#Gastbeitrag Bootstrapping: Was dafür und was dagegen spricht

Viele Start-ups nutzen Kredite oder Venture Capital für die Unternehmensfinanzierung. Doch es gibt auch gute Gründe in den ersten Jahren auf externe Hilfe zu verzichten. Was spricht für, was gegen Bootstrapping? Ein Überblick.
Bootstrapping: Was dafür und was dagegen spricht

Das Münchner Software-Unicorn Celonis hat es fünf Jahre lang getan, genauso wie das Team der bekannten Fitness-App Freeletics – bis zu ihrem erfolgreichen Exit im vergangenen Jahr. Die Rede ist von Bootstrapping, also dem Verzicht von externem Kapital bei der Unternehmensfinanzierung.

Dabei zeigen die Ergebnisse einer Umfrage der Unternehmensberatung PwC: 2018 finanzierten gerade einmal zehn Prozent aller deutschen Start-ups ihr Unternehmen aus der eigenen Tasche. Ein Jahr zuvor waren es noch knapp 20 Prozent, 2016 lag der Wert mit 27 Prozent sogar noch höher.

Kein Wunder: Sich komplett ohne externe Unterstützung zu finanzieren, ist alles andere als einfach. Nicht umsonst setzen Start-ups beim Auf- und Ausbau des eigenen Geschäfts lieber auf Kreditfinanzierungen oder Venture Capital. Der Trend unter GründerInnen geht klar in Richtung Misch- oder Fremdfinanzierung. Doch es kann durchaus Sinn machen, in den Anfangsjahren nur auf eigenes bzw. geliehenes Kapital von Freunden und Familie zu setzen. Hier sind einige Aspekte, die Jungunternehmen beachten sollten, wenn sie darüber nachdenken, sich komplett autark zu finanzieren.

Mehr vom eigenen Unternehmen behalten

Als Faustregel gilt: Je früher Start-ups mit Finanzierungsrunden starten, desto mehr Unternehmensanteile müssen sie abtreten. Schaffen es GründerInnen also, sich auch nur für einen relativ kurzen Zeitraum via Bootstrapping zu finanzieren, ist es wahrscheinlicher, dass sie einen größeren Teil ihres Unternehmens behalten können, wenn sie sich an potentielle Investoren wenden.

Der Hintergrund: Geldgeber schätzen den “Proof of concept”. Nehmen wir also einmal an, die Bewertung eines Unternehmens ohne jeglichen Umsatz läge bei einigen Millionen Euro, könnte eine Firma mit vergleichbarem Geschäftsmodell, das bereits seine Zugkraft am Markt ohne externe Unterstützung unter Beweis gestellt hat, schon mit bis zu 10 Millionen Euro rechnen.

Dabei können wenige Hunderttausend Euro Umsatz bei Early Stage-Start-ups entscheidend sein. Und weil jede Verwässerung der Anteilseignerstruktur sich mit jeder weiteren Finanzierungsrunde nur verstärkt, können auch ein paar Monate Bootstrapping bei einem künftigen Exit einen enormen Unterschied machen.

Funding-Optionen erweitern und Deal-Bedingungen verbessern

Die Umsatz-first-Strategie hat einen weiteren Vorteil: Sie hilft dabei, die Aufmerksamkeit weiterer Investoren zu wecken. Besonders interessant wird es für die meisten Geldgeber erst dann, wenn das jeweilige Unternehmen schon substanzielle Erfolge vorzuweisen hat. Gleichzeitig kann Boostrapping auch dabei helfen, bessere Deal-Konditionen mit Kapitalgebern zu verhandeln. Denn mit einem bereits stabil laufenden Geschäft im Rücken ist natürlich auch die eigene Position stärker.

Zu frühe Finanzierungsrunden müssen kein Segen sein

Kapital kann ein Unternehmen über Wasser halten. Aber wichtig für Gründer ist, zu verstehen, dass es vor allem Mittel zum Zweck ist und nicht das Ziel an sich. So sollten immer das Produkt und sein Nutzen für den Kunden im Fokus stehen und nicht die nächste Finanzierungsrunde. Für Start-ups gilt es, sich vor allem in der frühen Phase darauf zu konzentrieren, stetig am Produkt zu arbeiten und sich den Nutzen regelmäßig vom Markt validieren zu lassen. Denn wer als GründerIn ihre oder seine Hausaufgaben nicht ausreichend macht, droht – trotz oder gerade wegen einer ersten Kapitalspritze von Investoren – früh zu scheitern.

Die Kehrseite

Trotz all dieser Vorzüge, es gibt auch Argumente, die dagegen sprechen, sich als Start-up nur aus der eigenen Tasche heraus zu finanzieren: So kann es für Jungunternehmen, die auf Bootstrapping setzen, ungleich schwieriger sein, hochqualifiziertes Personal zu finden. Denn klar ist: Der Budgettopf ist nicht allzu groß. Bei Gehältern von 70.000 Euro und mehr können die wenigsten mithalten – mit der Folge, dass sich die Wunschkandidaten im Zweifel nach einer anderen, besser bezahlten Stelle umsehen.

Zudem kann eine erfolgreich abgeschlossene Finanzierungsrunde und damit der Rückhalt namhafter Investoren dem eigenen Geschäftsmodell auch ein Stück weit Legitimität verleihen. Ein Faktor, der gerade Firmen mit Unternehmenskunden nicht zu unterschätzen ist. Gleichzeitig müssen gerade B2B-Start-ups am Anfang mehr Geld in ihr Produkt stecken und sind damit nicht selten schon früh auf externe Geldgeber angewiesen, um eine gewisse Anzahl an Features und Skalierbarkeit ihrer Produkte sicherzustellen.

Fazit

Wer es sich leisten kann und für wen es Sinn macht, dem kann Bootstrapping gerade in der Anfangsphase dabei helfen, perspektivisch größere Finanzierungsrunden abzuschließen, eine höhere Bewertung zu erhalten und dabei mehr Kontrolle über die eigenen Geschäfte zu bewahren. Nur eines ist Bootstrapping – wie bereits zu Anfang erwähnt – mit Sicherheit nicht: einfach.

Über den Autor
Oscar Jazdowski ist Co-Head of Silicon Valley Bank Deutschland. Die Bank hat im vergangenen Jahr ein Büro in Frankfurt eröffnet und unterstützt seitdem auch hierzulande etablierte Technologieunternehmen und deren Investoren mit dem Ziel, Innovationen zu fördern. Oscar verfügt über mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Finanzierung von Tech-Unternehmen in den verschiedensten Wachstumsphasen – angefangen bei jungen, VC-gestützten Start-ups bis hin zu großen multinationalen Unternehmen.

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Foto (oben): Shutterstock