist es völlig banal: Tablets erfordern ein etwas anderes User-Interface – ähnlich wie mobile Geräte mit kleinem Display. Die Lösung besteht in entsprechenden “Skins” für bestehende Online-Shops, die abhängig vom Gerät abrufen werden. Apps sind KEINE, ich betone: KEINE Lösung – oder besser: Sie sind unnötig, völliger Overkill.

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  3. Zustimmung @ Moritz.
    Warum für jedes OS eine eigene App schreiben, wenn es mit einem tabletoptimierten Onlineshop viel einfacher, günstiger und vor allem ohne Medienbruch geht? Wie der Artikel richtig sagt, surfen 4/5 der Tablet-User hauptsächlich damit. Ein Wechsel zu einer speziellen Shopping-App würde das “Surf-Erlebnis” dabei doch erst unterbrechen. Nicht gerade förderlich für Spontankäufe…

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  5. Hallo Moritz,

    die Frage ist, wie sich das “Skin” anfühlt. Mobile Nutzer, egal ob via Smartphone oder Tablet, erwarten App-Feeling. Wischen, Faden und “Droppen” ist angesagt. Ob ein simpler Skin, der, equivalent zum Desktop-Shop, die komplette Seite neu lädt, diese Erwartung erfüllt, lasse ich mal mit einem großen Fragezeichen so stehen.

    Eins ist aber, meiner Meinung nach, sicher: wer “Mobile” als “kleines Desktop” versteht, macht einen Fehler.

    Wie siehst Du das nötige Handling von mobilen Webseiten bzw., wie wir sie nennen, Mobile Shopping WebApps?

    Viele Grüße aus Stuttgart,
    Michael

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