#Gastbeitrag 5 Dinge, die ich gerne gewusst hätte, bevor ich gegründet habe

Ab dem Moment, wo du den Gesellschaftsvertrag mit deinen Mitgründern unterschreibst, bist du mit ihnen verheiratet. Startup-Gründer zu sein, ist sogar eine noch intensivere Beziehung: Ab diesem Moment verbringst du 10 bis 12 Stunden am Tag, fünf bis sieben Tage die Woche mit diesen Menschen.
5 Dinge, die ich gerne gewusst hätte, bevor ich gegründet habe

Du hast eine top Geschäftsidee und möchtest Startup-Gründer werden? Du hast Lust auf die volle Unternehmer-Achterbahn? Super! Dann lasse mich dir einige Learnings und Tipps mit auf den Weg geben, mit denen ich während meiner Zeit als Mitgründer und Geschäftsführer von Familonet teilweise ordentlich auf die Nase gefallen bin und die mir heute so nicht mehr passieren würden.

1. Erzähle jedem von deiner Idee

Du kennst das Phänomen: Jemand hat eine vermeintlich gute Geschäftsidee, will sie aber niemandem verraten, da er Angst hat, man könnte sie ihm klauen. Das ist Blödsinn! Gute Ideen gibt’s wie Sand am Meer – der Ami würde sagen: It’s all about the execution. Nur der Startup-Gründer, der die Idee dann auch auf die Straße bringt und groß macht, wird damit erfolgreich sein.

Erzähle unbedingt jedem Menschen, den du triffst, von einer Idee! Erzähle Bekannten und Freunden aus der selben Branche, erzähle aber auch deiner Mutter von der Idee, die womöglich gar keine Ahnung von deinem Produkt oder deiner Industrie hat. Jeder, dem du von deiner Idee erzählst, wird dir Fragen stellen, die du so vorher noch nicht gehört hast. Mit diesen Fragen kannst du perfekt arbeiten, um an deinem Produkt von Anfang an zu iterieren und es an das Feedback der Menschen und die Marktgegebenheiten anzupassen. Mit unserer Idee für die Familienapp Familonet sind wir damals mit Zettel- und Stift-Prototypen in Spielparadiese gefahren und haben dort wildfremde Eltern mit Kindern zu unserer Idee befragt.

2. Work hard AND play hard mit deinen Mitgründern

Ab dem Moment, wo du den Gesellschaftsvertrag mit deinen Mitgründern unterschreibst, bist du mit ihnen verheiratet. Startup-Gründer zu sein, ist sogar eine noch intensivere Beziehung: Ab diesem Moment verbringst du 10 bis 12 Stunden am Tag, fünf bis sieben Tage die Woche mit diesen Menschen. Das ist mehr als mit jedem anderen Menschen, als mit deinem Partner, als mit deiner Familie oder deinen besten Freunden. Frage dich vor der Gründung, ob du diese Langzeitbeziehung wirklich mit den Menschen, die deine Mitgründer werden sollen, eingehen willst und kannst.

Wenn ihr dies bejaht, dann arbeitet fortan permanent an eurer Beziehung. Neben harter Arbeit und vielen inhaltlichen Auseinandersetzungen ist es unglaublich wichtig, auch eure Erfolge und euch selbst von Zeit zu Zeit zu feiern. Meine beiden Mitgründer und ich haben gute Erfahrungen damit gemacht, Businesstrips mit ein bis zwei Tagen „Gründerurlaub“ zu verbinden und gemeinsam zu feiern oder eine Städtetour zu machen. Solche Erlebnisse lassen einen die andere Person auf einer viel tieferen Ebene kennenlernen und eine emotionale Bindung aufbauen. Kleiner Fun Fact: Wir haben sogar konsequent bis zu unserem Exit immer zu dritt im selben Hotelzimmer geschlafen, Hauke und ich im Doppelbett und David im Beistellbett.

3. Wähle deine Investoren mit Bedacht

Auch mit deinen Investoren geht du eine Langzeitbeziehung ein. Sei dir von Anfang an darüber bewusst, dass es deine Investoren sind, die etwas von dir wollen – nämlich von dir als Startup-Gründer profitieren, an deiner grandiosen Geschäftsidee partizipieren und dass du ihr Geld vermehrst. Du musst dich nicht kleinmachen und du musst auch keine Bittsteller-Haltung einnehmen.

Insbesondere sind du und dein Team die Experten und Profis, was euer Produkt und euer Business angeht. Lasse dir auf gar keinen Fall von Investoren vertraglich auferlegen, wie du dein Produkt zu bauen oder zu vermarkten hast. Du benötigst hier größtmögliche Flexibilität, um agil an deiner Firma iterieren zu können und sie damit erfolgreich zu machen. Lasse dir auch niemals einengende Meilensteine in einen Investmentvertrag hinein verhandeln. Bei Meilensteinen musst du dir immer zu 120 % sicher sein, dass du diese Meilensteine ohne Probleme erreichen wirst.

Wir haben damals bei einer Finanzierungsrunde einmal den Fehler gemacht, dass wir uns einen konkreten Featurewunsch einer unserer Investoren als Meilenstein in den Vertrag haben schreiben lassen. Er wollte zum Filtern von Daten eine Art „Lasche“ in der App sehen. Obwohl wir wussten, dass diese Lasche kein wertvolles Feature für unsere Nutzer wird, haben wir dann über 3 Monate damit verbracht unsere wertvollen Ressourcen damit zu vergeuden, diese Lasche für den Investor einzubauen, damit wir unseren Meilenstein erreichen… Großer Fehler!

4. Verstehe Agilität bitte nicht falsch

Ich finde, eigentlich ist „Agilität“ das falsche Wort für Agilität. Dieser Begriff impliziert ein Bild, dass Menschen wie wild und ohne Regeln und Richtung durch’s Office wuseln. Aber gut ausgeführte Agilität ist genau das Gegenteil: Es gibt wahrscheinlich keine anderen Projektmanagement-Systeme, deren Erfolg so sehr von absoluten Commitments aller Beteiligten zu festen Prozessen und klaren Strukturen abhängen, wie die agilen Frameworks Scrum, Kanban, OKR und Co.

Und das ist auch der Grund, warum agile Experimente in so vielen Unternehmen scheitern und viele Startup-Gründer zurück zum Wasserfall kehren. Sobald auch nur eine Person sich nicht an die Regeln und Prozesse hält, bricht das ganze agile System in sich zusammen und es entsteht absolutes Chaos. Agilität bedeutet eben nicht größtmögliche Flexibilität für alle und dass jeder machen kann, was er will.

Wir mussten das auch auf die ganz harte Tour lernen. In den ersten zwei Jahren von Familonet haben wir unsere vermeintlich agilen Prozesse unglaublich schlecht umgesetzt. Das Resultat waren stets verzögerte Releases, ein Stressgefühl bei allen Mitarbeitern und ein Produkt voller Bugs. Als wir es dann mit ein wenig externer Hilfe zum Kickoff geschafft hatten, einen wirklich sauberen Scrum-Prozess bei uns zu implementieren, hat sich unsere Welt komplett verändert: Plötzlich war die Produktentwicklung viel schneller, die Qualität unsere Produktes schoss nach oben, alle Mitarbeiter hatten einen stressfreieren Job und sowohl wir als auch unsere Kunden waren glücklich.

5. Kein Deal ist durch, bevor das Geld auf deinem Konto ist

Du kennst es, du hast mit einem Kunden, einem Partner oder Investor monatelang verhandelt, alle sind sich einig, für alle Seiten ist der Deal ein Gewinn. Was in der Welt soll jetzt noch passieren, dass der Deal platzt? Du kannst dir weiß Gott kein No-Deal-Szenario vorstellen.

…sicher?! Wir hatten vor unserem Exit an Daimler ganze zwei Mal die Situation, dass ein Unternehmen unsere Firma übernehmen wollte. Einmal war es eine Tech-Company aus dem Silicon Valley und das andere Mal ein großes Medienhaus. In beiden Fällen waren unsere Verhandlungen schon mehrere Monate im Gange und für beide Seiten schien der Deal absolut festzustehen. Im letzteren Fall haben sich Heerscharen von Anwälten eine gefühlte Ewigkeit über die Vertragskonditionen gestritten und sich endlich geeinigt. Alles war klar, große gemeinsame Pläne und eine riesige Kampagne waren bereits im Anlauf, neue Mitarbeiter wurden eingestellt. Der Notartermin war nur noch einen Tag entfernt – und dann das! Plötzlich stoppt der Aufsichtsrat alle M&A-Aktivitäten, weil es einen Angriff auf die Aktie des Unternehmens gibt. Dahin war er, der Deal…

Dies war eines unserer größten Learnings als Startup-Gründer: Rechne immer damit, dass ein absolut sicher zu sein scheinender Deal in allerletzter Sekunde immer noch platzen kann. Halte dir für diesen Fall immer einen Plan B und weitere Optionen offen und setze nicht alles auf eine Karte. Es geht am Ende um deine Firma, deine persönliche Zukunft und deine Mitarbeiter.

Zum Autor
Michael Asshauer ist Mitgründer der Familienapp Familonet. Im Sommer 2017 übernahm die Daimler-Tochter Moovel die Ortungs-App, die 2012 an den Start ging. Im Sommer 2019 kauften die Familonet-Macher die App von Daimler zurückDieser Gastbeitrag ist zuerst bei talente.co erschienen. In seinem Buch “222 Talente Hacks für Leader” liefert Asshauer Strategien und Ideen, die sich ohne Aufwand und Kosten sofort in jedem Team umsetzen lassen, um in kurzer Zeit Top-Mitarbeiter zu finden, sie besser zu führen und länger zu binden.

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Foto (oben): Shutterstock