#Interview “Ein Startup ist wie eine Gang”

Gründeralltag - gibt es das überhaupt? "Als erstes schalte ich den Flugmodus auf meinem Handy aus und checke Emails und Messages. Viele davon beantworte ich dann schon aus dem Bett heraus", sagt Oliver Kray, Gründer von MyPostcard.
“Ein Startup ist wie eine Gang”

Wie starten ganz normale Gründerinnen und Gründer so in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag? Wie schalten junge Unternehmerinnen und Unternehmer nach der Arbeit mal so richtig ab und was hätten die aufstrebenden Firmenlenker gerne gewusst bevor sie ihr Startup gegründet haben? Wir haben genau diese Sachen abgefragt. Heute antwortet Oliver Kray, Gründer von MyPostcard. Über das Startup können Nutzer  Smartphone-Fotos unter anderem als echte Postkarte versenden.

Wie startest Du in einen ganz normalen Startup-Arbeitsalltag?
Als erstes schalte ich den Flugmodus auf meinem Handy aus und checke Emails und Messages, die über Nacht reingekommen sind. Viele davon beantworte ich dann schon aus dem Bett heraus. Wenn es die Zeit erlaubt, trinke ich einen Kaffee und nehme mir ein paar Minuten für ein Frühstück. Egal ob ich in New York, Berlin oder anderswo bin, telefoniere ich schon relativ früh mit Leuten aus meinem Team oder habe die ersten Gespräche mit Geschäftspartnern auf dem Weg ins Office. Dort checke ich dann meine an mich selbst geschriebenen Emails vom Vortag, die als Notizen fungieren, und versuche diese so schnell wie möglich abzuarbeiten. Zwischen 9:30 Uhr und 10:00 Uhr beginnen dann meistens auch meine ersten Meetings.

Wie schaltest du nach der Arbeit ab?
Ehrlich gesagt schalte ich selten komplett ab. Ich bin mit meinen Gedanken immer und gerne bei der Arbeit. Alles was ich mache, dreht sich irgendwie um Produktideen, Optimierungen und neue Opportunities. Am Wochenende jedoch, nehme ich mir Zeit für mich und zum Entspannen. Dann mache ich Sport, gehe in die Sauna, lese Bücher und schaue mir Filme an.

Was über das Gründer-Dasein hättest du gerne vor der Gründung gewusst?
Ich bin ja schon selbstständig seitdem ich 18 Jahre alt bin, damals noch mit Graffiti-Aufträgen und Fassadengestaltungen. Später dann als Produktdesigner, Lizenzgeber und 2007 mit einer Social Media Agentur. Ich kenne das gar nicht anders. Es war schon immer so, dass mir nichts in die Hände gefallen ist. Ich musste von Anfang an für alles hart arbeiten. Aber das Schöne ist, dass es sich irgendwann auszahlt und immer einfacher wird. Nicht nur weil man mehr Erfahrungen hat, sondern auch immer mehr abgeben kann, um sich auf die Sachen zu konzentrieren, die wirklich wichtig sind.

Was waren die größten Hürden, die Du auf dem Weg zur Gründung überwinden musstet?
Bei der Gründung von MyPostcard hatte ich direkt viel Stress mit dem internationalen Markenrecht und Webseiten-Hosting, wie man sich bei dem Namen wohl vorstellen kann. Außerdem war es das erste Mal, dass ich mich mit der Entwicklung von Apps beschäftigt habe – Es war ein mega Akt gewesen, unser Produkt so auf den Markt zu bekommen, wie ich es mir vorgestellt habe. Bis ich das alles im Griff und in trockenen Tüchern hatte, sind mehrere Monate vergangen. Als die erste Version am 1. Mai 2014 dann online war, ging es aber erst richtig los und das hat ganz schön Power gekostet.

Was waren die gro?ßten Fehler, die Du bisher gemacht hast – und was hast Du aus diesen gelernt?
Ich bin für gewöhnlich sehr schnell und emotional geleitet in allem was ich tue. Wenn ich eine Idee habe, will ich sie am liebsten über Nacht umsetzen, koste es was es wolle. Aber wenn man parallel noch viele andere Projekte umsetzt, führt das oft auch zu Stress und vielen Fehlern. Heute bin ich zwar noch genauso Feuer und Flamme – aber ich weiß jetzt, dass ich bevor ich eine Sache umsetze, lieber ein paar Nächte darüber schlafe und die richtigen Leute und Teams mit involviere. Heute nehme ich mir definitiv etwas mehr Zeit und überstürze es nicht mehr allzu sehr.

Wie findet man die passenden Mitarbeiter für sein Startup?
Die besten Mitarbeiter findet man, indem man sich bei der Auswahl genug Zeit nimmt. Am Ende müssen eben nicht nur die Skills passen, sondern auch der Charakter. Ein Startup ist wie eine “Gang” – man muss ein Team haben, das sich mit- und füreinander einsetzt, egal was kommt. Nur gemeinsam kann man erfolgreich sein. Die Mitarbeiter sollten mit Leidenschaft und Spaß dabei sein und auch die Chance bekommen sich selbst zu verwirklichen. Wenn das gegeben ist, kommen und bleiben die passenden Mitarbeiter auch in deiner Company.

Welchen Tipp hast Du für andere Gründer?
Um ein gutes Business aufzubauen muss man erstmal kein BWL studieren oder aus der Branche kommen – das Wichtigste ist Passion. Wenn ihr etwas auf die Beine stellen wollt, müsst ihr 150 % davon überzeugt sein. Erzählt jedem von euren Plänen, Ideen und Zielen, damit beweist ihr, dass ihr es wirklich wollt und setzt euch damit etwas mehr unter Druck. Am Ende gibt es für alles und jeden einen Markt. Der eine kleiner, der andere größer. Glaubt stets an eure Vision und lasst euch nicht von anderen verunsichern. Umgebt euch mit Leuten, die euch pushen und motivieren können. „Law of Attraction“ – funktioniert. Nur wer seine Ideen mit anderen teilt, kann damit irgendwann auch erfolgreich sein.

Ohne welches externe Tool würde dein Startup quasi nicht mehr existieren?
Gmail, Trello, Jira, hunderte von Trackingtools und in jedem Fall Excel.

Wie sorgt ihr bei eurem Team für gute Stimmung?
Es ist wichtig selbst mit Leidenschaft bei der Sache zu sein, dieser Ehrgeiz überträgt sich früher oder später auch auf das eigene Team. Außerdem zahlt es sich aus, den Mitarbeitern Vertrauen entgegenzubringen und Verantwortung zu übertragen. Alle im Team brauchen die Möglichkeit sich weiterzubilden und zu wachsen – das motiviert und schafft eine tolle Atmosphäre in der Gruppe. Wir versuchen regelmäßig Teamevents zu organisieren, ob gemeinsames Graffiti-Sprühen oder einmal im Jahr eine gemeinsame Reise ins Ausland – ich bin offen für ausgefallene Ideen und Aktionen. Das stärkt auf jeden Fall das Zusammengehörigkeitsgefühl. Ich bin immer wieder überrascht wie gut die Stimmung bei uns ist und sehr dankbar dafür.

Was war Dein bisher wildestes Startup-Erlebnis?
Zwei unserer großen Kooperationen, die Zusammenarbeit mit der Deutschen Post AG und Google Maps in den USA, sind überraschenderweise am gleichen Tag im November 2018 unterzeichnet worden. Das war ein riesen Meilenstein. Zur Feier des Tages habe ich alle New Yorker Mitarbeiter in SoHo in ein schickes Restaurant eingeladen. Wir haben die Korken so richtig knallen lassen! Diesen Erfolg gemeinsam mit dem Team zu feiern war wirklich etwas Besonderes. Den Rest des Tages haben wir uns dann übrigens frei genommen. Erfolge sollte man feiern, damit man erfolgreich bleibt.

Tipp: Wie sieht ein Startup-Arbeitsalltag? Noch mehr Interviews gibt es in unserem Themenschwerpunkt Gründeralltag.

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Foto (oben): MyPostcard

Alexander Hüsing, Chefredakteur von deutsche-startups.de, arbeitet seit 1996 als Journalist. Während des New Economy-Booms volontierte er beim Branchendienst kressreport. Schon in dieser Zeit beschäftigte er sich mit jungen, aufstrebenden Internet-Start-ups. 2007 startete er deutsche-startups.de.