#Gastbeitrag

Die häufigen Fehler bei Startups – und wie man diese vermeidet

Ein Geschäftsmodel muss in der Realität funktionieren. Gründer:innen sollten ihr Produkt keineswegs mit Merkmalen überladen, sondern sich für ein Minimum entscheiden. Ein typischer Fehler im Anfangsstadium ist die Wahl der falschen oder unnötigen Merkmale. Ein Gastbeitrag von Alexey Stoletny.
Die häufigen Fehler bei Startups – und wie man diese vermeidet
Montag, 17. Mai 2021Vonds-Team

In diesem Gastbeitrag konzentrieren wir uns auf die typischen Fehler, die den jungen Unternehmern bei ihren Startups unterlaufen. Dies wird nicht nur für diejenigen vom Interesse sein, die gerade ihre Projekte starten, sondern auch für die, die mit den Startups arbeiten. Ich arbeite seit über 10 Jahren mit den Startups in Europa und Amerika und weiß so aus erster Hand, welche Fehler vermieden werden sollten.

Die häufigsten “Fallstricke” für Startups

Zu Beginn einer Zusammenarbeit mit einem Startup stelle ich sehr oft folgende Frage: Was ist Ihrer Meinung nach, das Wichtigste für Ihr Projekt in den ersten Wochen und Monaten? Darauf erhalte ich sehr unterschiedliche Antworten:

  • Kunden zu gewinnen;
  • neue großartige Merkmale zu erfinden;
  • Marktforschung zu betreiben;
  • neue Beziehungen aufzubauen.

Tatsächlich besteht Ihre wichtigste Aufgabe zu Beginn darin, Ihre Geschäftsidee auf die Marktfähigkeit zu testen und zu überprüfen, ob sie funktioniert oder nicht. 

Ein Beispiel: Angenommen, Sie haben beschlossen, ein Fenster-Vertrieb-Unternehmen zu gründen. Was würden Sie als Erstes tun? Vermutlich werden Sie darüber nachdenken, inwieweit sich Ihre Fenster von denen der Konkurrenz unterscheiden, Materialien und Farben festlegen, Griffe bestellen, die zu Ihren Fingern passen – das bedeutet, dass Sie ein ganzes Jahr Zeit und all Ihre Ressourcen dafür aufwenden. Und all dies, um dann herauszufinden, dass niemand Ihre Fenster kaufen wird, weil Sie sich für die Materialien entschieden haben, die irgendwo höher als im zehnten Stock bei Wind brüchig werden.

Sie brauchen einen Konzeptnachweis. Mit einem Minimalsatz von Merkmalen und mit einem minimalen Ressourcen-Aufwand.

Sie sollten Ihr Projekt kontinuierlich crash-testen, um die Probleme zu entdecken, die Ihr Projekt schon am Anfang zum Scheitern bringen können. Zurück zu den Fenstern – statt Ihre Zeit und Ihr Geld darauf zu verschwenden, die Materialien, die Farben, die Griffe und andere Dinge auszuwählen, sollten Sie lieber überprüfen, wie sich ein von Ihnen ausgesuchtes Material unter unterschiedlichen Bedingungen verhält. Wenn es brüchig wird, dann brauchen Sie ein anderes. Testen Sie ein anderes Material und es erweist sich als zu teuer? Testen Sie mehr, und testen Sie solange weiter, bis Sie die ideale Variante gefunden haben, die Ihre weitere Arbeit ermöglichen würde.

Das Produkt nicht überladen

Ihr Geschäftsmodel muss in der Realität funktionieren, nicht in Ihrer Fantasie. Sie sollten Ihr Produkt keineswegs mit extra Merkmalen überladen. Entscheiden Sie sich für das Minimum. Aber seien Sie weise bei der Wahl. Ein typischer Fehler im Anfangsstadium ist die Wahl der falschen oder unnötigen Merkmale. Ihre Funktionalität, wenn auch minimal, sollte einen vollständigen Zyklus schon in der Anfangsphase bieten. Wenn Sie bei der Produktion der Fenster die Glasscheiben nicht berücksichtigen, können Sie die Marktfähigkeit Ihres Geschäftsmodels nicht testen. Das wird nicht funktionieren, da die wesentlichen Teile fehlen. 

Diese Idee ist in dem Diagramm der Minimalen Marktfähigkeit des Produkts dargestellt. Sie sollten alle Ebenen berücksichtigen, statt sich nur auf die eine davon zu konzentrieren. 

Suche nach Kunden und ein Ertragssteigerungs-Modell von Anfang an

Eine weitere verbreitete Fehleinschätzung ist, dass “Eine Vertrag-Unterzeichnung nur dann sinnvoll sei, wenn das Produkt voll einsatzfähig ist ”. Das ist falsch. Von Anfang an sollten Sie nach Kunden suchen und ihnen Ihr Produkt anbieten. Klar, am Anfang wird der Produktpreis niedriger sein als geplant, – schon nur deswegen, weil Ihre Lösung noch nicht ganz fertig ist. Allerdings gibt es Ihnen die Möglichkeit, Ihre Idee in der Realität zu testen, Kunden-Feedback zu erhalten und schließlich etwas Geld zu verdienen, das Sie in die Verfeinerung Ihres Produkts investieren können. 

Übrigens, es ist auch nicht empfehlenswert, mit der Monetarisierung zu warten. Oft hört man: “Wir führen die Anwendung kostenlos ein, gewinnen Kunden und fangen dann an, Geld dafür zu verlangen.“ Das ist ein Fehler. Vertrauen Sie mir, die Nutzer, die Ihr Produkt kostenlos erhalten haben, werden nicht später dafür bezahlen wollen. Andere Nutzer haben Ihre Anwendung nur deshalb installiert, weil sie kostenlos war. Wichtig ist es, von Anfang an zu monetarisieren – vielleicht zu einem niedrigeren Preis.  

Und noch eine Anmerkung – übertreiben Sie nicht mit der Verbesserung und der Optimierung – das ist ein Ratschlag sowohl für diejenigen, die ein Startup haben, als auch für diejenigen, die mit einem arbeiten. Nur bei einem ausgewogenen Ansatz kann Ihr Produkt optimiert werden. Doch dies sieht man selten.

Die wichtigsten Erfolgsfaktoren bestimmen

Niemand überprüft oder analysiert, ob Ihr Produkt wirklich eine Verbesserung darstellt, oder einfach ein Produkt mit “guten Vorsätzen“ ist. Wird die von dem Entwickler vorgeschlagene Überarbeitung ein echter Vorteil oder nur ein Rückschlag sein?

Wie kann man das kontrollieren?

Sie müssen recherchieren, um feststellen zu können, welche Faktoren für Ihr Unternehmen wichtig sind, welche Verbesserungen tatsächlich eine schnellere Entwicklung ermöglichen und welche nicht, um die Metriken zu ermitteln und die KPIs zu definieren. Die letzteren müssen das Produkt und das Unternehmen aufwerten. Die Verbesserungen wie “Früher hatten wir 100 Codezeilen und nun sind es nur 90“ sind keine. Ihre Handlungen müssen Kosten senken, Zeit reduzieren oder dabei helfen, das Produkt zu verkaufen – nur in diesem Fall lohnt es sich, Zeit, Geld und Energie dafür aufzuwenden. 

Zum Thema Team-Motivation

Ist Ihr Team motiviert und fühlt sich für das von ihnen entwickelte Produkt verantwortlich, bedeutet das, dass jeder von ihnen etwas verbessern will, sei es bei den Prozessen, Lösungsansätzen oder bei dem Code, usw.

Team-Motivation ist nicht von dem Projekt abhängig, sondern eher von der Arbeitsprozess-Organisation. Oft beobachte ich Situationen, wobei die Team-Mitglieder mit dem Konzept nicht vertraut sind, und die Spezifikationen des zukünftigen Produkts – für wen es sich eignet und welche Probleme es zu lösen hilft- nicht kennen. Um diese Lücke zu schließen, versuchen alle Team-Mitglieder ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, die weit entfernt von der Wahrheit sein können.  Mangelnde Kommunikation zwischen dem Unternehmen und dem Team führt zu genau diesem Problem. Manchmal kann man beobachten, wie die Entwickler absichtlich von den Kunden ferngehalten werden und nur mit dem Projekt-Manager kommunizieren können. Dieser Arbeitsstil wird unweigerlich zu einem Informationsverlust führen. Die Team-Mitglieder fühlen sich nicht in das Projekt eingebunden, verstehen bestimmte Entscheidungen nicht, sind nicht stolz auf ihre geleistete Arbeit – und sind als Folge demotiviert.

Ob ein Startup-Gründer, ein Produkt-Eigentümer, ein Projekt-Manager oder ein Entwickler – Sie sollten daran interessiert sein, eine kontinuierliche effektive Kommunikation untereinander aufzubauen.

Über den Autor
Alexey Stoletny ist Technischer Direktor bei Clean.io und  Geschäftsführer von Sigma Software Inc. (USA)

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Foto (oben): Shutterstock